Welche Chopin-Etüde ist wohl die schwerste?

Hallo, Horowitz sagte mal Op.10,1 würde ihm sehr schwer fallen - Alle Etüden haben auf ihre Weise ihre Schwierigkeiten und je nach Stärken und Schwächen muss wohl jeder einzelne sich mit der einen oder anderen mehr beschäftigen. Ich persönlich finde Op. 10,2 sehr ekelhaft zumindest, wenn man sich dem Originaltempo annähern möchte.
 
Op 10 Nr 1 dürfte zumindest für kleinere Hände im Originalfingersatz nicht spielbar sein. Vor allem Takt 30-33 und Takt 35 (A-Dur-Arpeggie) verlangen große Spanweiten. Man kann jedoch Alternativfingersätze finden, die auch funktionieren. Schwierigste Stelle m M nach: Takt 42-44.

Von Glenn Gould existiert meines Wissens nur eine einzige Aufnahme einer Chopin Etüde, von Op10 Nr 2 . An dieser haben sich schon so manche Pianisten die Zähne ausgebissen. Keiner spielt sie mit der Präzision und Schnelligkeit Goulds. Da hätte man gern mehr gehört, schade, dass Gould Chopin verschmähte.

Kann es sein, dass Chopins eigene Metronomangaben überzogen sind ? Musikalisch sinnvoll erscheinen mir durchwegs Tempi, die ca. 14 Metronomeinheiten unter Chopins Angaben liegen.
 
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Hallo Baxx,
wenn man sich überlegt, dass Schnelligkeit per se keinen musikalischen Wert hat, sondern der damit bewirkte Klang, dann könnte ich mir gut vorstellen, dass Chopins Angaben durchaus "musikalisch sinnvoll" sind: und zwar aufgrund der klanglichen Charakteristik damaliger Instrumente. Die waren wohl deutlich schwächer auf der Brust als die heutigen, die "Klangkurven", wenn ich das so laienhaft sagen darf, waren durchweg flacher, so dass mehr Töne in sehr kurzer Zeit nötig waren, um den Klangeindruck zu erhalten, wie es auf den heutigen Boliden möglich ist. Das zumindest könnte ein Grund sein, weshalb einem die notierten Tempi zu rasch vorkommen. Wobei ich nicht finde, dass sie unmusikalisch klingen. Und wenn, dann hat das andere Gründe :D

LG, Sesam
 
wenn man sich überlegt, dass Schnelligkeit per se keinen musikalischen Wert hat, sondern der damit bewirkte Klang, dann könnte ich mir gut vorstellen, dass Chopins Angaben durchaus "musikalisch sinnvoll" sind: und zwar aufgrund der klanglichen Charakteristik damaliger Instrumente. Die waren wohl deutlich schwächer auf der Brust als die heutigen, die "Klangkurven", wenn ich das so laienhaft sagen darf, waren durchweg flacher, so dass mehr Töne in sehr kurzer Zeit nötig waren, um den Klangeindruck zu erhalten, wie es auf den heutigen Boliden möglich ist.

Ja, sehe ich auch so, und dazu kommt, dass die Instrumente damals offenbar leichtgängiger waren und auch kürzeren Tastenweg hatten als heutige Instrumente. Zumindest ist es bei meinen eigenen 120 Jahre alten Oberdämpfer-Schätzchen so, und ähnliches habe ich woanders auch gelesen. Also, abgesehen von der Klangwirkung, würde es damit auch leichter fallen, schneller zu spielen.
 
Von Glenn Gould existiert meines Wissens nur eine einzige Aufnahme einer Chopin Etüde, von Op10 Nr 2 . An dieser haben sich schon so manche Pianisten die Zähne ausgebissen. Keiner spielt sie mit der Präzision und Schnelligkeit Goulds.

Ein große Bildungslücke von mir. Ich wußte nicht, dass Gould eine Etüde aufgenommen hatte. Werde mich gleich mal schlau machen. Aber wie sieht es denn mit den Interpreten Pollini, Berezowsky oder Hamelin aus? Letztere zählen ja zu den "Virtuosen". Kommen sie nicht an das Spiel Goulds ran?

Gruß
pp
 
Ich wußte nicht, dass Gould eine Etüde aufgenommen hatte.
es handelt sich um eine private Aufnahme aus dem Jahr 1948, da war Gould ungefähr 16

zügig, staccato, präzise, nicht eben leise (was aber auch an der Aufnahmetechnik liegen kann?) - dass da besser und/oder schneller als Ashkenazy oder Pollini gespielt würde, kann man wirklich nicht sagen
 
Das mit der Leichtgängigkeit und geringeren Klangfülle habe ich dabei nicht bedacht, da ist was dran. Trotzdem möchte ich zu Bedenken geben, Metronomangaben aus dem 19 Jh mit Vorsicht zu genießen, da die Geräte nicht wie heute 100% geeicht waren. Man denke nur an Beethovens Angaben zur Hammerklaviersonate (Halbe=138), an die sich zu halten, reiner Wahnsinn wäre.
Die Aufnahme von Op10 No2 von Gould kannte ich bis vor Kurzem auch nicht, ich habe sie zufällig bei You Tube entdeckt, leider kann ich sie jetzt nicht mehr finden. Es spielt das Stück in 1:08, das weiß ich noch. Ohlsen vermag ihn jedoch hierbei mit 1:02 (viertel>160) zu toppen.

Garrick Ohlsson - Chopin etude 10/2 - YouTube
 
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Trotzdem möchte ich zu Bedenken geben, Metronomangaben aus dem 19 Jh mit Vorsicht zu genießen, da die Geräte nicht wie heute 100% geeicht waren.
Musik Konzepte Beethoven Tempofragen
Wehmeier prestissisimo
da werden u.a. die Ergebnisse von Untersuchungen über die Präzision von Beethovens Metronom(en) und anderen mitgeteilt - die mechanischen Geräte waren damals nicht sonderlich schlechter als heute. Wo Beethoven 144 will oder wo Chopin 144 will, da sind zu heutigen Metronomen keine signifikanten Differenzen (das hat jetzt nichts mit Frau Wehmeiers These der Halbierung der Metronomzahlen zu tun)
 
Wenn die Frage schon so eindeutig geklärt ist, dann wundert es einen doch, dass sich die Interpreten manchmal nicht daran halten. Sowohl Brendel als auch Richter z.B gehen das Stück mit ca. 100 an.

Alfred Brendel - Beethoven: Sonata Op. 106 ''Hammerklavier'' - Bagatelles Op. 126, Nos. 2 & 3 - YouTube

Sviatoslav Richter plays Beethoven "Hammerklavier" (1/6) - YouTube

Gulda bemüht sich redlich den geforderten 138 nahe zu kommen, schafft aber nur 120:



Gulda plays Beethoven - Hammerklavier Sonata (Piano Sonata No. 29), Op. 106 (1/3) - YouTube
 
Wenn die Frage schon so eindeutig geklärt ist, dann wundert es einen doch, dass sich die Interpreten manchmal nicht daran halten.
dass die originale Metronomisierung der Sonate op.106 furchtbar schwierig und darum ärgerlich ist, ist ein seit sehr langem bekanntes und vieldiskutiertes Problem, speziell für den letzten Satz - es gab und gibt Versuche, die originalen Tempi zu realisieren, und es gab und gibt langsamere Realisierungen (letztere deutlich häufiger) --- mit Chopins Etüden und Chopins Metronomisierung hat das allerdings nicht direkt zu tun (außer vielleicht in dem Sinne, dass das Finale op.106 mit Viertel = 144 MM doch schwieriger ist als die Etüden)
wie auch immer: die Metronome von Beethoven, Schumann, Chopin oder Liszt tickten nicht anders als unsere
 

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Um auf das Thema dieses Threads zurückzukommen, meine ich, dass man nicht unbedingt von der einen oder anderen Etüde behaupten kann, sie sei die schwerste. Um sie letztendlich fehlerfrei zu spielen, sind sie alle sehr schwer. Ich selbst habe aber die meisten Schwierigeiten mit den hier schon erwähnten op. 10,2 und der Terzenetüde. Bei allen anderen Etüden, die ich bisher geübt habe, hatte ich den Eindruck, dass man sie mit viel Fleiß erlernen kann. Die op. 10,1 C-Dur bekomme ich bis heute nicht fehlerfrei hin.
Aljechin
 

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