Haben Theoriekenntnisse Folgen für die Praxis?

Hat Theoriekenntnis Folgen für die Praxis?

  • Ja, wer Musik satztechnisch durchdringen kann, spielt ganz anders und viel zwingender.

    Stimmen: 21 80,8%
  • In der Praxis sind ganz andere Dinge relevant. Was zu tun ist, lässt sich auch intuitiv begreifen.

    Stimmen: 5 19,2%

  • Anzahl der Umfrageteilnehmer
    26
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rappy

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Hallo,

natürlich lässt sich diese Frage hier nicht professionell beantworten, aber als Theorielehrer und schon immer kompositorisch Denkender interessiert mich einfach die "andere" Perspektive eines "Nur"-Interpreten, egal ob Amateur oder Profi.
Natürlich ist man oft mit der (impliziten oder expliziten) Frage Studierender konfrontiert, was einem denn das nun "bringe". Auch wenn man selbst vollkommen von der Wichtigkeit seiner Leidenschaft überzeugt ist, kommt man aber vielleicht doch das ein oder andere mal an den Punkt, dass man sich fragt: ist das für jetzt für den Tubisten, der später ins Orchester möchte, wirklich relevant? Hat es Auswirkungen auf seine Kompetenz in der Praxis?

Ich bin noch immer der Meinung, dass man es jemandem anhört, ob er dasjenige, was er spielt, auch von "innen" heraus, also vom Notentext als Komposition her, denkt; ob er beim Spielen in jeder Situation das Wissen hat, wie es auch sein könnte und vielleicht warum es so nicht ist; wo der Witz versteckt liegt – usw.

Wenn man dann aber mit Freunden aus der Praxis spricht, die z. B. im Ensemble überaus erfolgreich sind und hochkarätige Wettbewerbe gewinnen und einem dann erzählen, dass seine Mitspieler beim Proben nicht einmal wissen, in welcher Tonart sie sich gerade befinden, dann frage ich mich: Geht es vielleicht auch anders? Bilde ich mir nur ein, dass man das alles braucht, weil die Perspektive für mich so selbstverständlich ist und ich anders das Gefühl hätte, auch in der Praxis vollkommen zu scheitern?

Haben theoretische Erkenntnisse (z. B.: mit diesem Ton flieht die Klausel auf eine ganz besondere Weise in eine Dissonanz) zuweilen Auswirkungen auf euer Spiel?
Oder glaubt ihr, man kann alles auch "fühlen", ohne es in Begriffen sortiert zu haben?
Kann man ohne theoretisches Verständnis von einem Werk ein kongenialer Interpret werden, oder stößt man irgendwann an eine Grenze?

Natürlich denke ich darüber immer wieder nach, aber mich interessiert einfach eure Meinung.
 
cwtoons

cwtoons

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Vermutlich schafft man es als sehr gut ausgebildeter Pianist sowieso nicht, an theoretischen Erkenntnissen über die Stücke, die man im Zuge der Ausbildung spielt, vorbeizukommen. Also gibt es keinen Profi, der einfach nur naiv die Noten der Reihe nach gefühlvoll abdrückt.

CW
 
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rappy

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Leider schon. Zumindest sind nicht wenige Absolventen an Musikhochschulen zu weniger fähig, als in der Theorieaufnahmeprüfung verlangt wird.
Bei Pianisten ist es nur der Tendenz nach besser.
 
cwtoons

cwtoons

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Selbst Amateure so wie ich - Durchschnittslevel - können zwischen Dur und Moll, Kreuz- und b-Tonarten, fis und ges etc. unterscheiden. Und Intervalle singen kann ich auch - aufwärts. Etc., etc., etc.

Nur einfach Töne pusten, zupfen, streichen oder anschlagen, das reicht wohl nicht. Es sei denn, man ist Teenie und will nur mit dem Labtop 'n bisschen Sound machen. Dann ist Theorie eher schädlich und stört die musikalische Kreativität.

Vor allem bei Gitarristen.

CW
 
Gomez de Riquet

Gomez de Riquet

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Adorno berichtet von einem Erlebnis mit seinem Lehrer Eduard Steuermann, der ihn auf die Funktion, den Sinn einer Mittelstimme in einem Brahms-Intermezzo hinwies - und erst danach konnte Adorno sie richtig spielen.

Ich habe natürlich für die Nr.1 (analytische Durchdringung des Notentextes) gestimmt, gebe aber zu bedenken, daß es Künstlernaturen gibt, die den kompositorischen Zusammenhang eines Stückes rein intuitiv erfassen.
 
Stilblüte

Stilblüte

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Zeit für ein Zeugnis :-D
Bis ich ungefähr 16 war, konnte ich keine Vorzeichnung korrekt vor die fünf Linien schreiben. Grund: Hat mir keiner je erklärt, dass ich das wissen muss und ich habe keine Notwendigkeit gesehen. Natürlich habe ich das in der Schule gehabt und hatte schon eine "gewisse Ahnung" davon. Wie groß die war, kann ich nicht sagen. Mit 16 oder 17 hab ich dann einen Theorie-Vorbereitungskurs für Aufnahmeprüfungen an einer Berufsfachschule gemacht und hatte in Gehörbildung fast volle Punktzahl (ich habe aus versehen None geschrieben, obwohl ich Septime gehört hatte, das weiß ich noch). Von Form hatte ich auch wenig Ahnung.
Zu der Zeit habe ich schon anspruchsvolle Literatur gespielt, das anspruchsvollste war wohl die 1. Chopin-Ballade. Ich hatte wenig Ahnung, was ich da mache und es war sicher noch Amateurhaft - was auch an meiner unterentwickelten Technik lag - klang aber glaub ich auch nicht ganz übel.

Heute ist das so: Ich habe eine einigermaßen gute Ausbildung genossen und kann ein Stück musiktheoretisch bearbeiten und in etwa deuten. Wenn ich das tue, vor allem was die Form angeht, habe ich auch den Eindruck, etwas dazuzugewinnen. Was das genau ist kann ich aber nicht sagen. Ungefähr so, wie wenn ich in ein Kunstmuseum gehe, das trägt auch zu meinen Interpretationen bei, aber wie? Manchmal natürlich ist eine Analyse auch ein Fingerzeig darauf, was ich stärker hervorheben, wie ich es zusammenfassen möchte etc., das wäre etwas konkreter.

Ich hab aber eher den Eindruck dass ich durch dieses Wissen generell ein weiteres Denken habe und deshalb anders an die Stücke herangehe, ohne das immer konkret im Detail analysiert zu haben.

Was die harmonische Analyse angeht - besonders bei komplizierteren Akkorden weiß ich selten genau, was ich da eigentlich spiele, wenn ich es mir nicht im Detail ansehe. Manchmal weiß ich es selbst dann nicht. Ich weiß auch nicht immer bewusst (oder überhaupt) wie eine besonders geschickte Modulation funktioniert hat. Dadurch ist mir auch nicht immer aktiv bewusst, in welcher Tonart ich mich befinde.
Aber ich habe eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Töne mir und dem Akkord, der Dissonanz oder der Richtung wichtig sind, was sich wohin bewegt usw.
Ehrlich gesagt sehe ich das sogar von der anderen Seite. Ich frage mich, wie man schön spielen kann, wenn man eine musiktheoretische Erklärung dafür braucht, welcher Ton in einem Akkord oder welcher Akkord in einem Gefüge nun der Wichtigste ist.
 
mmueller52

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Ich vergleiche Theoriekenntnis in der Musik mal mit Grammatikkenntnis in der Sprache. Und da frage ich mich, ob z.B. der Sprecher eines Hörbuches - nehmen wir mal als komplexes Beispiel einen Text von Thomas Mann - wissen muss, dass dieser Nebensatz einer 2.Grades, jener einer 3.Grades ist. Ob er wissen muss, dass das eine Verb transitiv, das andere intransitiv gebraucht wird. Oder ob es sich um einen Genitivus subjectivus oder einen Genitivus objectivus handelt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Thomas Mann selbst das so genau wusste. Grammatikalische Termini sind für eine adäquate Kommunikation über einen Text sicher notwendig, zum Vortrag des Textes bedarf es meiner Meinung nach aber solcher Kenntnisse nicht. Dafür ist, denke ich, eher der literatur- und zeitgeschichtliche Hintergrund von Bedeutung.
Auf den musikalischen Interpreten übertragen hieße das, dass es für die Darstellung eines Stückes im Sinne des Komponisten ohne jeden Belang ist, zu wissen, dass der zweite Satz einer Sonate beispielsweise in der parallelen Molltonart steht. Auch hier, meine ich, leisten die Kenntnis des historisch-gesellschaftlichen Kontextes und das Einfühlungsvermögen in den Geist der jeweiligen Epoche einen wichtigeren Beitrag zur Interpretation auf dem Instrument.

LG Martin
 
Stilblüte

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Das hab ich vergessen zu schreiben, genau! Wir haben in der Schule immer irgendwelche Stilmittel in Gedichten analysiert, das hat mich wahnsinnig aufgeregt weil ich mir 100% sicher war, dass kein Goethe bei Kerzenschein vor seinem Papierchen sitzt und überlegt "Hm... baue ich jetzt einen Neologismus oder ein Homoioteleuton ein?" Das kann mir auch heute noch keiner weiß machen.

Allerdings beleuchtet dieses "passive Hintergrundwissen" dennoch in irgendeiner Weise die Art, wie damit gelesen und geschrieben wird, das beobachte ich an mir selbst. Es ist eine neue Art von Bewusstheit.
Vielleicht ähnlich der des gesamten Schulwissens: 95% davon hat man wieder vergessen, aber man weiß noch, dass man es mal wusste und hat irgendwie "mehr Raum" in seinem Gehirn gemacht. Meine aktiven Spanischkenntnisse sind bei ungefähr 0% angekommen, trotzdem weiß ich mehr, als wenn ich nie Spanisch gelernt hätte. Ähnlich verhält es sich mit Latein und Altgriechisch. Warum sollte man das in der Schule lehren, wo doch nur so ein geringer Bruchteil der Schüler es je "aktiv" brauchen wird?
 
mmueller52

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@Stilblüte: Das ist ein guter Gedanke. Im Deutschunterricht habe ich natürlich mit meinen Schülern auch Gedichte analysiert. Ein Einblick in die diversen Stilmittel hat sicher keinem geschadet. Aber für den sich anschließenden (benoteten) Gedichtvortrag hatte das keinne nennenswerten Konsequenzen.
Einmal habe ich die erste Seite von Max Frischs "Homo faber" im Unterricht analysiert. Und anschließend haben wir einen Brief an Frisch geschrieben und gefragt, ob er sich all das beim Schreiben tatsächlich gedacht habe. Aber leider konnten wir keine Antwort mehr bekommen. Es war 1991 und Frisch war mittlerweile gestorben...
Um noch einmal auf die Bedeutung der Entstehungsgeschichte eines Werkes zu kommen: Ich übe gerade den ersten Satz der Mozart-Sonate KV 570. Ich denke dabei immer daran, dass Mozarts Instrumentalmusik vom Musiktheater her gedacht ist. (Viele seiner Sonatensätze sind ja geradezu kleine Musikdramen!) Die Takte 1 bis 12 bestehen aus Motiv (4 Takte) und (unsymmetrischer) Motivbeantwortung (8 Takte, also doppelt so lang wie das Motiv und außerdem in kürzeren Notenwerten). Ob ich will oder nicht, fällt mir dazu immer der letzte Teil des zweiten "Figaro"-Finales ein: Das ist der Graf, der die Causa Figaro contra Marcellina schlichten will mit seinem wiederholten kurzen Satz "Io son qui per judicar." Marcellina und danach Basilio reden prestissimo auf den Grafen ein, wesentlich eloquenter und schneller. Und so sehe ich in dem erwähnten Sonatensatz auch einen Dialog: Sprecher 1 stellt mit seinen vier Takten in Halben und Vierteln ein kurzes Statement in den Raum und trifft dann ab in Takt 5 auf einen wesentlich eloquenteren Gesprächspartner. (Achtelnoten, doppelte Länge).
Beim Spielen führt mich das dazu, dass ich das Tempo in Takt 5 eine Nuance anziehe. (Puristen mögen mich dafür verfluchen!)
Man könnte bei dieser Stelle auch an den Dialog Goldenburg - Schmuyle in den "Bildern einer Ausstellung" denken. Das Prinzip ist das gleiche. - Was ich damit sagen will: Das Wissen umd die Nähe Mozartscher Instrumentalmusik zur Oper hilft mir beim Spielen weiter als musiktheoretische Aspekte wie Tonartbeziehungen, harmonische Strukturen und dergleichen.
 
mick

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Beim Spielen führt mich das dazu, dass ich das Tempo in Takt 5 eine Nuance anziehe.
Ich halte das für keine besonders gute Idee. Wenn die schnellere Bewegung schon komponiert wurde, wirkt ein zusätzliches Beschleunigen fast immer unnatürlich und aufgesetzt. Egal, ob bei Mozart oder bei sonstwem.

Im Figaro-Finale wird man da übrigens auch nicht schneller - die syllabischen Achtel von Bartolo und Basilio sind gefürchtete Zungenbrecher. Der Dirigent, der da noch beschleunigt, sollte sich nicht wundern, wenn ihm die Stelle um die Ohren fliegt.

[Klugscheiß-Modus]
Es heißt giudicar, nicht judicar. Ein "j" gibt es im Italienischen nicht.
[/Klugscheiß-Modus]
 
Häretiker

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Moin!

So, ich möchte also Musik machen. Ist es dazu wichtig zu wisssen, wie Musik funkioniert? (Ich will doch nur spielen!)

Ich möchte Pfarrer werden. Muss ich dazu die Bibel kennen und zentrale Glaubensgrundsätze kennen? (Ich will doch nur seelsorgerish tätig werden!)

Ich möchte Physiker werden. Muss ich dazu wissen, wie die so Physik funktioniert? (Ich will doch nur Kanzler werden!)

Ich möchte Programmierer werden. Muss ich wirklich wissem, wie ein Computer funktioniert? (Ich will doch nur 'was mit Medien' machen!)


Im Ernst:
Vielen halten Theorie und Praxis für getrennte Welten. In Wahrheit gehört das zusammen und es fehlt einem ein Überblick über die Praxis, wenn man die Theorie nicht kennt.

Bei mir haben (zumindest elementare) Musikkenntnisse massiv Auswirkungen auf die Praxis. Man kann auch ohne, aber dann ist das die akustische Version von 'Malen nach Zahlen'. Wem's reicht ...

Güße
Häretiker
 

Stilblüte

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Man muss auch berücksichtigen, dass es verschiedene Typen von Menschen gibt. Zum Beispiel die, die Gehörbildung können, die, die Gehörbildung üben, und die, die Gehörbildung nicht können.
Und so gibt es auch die, die theoretischer denken und die, die nicht so theoretisch denken, sondern sich an anderem Orientieren - Melodien, Harmonien, Struktur oder einfach "Bauchgefühl".

Das spricht nicht dagegen, dass Theorie notwendig ist. Nur dafür, dass jeder anders mit ihr umgeht und unterschiedlich viel davon präsent hat bzw. aktiv (!) ins Musizieren mit einbezieht. Dass man diese Dinge alle wissen und bei Bedarf anwenden können sollte, gilt sicher für die allermeisten Fälle. Man merkt das oft bei Sängern. Die, die keine Ahnung von irgendwas haben, wirken weniger souverän wie die, die auch vor dem Singen schon Musiker waren.
 
Peter

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Habe auch für "1" abgestimmt, bin aber der Meinung, das "Theorie" ein unglaublich breit gefächertes Gebiet ist, zu dem man unterschiedlichen Zugang hat. Für mich gehört zu Theorie auch das Probieren und Spielen mit der Musik, das eigene Erforschen, ohne zu wissen, wie das nun von Fachleuten genannt wird, was man da tut.
 
Barratt

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Wir haben in der Schule immer irgendwelche Stilmittel in Gedichten analysiert, das hat mich wahnsinnig aufgeregt weil ich mir 100% sicher war, dass kein Goethe bei Kerzenschein vor seinem Papierchen sitzt und überlegt "Hm... baue ich jetzt einen Neologismus oder ein Homoioteleuton ein?" Das kann mir auch heute noch keiner weiß machen.
Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Thomas Mann selbst das so genau wusste.
Goethe und Mann sind womöglich heikle Beispiele, aber man versuche sich doch mal am Frühwerk Döblins. "Wallenstein" zum Beispiel. ;-)

Das Methodenarsenal der Analyse ("Theorie") ist für den NACHVOLLZUG eines gegebenen Werks unabdingbar - - - was steht da genau, welche Assoziation weckt es, wie wird der Eindruck erzielt, gibt es womöglich eine Wirkabsicht dahinter oder ganz schlicht: "Ich finde die Stelle genial - warum eigentlich?"

Ob der Autor die Stelle bewusst so gestaltet hat (oder quasi instinktiv aus der ihm innewohnenden Genialität heraus), ist eigentlich unerheblich, denn das Werk liegt vor. Es ist egal, wie lange Goethe an seinem Sonett getüftelt hat. Für den Nachvollzug des Werks ist das vorliegende Werk selbst entscheidend und die Kenntnisse, die man selbst (als Rezipient) erworben hat, um zu verstehen, was genau darin "passiert" und daraus etwas abzuleiten (zum Beispiel: wie man es wiedergibt, um die entdeckten Feinheiten herauszuarbeiten).

Dies kann (imho) durchaus intuitiv geschehen.

Wer darüber hinaus in der Lage ist, den Kompositionsprozess aktiv nachzuvollziehen, ist darüber hinaus auch in der Lage, das Stück schneller und tiefer zu durchdringen. Derbstes Beispiel: Die Rezeption oder gar der auswendige Vortrag eines chinesischen/ungarischen/finnischen Gedichts durch einen Nichtchinesen/Nichtungarn/Nichtfinnen. Durch Imitation oder Intuition bekommt man es mit Fleiß und Mühe irgendwie hin. Umso besser, je mehr man die Kenntnisse in Semantik und Grammatik der jeweiligen Völligfremd-Sprache vertieft.

Das schöne plastische Beispiel hinkt. Der gigantische Komplex der Semantik spielt in der Musik keine Rolle (jedenfalls keine vergleichbare, sieht man vielleicht vom Ring ab). Dafür aber Assoziationen aus dem vorsemantischem oder suprasegmentalen Bereich.

Das Gegenstück der Analyse eines vorliegenden Werks wäre der eigene Schaffensprozess. Falls das eigene Werk irgendjemanden positiv beeindrucken soll, sollte man die Regeln kennen, die historisch gewachsen sind. Sogar (oder besonders?), wenn man nicht vor hat, sich daran zu halten, sondern sie zu brechen. Bevor Picasso mit den tradierten Regeln der Malerei brach, beherrschte er sie (nachgewiesenermaßen) aus dem Effeff.

Umgekehrt: Was macht ein mitteleuropäischer Komponist des späten 18./frühen 19. Jh, der sein Handwerk beherrscht, wenn er vom chinesischen Geheimdienst gekidnappt und in die Verbotene Stadt verschleppt wird und den Auftrag bekommt, für chinesisches Publikum nach chinesischen Regeln zu komponieren (unter Androhung sofortiger Exekution bei Nichtgefallen)? Fiktive Ausgangssituation: Es gab kein Internet und auch sonst keinen kulturellen Austausch, das Porzellan konnte man mittlerweile selbst produzieren und Seide lieferten die europäischen Kolonien. Womöglich hätte sogar Mozart, der genialischste aller abendländischen Komponisten, zunächst mal die Handreichung vorliegender chinesischer Kompositionen gebeten, um die Regeln herauszuanalysieren, nach denen er den chinesischen Hofstaat zu ergötzen hätte.
 
pianochris66

pianochris66

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Ich tröste mich mit Antwortmöglichkeit Nr. 2, bin mir aber der Richtigkeit von Antwortmöglichkeit Nr. 1 bewusst:-|.
 
Sven

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Ich habe für 1 gestimmt, aber nicht, weil ich Satztechnik so wichtig finde, sondern ein gutes allgemeines theoretisch Grundgerüst.

Ich habe Leute getroffen, die nach 10 Jahren Klavierunterricht nicht wissen, was eine Synkope ist. Wie soll ich mich mit denen über Musik unterhalten?
 
rolf

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Ich habe Leute getroffen, die nach 10 Jahren Klavierunterricht nicht wissen, was eine Synkope ist. Wie soll ich mich mit denen über Musik unterhalten?
@Sven mit denen kannst du dich doch erstklassig auf der intuitiven Gefühlsebene unterhalten, z.B. über Dreiklänge :-D:-D:-D

Theorie taugt nix, ist verkopft und soziopathisch und schlimmeres; dasselbe gilt für fühllosen Krempel wie Harmonielehre und ähnliches. Amen. Deshalb hab ich für 1 gestimmt :-D:-D:drink:
 
Peter

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@Sven
Das geht halt nur, wenn Du das auch nicht wüsstest. ;-)
 
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Ehrlich gesagt sehe ich das sogar von der anderen Seite. Ich frage mich, wie man schön spielen kann, wenn man eine musiktheoretische Erklärung dafür braucht, welcher Ton in einem Akkord oder welcher Akkord in einem Gefüge nun der Wichtigste ist.
Hier liegt für mich ein Missverständnis: Dass man eine Erklärung braucht, heißt ja nicht, dass man es nicht auch "fühlen" würde. Im Gegenteil, gerade weil man es so deutlich "fühlt", weiß man um die Erklärung bzw. ist dafür empfänglich.

Ich frage mich z. B., warum ich manchen Studierenden ein Semester lang erklären und immer wieder sagen muss, dass eine (Synkopen-)Dissonanz vorbereitet und aufgelöst wird und sie es am Ende immer noch nicht begriffen haben. Wenn man das Phänomen "spüren" würde (also wie du sagst, indem man weiß, wo der jeweilige Ton hin möchte), müsste einem das doch sofort einleuchten, weil die Theorie nur das bestätigt, was man sowieso schon intuitiv weiß.

Ich vergleiche Theoriekenntnis in der Musik mal mit Grammatikkenntnis in der Sprache. Und da frage ich mich, ob z.B. der Sprecher eines Hörbuches - nehmen wir mal als komplexes Beispiel einen Text von Thomas Mann - wissen muss, dass dieser Nebensatz einer 2.Grades, jener einer 3.Grades ist. Ob er wissen muss, dass das eine Verb transitiv, das andere intransitiv gebraucht wird. Oder ob es sich um einen Genitivus subjectivus oder einen Genitivus objectivus handelt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Thomas Mann selbst das so genau wusste.
Für mich hinkt dieser Vergleich, bzw. vermittelt ein falsches Verständnis von Musiktheorie: zumindest im Sinne von "Satzlehre" heißt für mich Theorieverständnis, dass man Musik wie eine Sprache beherrscht und sprechen kann – d. h., auch etwa die Spontanität zu haben, einen Satz anders weiterzuführen, als er geschrieben steht. Oder zu wissen, wie der Satzbau auch aussehen könnte. Natürlich konnte und wusste das Thomas Mann. Viele Interpreten sind hingegen so unflexibel, dass sie den Notentext nur exakt so wiedergeben können, wie er notiert ist.
Das wäre also etwa, wie Thomas Mann vorzulesen, ohne Deutsch zu können. Basiskenntnisse Satzlehre hießen für mich, Thomas Mann vorzulesen und einigermaßen frei Deutsch sprechen zu können, ohne so eloquent zu formulieren wie der Autor.
(Auf Musik übertragen: ein barockes Präludium improvisieren (und natürlich notieren) zu können, das vielleicht nur die Informationsdichte Fischers und nicht Bachs besitzt.

Das hab ich vergessen zu schreiben, genau! Wir haben in der Schule immer irgendwelche Stilmittel in Gedichten analysiert, das hat mich wahnsinnig aufgeregt weil ich mir 100% sicher war, dass kein Goethe bei Kerzenschein vor seinem Papierchen sitzt und überlegt "Hm... baue ich jetzt einen Neologismus oder ein Homoioteleuton ein?" Das kann mir auch heute noch keiner weiß machen.
Ich werde häufig gefragt, ob ich denn glaube, dass das, was ich erkläre, dem Komponisten ebenso bewusst gewesen sei. Die Leute können sich gar nicht vorstellen, wie sehr Satzlehre vor allem bis ins 19. Jh. ein knallhartes Handwerk war. Beethoven ist, nachdem er schon sein 2. (=chronologisch 1.) Klavierkonzert geschrieben hat, noch u. a. zu Albrechtsberger in den Unterricht gegangen und hat die harte Schule Kontrapunkt durchgemacht.
Wenn man sich eine Bachfuge anschaut und er ein Thema und den Kontrapunkt so gestaltet, dass er es gleichzeitig (!) im doppelten Kontrapunkt der Oktave, Dezime und der Duodezime führen kann, kann mir keiner erzählen, er habe das intuitiv veranstaltet bzw. zufällig dazu gefunden – vor allem nicht, wenn das entsprechende handwerkliche Wissen in Traktaten der Zeit und danach (z. B. bei Albrechtsberger) präzise formuliert ist.
 
hasenbein

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Entscheidend ist, dass man es HÖRT und sich dieses Wahrnehmen aufs Spielen auswirkt.

Eine Benennung ist dafür nicht erforderlich, sondern es erfolgt ein Erkennen, Speichern und Intuitiv-in-Beziehung-Setzen klanglicher Phänomene.

Daher gibt es Musiker in der Klassik oder im Jazz (Chet Baker als gutes Beispiel), die "keine Ahnung von Theorie" haben, jedoch - für jeden, der Bescheid weiß, sofort deutlich hörbar - absolut geschnallt haben, worum es geht.

Schwachsinnig wird es jedoch allzu oft, wenn Leute, die eben NICHT Musik intuitiv begreifen, sagen: "Der und der hat keine Ahnung von Theorie, spielt jedoch traumhaft, also ist das der Beweis, dass Theorie überflüssig ist."

NEIN, ist sie NICHT. Die aller-aller-meisten brauchen, um ihre musikalische Betätigung in musikalisch sinnvolle Bahnen zu lenken, die kognitive Analyse der musikalischen "Legobausteine". Peng, aus.

Und bestimmte Höchstleistungen wie z.B. Komposition auf höchstem Niveau kommen bei NIEMANDEM ohne "Theorie" aus.

LG,
Hasenbein
 
 

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