Vorbereitung als Klavierlehrer

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Piano-Willi

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Hallo zusammen. Vielleicht erst mal zu meiner Person. Ich bin 22 Jahre alt, und spiele seit ca 15 Jahren Klavier. Zudem singe ich seit 7 Jahren in einem Chor. Seit einem halben Jahr lerne ich zusätzlich das Euphonium. Soweit so gut.

Jetzt hat sich die Gelegenheit ergeben, dass ich meiner Nichte das Klavierspielen beibringe. Das will ich auch gerne tun. Jetzt hab ich bloß das Problem, wie genau ich vorgehen sollte, und welches Material ich dafür verwende. Anfangen muss ich wahrscheinlich mit Theorie etc., da überhaupt keine Notenkenntnisse usw vorhanden sind.

Habt ihr da ein paar Tipps und Vorschläge?
Vielen Dank!
 
Musikanna

Musikanna

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Zitat von Piano-Willi:
Ein paar? ;-)

Erstmal willkommen im Forum :bye: und dann doch ein Tipp: die Suchfunktion :-)
Das Thema Klavierlehrer ohne Ausbildung wurde hier bereits mehrfach behandelt.

PS. Bei dieser Fragenstellung kommt schnell der Trollverdacht auf - ich hoffe aber, wir haben hier mit einer Realperson zu tun.
 
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Piano-Willi

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Also Danke erst mal fürs willkommen heißen! Und nein ich bin kein Troll, habe das Thema vielleicht schlecht formuliert.
Ich weiß, dass viele Lehrer eine extra Ausbildung usw absolviert haben, bevor sie Lehrer geworden sind. Bei mir soll das allerdings im Rahmen bleiben. Der Unterricht soll ja nur bei meiner Nichte sein, und auch nicht auf ein sehr hohes Niveau kommen.
Mir geht's eher darum wie ich am besten vorgehe. Was bringt man einem Kind als erstes bei, dass noch keinerlei Erfahrung mit Noten und Instrument hat. Meine Anfangszeit ist einfach zu lange her...
 
Musikanna

Musikanna

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Magst Du Deine Nichte nicht? Oder warum soll sie Dein - zumal das erste und wohl einzige - Versuchskaninchen werden? Wenn Du ihr was gutes tun willst, sponsere ihr doch einen richtigen Unterricht oder einen Teil davon.
Die meisten Profi-KL können sich nicht an ihren Anfangsunterricht erinnern, da fast alle sehr früh angefangen haben. Da bist Du nicht allein. Meinst Du, es reichen ein paar Tipps, und man kann guten Unterricht erteilen? Hmm, warum studieren denn die anderen es jahrelang...
Wenn Du es unbedingt versuchen willst, nimm die Klavierschule mit der Maus (in Deinem Fall zuerst den ersten Band) und geh sie mit dem Mädchen zusammen durch. Guter Unterricht beginnt nicht mit Theorie, sondern mit Gehör- und Orientierungsschulung (Audiomotorik). Da Du wahrscheinlich auf diesem Gebiet kein eigenes Material parat hast, ist die Maus-Schule wenigstens etwas, was praktische Beispiele in dieser Hinsicht liefert. Wie alt ist denn Deine Nichte? Aber egal, die Maus mögen fast alle Mädchen (allerdings benutzen die meisten KL gleich den 2. Band, da sie eigene Übungen zur Gehörentwicklung haben).
 
Drahtkommode

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Hallo, ich verwende auch die Maus-Schule, 2. Band. Entscheidend ist wirklich, wie alt deine Nichte ist, d.h. mit welchen intellektuellen Voraussetzungen du rechnen kannst. Gerade bei Kindern gehört Einfühlungsvermögen dazu, um sie dort "abzuholen", wo sie stehen.
Auch wichtig ist, Vorkenntnisse (Flöte? Chor?) abzuklopfen.
Bei ganz kleinen Kindern fange ich etwa so an, welche Eigenschaften Töne haben können: Laut, leise, hoch, tief, lang, kurz... Einfach mal auf dem Klavier ausprobieren. Dann erste Orientierung. So viele Tasten, wie findet man sich zurecht....? Dann legen wir das Schlüsselloch-C als zentralen Ton fest... Und dann ist man ja auch bald bei Beethoven :-D
 
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Piano-Willi

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Also ich will meiner Nichte den Unterricht geben, weil es ihr ausdrücklicher Wunsch ist, bei ihrem Onkel zu lernen. Die Eltern fanden die Idee natürlich super, und ich will ihren Wunsch nicht abschlagen. Also ist sie kein versuchskaninchen oder so. Ich will einfach mein bestes geben, um mein Wissen an sie weiterzugeben.
Danke schon mal für die Tipps bis jetzt.
 
Stilblüte

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Bevor hier irgendwelche Entrüstungsstürme losbrechen: Es klingt danach, als ob der Wunsch nach Klavierspielen und der Wunsch nach gemeinsamer Zeit mit dem Onkel gleich groß und wichtig wären. Also geht es tatsächlich darum, ihm bestmögliche Tipps an die Hand zu geben und nicht darum, ihn zu eine Vermittlung zu einem "besseren" Klavierlehrer zu überreden. Dies könnte, falls überhaupt notwendig, auch noch später geschehen.
 
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Piano-Willi

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Danke! Du hast es sehr schön ausgedrückt. :)


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Musikanna

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Bevor hier irgendwelche Entrüstungsstürme losbrechen: Es klingt danach, als ob der Wunsch nach Klavierspielen und der Wunsch nach gemeinsamer Zeit mit dem Onkel gleich groß und wichtig wären. Also geht es tatsächlich darum, ihm bestmögliche Tipps an die Hand zu geben und nicht darum, ihn zu eine Vermittlung zu einem "besseren" Klavierlehrer zu überreden. Dies könnte, falls überhaupt notwendig, auch noch später geschehen.
Da hast Du absolut recht, und dieser Wunsch nach gemeinsamer Zeit und Beschäftigung ist nur zu begrüßen. Der TE sollte sich nur, da er das beste für seine Nichte will, im klaren sein, dass er ihr nicht den besten Unterricht geben kann. Er kann aber mit ihr auf die musikalische Entdeckungsreise gehen (wozu sich die Maus-Schule gut eignen würde), ihre Neugier an Musik und Klängen wecken, herumexperimentieren und spielerisch einige Kenntnisse vermitteln, gleichzeitig aber kommunizieren, dass wenn sie richtig lernen will, ein Profi notwendig sein wird. Was nicht ausschließt, dass er weiterhin mit ihr Zeit am und ums Klavier verbringen möchte.
Meine Beiträge waren vielleicht etwas unfreundlich. Ich erinnere mich bloß leider sehr gut, wie ein väterlicher Freund mir unbedingt das Autofahren beibringen wollte, damit ich später in der Fahrschule weniger Stunden nehmen muss (=Geld sparen). Das ging voll daneben: Ich habe mir falsche Automatismen bzgl. Kupplung usw. angewöhnt und brauchte schließlich viel mehr Stunden (=Geld) als wenn ich ohne diese "Vorkenntnisse" gelernt hätte. War zwar lieb gemeint, aber ein besseres Geschenk wäre gewesen, er hätte mir einfach ein paar Stunden Fahrschule geschenkt oder mich mit seinem Auto üben lassen, nachdem der Führerschein da war...
 
Stilblüte

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@Musikanna Falls du dich angesprochen gefühlt hast kann ich dir sagen - ich habe die Beiträge hier gar nicht so genau gelesen. Hatte in dem Moment gerade nicht so viel Zeit, ich hatte nur Sorge, dass das übliche alle-Klavierlehrer-sind-schlecht wieder losgeht (was durchaus seine Berechtigung haben mag) und dachte, dass es hier vielleicht unangebracht ist. Drum schrieb ich kurz was. Also, alles gut!
 
Peter

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Bechsteinfan
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Habt ihr da ein paar Tipps und Vorschläge?
Japp! Du kannst versuchen, mit Deinen Methoden Dein Wissen an sie weiter zu geben. Mehr Möglichkeiten hast Du nicht. Du kannst zeigen, aber nicht lehren. Das reicht aber auch vollkommen!

Eltern, Geschwister, Onkels und Tanten haben mir gezeigt, wie man eine Sense schwingt, wie man Auto fährt, wie man schwimmt, wie man Tischtennis spielt, wie man Klavier spielt, wie man eine Säge führt, wie man Fotos macht.....

Für all das, was mich dann wirklich interessiert hat, habe ich früher oder später einen Lehrer/Trainer genommen oder bin in einen Verein eingetreten (Klavier mal ausgenommen). Dort wurde es mir dann nicht gezeigt sondern gelehrt.

Mach einfach; falsch machen kannst Du nix. Habt einfach zusammen Spaß.
 

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Piano-Willi

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Vielen Dank!
Was ich noch mal betonen möchte, einfach damit vielleicht etwas mehr Klarheit besteht. Ich maße mir absolut nicht an, mich mit irgendeinem ausgebildeten Lehrer auf einer Stufe zu stehen, bzw. besser lehren zu könne als er. Ich will meiner Nichte einfach das wunderschöne Instrument Klavier näher bringen und ihr das Verständnis und die Grundkenntnisse vermitteln. Ich strebe mit ihr kein sehr hohes Niveau an, weil ich einfach kein Lehrer bin. Das habe ich ihr aber auch erklärt. Aber ich denke das ist mittlerweile klar geworden ;)
Vielen Dank nochmal.

Lg


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Rheinkultur

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Japp! Du kannst versuchen, mit Deinen Methoden Dein Wissen an sie weiter zu geben. Mehr Möglichkeiten hast Du nicht. Du kannst zeigen, aber nicht lehren. Das reicht aber auch vollkommen!
So sieht es im Prinzip aus. Der Fragesteller muss sich im Gegenzug einige Fragen selbst stellen und sie ehrlich beantworten. Zu diesen Fragen gehört die nach der eigenen Begeisterung für Musik und das Musizieren, die ja Voraussetzung ist, um andere begeistern zu können. Diese Voraussetzung kann man in keinem pädagogischen Studiengang erlernen. Das Studium bietet lediglich die Möglichkeit, unter fachkundiger Leitung geeignete Techniken der Vermittlung von musikalischen Inhalten und Persönlichkeitsentwicklung zu kultivieren und zu verfeinern. Dann muss das Zwischenmenschliche, das Persönliche stimmen, also in diesem Falle ein "guter Draht" zu Kindern und Jugendlichen im jeweiligen Alter entsprechend zum Entwicklungsstand gegeben sein. Sind entsprechende Voraussetzungen da, spricht nichts dagegen, die Neugier von (kleinen) Kindern mit Freude aufzugreifen und diese in geeignete Bahnen zu lenken.

Ich maße mir absolut nicht an, mich mit irgendeinem ausgebildeten Lehrer auf einer Stufe zu stehen, bzw. besser lehren zu könne als er. Ich will meiner Nichte einfach das wunderschöne Instrument Klavier näher bringen und ihr das Verständnis und die Grundkenntnisse vermitteln. Ich strebe mit ihr kein sehr hohes Niveau an, weil ich einfach kein Lehrer bin. Das habe ich ihr aber auch erklärt.
Das klingt vernünftig und nicht vermessen. Wenn sich aber Ambitionen zu "Höherem" abzeichnen und es in fachlicher und fachdidaktischer Hinsicht anspruchsvoller wird, wäre es gut, den richtigen Zeitpunkt zum Loslassen zu erwischen. Das gilt übrigens auch für Lehrkräfte in einem ganz "offiziellen" Unterrichtsverhältnis, wenn etwa Vorbereitung auf eine Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule gewünscht und die gegenwärtige Lehrkraft auf diese Aufgabe nicht spezialisiert ist. Deshalb gibt es ja auch unterschiedliche instrumentalpädagogische Studiengänge, auf die man sich vielfach spezialisieren kann und sollte. Keiner kann alles auf allen Gebieten optimal abdecken - wer vorrangig mit kleinen Kindern arbeitet, wird andere Schwerpunkte setzen als etwa mit Jugendlichen.

Auch von mir als Empfehlung:
https://www.amazon.de/Klavierspielen-mit-Maus-Bd-1-Spiel/dp/3920880609
und
https://www.amazon.de/Klavierspiele...coding=UTF8&psc=1&refRID=PH0KPTR99VKTH2188EDM
in Betracht ziehen. Da gerade das Hören und die Begegnung mit Musik so wichtig ist, wenn man selbst noch am Anfang steht, kann zwischendurch eine kindgerecht gemachte Begegnung mit den großen Komponisten dazu kommen:
https://www.jumboverlag.de/Mozart-fuer-Kinder.-Nachtmusik-und-Zauberfloete/a_2051.html
Denn auch die großen Meister haben mal ganz klein angefangen.

Frohes Schaffen!

LG von Rheinkultur
 
Ellizza

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Anfangen muss ich wahrscheinlich mit Theorie etc., da überhaupt keine Notenkenntnisse usw vorhanden sind.
WIE ALT IST DENN DIE NICHTE?

Überhaupt, wie kommt man darauf ein Musikinstrument zu lehren wollen mit dem Einstieg Theorie?

Ein Instrument erlernen wollen hat nichts mit Bedienungsanleitung für Notenlesen und mechanisches Abkupfern dieser auf ein Tastenbild zu tun.

Ehrlich gesagt bin ich sogar kein Freund davon, dass Klavier als Einsteigerinstrument bei Kindern zu wählen. Die gute alte Blockflöte oder Geige sind als Melodieinstrumente viel geeigneter! Da wird der Ton selbst produziert.

Erst wenn Grundlagen hierauf erlernt worden sind, ist ein Hinzunehmen des Klaviers sinnvoll. Denn ein Klavier erfordert Mehrstimmigkeit und ist damit viel anspruchsvoller.

Ich halte immer noch an der altmodischen Meinung fest, Klavier frühestens ab acht. Außerdem macht Klavier dann viel mehr Spaß, wenn tatsächlich das Instrument mit bereits angelegtem Rhythmus und Melodiespiel als Bereicherung empfunden wird.

Ausnahme sind natürlich Genies.
 
hasenbein

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Ja, da geht's doch schon los.

Ein vernünftiger Klavierunterricht beginnt eben NICHT mit Notenlesen, "Theorie" etc.!
Sondern er ist so angelegt, dass im Schüler ein audiomotorischer Regelkreis ausgebildet
wird. Bzw. um mit Martienssens Worten zu sprechen, dass der Klangwille des Schülers die entscheidende Instanz beim Musizieren ist.
Dafür ist erforderlich, dass zunächst kleine Lieder und Begleitungen nach Gehör nachgespielt / improvisiert / komponiert werden.
Sind das musikalische "Gelände" und das Tastengelände dem Schüler hinreichend vertraut, schaut man gemeinsam mit ihm, wie es funktioniert, das, was man so spielt, in Noten festzuhalten.

Geht man aber von den Noten aus, etabliert sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein visuell-motorischer Regelkreis, und das ist schon mal sehr schlecht für die weitere Entwicklung, weil der Schüler abspeichert, dass das Musikmachen ein mechanischer Vorgang ist und die Ohren nur zur nachträglichen Kontrolle da sind, ob alles richtig war. Es findet also de facto eine De-Musikalisierung statt, aus der viele nur schwer wieder rauskommen.

Daher rate ich sehr enrsthaft und dringend: Wenn Du Deine Nichte wirklich gern hast, dann unterrichtest Du sie NICHT, sondern schickst sie gleich zu einem VERNÜNFTIGEN Klavierlehrer.

LG,
Hasenbein
 
thinman

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Ja, da geht's doch schon los.

Ein vernünftiger Klavierunterricht beginnt eben NICHT mit Notenlesen, "Theorie" etc.!
Sondern er ist so angelegt, dass im Schüler ein audiomotorischer Regelkreis ausgebildet
wird. Bzw. um mit Martienssens Worten zu sprechen, dass der Klangwille des Schülers die entscheidende Instanz beim Musizieren ist.
Dafür ist erforderlich, dass zunächst kleine Lieder und Begleitungen nach Gehör nachgespielt / improvisiert / komponiert werden.
Sind das musikalische "Gelände" und das Tastengelände dem Schüler hinreichend vertraut, schaut man gemeinsam mit ihm, wie es funktioniert, das, was man so spielt, in Noten festzuhalten.

Geht man aber von den Noten aus, etabliert sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein visuell-motorischer Regelkreis, und das ist schon mal sehr schlecht für die weitere Entwicklung, weil der Schüler abspeichert, dass das Musikmachen ein mechanischer Vorgang ist und die Ohren nur zur nachträglichen Kontrolle da sind, ob alles richtig war. Es findet also de facto eine De-Musikalisierung statt, aus der viele nur schwer wieder rauskommen.

Daher rate ich sehr enrsthaft und dringend: Wenn Du Deine Nichte wirklich gern hast, dann unterrichtest Du sie NICHT, sondern schickst sie gleich zu einem VERNÜNFTIGEN Klavierlehrer.

LG,
Hasenbein
Klasse Beitrag:super:

genau das von Hasenbein Angesprochene erlebe ich derzeit. Auch wenn ich mich noch so stark bemühe, "gut" zu spielen, es wird keine Musik draus. Egal, wie einfach die Stücke sind. Weil ich immer nur die Noten richtig auf die Tasten umsetzen möchte. Deshalb versuche ich, weg von Noten / mechanischem Tastendrücken und hin zum musikalischen Verstehen zu kommen. Aber das ist ein verdammt steiniger Weg. Aber wir sind ja nicht zum Vergnügen hier. ;-)
 
Rheinkultur

Rheinkultur

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Dafür ist erforderlich, dass zunächst kleine Lieder und Begleitungen nach Gehör nachgespielt / improvisiert / komponiert werden.
Sind das musikalische "Gelände" und das Tastengelände dem Schüler hinreichend vertraut, schaut man gemeinsam mit ihm, wie es funktioniert, das, was man so spielt, in Noten festzuhalten.
So sollte es eigentlich sein. Zunächst muss der Schüler erst das Instrument als wunderbares Ausdrucksmittel erleben, was bereits auf einfachstem Niveau möglich ist. Das Gehör ist wiederum unverzichtbar, um die klanglichen Qualitäten des Gespielten verfeinern und entwickeln zu können. Das gelingt nicht, wenn man dem Schüler zunächst das Notenbild ("Theorie") vorsetzt und danach das am Instrument Hervorzubringende ("Praxis") durchstrukturiert. Eine erste Lektion sähe dann so aus: Auf dem Notenblatt steht ein eingestrichenes C, also wird die dazugehörige Taste auf der Klaviatur gesucht und angeschlagen. Dann folgt das D, dann das E... - und ein Zwischenziel ist das Spiel im Fünfnotenraum. Ich gehe davon aus, dass ein nicht geringer Teil von Klavierlehrern bis heute so einen untauglichen Ansatz zum Einstieg vorgibt. Ich erinnere mich daran, einst selbst solche Erfahrungen als Anfänger gemacht zu haben - der jähzornige Kapellmeister, der aus finanziellen Gründen Klavierstunden geben musste, war sicherlich keine optimale Wahl. Es dauerte viele Jahre, diesen Ansatz bis zur späteren Tätigkeit als Berufsmusiker grundlegend zu korrigieren. Die Gewissheit, für den Anfangsunterricht kein gutes Konzept mitbekommen zu haben, war sicherlich ein Erfahrungswert, der mich zu einer grundlegend anderen Spezialisierung brachte. Gerade am Anfang einer pianistischen Ausbildung kann man den größten Schaden anrichten, der sich jahrelang nachhaltig bemerkbar macht. Ich bereue es nicht, daraus für mich die richtigen Konsequenzen gezogen und mich auf andere Tätigkeitsschwerpunkte konzentriert zu haben - also die Finger vom oft gering geschätzten Klavierunterricht für Anfänger zu lassen.

Geht man aber von den Noten aus, etabliert sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein visuell-motorischer Regelkreis, und das ist schon mal sehr schlecht für die weitere Entwicklung, weil der Schüler abspeichert, dass das Musikmachen ein mechanischer Vorgang ist und die Ohren nur zur nachträglichen Kontrolle da sind, ob alles richtig war. Es findet also de facto eine De-Musikalisierung statt, aus der viele nur schwer wieder rauskommen.
Ich konnte mich davon lösen, indem ich später eine bessere Ausbildung in Anspruch nehmen konnte - und indem ich mich später auf Schwerpunkte wie Komposition und Improvisation konzentrierte, bei denen man eben nicht mehr vorrangig einen bereits vorgegebenen Notentext eins zu eins umsetzt.

LG von Rheinkultur
 
Rheinkultur

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Geht man aber von den Noten aus, etabliert sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein visuell-motorischer Regelkreis, und das ist schon mal sehr schlecht für die weitere Entwicklung, weil der Schüler abspeichert, dass das Musikmachen ein mechanischer Vorgang ist und die Ohren nur zur nachträglichen Kontrolle da sind, ob alles richtig war.
Auch ein wichtiger historischer Aspekt spricht für diese These: Über alle kulturellen und gattungsspezifischen Grenzen hinweg ist die Musizierpraxis älter als die darauf bezogene Musiktheorie, wozu auch die Entwicklung einer praktikablen Notation gehört. In vielen volks- und popularmusikalischen Umgebungen besitzen Notationen nur eine untergeordnete oder gar keine Bedeutung - dort ist die mündlich-praktische Überlieferung gang und gäbe. Die in unserem kulturellen Umfeld so weit verbreitete Fixierung musikalischer Inhalte auf dem Papier oder in vergleichbarer Gestalt ist also global gesehen nicht nur keineswegs der Regelfall, sondern sogar eher die Ausnahme. Erst mal Noten lernen und dann anfangen mit dem Musikmachen - undenkbar, weil absolut widernatürlich. Den Anfangsunterricht am Tasteninstrument so grundfalsch aufzubauen entspräche der Vorstellung, der Bau eines Hauses beginne mit dem Dachstuhl... .

LG von Rheinkultur
 
Bassplayer

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Auch ein wichtiger historischer Aspekt spricht für diese These: Über alle kulturellen und gattungsspezifischen Grenzen hinweg ist die Musizierpraxis älter als die darauf bezogene Musiktheorie, wozu auch die Entwicklung einer praktikablen Notation gehört. In vielen volks- und popularmusikalischen Umgebungen besitzen Notationen nur eine untergeordnete oder gar keine Bedeutung - dort ist die mündlich-praktische Überlieferung gang und gäbe. Die in unserem kulturellen Umfeld so weit verbreitete Fixierung musikalischer Inhalte auf dem Papier oder in vergleichbarer Gestalt ist also global gesehen nicht nur keineswegs der Regelfall, sondern sogar eher die Ausnahme. Erst mal Noten lernen und dann anfangen mit dem Musikmachen - undenkbar, weil absolut widernatürlich. Den Anfangsunterricht am Tasteninstrument so grundfalsch aufzubauen entspräche der Vorstellung, der Bau eines Hauses beginne mit dem Dachstuhl... .

LG von Rheinkultur
Flamenco z. B. wurde und wird soweit ich weiß auch durch die von dir beschriebene mündlich-praktische Überlieferung gelehrt. Es wäre aber meiner Meinung nach falsch, falls jemand annimmt, damit werde nicht auch Musiktheorie vermittelt, denn der Flamenco-Gitarrist lernt auch, welche verschiedenen Flamenco-Stile und Formen es gibt, Anschlagstechniken, welche Rhythmus-Pattern dabei verwendet werden, welche Akkord-Folgen üblich sind und welche Töne beim Solieren dazu passen; der Flamenco-Spieler weiß also, in welchem Stil er gerade ist, welche Akkord-Folge er spielt, warum er bestimmte Töne eines Laufs verwendet und wo die Betonungen beim jeweiligen Rhythmus sind; er hat eine ganze Menge Theorie verinnerlicht und spielt nicht etwa auswendig gelernte fest arrangierte Stücke nach. Eine andere Frage ist, inwieweit bei der Theorie-Vermittlung Begriffe verwendet werden. Auf jeden Fall haben die vielen verschiedenen Stile und damit verbundenen Rhythmen Namen und die Anschlagstechniken ebenfalls.

LG
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