Ich bin mal neugierig, was verdient ein Pianist?

hasenbein
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Mich hat vor wenigen Jahren übrigens mal irgendeine Amateur-Singe-Schnepfe, die ich nicht kannte, über Facebook gefragt, ob ich sie bei der "Fete" begleiten würde. Natürlich mit vorherigem Proben.

Meine Frage, was sie mir denn dafür zu zahlen gedächte, fand sie unangemessen ("ich dachte, du hast Spaß am Musikmachen?"), und als ich ihr erklärte, dass man nicht einfach einen erfahrenen Profi fragt, ob er gratis spielt, und dann beleidigt ist, wenn er nein sagt, blockte sie mich.

Mit so einem Irrsinn hat man heutzutage zum Teil zu tun.
 
hasenbein
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Tastimo, es gibt keine "Lösung".

Alles von oben Aufgedrückte wie "Mindestgagen" zerstört mehr als dass es hilft.

Denn natürlich spiele auch ich (wie auch meine ganzen Kollegen) durchaus auch mal Low-Budget-Gigs, wenn ich weiß: a) Veranstalter kann wirklich nicht mehr zahlen (z.B. kleiner ländlicher Kulturverein, der aber dafür vielleicht wirklich sehr nette kleine Konzerte mit sehr netter Rundum-Umsorgung der Musiker macht), b) mir redet keiner rein, was ich spielen soll, oder nervt anderweitig rum, sondern ich kann uneingeschränkt "meine Kunst" machen. (Wohlgemerkt nie auf Hut, sondern immer mit Festgage.)

Diese ganzen Konzerte bzw. Locations würden dann nämlich wegfallen. Das will auch keiner.
 
Peter
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Bechsteinfan
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sondern sich von ihrer Zufriedenheit am Ende des Konzerts leiten lassen.
Das ist das Wesen eines Spendenglases (Der Begriff "Gagenglas" ist schon in sich widersprüchlich).
ist z.B. auch den Teilnehmern an den unsäglichen "Fetes de la musique"
Naja, das Fest ist mittlerweile auch recht entstellt. In Berlin darf man an diesem Tag (früher war es glaube sogar eine Woche) überall! auf der Straße Musik machen. Dafür gibt es eine Pauschalgenehmingung zum Ausdrucken für jeden. DAS war für mich auch immer das eigentliche Fest und nicht die großen und durchkommerzten Bühnen. Ganze Stadtviertel waren von Musik erfüllt. Alleinunterhalter, Jugendbands, Klassiktrios... an jeder Ecke.
Heute spielt sich auf den Straßen leider fast nix mehr ab.
 
Marlene
Marlene
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Das ist das Wesen eines Spendenglases (Der Begriff "Gagenglas" ist schon in sich widersprüchlich).

Ich wüsste nicht, was daran widersprüchlich sein soll.

Es war anfangs ein größeres Glas (mit Absicht) und später - auf Anregung eines Gastes - ein blickdichtes Behältnis.

Die Gage ist eine Bezahlung eines Künstlers, das Künstlerhonorar. Dieses "Spende" zu nennen finde ich absolut unpassend (mit Ausnahme eines Benefizkonzerts), denn mit dem Wort "Spende" assoziiert man eher Hilfsbedürftigkeit.
 
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satiata
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Guten Abend!

Wie ich herauslese, wird viel spekuliert über dieses Thema "Wieviel verdient ein Pianist (Klassik)".
Das liegt natürlich am überall geltenden Gagengeheimnis.
Da man aber in diesem Forum anonym bleiben kann, erlaube ich mir, meine eigene finanzielle Situation zu schildern.
Ich bin Berufspianist (klassische Musik), bin mit Sicherheit nicht das, was man "berühmt" nennt, habe keinen "großen Namen", geschweige denn einen international bekannten. Daher denke ich, dass meine Zahlen einigermaßen repräsentativ sind.
Ich spreche hier allerdings nicht vom Klavierspielen als Liebhaberei, sondern vom Beruf des Pianisten, der studiert hat und seinen Beruf professionell betreibt.
Mein Manager handelt pro Klavierabend / Klavierkonzert 4.500 Euro zuzügl. MWSt. aus. Davon zahle ich an ihn 20% + MWSt. , verbleiben also 3600 Euro vor Steuer. In den aktivsten Jahren vermittelte er mir 40 bis 50 Auftritte pro Jahr, einmal sogar knapp 70. Da ich außerdem eine Professur an einer deutschen Musikhochschule bekleide, ging ich am Ende solcher Jahre auf dem Zahnfleisch. Wir einigten uns daher auf 25 bis maximal 30 Auftritte im Jahr. Im Durchschnitt der letzten Jahre (die Corona-Jahre 2020 und 2021 freilich ausgenommen) waren es 22 Konzerte pro Jahr.
Das klingt neben einer Professur immer noch nach ziemlich viel, ist aber bequem zu leisten, da ich in den ganzen vergangenen Jahren meistens 18 Klavierabende auf zwei Tourneen zu je +/- 9 Konzerten spielte. (Auf den Tourneen trage ich jeden Abend das selbe Programm vor). Jede Tournee dauerte 3 , manchmal 3 1/2 Wochen: Diese befinden sich in der vorlesungsfreien Zeit, lösen also kein kompliziertes Unterricht-Verschieben aus. (Das habe ich bei meinem Manager zur Bedingung gemacht nach der Erfahrung von drei Tourneen in der Vorlesungszeit. Das ist schon viele, viele Jahre her, aber diesen grauenhaften Organisationsaufwand werde ich nie vergessen....). Zusätzlich zu den zwei Tourneen spiele ich jährlich nur noch zwischen 2 und 6 einzelne Klavierabende / Klavierkonzerte.
Jedes Jahr produziere ich eine neue CD, und zwar mit dem Programm für die neue Saison. Denn die Zuhörer kaufen am liebsten eine CD mit den soeben im Konzert gehörten Kompositionen. Im Durchschnitt der letzten Jahre verkauften sich 90 CDs nach jedem Abend. Ich verkaufe für 15 Euro pro Stück. (Mengenrabatt zähle ich jetzt nicht auf, sonst wird die Rechnung hier zu detailliert). Da ich mir in meinem Haus ein eigenes Aufnahmestudio eingerichtet habe, reduzieren sich die Gesamt-Produktionskosten stark. Und da ich mein eigener Produzent mit eigenem "Privat-Label" bin, fällt der Vorsteuergewinn auch allein mir zu = +/- 25.000 Euro pro Jahr.
Das sind meine Einkommensquellen, und so dürfte es sich meiner Vorstellung nach bei allen anderen Berufspianist:Innen ebenso abspielen: Konzerte + CDs; oder Professur + (demzufolge aus Zeitgründen deutlich weniger) Konzerte + CDs.
In meinem Fall addieren sich die drei Posten auf +/- 200.000 Euro im Jahr. Ich habe so manche/n Kollegin/en an der Musikhochschule mit großem, ein paar wenige sogar mit internationalem Namen. Wir sprechen niemals über Geld, aber ich denke, dass diese großen Künstler/innen viel leichter zu managen sind als jemand Durchschnittlicher wie ich und demzufolge natürlich Gagen in einer ganz anderen Größenordnung ausgehandelt werden.
Nun gibt es zahlreiche Pianistinnen und Pianisten, die zwar ganz hervorragend spielen und vollkommen bühnentauglich und professionell auftreten können / könnten, aber kein Management haben, sondern diese Arbeit selber zu leisten versuchen, eine Arbeit, die so viel Kräfte und Zeit und Konzentration kostet (allein schon all die wichtigen Kontakte selber ausfindig machen und dann auch noch gewinnbringend knüpfen zu müssen, und und und....). Wer nicht zufällig die seltene Doppelbegabung des Künstlers + des Selbstmanagements besitzt, wird in der Regel diesen Kraftaufwand der "doppelten Berufstätigkeit" nicht lange durchhalten, oder wegen zu weniger Engagements davon vermutlich kaum leben können. Das sind zumindest meine Beobachtungen. Ich würde mich freuen, wenn mich jemand über den letzten Punkt eines Besseren belehrt.
Ich hoffe, ich konnte die "neugierige Frage", wie es ganz oben über diesem Blog so nett formuliert steht, ein wenig befriedigen, auch wenn ich vielleicht allzu ausführlich wurde.

satiata
 
pianochris66
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Danke für diese detaillierte Darstellung. Ich gestehe, dass ich von anderen Zahlen ausgegangen bin:-).
 
beo
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Hochinteressant. Was mir jetzt durch den Kopf geht, wie sieht es mit den vielen Pianisten aus, die keine Professur haben? In wie weit wird bei einer Gage der Proffesorentitel mitvergütet?
 
Rheinkultur
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Was mir jetzt durch den Kopf geht, wie sieht es mit den vielen Pianisten aus, die keine Professur haben?
Da kannst Du bei den Zahlen mindestens eine Null oder eine Stelle vor dem Komma weglassen und/oder noch mehr oder weniger große Abzüge vornehmen. Damit kannst Du vielfach kaum oder gar nicht mehr als Alleinverdiener eine Familie unterhalten, Wohneigentum finanzieren etc. ... .

In wie weit wird bei einer Gage der Professorentitel mit vergütet?
Offiziell wohl nicht, von einem Zuschlag für den Status der Berufstätigkeit habe ich noch nie etwas gehört. Inoffiziell nennt sich das "Marktwert", der grundsätzlich frei auszuhandeln ist - zum Vorteil der Gefragten und zum Nachteil der Weniger erfolgreichen Kolleg(inn)en. Natürlich gibt es da auch keinen "Mindestlohn"... .

LG von Rheinkultur
 
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satiata
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Lieber Beo,

ich glaube nicht, dass der akademische Titel bei der Gagenverhandlung eine Rolle spielt. Freilich muss ich zugeben, dass ich natürlich nie bei den Verhandlungen zwischen meinem Manager und den Konzertveranstaltern dabei bin. Aber akademische Titel stehen z. B. auch nie auf Konzertplakaten oder den Tickets. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass so ein Titel eher unkünstlerisch wirkt. (Zumindest meiner Meinung nach).
Ich glaube, dass die Höhe der Gage nicht allein aus dem Können des Musikers resultiert - wie sollte dieses auch "objektiv" gemessen oder gar mit dem Können anderer Musiker verglichen und danach abgeglichen werden können - , sondern zu einem beträchtlichen Teil dem Verhandlungsgeschick des Managers zuzuschreiben ist.
Dann spielt die Medienpräsenz in den Wochen vor dem Konzert eine große Rolle. Was mein Manager da bisweilen ankurbelt, hat mich schon des Öfteren vor Staunen (und Bewunderung) den Kopf schütteln lassen. Gewiss: Wäre ich ein "Berühmter", dann könnte er sich einen Großteil des Medienrummels sparen. Aber ich bin eben nur ein wenig-Bekannter, kein herausragend-Begabter. (Ich bitte, diese meine Worte nicht als künstliche Bescheidenheit zu deuten, sondern als nüchtern-objektive Selbsteinschätzung). Deshalb würde mir auch ein Konzertagent wenig nützen, bei dem ich nur auf einer Liste von zu vermittelnden Künstlern stünde: Nach kürzester Zeit wäre ich in der Branche vollkommen vergessen, kein Konzertveranstalter würde mehr nach mir fragen, niemand würde mich engagieren.
Ein richtiger Manager macht bei den wichtigen Veranstaltern aber ständig Reklame für die Künstler, die er unter Vertrag genommen hat. Und mit dem oben angedeuteten Medienrummel im Vorfeld des Konzertes hat mein Manager wiederum bei den Veranstaltern einen exzellenten Ruf, da die zeitlich und jeweils regional gezielt eingesetzte Medienpräsenz dem Veranstalter hervorragend zuarbeitet mit der Folge, dass zuletzt selbst große Konzertsäle nahezu ausverkauft sind. Kurz: Die Veranstalter wissen, dass das finanzielle Risiko gegen Null geht, wenn sie einen Musiker aus dem Stall meines Managers engagieren. Und ein Veranstalter zahlt lieber eine Gage von 5355 Euro (= meine 4500 Euro + Mehrwertsteuer), wenn er nahezu sicher sein kann, dass der Saal voll wird, als dass er jemand anderem beispielsweise nur 1000 Euro Gage bietet und am Schluss gar noch drauflegen muss, weil kaum Zuhörer kommen (denn er hat ja noch eine ganze Menge weitere Unkosten: Saalmiete, Flügelstimmung, Tickets drucken, die Damen an der Garderobe, Versicherungen, Plakatierung, Reisekostenerstattung + Hotel für den / für die Künstler, und noch manches mehr.
Ich breche hier ab, es ist spät geworden. Sorry! Falls interessiert, bei Gelegenheit gern mehr.
Gute Nacht!

satiata
 

hasenbein
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3600 Euro (also mehr als die meisten pro Monat verdienen) für EIN Konzert einer nicht mal international namhaften Pianistin?

Solche Gagenniveaus sind schlicht unanständig.

Aber klar - Klassikkonzerte werden sowohl gerne von Reichen besucht als auch von diesen gesponsort, also sind das die Zahlenwerte, mit denen man in diesen Kreisen offensichtlich so arbeitet...

Und man muss natürlich sagen, dass eine einzelne Pianistin deutlich billiger ist als ein Ensemble...

Danke für den offenen Einblick in eine andere Gesellschaftsschicht!
 
Stilblüte
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3600€ sind nicht unanständig. 300€ sind unanständig. Oder gar "für die Erfahrung, die Kontakte und sowas". Es mag Anlässe geben, für die das passt, und ich verstehe auch, dass meistens nicht mehr Geld da ist. Das ändert nichts daran, dass man als Freiberufler eigentlich ein vielfach höheres Einkommen benötigen würde als die meisten Musiker erwirtschaften können, um ein sorgenfreies Leben führen zu können und auch im Alter oder bei Krankheit, Schwangerschaft etc. abgesichert zu sein.

Die Frage lautet eher: Warum und wie schaffen es manche Musiker / Pianisten der "oberen Durchschnittsklasse" (ich weiß wohl, was damit gemeint ist, das ist weder abwertend zu verstehen noch fishing for compliments), ein solches Management zu haben und andere nicht?
 
beo
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Es ist wie immer: Oben ist nicht genug Platz für alle. Die die oben sind, glauben gerne, es wäre nur ihr Talent und ihr Fleiß. Von aussen betrachtet sieht man aber durchaus, wieviel Zufall und Glück dazu gehört, neben Talent und Fleiß natürlich. Oder anders, nicht alle die oben keinen Platz mehr finden, sind selbst Schuld. Ich gönne es jedem oben zu sein, denn unverdient kommt man da wohl kaum hin, aber ich leide eben auch mit denen, die dort keinen Platz mehr gefunden haben.
 
hasenbein
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3600€ sind nicht unanständig. 300€ sind unanständig. Oder gar "für die Erfahrung, die Kontakte und sowas". Es mag Anlässe geben, für die das passt, und ich verstehe auch, dass meistens nicht mehr Geld da ist. Das ändert nichts daran, dass man als Freiberufler eigentlich ein vielfach höheres Einkommen benötigen würde als die meisten Musiker erwirtschaften können, um ein sorgenfreies Leben führen zu können und auch im Alter oder bei Krankheit, Schwangerschaft etc. abgesichert zu sein.

Die Frage lautet eher: Warum und wie schaffen es manche Musiker / Pianisten der "oberen Durchschnittsklasse" (ich weiß wohl, was damit gemeint ist, das ist weder abwertend zu verstehen noch fishing for compliments), ein solches Management zu haben und andere nicht?
Im Jazz beispielsweise schaffen es nur international renommierte Spitzenmusiker, pro Konzert solche hohen Summen klarzumachen.

In der Klassik ist das offenbar hingegen "normal", und obige Pianistin kann es sich sogar leisten, jede Menge Gigs abzulehnen.

Das ist schon sehr auffällig, und es hat klar damit zu tun, welche gesellschaftlichen Kreise - nennen wir es ruhig Lobbies - involviert sind.
 
Andre73
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Man kann es auch von der anderen Seite betrachten, anstatt aus Sicht der Musiker-Branche.
3600 Euro verdient auch ein Schulung-Consultant (IT-Kram z.B.) für ein Event - und der musste dafür nicht 20 Jahre üben, Glück haben sich durchzusetzen und überdurchschnittliches Talent mitbringen. Man muss so ein Event halt organisiert bekommen / drankommen, egal ob selbständig oder über Vermittlung.
Es gibt bestimmt einfachere Branchen, um planbar vernünftiges Geld zu verdienen.
 
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Also 3600 Brutto sind für jemanden mit Hochschulabschluss jetzt nicht so wahnsinnig viel. Klar klingt das viel wenn man´s pro Auftritt rechnet. Aber wieviele Auftritte hat der Durchschnittspianist im Monat und was muss von dem Geld noch abgezogen werden?
 
 

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