Oberschlägige Mechanik, Nannette Streicher Flügel

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Moderato

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Ich habe heute im WDR3 einen Streicher Hammerflügel gehört. Die Hämmer fallen von oben auf die Saiten, wenn sie losgelassen werden. Auch über Google konnte ich keine Erklärung oder Abbildung der Mechanik finden.
Wie dosiert der Spieler die Dynamik?

Gruss
Manfred
 
klaviermacher

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Hallo Manfred,

Die Hämmer werden mit einer Feder im Spielwerk zurück gezogen. Der bekannteste Vertreter von oberschlägigen Mechaniken war Stöcker. Siehe: Datei:Oberschlaegigemechanik.JPG Dies ist eine engl. oder Repetitionsmechanik - es gab auch noch oberschlägige Wiener- oder Prell-Mechaniken und ich vermute Streicher hatte eher eine Wiener Mechanik verbaut.
Die Feder ist jeweils stark genug, dass sie den Hammer wieder in ihre Ausgangslage befördert. Von daher ändert sich für den Spieler recht wenig. Man drückt die Taste nieder gegen die Kraft dieser Feder...


LG
Michael
 
LMG

LMG

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Hi Micha,

habe auch das Wiki-Bild entdeckt, und noch ein Forum, wo Aussagen gemacht werden ( ob die relevant sind, weiß ich aber nicht ): Posting 10 aus

Edvard Grieg: Lyrische Stücke - Musik für Tasteninstrumente (Klavier, Orgel) - Capriccio Forum für klassische Musik

Aber eins würde mir etwas Angst machen:

[...]die Taste nieder gegen die Kraft dieser Feder...[...]
Wie robust sind denn diese Federn, bzw. leiern die nicht aus ? Könnt mir vorstellen, dass das doof zum reparieren wäre ?

Fragt mit LG, Olli !
 
Moderato

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...Die Feder ist jeweils stark genug, dass sie den Hammer wieder in ihre Ausgangslage befördert. Von daher ändert sich für den Spieler recht wenig. Man drückt die Taste nieder gegen die Kraft dieser Feder...
Heißt das, die maximale Lautstärke ergibt sich, wenn der Hammer durch Überwindung der Federkraft durch schnellen Tastendruck frei aus der gegebenen Höhe fallen kann? Jeder Tastendruck erzeugt einen Ton. Der Ton ist leise, wenn der Hammer aus niedrigerer Höhe fällt, weil der langsame Tastendruck den Hammer vorher noch nicht fallen gelassen hat?
 
Peter

Peter

Bechsteinfan
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Ich gehe mal davon aus, dass der Hammer überhaupt nicht frei fällt. Das verhindert ja die Feder. Vergleiche die Federkraft doch einfach mit der Schwerkraft.
 
S

Styx

Guest
Hier mal ein Flügel mit Oberschlägerschlägiger Mechanik im Einsatz:

[video=youtube;bj2FQPyALa0]http://www.youtube.com/watch?v=bj2FQPyALa0[/video] :D :D :D


Viele Grüße

Styx
 
Moderato

Moderato

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Das muß eine moderne Version der oberschlägigen Mechanik sein, vermutlich nicht von 1829. Genial daran ist, daß die Hämmer auch die Dämpferfunktion übernehmen.
 
klaviermacher

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Wie robust sind denn diese Federn, bzw. leiern die nicht aus ? Könnt mir vorstellen, dass das doof zum reparieren wäre ?

Fragt mit LG, Olli !
Habe noch keinen Stöcker Flügel repariert, aber gesehen.. Die Federn funktionierten nach 150 Jahren noch tadellos. :p

Stöcker in Berlin baute handwerklich herausragende Instrumente. Kollegen schwärmten von seiner Arbeit:
Stöcker gehörte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den besten deutschen Klavierbauern. P.A. Rudolf Ibach besuchte auf einer großen Rundreise am 29. Mai 1865 die Stöckersche Werkstatt und notierte in sein Tagebuch: "... zu Theodor Stöcker, Leipziger Straße, gegangen. Fabrikant von oberschlägigen Flügeln. Dieselben sind sehr schön gleichmäßig und wohlklingend, fast glockenartig. St[öcker] macht im Diskant auf der Platte eine eigene Vorrichtung zur Bequemlichkeit des Stimmens [Feinstimmer], während die Stimmnägel an dieser Stelle nur zum Aufziehen der Saiten dienen. [...] Die Mechanik ist eigenthümlich und sehr compliciert. - St[öcker] baut nur diese Sorte von Flügel in 2 Größen, arbeitet sehr solide, ist mit seinem Fache sehr vertraut, macht kein Aufsehen mit seinen Fabrikaten, verkauft aber dabei sehr viel, u[nd] macht gar nicht mit Händlern. St[öcker] betreibt sein Geschäft so, wie man eine Pianofortefabrik eigentlich betreiben soll, aber heutzutage nicht mehr kann. Wenn St[öcker] auf diese Weise ruhig fortarbeitet, so wird er bei dem Aufsehen und dem Geschrei, welches jetzt überall gemacht wird, der Welt bald unbekannt, und in sich selbst vergehen werden." Theodor Stöcker arbeitete rein handwerklich, also nicht industriell wie etwa Ibach.
Quelle: Pianomuseum Haus Eller - Sammlung Dohr
Warum man überhapt oberschlägige Flügel baute wurde bisher noch nicht gefragt ;-)

LG
Michael
 
klaviermacher

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ich nehme mal an,
1. längere Bass-Saiten bei gleicher Flügellänge.
2. Der Anschlag erfolgt analog zum Pianino 'in die Stege'.

Grüße

Toni
Hallo Toni,

Die Problemstellung beim Flügelbau mit größeren Hämmern und damit erhöhter Lautstärke war, dass die Saiten bei starkem Anschlag von der Silie zum abheben tendierten. Zinseln war bei vielen Herstellern die Folge. Nach dem Stimmstock war jeweils ein Holzsteg, mit oder ohne verschränkte Stifte, über die die Saiten ihren vorderen Begrenzungspunkt hatten. Die oberschlägige Mechanik löste vor allem dieses Hauptproblem, ehe man dazu Überging, Gussrahmen einzusetzen und Agraffen, wodurch stärkere Schränkung möglich wurde.

LG
Michael
 

 

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