Chopin-Wettbewerb 2010

Ich habe heute Nicolay Khozyainov und Yulianna Avdeeva jeweils mit Chopins e-Moll-Konzert gehört. Beide haben mich nicht in besonderer Weise berührt.

Daniil Trifonov hat schon gestern gespielt, ihn hätte ich gerne gehört. Bei ihm bin ich nämlich hin- und hergerissen zwischen Befremden über sein für mein Empfinden oft zu aggressives Spiel in den virtuosen Passagen und der Begeisterung über seine Zartheit bei den sanften und lyrischen Stellen.

Ich fand übrigens bei seinem Auftritt in der 3. Runde wieder die h-Moll-Sonate am gelungensten, - so wie schon bei Claire Huangcy.

EDIT: Ah, ich sehe gerade, dass die Final-Auftritte vom Montag schon bei den Videos abrufbar sind. Dann werde ich mir Daniil Trifonov morgen noch anhören.

Grüße von
Fips
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
1. Avdeeva!! (und ich hab' sie schon vor Jahren live gesehen! :p)
2. Geniusas und Wunder
3. Trifonov

Leider habe ich von den Konzerten gar nichts gesehen (aber, um ehrlich zu sein, ich finde die Solo-Sachen sowieso spannender :p )

Man wird sehen, was aus diesen Pianisten wird...verdient haben sie es alle (und viele weitere Teilnehmer), gehört zu werden!
 
Nächste Frage:

Wer hat den Überblick und kann sagen, welcher der Sieger
welchem Juror als (Privat-)Schüler zugeordnet werden kann?

Und in welchem Verhältnis die Juroren zueinander stehen,
so daß sich Fraktionen bilden konnten?

Gruß, Gomez
 
Wer hat den Überblick und kann sagen, welcher der Sieger welchem Juror als (Privat-)Schüler zugeordnet werden kann?

Wunder hatte Unterricht bei Harasiewicz. Allerdings habe ich noch niemand gehört, der sich über seinen zweiten Platz beschwert hat (eher im Gegenteil: viele hätten ihn gern auf Platz 1 gesehen).

Avdeeva hat bei Scherbakov (tolle Lyapunov-Aufnahmen!) in Zürich studiert - da gibt es keine Verbindungen.

Ich glaube nicht, dass Persönlichkeiten wie Argerich, Freire, Harasiewicz, Ekier noch irgendwelche Mauscheleien nötig haben (wenn manchmal Leute von der "Wettbewerbsmafia" sprechen, fallen andere Namen). Argerich hat in einem Interview ihre Freude über den Sieg von Avdeeva geäußert; das würde sie wohl nicht machen, wenn es ihr nicht gepasst hätte (man weiß ja von früher, wie sie reagieren kann, wenn etwas gegen ihre Überzeugung geht).

Ich persönlich fand mindestens 20 Pianisten so interessant, dass ich ihnen eine erfolgreiche Karriere wünsche und sie gerne öfter hören würde. Ich beneide die Jury nicht, die diese verschiedenartigen Pianistenpersönlichkeiten in eine Rangordnung bringen muss. Dass es dabei unterschiedliche Auffassungen geben muss, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Jury, ist ja wohl klar. Daraus dann aber gleich zu den üblichen reflexartigen Korruptionsunterstellungen überzugehen....damit kann ich nichts anfangen. Ich kann an dieser Auswahl keinen Skandal sehen, auch wenn andere Reihenfolgen sicher auch möglich gewesen wären. Eine Frage wäre vielleicht eher, ob man den ersten Preis evtl. nicht hätte vergeben sollen.

Und in welchem Verhältnis die Juroren zueinander stehen,
so daß sich Fraktionen bilden konnten?

Gomez, kannst Du Dir vorstellen, dass sich auch Fraktionen bilden können, ohne dass Mauschelei im Spiel ist, einfach nur aus unterschiedlichen künstlerischen Ansichten heraus? Wunder und Avdeeva sind z.B. so unterschiedliche Pianistenpersönlichkeiten, dass es doch ganz klar ist, dass Leute sich unterschiedlich von ihnen angesprochen fühlen.
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Wunder hatte Unterricht bei Harasiewicz. Allerdings habe ich noch niemand gehört, der sich über seinen zweiten Platz beschwert hat (eher im Gegenteil: viele hätten ihn gern auf Platz 1 gesehen).

Avdeeva hat bei Scherbakov (tolle Lyapunov-Aufnahmen!) in Zürich studiert - da gibt es keine Verbindungen.
Wunder ist richtig, aber Avdeeva hat oder hatte Unterricht bei Fou T´song...
 
Wunder ist richtig, aber Avdeeva hat oder hatte Unterricht bei Fou T´song...

Oh, stimmt (nach Scherbakov)! Aber Fou T'song ist (denke ich) auch einer von denen, die es nicht (oder schon lange nicht mehr) nötig haben, durch den Ruhm der Schüler den eigenen Ruhm zu mehren.

Zur Klarstellung: Ich möchte jetzt gar nicht genau dieses Ranking verteidigen, aber dass jetzt einige von Skandal sprechen, scheint mir übertrieben (und von denen würde ich gerne hören, wer über alle Runden hinweg denn so viel besser als Avdeeva war, dass man von einem Skandal sprechen kann). Wie gesagt, man kann aus meiner Sicht vielleicht eher noch fragen, ob evtl. der erste Platz hätte leerbleiben können.

Gibt es dieses Interview irgendwo zum Nachlesen oder gar zum Anschauen? :)

Z.B. hier (das ist eine Agenturmeldung, die in allen möglichen Zeitungen übernommen ist):

Martha Argerich, a past winner and member of the jury, told The Associated Press the panel had been impressed by the searching quality in Avdeeva's performance.

"She's a very harmonious artist. She's always searching for some kind of truth," said Argerich, who won in 1965.

"I am extremely happy about Yulianna, and particularly because she is the first woman after 45 years. After me there was no lady, so I am very happy - double - for this."
 
Hallo,
ehrlich gesagt ist es mir in meinem Wohnzimmer ziemlich wurst, wer denn nu den 1., 2., 3. oder ich weiß nicht was für einen Preis gewonnen hat. Ich habe mich über die Möglichkeit gefreut, dank des Broadcastings, so viele verschiedene Interpretationen derselben Stücke zu hören.
Dass es am Ende eine Staffelung geben muss, liegt in der Natur des Wettbewerbs, und dass die Preisträgerschaft etwas mit Verträgen und Karriere zu tun hat, ist mir auch klar. In der Tat wäre es also schade, wenn unter diesen Bedingungen wahrscheinlich viele der Teilnehmer dem breiten Publikum unbekannt blieben.

LG, Sesam
 
Mich hatte vor allem gewundert dass kein Asiate im Finale war, bei dem Aufmarsch...

Ansonsten ist es in etwa so wie ich es erwartet hatte.
Nur Geniušas ist eine Überraschung für mich. (ich habe aber außer den Etüden op.25 und dem Abschlußkonzert nichts gehört von ihm)
Und Avdeevo hätte ich etwa auf Platz 5 erwartet.

Das Problematische dabei ist dass man sich sämtliche Runden aller Beteiligten anhören muß um sich ein wirkliches Urteil bilden zu können.

Daniil Trifonov hat schon gestern gespielt, ihn hätte ich gerne gehört. Bei ihm bin ich nämlich hin- und hergerissen zwischen Befremden über sein für mein Empfinden oft zu aggressives Spiel in den virtuosen Passagen und der Begeisterung über seine Zartheit bei den sanften und lyrischen Stellen.
Trifonov ist übrigens erst 19 Jahre alt. Das erklärt vielleicht ein bisschen seine Unberechenbarkeit. :)
Mir kamen die von Dir erwähnten Passagen (falls es überhaupt die gleichen sind) dabei eher draufgängerisch, ungebändigt und unüberlegt als aggressiv vor.

man kann aus meiner Sicht vielleicht eher noch fragen, ob evtl. der erste Platz hätte leerbleiben können.

Ich sagte gestern noch (nicht hier) : "Ich fresse einen Besen wenn es diesmal einen ersten Platz gibt" ... :D
 

War doch ein Asiate im Finale, der Yamaha-Flügel :D
 
Eine Frage wäre vielleicht eher, ob man den ersten Preis evtl. nicht hätte vergeben sollen.

Diese Frage ging mir auch schon im Kopf herum.

Es hat mich gewundert, dass Avdeeva gewonnen hat. Ich mag das Subtile in ihrem Spiel. Aber sie hat mich nicht durchgängig überzeugt. Wunder übrigens auch nicht (mit Ausnahme von op. 61).

Aber es ist halt auch immer die Frage, wie man sich selber beim Zuhören fühlt. Wie man etwas empfindet und wie sehr man sich von einem Musikstück berühren lässt, hängt auch von der eigenen Verfassung ab, nicht nur von der Leistung des Pianisten.

Grüße von
Fips
 
Diese Frage ging mir auch schon im Kopf herum.

Es hat mich gewundert, dass Avdeeva gewonnen hat. Ich mag das Subtile in ihrem Spiel. Aber sie hat mich nicht durchgängig überzeugt. Wunder übrigens auch nicht (mit Ausnahme von op. 61).

Aber es ist halt auch immer die Frage, wie man sich selber beim Zuhören fühlt. Wie man etwas empfindet und wie sehr man sich von einem Musikstück berühren lässt, hängt auch von der eigenen Verfassung ab, nicht nur von der Leistung des Pianisten.

Grüße von
Fips


Hallo Fips und alle anderen,

gerade habe ich mir das Preisträgerkonzert auf arte angehört. Ich muss sagen, dass Avdeeva das e-moll-Konzert diesmal wirklich ganz toll gespielt hat. Ganz anders meiner Meinung nach als in der letzten Runde, wo es mir gar nicht gut gefallen hat. Vielleicht war sie da zu nervös. Jedenfalls fand ich ihre Interpretation diesmal sehr lebendig, differenziert und klangschön. Und langsamer als die meisten Aufnahmen, Sesam wird sich freuen :p . Übrigens hat auch der Chef des Ganzen bemerkt, viele würden ihm zu schnell spielen! :p

Bis auf den Franzosen haben mir im Konzert alle sehr gefallen. Wieso hat nur Bozhanov nicht gespielt?? Und Wunder hat das Andante spianato unglaublich toll interpretiert!!!

Liebe Grüße

chiarina
 
War doch ein Asiate im Finale, der Yamaha-Flügel :D

Jawohl, so viel zum Thema Y-Flügel klingen nicht.....:D

Ich habe den ganzen Wettbewerb nicht verfolgt, aber Avdeeva mit dem Chopin Konzert fand ich schon überzeugend.
Die Einzige, die mich im Abschlusskonzert wirklich berührt hat mit ihrem Vortrag.:cool:

Ich fand es lustig, wie immer die Flügel angerollt kamen! Hatte etwas von einem Karussel: auf welches Gerät wird der Nächste wohl aufsteigen?:p

LG
violapiano
 
Es ging, man kann sich ja einen Besen aussuchen der nur aus Naturprodukten besteht. :)

Ich fand es lustig, wie immer die Flügel angerollt kamen! Hatte etwas von einem Karussel: auf welches Gerät wird der Nächste wohl aufsteigen?

Das erinnerte mich an die Sendung "am laufenden Band" (oder wie die damals hieß) mit Rudi Carrell. :) Man brauchte sich die Sachen nur ins Gedächtnis zu brennen und schwupp di wupps wurden die Teile nach Hause geliefert. :D
Einmal Steinway, einmal Fazioli ... ... :D
 
gerade habe ich mir das Preisträgerkonzert auf arte angehört. Ich muss sagen, dass Avdeeva das e-moll-Konzert diesmal wirklich ganz toll gespielt hat. Ganz anders meiner Meinung nach als in der letzten Runde, wo es mir gar nicht gut gefallen hat.

Das ging mir auch so, das gestrige Konzert war allererste Klasse! So unmittelbar, natürlich nuanciert, als hätte sie es sich im Augenblick selbst in die Hände komponiert. Toll!

Zitat von Chiarina:
Und langsamer als die meisten Aufnahmen, Sesam wird sich freuen :p . Übrigens hat auch der Chef des Ganzen bemerkt, viele würden ihm zu schnell spielen! :p

Genau!! :D

Zitat von Chiarina:

Der ist zur Siegerehrung überhaupt nicht angetreten, hat sich entschuldigen lassen. Obs am "nur" 4. Platz lag...:confused: Schade, ich hätte ihn gerne gehört.

LG, Sesam
 
Hallo,

ich höre das Klavierkonzert in e-Moll von Frédéric Chopin, gespielt von Yulianna Avdeeva, gerade auf Youtube. Ich finde sie hat zurecht den Chopin Wettbewerb gewonnen.

Ich habe das Klavierkonzert schon sehr oft von anderen Pianisten gehört. Es war mir irgendwie immer sehr unklar, das kann ich aber von dieser Interpretation gar nicht behaupten. Sie vergibt jeder Chopin'schen Idee einen Sinn, das finde ich große Klasse.

Was ich schade finde, das mag auch ein Abbild unseres Zeitalters sein, dass alles sehr perfekt sein muss. Jede Interpretation steuert in die Richtung, wie man ein Werk noch präziser spielen kann. Und ich meine - vielleicht ist das auch nur eine Täuschung - das zu hören. Ich finde schade, dass die Aussage des Werkes dabei in Vergessenheit gerät, wenn man darauf fokussiert ist, nur perfekt zu spielen...

Manchmal habe ich mehr Freude daran jemandem zuzuhören, der noch nicht lange Klavier spielt, aber selbst daran Freude hat zu spielen, als jemandem, der seit seinem fünften Lebensjahr geradezu konditioniert wurde, ein Werk zu spielen und einfach nicht mehr weiß, wie er dieses Werk noch anders spielen kann, weil er es schon so perfektioniert hat.

Wo sind die Genies wie Sviatoslav Richter, die erst in späteren Lebensjahren angefangen haben, Musik für sich zu entdecken und laut eigener Aussage nicht mehr als 3 Stunden täglich übten? Arthur Rubinstein hielt auch nichts davon, systematisch den ganzen Tag zu üben. Würden die beide wohl heute noch den Chopin Wettbewerb gewinnen, wenn sie leben würden?
 
Wo sind die Genies wie Sviatoslav Richter, die erst in späteren Lebensjahren angefangen haben, Musik für sich zu entdecken und laut eigener Aussage nicht mehr als 3 Stunden täglich übten?

Zitat von Wiki:
Die Eltern sorgten von seinem dritten Lebensjahr an für eine solide musikalische Ausbildung des Sohns.[1].
Dieser arbeitete bereits im Alter von 15 Jahren als Repetitor am Opernhaus in Odessa, vier Jahre später gab er sein Debüt als Pianist.
15 plus 4 ist gleich 19 - - nicht gerade spät für ein Debut

bzgl. Artur Rubinstein: der galt als Wunderkind
 

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