Chopin-Wettbewerb 2010

Also ich habe den Wettbewerb nicht verfolgen können. Aber ich habe im Fernsehen das Abschlusskonzert der Sieger gehört. Der einzige, der mich begeistert und dessen Spiel mich berührt hat war Ingolf Wunder. Den Namen werde ich mir auf jeden Fall merken.

lg
Nora
 
15 plus 4 ist gleich 19 - - nicht gerade spät für ein Debut

Was man jetzt unter "musikalischer Ausbildung" verstehen soll, das kann man der Wikipedia nicht entnehmen. Den ersten richtigen Klavierunterricht erhielt er erst viel später, im Alter von 22 Jahren. Seine Eltern schickten ihn auf keine Musikschule, er lernte mehr oder weniger autodidaktisch das Klavier spielen.
 
Guten Abend!

So schlecht bin ich ja gar nicht, daß ich jemandem seine Glücksgefühle
beim Anhören irgendeines romantischen Virtuosenkonzerts mißgönne -
gespielt von der gerade am dransten seienden pianistischen Neuentdeckung.

Aber ein paar Fragen muß ich doch loswerden.

Liegt dem prinzipiellen Mißtrauen, das den Selektionsverfahren in den Wettbewerben (Chopin, Rubinstein)
begegnet, nicht die Erfahrung zugrunde, daß der Handlungsspielraum der Juroren objektiv immer kleiner wird,
auch wenn sie nicht ihre Privatschüler durchzuboxen versuchen?
Eine irrwitzige Verwertungskette klirrt allen Beteiligten an den Fußgelenken, bei jedem Schritt, den sie tun,
vorab schon mal durch die Verpflichtung zur massentauglichen Repertoireauswahl.
Jedenfalls erinnern mich die obligatorischen "Skandal!"-Rufe an die Protestchöre
vor den Ruinen des Stuttgarter Hauptbahnhofs: in beiden Fällen Reaktionen der Ausgesperrten
auf das eigennützig wirkende Verhalten der in ihrer Festung Eingemauerten.

Zum Thema Massentauglichkeit der Stückauswahl: Fällt denn niemandem auf,
was für museale Veranstaltungen diese Wettbewerbe sind? Es werden jahrauf, jahrab
dieselben, über hundert Jahre alten Klavierkonzerte gespielt. Chopin oder Rubinstein
würden nicht nur in den nach ihnen benannten Wettbewerben durchfallen,
weil sie ihre Musik in einer Form spielten, die den Juroren mißfiele,
sie würden sich überhaupt weigern, ihr eigenes altes Zeugs zu spielen.

Das mindeste wäre, der Phalanx anrückender Wettbewerbsteilnehmer
mal als Pflichtstück Werke wie das Klavierkonzert von Jolivet aufzubrummen -
oder Cages Klavierkonzert (beide auch schon keine taufrischen Stücke mehr):
damit umzugehen erbrächte jedenfalls den Nachweis musikalischer Intelligenz.
Es würde nur kein Schwein mehr zuhören - außer (und dann erstmalig!)

Gomez
 
Das mindeste wäre, der Phalanx anrückender Wettbewerbsteilnehmer
mal als Pflichtstück Werke wie das Klavierkonzert von Jolivet aufzubrummen -
oder Cages Klavierkonzert (beide auch schon keine taufrischen Stücke mehr):
damit umzugehen erbrächte jedenfalls den Nachweis musikalischer Intelligenz.
Es würde nur kein Schwein mehr zuhören - außer (und dann erstmalig!)

Gomez

...da könnte man auch bei der Fußball-WM von den Kickern erwarten, dass sie erstmal Schach spielen sollen... ;)

Lieber Gomez,

gönn doch den Polen ihren Chopin :), da sind die ganz arg stolz drauf - und dass bei einem Chopin-Wettbewerb nunmal Chopin gespielt wird und nicht Jolivet, ist eigentlich verständlich.

...eine andere Frage, ob man einen Chopin-Wettbewerb dringend und notwendig braucht...

herzliche Grüße,
Rolf
 
Guten Abend!

So schlecht bin ich ja gar nicht, daß ich jemandem seine Glücksgefühle
beim Anhören irgendeines romantischen Virtuosenkonzerts mißgönne -
gespielt von der gerade am dransten seienden pianistischen Neuentdeckung.

Aber ein paar Fragen muß ich doch loswerden.

Liegt dem prinzipiellen Mißtrauen, das den Selektionsverfahren in den Wettbewerben (Chopin, Rubinstein)
begegnet, nicht die Erfahrung zugrunde, daß der Handlungsspielraum der Juroren objektiv immer kleiner wird,
auch wenn sie nicht ihre Privatschüler durchzuboxen versuchen?
Eine irrwitzige Verwertungskette klirrt allen Beteiligten an den Fußgelenken, bei jedem Schritt, den sie tun,
vorab schon mal durch die Verpflichtung zur massentauglichen Repertoireauswahl.
Jedenfalls erinnern mich die obligatorischen "Skandal!"-Rufe an die Protestchöre
vor den Ruinen des Stuttgarter Hauptbahnhofs: in beiden Fällen Reaktionen der Ausgesperrten
auf das eigennützig wirkende Verhalten der in ihrer Festung Eingemauerten.

Zum Thema Massentauglichkeit der Stückauswahl: Fällt denn niemandem auf,
was für museale Veranstaltungen diese Wettbewerbe sind? Es werden jahrauf, jahrab
dieselben, über hundert Jahre alten Klavierkonzerte gespielt. Chopin oder Rubinstein
würden nicht nur in den nach ihnen benannten Wettbewerben durchfallen,
weil sie ihre Musik in einer Form spielten, die den Juroren mißfiele,
sie würden sich überhaupt weigern, ihr eigenes altes Zeugs zu spielen.

Das mindeste wäre, der Phalanx anrückender Wettbewerbsteilnehmer
mal als Pflichtstück Werke wie das Klavierkonzert von Jolivet aufzubrummen -
oder Cages Klavierkonzert (beide auch schon keine taufrischen Stücke mehr):
damit umzugehen erbrächte jedenfalls den Nachweis musikalischer Intelligenz.
Es würde nur kein Schwein mehr zuhören - außer (und dann erstmalig!)

Gomez

Hallo Gomez,

dein Post ist zu köstlich und ich hoffe, du bist nicht böse, dass ich als erstes gewisse sprachliche Bonmots würdige, obwohl ich weiß, dass es dir wirklich ernst ist mit deiner Kritik.

Ich gebe dir auch in vielen Punkten recht, trotzdem bin ich froh, dass es diesen Wettbewerb gibt. Gerade die Mazurken (die ich die am schwierigsten zu interpretierenden Werke finde), wird man in einer solchen Vielzahl an Interpretationen nicht so leicht finden - überhaupt finde ich es interessant, sich mal mit nur einem Komponisten, und zwar mit einem, der hauptsächlich nur Klaviermusik geschrieben hat, zu beschäftigen. Außerdem findet der Wettbewerb ja nur alle 5 Jahre statt.

Was den musealen Charakter angeht, könnte man natürlich auch viele Konzertprogramme der hiesigen Kulturlandschaft Deutschland :D dazu zählen.

Was ich auch absolut glaube, ist, dass Chopin & Co. selbst einen solchen Wettbewerb total langweilig und an ihren Intentionen vorbei finden würden! Komponieren bedeutet ja auch, mal ganz laienhaft gesagt, Entwicklung, Fortschritt, Grenzen sprengen etc. und da findet sich in so einem Wettbewerb nicht viel.

Ich bin kein Verfechter von Wettbewerben, aber trotzdem fand ich es total interessant, ab und zu in die Runden hineinzuhören.

Liebe Grüße

chiarina
 

Njet... gehört ohnehin zur Hälfte den Froschfressern...

Sollen sie doch mal den famosen Szymanowski nehmen,
dessen Mazurken, die Etüden und die "Symphonie concertante" op.60...

Ist das keine gute Musik? Oder ist Polen damit schon wieder verloren?

Und erst recht mit Lutoslawskis Klavierkonzert?

Fragen über Fragen...


Danke Euch beiden, Chiarina und Rolf, für die netten Antworten!

Gomez
 
Njet... gehört ohnehin zur Hälfte den Froschfressern...

:D :D :D :D

Zitat von Studentenlied spätes 19.Jh.:
wer Frösche frisst, braucht Disziplin,
sehnt sich nach starker Hand -
drum lasses uns gen Frankreisch zieh´n
befreien Frosch und Land

die Sonaten vom "polnischen Skrjabin" (Szymanowski) sind auch spielenswert - nur halt nicht beim Chopin-Wettbewerb

...und denk an Nietzsche:
Zitat von Nietzsche:
ich selbst bin immer noch Pole genug, um gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben

herzliche Grüße,
Rolf
 
die Sonaten vom "polnischen Skrjabin" (Szymanowski) sind auch spielenswert -
nur halt nicht beim Chopin-Wettbewerb

Warum? Bislang eine reine Behauptung...

Szymanowskis vierte Symphonie, die "Symphonie concertante" op.60 für Klavier und Orchester
wäre als Abschlußstück wunderbar geeignet.

Und wird denn beim Rubinstein-Wettbewerb nur Rubinstein gespielt?


Gruß an alle Werwölfe

(die Aspirin-Tablette, wie Arno Schmid den Vollmond 'mal genannt hat, hängt grad da oben rum)
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:

und bitte kein Buhuhu jede Note von Rubinstein ist pures Herzeblut

Das ist ganz bestimmt jede Note von ihm - nur habe ich eine andere Blutgruppe.

Auf die Gefahr hin, mich papageiengleich zu wiederholen:

Wäre die "Symphonie concertante" op.60 nicht auch ein schönes Abschlußstück?

Und dann würden mal ein paar mehr Leute sie kennen- und liebenlernen...

ist ja nun keine besonders publikumsabweisende Musik...
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
...eine andere Frage, ob man einen Chopin-Wettbewerb dringend und notwendig braucht...

Dringend notwendig braucht man überhaupt nichts.
Nicht mal das Essen, weil dann stirbt man eben. ;)

Ich war jedenfalls froh so viele unterschiedliche Pianisten auf einem Haufen erleben zu haben.
Dass die Stückauswahl recht begrenzt war kam mir eigentlich nur gelegen.
Nebenbei lassen sich viele Klischees, wie "die Asiaten haben alle keine eigene Persönlichkeit" und viele andere Klischees hautnah selbst überprüfen.

Wenn man an einer Musikhochschule arbeitet, dann ist das alles wohl schon zur Gewohnheit geworden, dann langweilt es einen und man sieht nicht mehr viel Neues. Logisch.
Das gilt aber nicht für jeden. :)


Übrigens : Man kann sich die Archive immer noch anhören, die funktionieren noch. Fragt sich nur wie lange noch. ;) (die Qualität ist besser als auf Youtube)
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Was den musealen Charakter angeht, könnte man natürlich auch viele Konzertprogramme
der hiesigen Kulturlandschaft Deutschland dazu zählen.

Liebe Chiarina!

Die Kandidatin hat 100 Punkte!

So isses! Und man könnte sich Gedanken machen über die in endloser Wiederholung

erstarrte Beschäftigung mit der Kunstmusik des Abendlandes -

wie bei 'ner Vinylschallplatte mit Knackser.


Aber ich kann mich dazu nicht weiter äußern, muß zur Arbeit.

Herzliche Grüße!

Gomez

.
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Wäre die "Symphonie concertante" op.60 nicht auch ein schönes Abschlußstück?

aber ja doch!!! - - beim Szymanowski-Wettbewerb :D :D :D

Klavierwettbewerbe mit der herausrgenden Klaviermusik eines Komponisten, der nahezu nur Klavierwerke geschrieben hat (ich muss wohl die Verdienste Chopins um die Klaviermusik und Klaviertechnik nicht auflisten) sind gar nicht allzu absurd - - Alternativen in diesem Bereich wären ein Alkan- und ein Skrjabin-Wettbewerb (ersterer könnte etwas langweilig ausfallen). Nun kommt bei Chopin, der zwischen 1830-50 wohl der einzige ernstzunehmende polnische Komponist war (Moniuszko kennt man kaum, zudem ist seine nationale Bedeutung in der Oper zu finden: Halka, straszny dwor), eben noch die Sonderstellung in Polen hinzu.

das sei Polen gegönnt - -lieber so ein Spektakel, als die halbierten Zwillinge...
:D
 
Ich muss sagen, dass Avdeeva das e-moll-Konzert diesmal wirklich ganz toll gespielt hat. Ganz anders meiner Meinung nach als in der letzten Runde, wo es mir gar nicht gut gefallen hat. Vielleicht war sie da zu nervös. Jedenfalls fand ich ihre Interpretation diesmal sehr lebendig, differenziert und klangschön.

Ich habe mir erst jetzt das (erste) Preisträgerkonzert angehört und muss dir recht geben, Chiarina. Mir hat Avdeeva mit dem e-Moll-Konzert diesmal auch sehr gut gefallen. Ihre Fähigkeiten, die lyrischen und sanften Stellen zum Ausdruck zu bringen, sind wirklich überragend. Dennoch fiel mir auch wieder auf, dass ihr im weiteren Verlauf etwas die Energie ausgeht. Der 1. Satz hat mich noch voll und ganz überzeugt. Im 3. Satz war manchmal so etwas komisch Stockendes drin, wo ich innerlich ein viel drängenderes Gefühl habe. Egal, - nach diesem Konzert finde ich, dass sie zu recht gewonnen hat.

Und Wunder hat das Andante spianato unglaublich toll interpretiert!!!
Ja, das Andante spianato war wirklich toll. Aber mit seiner Interpretation der Polonaise brillante kann ich mich überhaupt nicht anfreunden.

Grüße von
Fips
 

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