Wie übe ich schnelle, virtuose Stücke.

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Bachopin

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Hi,

ich wollt hier mal verschiedene Übe-Methoden für sehr schnelle, virtuose Abschnitte (Phrasen, Takte, ganze Stücke) vorstellen. Das virtuose schnelle Spiel ist ja für viele (für mich auch) ein Hauptproblem. Die Methoden sind nicht neu und schon bekannt. Ich wollte sie nur mal kompakt und möglichst vollständig (auch für mich) zusammenstellen.

Vorbemerkungen:
Um eine hohe Geschwindigkeit zu trainieren, ist es besser die Hände getrennt zu üben. Beide Hände zusammen zu üben ist nicht so effektiv, da immer eine Hand die langsamere ist und die andere Hand ausbremst und außerdem die Übe-Geschwindigkeit durch die notwendige Koordination der Hände reduziert wird. Wirkung: Die langsamere Hand wird nicht richtig trainiert und die schnellere wird unterfordert.

Das Erreichen/Üben des Zusammenspielens beider Hände ist ein anderer Prozess (wird hier nicht behandelt).

Falls das gesamte Stück sehr schnell, virtuos ist (z. B. Chopin Etüden), dann muss man das Stück natürlich in sinnvolle Unterabschnitte einteilen, die nacheinander erarbeitet werden.

Sehr schnell zu spielenden Noten werden nur durch die Kombination/Koordination von mehreren Bewegungen (Finger, Handgelenk (-Rotation), Unter/Oberarm, Schulter) des gesamten Arms (Körpers) erreicht, da jede einzelne Bewegung (z.B. nur die Finger) für sich zu langsam wäre. Das ist das gleiche wie in technischen Sportarten (Tennis, Golf, Fußball), wo das Schlagen eines Balles mit Höchstgeschwindigkeit nur durch eine komplexe Koordination des gesamten Bewegungsaparates erreicht wird.

Das Zieltempo sollte übrigens 10-20% schneller sein, wie die Tempo Angabe des Stücks, da eine Tempo Reserve erarbeitet werden sollte, die für die Koordination beider Hände, für den Kontroll-Verlust bei einem Auftritt, für die Musikalität, etc. benötigt wird.

1.) Metronom schrittweise erhöhen
Die meiner Meinung nach schlechteste Methode zu erst. ;-)

Den Abschnitt mit Metronom in einem spielbaren Tempo üben. Wenn man den Abschnitt in diesem Tempo fehlerfrei spielen kann, das Metronom ein bisschen schneller stellen und wieder üben. Das wiederholen bis das Zieltempo erreicht ist.

Wichtig: Der Abschnitt muss von Anfang an mit dem Fingersatz und den notwendigen Bewegungen (Koordinationen) des Zieltempos gespielt werden, sonst werden für das Zieltempo die falschen Bewegungen eintrainiert. Man muss die fürs Zieltempo notwendigen Bewegungen praktisch in Zeitlupe ausführen.
Das Problem ist, dass man die richtigen Bewegungen vorher kennen muss. Man kann die richtigen Bewegungen durch Experimente im Zieltempo an kleinen Teil-Abschnitten ermitteln, aber eigentlich führt man dann Methode 2 aus.

Typische Anwendungsbeispiele:
?

2.) Abschnitt in kleine, überlappende Teile aufteilen und diese einzeln mehrfach im Zieltempo oder schnellstmöglich wiederholen.

Der Abschnitt wird so aufgeteilt, dass die einzelnen Teile von Anfang an im Zieltempo spielbar sind. Im Extrem sind das nur 2 Noten. Die einzelnen Teile sollten mit mindestens einer Note überlappen. Jeder Teil wird mehrfach nur für sich wiederholt (Experten sagen: max. 10 mal, mehr bringt nichts). Man kann die Teile auch jeweils mit maximal möglicher Geschwindigkeit üben. Die einzelnen Teile werden natürlich mit dem Fingersatz des gesamten Abschnitts gespielt.
Nach einem fehlerfreien Durchgang aller Teile wird jeder Teil um einen benachbarten Teil ergänzt.
Beispiel:
Man hat z. B. insgesamt 5 Teile:
Zuerst übt man nacheinander: 1, 2, 3, 4, 5
Dann übt man 1+2, 2+3, 3+4, 4+5
Dann 1+2+3, 2+3+4, 3+4+5
Dann 1+2+3+4, 2+3+4+5
Dann 1+2+3+4+5

2a) Andere Systematik zur Aufteilung, speziell bei einem Abschnitt aus gleichen Notenwerten (typischerweise 1/16):
Man spielt nur die ersten 4 Noten (4 * 1/16) und wiederholt diese mehrfach. Man geht so den ganzen Abschnitt durch indem man den Start der 4 Noten immer um eine Note (1/16) verschiebt.
Dann spielt man 5 Noten und verschiebt wieder jeweils um eine Note.
Dann 6, 7 Noten, etc.

Typische Anwendungsbeispiele:
?

3.) Abschnitt mit rhythmischen Variationen spielen (gleich im Zieltempo oder langsamer)

Typische Varianten:
punktierter 1/8 + 1/16
1/16 + punktierter 1/8

1/8 + zwei 1/16
zwei 1/16 + 1/8

Gibt noch viele andere Varianten.

Diese Methode verbessert meiner Meinung nach aber mehr die Genauigkeit und Gleichmäßigkeit als die Geschwindigkeit.

Typische Anwendungsbeispiele:
?

4.) Abschnitt in gleichzeitig spielbare Noten (Akkorde) aufteilen

Jede einstimmige Sequenz (Skalen, Aperggien) kann so aufgeteilt werden, dass bestimmte aufeinander folgende Noten vom Fingersatz her gleichzeitig als Akkord gespielt werden können. Der gesamte Abschnitt lässt sich damit als Abfolge von Akkorden spielen. Jeder Akkord für sich bedeutet, dass die enthaltenen Töne unendlich schnell gespielt werden. Limitiert wird die Gesamtgeschwindigkeit nur noch durch den Wechsel von einem Akkord in den nächsten.
Man kann jetzt speziell diesen limitierenden Lagenwechsel von einem Akkord in den anderen üben.
Die Akkorde können dann als sehr schnelle Aperggien gespielt werden und man nähert sich von hoher Geschwindigkeit dem Zieltempo an.

Die Akkorde müssen wieder mit dem Fingersatz, als ob der komplette Abschnitt gespielt wird, gespielt werden.

Typische Anwendungsbeispiele:
Chopin, Fantasie Impromptu (RH und LH)
Beethoven, Mondscheinsonate 3. Satz (Aperggien in RH)

5.) Weniger Noten (Leittöne) im Zieltempo spielen und dann wieder auffüllen

Man spielt den Abschnitt gleich im Zieltempo, aber nicht alle Noten sondern nur die wichtigsten Leittöne.
Bei einer Sequenz in 1/16 sind das meisten die 1/16 auf dem Beat. Das sollte im Zieltempo kein Problem sein. Wenn das klappt, nimmt man nach und nach andere Noten wieder dazu. z. B. die 1/16 auf dem 1/8 Offbeat, usw. bis man den Abschnitt mit allen Noten kann.

Auch hier ist wieder wichtig, dass man die reduzierten Töne von Anfang an mit dem Fingersatz des kompletten Abschnitts spielt.

Wichtiger Vorteil: Wenn man die Leittöne im Zieltempo spielt, was normalerweise einfach ist, kann man damit schon sehr früh die musikalische Entwicklung/Ablauf des Stückes auch mit der LH im Orginaltempo üben, bevor man es technisch mit allen Noten spielen kann.

Typische Anwendungsbeispiele:
Chopin, Etude op.10/1

6.) Horizontale Verschiebung mit einem Finger

Bei Aperggien oder tonleiter ähnlichen längeren Abschnitten, wo die Hand über eine weite Strecke in einer Richtung verschoben werden muss, ist folgende Methode sehr gut:
Man spielt aus dem Fingersatz des Abschnitts nacheinander immer nur einen Finger und übt dadurch die horizontale Verschiebung.
Vorteil: Da nur ein Finger benützt wird, kann man die horizontale Verschiebung in einem hohen Tempo üben.

Beispiel:
Z. B. C-Dur Tonleiter cde fgah c'd'e' ... mit Fingersatz 123 1234 123 ... über mehrere Oktaven.
Zuerst spielt man nur den Daumen: 1 1 1... also c f c' f' c'' ...
Dann Zeigefinger: 2 2 2 ... = d g d' g' d'' ...
usw.

Bitte ausprobieren, ist wirklich sehr effektiv.

Abschliessende Bemerkung:
Methode 1 halte ich für die schlechteste. Diese wird wahrscheinlich aber am meisten benützt.
Man sollte nicht nur eine Methode benützen, sondern grundsätzlich alle probieren/testen, da die Methoden unterschiedlich effektiv bei unterschiedlichen Stücken sind.

Alle Methoden werden von mir angewendet und haben in meiner Übungspraxis ihre Effektivität gezeigt.

Ich bitte um Kommentare, Ergänzungen, etc..

Gruß
 
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Sesam

Sesam

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Hallo Bachopin!
Da hat sich aber einer Mühe gegeben! Vielen Dank!!
Eine kleine Ergänzung könnte ich noch beisteuern:
Einen ausgewählten Abschnitt oder das Ganze in ausgesprochenem staccato-Anschlag spielen. Das Tempo dabei steigern. Mir hilft das jedenfalls, Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit zu erzielen.
LG, Sesam
 
.marcus.

.marcus.

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Um gut schnell zu spielen, übe ich die entsprechende Passage gaaanz langsam und ohne Pedal. Lange haben Klavierlehrer auf mich eingeredet, ich solle doch langsam üben, um schnell spielen zu lernen. Ich fand das immer paradox, aber es funktioniert :rolleyes:

Wenn ich das richtig kann, ist eigentlich kein großer Schritt mehr.

lg marcus
 
B

Bachopin

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Hi Sesam,

stimmt, das mit dem staccato hab' ich auch schon gemacht, aber ich bin mir nicht sicher ob das wirklich zur Geschwindigkeitssteigerung taugt.

Muss ich mal wieder ausprobieren.

Gruß
 
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B

Bachopin

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Hi .marcus.,

das hört und liest man oft mit diesem gaaanz langsam spielen. Ich glaube man muss das aber mit den anderen Methoden kombinieren. Die Wirkung kommt glaube ich daher, weil durch die (extrem) langsame Bewegung das Unterbewusste besonders stimuliert wird. ZEN Kampfsportarten und so machen das auch.

Ich werde das auch mal testen.

Und ohne pedal das hatte ich vergessen.

Gruß
 
.marcus.

.marcus.

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Hi .marcus.,
Die Wirkung kommt glaube ich daher, weil durch die (extrem) langsame Bewegung das Unterbewusste besonders stimuliert wird. ZEN Kampfsportarten und so machen das auch.
Ich denke eher, dass viele schnell üben, und dabei die falschen Bewegungsmuster anwenden. Dann versucht man die ganze Zeit das Tempo zu steigern und es wird nicht besser :mad: Ebenweil man seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Es ist klar, dass man das Tempo dann natürlich noch steigern muss, aber ich denke nicht, dass das dann ein Problem sein sollte.

Wie meinst du das mit der Stimulation des Unterbewusstseins? Was soll das Unterbewusstsein denn machen?

EDIT:
Zitat von Bachopin:
4.) Abschnitt in gleichzeitig spielbare Noten (Akkorde) aufteilen
Danke, dass du an diese Methode erinnerst. Habe sie gerade angewandt und damit erste Erfolge bei einer zuvor aussichtslosen Stelle erlebt.

lg marcus
 
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B

Bachopin

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Hi .marcus.,

ich bin kein Psychologe, wahrscheinlich ist der Begriff Unterbewusstsein für das was ich meine falsch.

Ich meine den Teil vom Gehirn, der für eine bestimmte Bewegung, das Bewegungsmuster/Koordination anlegt, das dann in hohem Tempo abgerufen werden kann.

Ich hab' ein Buch "ZEN und die Kunst Gitarre zu spielen". Da muss ich mal nachschauen, da wird das näher erklärt.

Gruß
 
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Madita76

Madita76

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Hallo Bachopin,

erstmal vielen Dank für deine Arbeit, die du nicht nur für dich! gemacht hast ;)

Eine kleine Anmerkung meinerseits:
Mir wurde bisher auch immer eingebläut, die Abschnitte eine Stücks laaaaangsam einzustudieren und zu üben. Oftmals wechsle ich zu schnell in ein höheres Tempo und handle mir dadurch Unanehmlichkeiten und fehlerhafte Strukturen ein. Meiner bisherigen Erfahrung nach klappts in der Tat besser, wenn man zunächst mal langsam übt.

Woher hast du den Tipp mit dem Üben in Zielgeschwindigkeit?

Beste Grüße von Madita
 
Klavirus

Klavirus

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Hi, Bachopin,

mir kommt vieles bekannt vor, Du hast nicht etwa den "Chang" ausgeschlachtet, oder hat der etwa bei Dir abgekupfert? ;)

Ich denke, jeder muss seine am besten wirksamen Methoden selber rausfinden und am Ende gibt es doch nicht DIE Methode. Toll, dass Du Dir die Arbeit gemacht hast, ich werde einiges wieder mal ausprobieren. Mit der Schnelligkeit klappts bei mir eben noch nicht so richtig. Das allmählich schneller werden ist eben der schlechtere Weg, der aber bei vielen Klavierlehrern scheinbar doch propagiert wird, leider.
Naja, ich spiele ja von Haus aus ja lieber langsame Stücke, da ist es nicht so vordergründig wichtig schnell zu spielen, obwohl es einen gewaltigen "Kick" beinhaltet, mal so richtig loszulegen (gelingt mir nur manchmal bei Tonleitern, wenn ich viel Hände getrennt geübt habe- und Staccato, habe aber oft keine Lust darauf- Motivation?)

Das Langsamspielen ist aber ein schon routinemäßig wichtiger Bestandteil geworden, da ich das selbst erfahren durfte, dass nur dadurch die Stücke vorspielreif werden, aber auch schnell??? Muss ich mal schnell ausprobieren.:rolleyes:

Klavirus
 
B

Bachopin

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Hi all,

da einige nach den Quellen fragen:

1.) Eigene Erfahrung, eigene Experimente/Versuche

2.) C. Chang, FOP

3.) User Bernhard aus dem Piano Street Forum
Einstiegslink:
http://www.pianostreet.com/smf/index.php/topic,5767.msg56133.html#msg56133

4.) On Piano Playing: Motion, Sound, and Expression von Gyorgy Sandor

5.) Technik des Klavierspiels: Ein Handbuch für Pianisten von Rudolf Kratzert

6.) Klavier-Choreographie von Seymour Bernstein

und vieles andere ...

Wo was genau her ist, müsste ich aufwendig recherchieren.
Aber alles was ich aufgeschrieben habe, ist aus meiner eigenen Übungs Praxis.

Gruß
 
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B

Bachopin

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Hi Klavirus,

ich spiele auch lieber langsamere Stücke, aber ich hab' zumindestens bei mir ein bischen das Gefühl, dass das auch daher rührt, weil man Probleme mit den schnellen Stücken hat.

Seit ich mich mehr auch an virtuosen Stücken versuche, hat sich meine Haltung geändert. Ist logisch, dass man mehr Spass daran hat, wenn es auch klappt.

Ich hab' in meiner Jugend leider "klassischen" veralteten Klavierunterricht gehabt. Nur Daumenuntersatz, gekrümmte Finger, festes Handgelenk, Hanon etc..

In den letzten 2-3 Jahren hab' ich mich angeregt durch C.Chang mit moderner Klavier Pädagogik beschäftigt. Dadurch erzielte ich grosse Fortschritte.

Das wichtigste, was ich gelernt habe:

Man muss lernen zu lernen.

Irgendetwas vorgebeten zu kriegen ist falsch. Man muss eigene Experimente machen und versuchen diese möglichst rational zu bewerten.
Es gibt keinen Grund etwas nach einer Methode zu lernen, wenn es eine andere gibt, mit der man das gleiche in kürzerer Zeit lernt.

Gruß
 
K

koelnklavier

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langsam spielen, um auf Tempo zu kommen

Um gut schnell zu spielen, übe ich die entsprechende Passage gaaanz langsam und ohne Pedal.

Die Wirkung kommt glaube ich daher, weil durch die (extrem) langsame Bewegung das Unterbewusste besonders stimuliert wird. ZEN Kampfsportarten und so machen das auch.
Die Gefahr beim "traditionellen" Langsamspielen ist, daß man sich auch langsame, schlaffe Bewegungen antrainiert. Deswegen sollte man sich immer klar machen, daß es beim Langsamspielen um ein mentales Phänomen geht (deswegen ist "die Bedeutung des Zen für die Kunst des Bogenschießens" ein passendes Bild - auch wenn es mittlerweile abgegriffen ist):
  • Mit einem Höchstmaß an Bewußtsein eine Aktion planen (z.B. zwei Töne spielen mit einer klar definierten Lautstärke, Artikulation, Tempo). Wichtig ist der mentale Zustand im Augenblick vor der eigentlichen Ausführung (vergleichbar dem Spannen eines Bogens)
  • Die geplante Aktion zielgerichtet (ohne Zögerlichkeiten) ausführen - den "Pfeil abschießen" (wobei man auf den Pfeil keinerlei Einfluß mehr besitzt, wenn er die Sehne einmal verlassen hat).
  • Die Qualität der Ausführung überprüfen, sich des Körpergefühls bewußt werden, daß man im Augenblick der Aktion gehabt hat - und vor allem: Einprägen! (auch das hat etwas mit Dauer und Verweilen zu tun.
  • Und dann die nächste Aktion planen
  • ...
"Aktion" kann dabei viele unterschiedliche Dinge beschreiben. können zwei Töne sein, es kann aber auch ein einzelner Ton (z.B. im staccato) sein mit einem Positionswechsel. Es kann auch ein ganzer Lauf sein.
 
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mad83

mad83

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Hallo!

Also ich muss aus eigener Erfahrung sagen, dass langsames Üben einen in Sachen Geschwindigkeit (und vor allem Sicherheit) schon sehr weit bringen kann. Ich habe sehr lange Zeit im Ultra-Schnecken-Tempo geübt mit Metronom auf 32 (und tu dies auch immer noch häufig). Aber mir hat es eher wenig dabei geholfen, eine Technik für schnelles Spiel zu entwickeln. Im Grunde habe ich nur weniger optimale Bewegungen verfeinert und perfektioniert, anstatt die wirklich idealen (für mich idealen) Bewegungen zu finden und zu üben.

Was meine Spielweise diesbezüglich revolutioniert hat (ernsthaft) war der Gedanke, nicht alles legato spielen zu müssen. Besser noch: beim langsamen Spielen schneller Passagen einfach gar nichts (!) legato zu spielen, obwohl unter Umständen in den Noten deutlichst legato drinsteht. Ich meine damit kein abgehacktes Spiel, sondern eine besondere Art des "Anschlags" des einzelnen Fingers, eine eigene Technik fürs Schnellspielen sozusagen. Sie klingt wahrscheinlich beim Langsamspielen völlig deplatziert und unmusikalisch. Wenn man aber schnell spielt (und die Technik drauf hat) perlig und differeziert. Der Legatoeindruck entsteht dann, wenn die Töne trotz allem "bogenmäßig phrasiert" werden, es ist vielleicht kein nonlegato im eigentlichen Sinne.
Gezeigt hat's mir mein jetziger Klavierlehrer. Und es funktioniert einfach deshalb, weil beim Spielen einer Taste mit dem Finger nicht zwei Bewegungen verwendet werden (runter und wieder rauf) sondern nur eine: ein schnelles Abziehen der Taste vom vorderen Fingerglied ausgehend, als würde man Krümel auf der Taste entfernen wollen. Im Endeffekt sind es vielleicht weiterhin zwei Bewegungen und die "Kraft" kommt aus dem Fingerwurzelgelenk, das die Hauptarbeit leistet, aber ich brauche für die zweite Bewegung keinen eigenen Impuls. Außerdem beginnt meine Bewegung dadurch automatisch erst von der Oberfläche der Taste aus und nicht schon in der Luft (Ich hab früher für einen stärkeren Ton gerne ausgeholt, oder gemeint ich müsste es). Man muss die Bewegung vorbereiten, indem man den Finger schon an der Taste hat und diese leicht berührt. Und das kann man wunderbar langsam üben: "Andocken" und "Zack" und ab dem Moment ist man bereits frei für die nächste Bewegung. Es ist wie ein Kratzen und die Kontrolle des einzelnen Tons erfolgt nur in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem die Taste beschleunigt wird. Dafür dass jeder Finger durch das Abziehen eine ähnliche Lautstärke erzeugt muss man schon sehr üben und experimentieren und der Daumen muss seitlich wegziehen, was allein deswegen schon ziemlich kompliziert ist am Anfang. Und die Finger müssen auf Unabgänigkeit hin trainiert werden. Aber es geht!

Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Technik in einem Gegensatz zur "Gewichtstechnik" steht oder eine reine Fingertechnik ist, sie kann mit jeder Arm- und Handgelenksbeweung kombiniert werden.
Sie bietet einfach einen ökonomischeren Umgang mit dem schwächsten Teil unserer Spielapparatur und ich habe es als Befreiung empfunden, mich nicht mehr um die Dauer von einem von acht Tönen pro Sekunde kümmern zu müssen.

Wahrscheinlich machen es viele schon instinktiv so oder kennen diese Technik schon.
Ich wollte trotzdem mal davon berichten.

Gruß
mad
 
tastenblog.de

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Metronom schrittweise erhöhen ...

Hallo *,
Hi,

(...)

1.) Metronom schrittweise erhöhen
Die meiner Meinung nach schlechteste Methode zu erst. ;-)

Den Abschnitt mit Metronom in einem spielbaren Tempo üben. Wenn man den Abschnitt in diesem Tempo fehlerfrei spielen kann, das Metronom ein bisschen schneller stellen und wieder üben. Das wiederholen bis das Zieltempo erreicht ist.

(...)
Gruß
Die schrittweise Erhöhung des Metronoms / der "Schlagzahl" bringt nach meiner persönlichen Erfahrung und auch nach gängiger Lehr(er)meinung nicht wirklich effizienten und sicheren Geschwindigkeitsgewinn. Was gut funktioniert, ist bei sehr langsamem Starttempo und Beherrschung eines Teilabschnitts die Verdopplung des Metrums / Tempos. Wenn das nicht funkiontioniert, muss wieder auf's halbe Tempo zurückgeschaltet werden.

Herzliche Grüße aus dem Rheinland

Matthias
 
Haydnspaß

Haydnspaß

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Ich behaupte mal, es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied in der Spielweise von langsamen und schnellen Stücken.

Das langsame Üben hat aber den großen Vorteil, daß man sich erstens besser (genauer) zuhören kann und zweitens daß man seine Bewegungen genauer beobachten kann.

In bezug auf die Fingeraktivität sehe ich die Gefahr des Langsamübens schneller Stücke nicht in zu schlappen sondern im Gegenteil in zu großen und zu aktiven Fingerbewegungen Je schneller man spielt umso kleiner und unangestrengter müssen die Fingerbewegungen sein und umso leiser spielt man dann auch. Daher können die Finger beim Langsamüben garnicht schlapp genug sein. Andernfalls muß man die übertriebenen Bewegungen später beim Schnellspielen wieder "verlernen" - was sehr sehr schwer ist, ich spreche aus Erfahrung.

Zum Themengebiet unterschiedlicher Anschlagsarten gäbe es natürlich noch eine Menge zu sagen, das würde aber zu weit vom Thema wegführen.
 
mad83

mad83

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Je schneller man spielt umso kleiner und unangestrengter müssen die Fingerbewegungen sein und umso leiser spielt man dann auch.
Meine Meinung dazu: Die Kraftaufwendung für zwei Achtel in einem bestimmten Tempo ist größer als die Kraftaufwendung für eine Viertel. Genauso ist die Kraftaufwendung für einen Doppelgriff größer als für eine einzelne Note pro Hand. Und die Kraftaufwendung ist umso höher, je lauter man spielen will.

Gerade deswegen ist es ja so wichtig, den Kraftaufwand für die Erzeugung eines einzelnen Tones so gering wie möglich zu halten, um die nötigen Reserven für schnelleres Spiel bereithalten zu können.

Die Frage ist also nicht: Wieviel Kraft brauche ich? (Denn in den Fingern hat man nur begrenzt Kraft) Sondern: Wieviel Kraft verschenke ich beim Spielen?
 
.marcus.

.marcus.

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Die Gefahr beim "traditionellen" Langsamspielen ist, daß man sich auch langsame, schlaffe Bewegungen antrainiert.

Zitat von Haydnspaß:
In bezug auf die Fingeraktivität sehe ich die Gefahr des Langsamübens schneller Stücke nicht in zu schlappen sondern im Gegenteil in zu großen und zu aktiven Fingerbewegungen (...) Andernfalls muß man die übertriebenen Bewegungen später beim Schnellspielen wieder "verlernen" - was sehr sehr schwer ist, ich spreche aus Erfahrung.
Das find ich ja interessant und es widerspricht meinen Erfahrungen :)

Wenn ich im langsamen Tempo übe, übertreibe ich immer die Bewegungen bewusst. Je langsamer, desto mehr Handgelenk-, Fingerbewegung. Meine KL will das auch genau so, und meint dazu: Im schnellen Tempo fallen die Bewegungen natürlich geringer aus, aber sie sind immer noch da (und von der Grundbewegung genauso).

@Haydnspaß: Glaubst du, dass dieses "Zurückfahren" der Bewegungen nicht funktioniert?

Schön wieder von dir zu hören, Haydnspaß :o

lg marcus
 
B

Bachopin

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Hi,

hab' im Anfangs-Post noch folgende Methode hinzugefügt:

6.) Vertikale Verschiebung mit einem Finger

Bei Aperggien oder tonleiter ähnlichen längeren Abschnitten, wo die Hand über eine weite Strecke in einer Richtung verschoben werden muss, ist folgende Methode sehr gut:
Man spielt aus dem Fingersatz des Abschnitts nacheinander immer nur einen Finger und übt dadurch die vertikale Verschiebung.
Vorteil: Da nur ein Finger benützt wird, kann man die vertikale Verschiebung in einem hohen Tempo üben.

Beispiel:
Tonleiter z. B. cde fgah cde .. mit Fingersatz 123 1234 123 ...
Zuerst spielt man nur den Daumen: 1 1 1 also c f c f ...
Dann Zeigefinger: 2 2 2 = d g d ...
usw.

Bitte ausprobieren, ist wirklich sehr effektiv.

Vielleicht mach ich noch Beispiele (mit mp3's) zu den einzelnen Methoden, damit man es besser versteht. Besteht da Interesse?

Gruß
 
sorell

sorell

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Hallo!

Was meine Spielweise diesbezüglich revolutioniert hat (ernsthaft) war der Gedanke, nicht alles legato spielen zu müssen. Besser noch: beim langsamen Spielen schneller Passagen einfach gar nichts (!) legato zu spielen, obwohl unter Umständen in den Noten deutlichst legato drinsteht. Ich meine damit kein abgehacktes Spiel, sondern eine besondere Art des "Anschlags" des einzelnen Fingers, eine eigene Technik fürs Schnellspielen sozusagen. Sie klingt wahrscheinlich beim Langsamspielen völlig deplatziert und unmusikalisch. Wenn man aber schnell spielt (und die Technik drauf hat) perlig und differeziert. Der Legatoeindruck entsteht dann, wenn die Töne trotz allem "bogenmäßig phrasiert" werden, es ist vielleicht kein nonlegato im eigentlichen Sinne.
Gezeigt hat's mir mein jetziger Klavierlehrer. Und es funktioniert einfach deshalb, weil beim Spielen einer Taste mit dem Finger nicht zwei Bewegungen verwendet werden (runter und wieder rauf) sondern nur eine: ein schnelles Abziehen der Taste vom vorderen Fingerglied ausgehend, als würde man Krümel auf der Taste entfernen wollen. Im Endeffekt sind es vielleicht weiterhin zwei Bewegungen und die "Kraft" kommt aus dem Fingerwurzelgelenk, das die Hauptarbeit leistet, aber ich brauche für die zweite Bewegung keinen eigenen Impuls. Außerdem beginnt meine Bewegung dadurch automatisch erst von der Oberfläche der Taste aus und nicht schon in der Luft (Ich hab früher für einen stärkeren Ton gerne ausgeholt, oder gemeint ich müsste es). Man muss die Bewegung vorbereiten, indem man den Finger schon an der Taste hat und diese leicht berührt. Und das kann man wunderbar langsam üben: "Andocken" und "Zack" und ab dem Moment ist man bereits frei für die nächste Bewegung. Es ist wie ein Kratzen und die Kontrolle des einzelnen Tons erfolgt nur in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem die Taste beschleunigt wird. Dafür dass jeder Finger durch das Abziehen eine ähnliche Lautstärke erzeugt muss man schon sehr üben und experimentieren und der Daumen muss seitlich wegziehen, was allein deswegen schon ziemlich kompliziert ist am Anfang. Und die Finger müssen auf Unabgänigkeit hin trainiert werden. Aber es geht!

Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Technik in einem Gegensatz zur "Gewichtstechnik" steht oder eine reine Fingertechnik ist, sie kann mit jeder Arm- und Handgelenksbeweung kombiniert werden.
Sie bietet einfach einen ökonomischeren Umgang mit dem schwächsten Teil unserer Spielapparatur und ich habe es als Befreiung empfunden, mich nicht mehr um die Dauer von einem von acht Tönen pro Sekunde kümmern zu müssen.

Wahrscheinlich machen es viele schon instinktiv so oder kennen diese Technik schon.
Ich wollte trotzdem mal davon berichten.

Gruß
mad

Einfach genial! Ich habe es durchgelesen, nicht aber richtig verstanden, trotzdem habe ich es sehr interessant und neu empfunden und sofort angefangen auszuprobieren..... Ich weiß es nicht, ob ich es genauso mache, als beschrieben, aber es ist wie ja.... ein bißchen angehacktes spiel, etwas wie staccato, als ob alle Finger kleine unabhängige Hämmerchen. Früher hatte ich alle Metoden (von denen Bachopin berichtet) und viel mehr benutzt, sie haben mich auf einem Niveau gebracht, aber nicht mehr weiter. Seit mehr als 30 Jahren spiele und übe ich ab und zu Etüde von Chopin Op.10,No.4 und es ist mir nie richtig gelungen. Der Hacken ist immer das mittlere Teil, wovor ich immer Angst habe und intuitive Hand nach oben ziehe, dadurch wird die Hand sofort müde. Jetzt aber, wo ich legato und Bogenspiel beinahe abgeschafft habe, bin ich immer nur für einen einzelton verantwortlich, so habe ich das Gefühl. Die Hand ist dadurch sehr frei, entspannt, locker und frei geworden, Finger perlen....es ist einfach Wahnsinn!!! Ich habe nicht viel geübt, nur drei letzte Tage, aber ich merke schon sehr gravierende Fortschritte in meiner Technik und überhaupt Spielweise. Ich war immer Anhänger von Legato- und Bogenspiel...jetzt sehe ich, dass es nicht immer das Beste. Vielleicht, jedem passt eigenes Style.

Ich habe nie gedacht, dass ich so eine Technik besitze. Mad!:D Vielen, vielen Dank! Aus Langweile ausprobiert und..... Und vielen Dank Bachopin für dieses Thema.:D
 
 

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