Schüler wollen keine Details besprechen..?

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Anna_

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Hallo,

ich habe mich jetzt extra auf dieser Seite angemeldet, weil ich momentan etwas verzweifelt mit meinen neuen Schülern bin (Geschwister; 13, 14 Jahre alt)...und zwar gibt es folgendes Problem: An sich spielen die Schüler nicht schlecht und haben auch Spaß am Spielen. Gespielt werden z.B. Stücke von Einaudi mit ungefähr 4 Seiten Länge. Nun bekomme ich des Öfteren zu hören, dass ich mich nicht zu sehr in Details verlieren soll und die Schüler gerne schneller voran kommen möchten. Alles schön uns gut, ich versuche jetzt auch, mich kürzer zu fassen. Aber dennoch spüre ich deutlich, dass meine Vorschläge zu Interpretation, Agogik, Fingersatz, Korrektheit von Noten und Bögen zu einem deutlichen Umbruch in der Stimmung führen. Im negativen Sinne.

Und nun frage ich mich: wo bleibt denn die Musik, wenn ich nach jedem Stück einfach sage " ja, ok, nächstes Stück" ?? Soll ich all die Aspekte der Musik einfach beiseite schieben und direkt zum nächsten Stück kommen, obwohl bisher kein einziges Stück fließend durchgespielt wurde ? Soll ich ich unfertige Stücke einfach als fertig abstempeln ? Ich denke, dass es normal ist, für ca. 4-seitige Werke 4 Unterrichtsstunden oder mehr zu benötigen, um alles zu besprechen. Seht ihr das auch so oder sind 4 Unterrichteinheiten schon zu viel ?

Ich bin momentan etwas verzweifelt, weil ich nicht weiß, was ich denn nun in meinem Unterricht machen soll, wenn Gespräche über Details unerwünscht sind....was meint ihr ?
 
hasenbein

hasenbein

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Frage 1: Warum nimmst Du mit denen überhaupt Einaudi-Stücke durch? Bist Du, wenn Du schon so auf sehr gute musikalische Arbeit bedacht bist, der Ansicht, das sei die richtige Literatur dafür?

Oder - Frage 2 - hast Du Dich nicht vielleicht vielmehr dadurch, dass die Schüler bestimmen, was gespielt wird, sowieso schon in deren "Frame" begeben und dadurch einen Gutteil Deiner Autorität und Deiner Steuerungsmöglichkeiten aufgegeben?

DU hast den Frame zu setzen. DU hast zu sagen: "Klavierunterricht sieht so und so aus, dazu gehört dies und jenes, und wem das nicht passt, der kann gerne aufhören. Peng, aus."

(Und nein, 4 Wochen sind mit so normalen, nicht sehr fortgeschrittenen, nicht viel übenden Schülern echt nicht viel für derartige Stücke.)
 
Marlene

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Wenn Du die Aspekte der Musik beiseite schiebst und unfertige Stücke als fertig abstempelst fühlst Du Dich – verständlicherweise - unwohl. Wenn Du den Wünschen Deiner beiden Schüler nachgeben würdest fühltest Du Dich auch nicht wohl. Also mache Dein Ding!

Ich bin keine KL, antworte aber trotzdem, weil es mich erstaunt, dass Du hier verzweifelt bist und keine klare Entscheidung treffen kannst. Ich würde Deinen Schülern unmissverständlich klar machen, dass Du der Chef bist und Du Dich in Bezug auf Agogik, Korrektheit von Noten und Bögen auf keine Diskussionen einlässt. Beim Fingersatz sehe ich das nicht so eng, denn darüber sollte geredet werden, wenn ein Schüler partout mit einem Fingersatz nicht zurechtkommt.

Ich bin sicher zu wissen, was @hasenbein schreiben wird: Rauswerfen, Peng, aus!

edit:
Aha, er hat schon was geschrieben während ich mit dem Schreiben meines Beitrages beschäftigt war.
 
Anna_

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Erstmal danke für die Antwort. Ich muss sagen, ich bin noch nicht soo erfahren im Unterrichten wie manch anderer (habe dieses Jahr erst das Studium beendet) und bin dementsprechend öfters unsicher, wie ich mich verhalten soll. Ich habe die Schüler kürzlich übernommen, d.h. sie wurden vorher von jemand anderes unterrichtet. Man sagte mir zu Beginn, dass der Spaß an der Sache an erster Stelle stehen soll, deshalb habe ich natürlich gefragt, was bisher gespielt wurde und was sie gerne als nächstes spielen möchten. So sind wir auf Einaudi gekommen. Das finde ich an sich ja auch absolut nicht schlimm, ich habe früher auch gerne Filmmusik und Ähnliches gespielt und es gibt schließlich bei jedem Stück musikalische Aspekte zu besprechen, egal ob Einaudi oder sonst wer...

..Jetzt komm mir gerade der Gedanke, dass man sich im Unterricht nur auf bestimmte Stellen fokussieren könnte (da ja sowieso viel im Stück wiederholt wird) und im Anschluss ein neues Stück beginnt. Doch dabei frage ich mich: Wenn schon das eine Stück nicht sitzt, wie soll dann noch ein zweites oder drittes eingeübt werden ?
 
Demian

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Du kannst aber auch sagen:

„Du hast dir das Stück ausgesucht, ich bin in der (Teil)-Verantwortung, dich beim Üben voranzubringen, und diese Verantwortung überlässt du bitte mir. Ich kenne den Weg, um dich zu einem Ziel zu bringen, das dem Stück und deiner eigenen Musikalität gerecht wird. Darum muss es gehen.“

So würde ich das kommunizieren.
 
Demian

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Und noch ein Tipp: Zeige deinen Schülern, was es bedeutet, nicht auf Details zu achten. Spiele ihnen das Stück einmal gut gestaltet vor und danach einmal „hässlich“, statisch, dynamisch ausdruckslos usw. Mach‘ daraus gerne eine Karikatur. Schon durchs Hören kann es gut sein, dass sie von der Notwendigkeit musikalischer Gestaltung überzeugt werden.
 
samea

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Ich bin kein Musiklehrer sondern unterrichte in der Gesundheits- und Krankenpflege. Liebe Anna, habe den Mut die Zügel in die Hand zu nehmen und die beiden Schüler zu führen. So paradox es klingt, wenn du das nicht machst, werden deine Schüler keinen Lernerfolg und keinen Spaß haben.

Deine Schüler haben sich für ein Stück von Einaudi entschieden und das wird jetzt geübt bis es vernünftig gespielt werden kann. Evtl. können die Schüler dir ja ihre Gedanken über ihre Interpretation mitteilen.

4 Wochen finde ich ausgesprochen kurz. Zum Vergleich: Ich selber bin Anfänger. Ich habe 3 Monate an Schumanns Melodie gearbeitet. Melodie war das Hauptstück und wurde begleitet von kleinen für mich einfacheren Übungen. Ich empfand dieses Vorgehen als angemessen.
 
Anna_

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Leute, vielen dank nochmal für die Antworten, das bringt mich schon weiter :) Ja, ich denke ebenfalls, dass 4 Wochen überhaupt nicht lang sind, aber von meinen Schülern wird es so empfunden ("Wir sind schon so lange an dem Stück....wann machen wir etwas anderes ?")
 
Demian

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Es gehört natürlich auch immer etwas Fingerspitzengefühl zu solchen Situationen. Vielleicht liegt dem Schüler, trotz seines Wunsches Einaudi spielen zu wollen, diese Musik doch nicht so sehr. Und die Musik trägt ja bereits eine gewisse Eintönigkeit in sich, die zu der Langeweile des Schülers führen könnte. Du könntest mit ihnen also auch die Stücke wechseln, dann solltest du allerdings die Vorschläge machen.

Es kann auch sein, dass es den Schülern so geht wie mir in dem Alter: Ich wollte damals immer wieder lieber neue Stücke kennenlernen, statt Detailarbeit zu betreiben. Hab dann heimlich neben dem Unterricht andere, reizvoller gewordene Stücke geübt. Diese Phase dauerte aber nur ungefähr ein Jahr an.
 
rolf

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("Wir sind schon so lange an dem Stück....wann machen wir etwas anderes ?")
("wenn ihr das endlich MIT den erklärten Details KÖNNT")
...oder...
("sofort, vergesst den trivialen Kram, bitteschön: ein Chopin-Prelude")
...oder...
("wenn ihr versprecht, ordentlich zu üben, und das Versprechen haltet")
...oder...
(der Nikolaus stürmt brüllend rein und prügelt die beiden windelweich)
...
:-D:-D:drink:
 

instrumentenfreak

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Spaß macht es den Kids, wenn sie in dem Alter möglichst mächtig klingende, kompliziert aussehende und vor allem moderne Stücke ihrer Familie und ihren Freunden vorspielen können - echte Musikalität ist denen (momentan) nicht wichtig.

Dagegen lässt sich vielleicht mit einem Smartphone vorgehen:
...die Kids sollen sich zu Hause mal selbst aufnehmen (nicht gegenseitig, denn sowas braucht Ruhe und Zeit) und ihrem/ihrer besten Freund/in ihre bestmögliche Version als Aufnahme schicken.
Wenn sie selbst mit ihrer Leistung zufrieden sind, könnt ihr ein neues Stück anfangen.
 
Musikanna

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@instrumentenfreak
Die meisten Kids dieser Sorte sind leider total zufrieden mit dem, was sie da zusammenklimpern. Hauptsache es klingt ein bisschen nach [beliebig einsetzen].
 
Barratt

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bin dementsprechend öfters unsicher, wie ich mich verhalten soll
Vorbemerkung: In allen Kommunikations-Settings findet eine Rollenverteilung statt.

"Unterricht" ist diesbezüglich besonders klar definiert. A hat die Kompetenz und bekommt Geld dafür, dass er sie B beibringt. B erwartet von A, dass ein klarer Rahmen gesetzt wird. Horribile dictu: Der Lehrer FÜHRT bzw muss führen. Das ist sein Job!

Sobald der Lehrer nicht führt, ist es keine Unterrichtssituation im eigentlichen Sinn. Es wäre Deine Aufgabe, eine im humanistischen Sinne klare Führung zu übernehmen. :001:

Nun bekomme ich des Öfteren zu hören, dass ich mich nicht zu sehr in Details verlieren soll und die Schüler gerne schneller voran kommen möchten.
Von wem bekommst Du das zu hören? :007: Von den Eltern? Falls ja, hättest Du bei dieser Gelegenheit die Chance, Deine Sicht laienverständlich darzulegen. Anderes Setting: Du hast die Kompetenz, aber die Eltern bezahlen Dich.

Es könnte sein, dass sie Dich nur dafür angeheuert haben, die Sprösslinge "sinnvoll zu beschäftigen" und dass ihnen der musikalische Output schnurzpiepe ist. Falls Du diesen Eindruck gewinnst, könntest Du strikt pragmatisch entscheiden: Brauchst Du händeringend das Honorar – weitermachen. Falls nicht – dann kannst Du Bedingungen stellen (entweder es läuft "richtig" oder gar nicht) und bist wieder in der Führungsrolle. Überflüssig zu erwähnen, dass letztere Variante die anzustrebende ist. :005:
 
Peter

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habe dieses Jahr erst das Studium beendet
Und wieder einmal frage ich mich, was da studiert wird. Auf ordentlichen Unterricht wird man ja offensichtlich nicht vorbereitet. Was nutzt dann so ein Diplom?
Ganz im Ernst: Es kann doch nicht sein, dass jemand, der das studiert hat, verzweifelt in einem Forum nachfragt, wie er mit ungeduldigen Teenies umzugehen hat. Das sollte doch zum pädagogischen Einmaleins gehören.

Ich bin momentan etwas verzweifelt, weil ich nicht weiß, was ich denn nun in meinem Unterricht machen soll, wenn Gespräche über Details unerwünscht sind....was meint ihr ?
Antwort aus Laiensicht!!!
Zuallererst kann man den Stückewunsch "Einaudi" direkt in den Unterricht einbinden und den Kids etwas über Minimalmusik erklären; z.B., was das ist und dass es dabei sehr darauf ankommt, minimale Veränderungen herauszuarbeiten und hörbar zu machen (Hörbeispiele bringen)... Dass das recht anspruchsvoll ist und die Arbeit daran (entsprechend Leistungsstand) ca. 2-3 Monate dauern wird, man es aber nach einer Woche schon nicht mehr hören kann, da es musikalisch einfach gestrickt ist.... ob sie das wirklich durchziehen wollen oder lieber (und jetzt Alternativen aus dem gleichen Genre anbieten, Auswahl an TEY-Kram ist ja ausreichend groß) etwas kurzweiligeres lernen wollen.
So haben die Kids schon in der Entscheidungsfindung einiges gelernt, der Lehrer hat die Kontrolle übernommen und den Kids trotzdem eine Wahl gelassen.
 
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samea

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Was in der Theorie klappt, funktioniert in der Praxis nicht immer. Deswegen gibt es bei Lehrern das Referendariat.
 
hasenbein

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Die methodisch-didaktische Ausbildung an den Hochschulen (vor allem in Hinblick auf das, was einen als "normale Unterrichtsarbeit" so erwartet) ist leider sehr oft unter aller Sau.

Es stimmt aber auch, dass man letztlich auf sich gestellt ist und selber seine Erfahrungen machen muss. Deshalb bin ich tatsächlich wenig streng zu Anna, auch wenn Peters Reaktion natürlich eigentlich völlig verständlich und angebracht ist.
 
stoni99

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Ich bin momentan etwas verzweifelt, weil ich nicht weiß, was ich denn nun in meinem Unterricht machen soll, wenn Gespräche über Details unerwünscht sind....was meint ihr ?
Ich als Schüler empfinde das so:

Wenn ich ein Stück einigermaßen im Kasten habe freu ich mich auf was Neues - man kann das Alte nicht mehr hören. Ich bin manchmal schon erstaunt das es noch was zu verbessern gibt. Aber später auch überrascht das es sich "feilen" doch gelohnt hat.

Ich denke das die Dosierung zwecks Agogik, Dynamik etc. wichtig ist. Perfekt wird es eh nicht.
 
Demian

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Die methodisch-didaktische Ausbildung an den Hochschulen (vor allem in Hinblick auf das, was einen als "normale Unterrichtsarbeit" so erwartet) ist leider sehr oft unter aller Sau.

Es stimmt aber auch, dass man letztlich auf sich gestellt ist und selber seine Erfahrungen machen muss. Deshalb bin ich tatsächlich wenig streng zu Anns
Und deshalb braucht es Erfahrung. Und Austausch. Ich finde es gut, dass Anna uns fragt, statt zu resignieren und Minimal-Unterricht zu machen!
 
 

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