Zufriedenheit: Kreativitätssteigernd oder -hemmend?

Dieses Thema im Forum "Sonstige Musikthemen" wurde erstellt von Klein wild Vögelein, 26. Juli 2019.

  1. Klavirus
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    Klavirus

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    Wo ist der Unterschied? Und welche Ansprüche?
     
  2. maxe
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    "Der größte Lohn der Selbstbescheidung ist die Freiheit" (Epikur)
     
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  3. méchant village
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    méchant village

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    Zufrieden sein und sich zufrieden geben (=sich enttäuscht abfinden) sind für mich zwei paar Stiefel.

    Zufriedenheit am Klavier, beim Üben, beim Erreichen eines Niveaus etc, ist immer ein vorübergehender Zustand. Dem geht übrigens bei mir meist eine Phase höchster Unzufriedenheit bis hin zur Verzweiflung über das Nichtkönnen voraus. Damit gebe ich mich nicht zufrieden! Hab ich mich durchgebissen, bin ich „zufrieden“ - bis zum nächsten „Anfall“.
    Würde ich zu früh die Segel streichen, würde ich mich zufrieden geben - aber ich wäre im Grunde unzufrieden.
    Im Bezug auf die Musik heißt das für mich: Der Schwierigkeitsgrad von Übestücken muß anspruchsvoll sein, aber nicht ZU anspruchsvoll. Hier ist der Klavierlehrer bzw die Klavierlehrerin (ich winke mal rüber zu @Stilblüte) ins Spiel. Hängen die Kirschen zu hoch, muß erst die Leiter her.
    ;-)
     
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  4. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Letzteres glaube ich nicht. Wenn ich ganz realistisch einschätze, dass es kein höher, schneller, weiter gibt, mich also auf das bescheide , was mir möglich ist, führt das bei mir zu zur Zufriedenheit.

    Sich mit etwas abzufinden ist ja nicht per se etwas negatives.
     
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  5. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Toller Schlusssatz! :blume:

    Leitern und Eselsbrücken sind bedeutsam für‘s Leben.

    Phasen höchster Unzufriedenheit oder Verzweiflung können bei mir in beruflicher Hinsicht oder im Zusammenleben mit den Menschen, die ich liebe, auftreten. Wenn ich hier Fehler mache kann ich jemanden Schaden zufügen, das wäre für mein Gefühlsleben fatal. Das gilt z.B. auch für‘s Autofahren.

    Für‘s Klavierspielen oder andere Freizeitakivitäten aber nicht.

    Perfektion anzustreben ist mir fremd. Ich halte das nicht für ein realistisches Ziel. Fehler zu begehen liegt in der Natur des Menschen. Auch die Fehler, die begangen wurden.
    Um Fehler in Zukunft möglichst zu vermeiden muss ich in manchen Dingen sehr gut, in anderen gut sein und in manchen reicht auch ein befriedigend.

    Das kann ich selbst nur erreichen, wenn ich über ein hohes Maß an Gelassenheit und Lebenszufriedenheit verfüge.

    Das zu erarbeiten ist für mich Lebenskunst.

    Was ihr schreibt finde ich hochinteressant, es gibt viele Triebfedern, die zur Kunst führen.
     
  6. maxe
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    maxe

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    Priorisieren, Wichtigkeits"Triage", ja ohne dem wirds nicht, und gerade wos am kräftigsten brennt , muss Übersicht gewahrt werden, um die Kräfte nicht aufzureiben oder wirkarm binden..., aber du kennst das ja von der Rettung... :-)
     
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  7. altermann
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    altermann

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    Puh, was ist denn das für ein Thema.
    Ich habe den Start verpasst und jetzt im Schnelldurchlauf gelesen.
    Ich gebe gerne zu, dass ich von Haus aus ein unzufriedener Mensch bin. Ein Perfektionist, so sagt man über mich. ☹
    Mir geht es wie @Marlene. Alles muss auf den Punkt passen und wird solange nachgebessert, nachgefordert, bis es bei mir Gnade findet. Glücklich macht das auf Dauer nicht. Meine Frau war über 40 Jahre Revisor in der Bank. Sie meinte schon öfter, ich sei ein nicht ganz leichter Fall, oder so.
    Ich hoffe, dass ich altermann die Kurve vor meinem Ableben noch kriege.

    Grüße und Gauf
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2019
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  8. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Klar, die Lernfähigkeit bleibt bestehen bis zum Schluss, vorausgesetzt wir sind lernwillig. :ballon:

    Kannste glauben! :super:
     
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  9. espresso
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    espresso

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    Interessante Frage. Ich hatte keine Zeit alle Beiträge zu lesen, aber das hängt neben meiner Kaffeemaschine
    20190726_205733.jpg
     
  10. espresso
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    espresso

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    Entschuldigung, ich habe es nicht gedreht bekommen
     
  11. Klavirus
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    Klavirus

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    Kette war zu kurz?
    Gauf!
     
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  12. Boogieoma
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    Boogieoma

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    Zufriedenheit ist für mich die kleine Schwester von Glücklichsein. Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden und es macht mich glücklich, dass ich eine wunderbare Familie habe. Wenn ich z. B. am Klavier ein Stück so spielen kann, dass ich denke, so soll es sein, dann bin ich zufrieden und auch glücklich.. Manchmal ist es ein langer Weg dorthin, meine Arthrose spielt auch nicht immer mit, dass ich alle Stücke, die ich gerne gut spielen möchte, wirklich ansprechend spielen kann. Macht nix, dann spiele ich wieder viele leichtere Stücke und erfreue mich daran.
     
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  13. samea
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    samea

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    Ich gehöre zu den Menschen, die sich über kleine Dinge freuen können und dafür dankbar sind. Das macht mich zu einem zufriedenen Menschen.

    Gleichzeitig bin ich am Leben und meiner Umwelt interessiert. Das bewahrt mich vor Passivität und Stillstand. Unzufrieden macht mich Unter- und Überforderung. Deswegen ist es mir wichtig realistische Ziele zu haben. Dazu gehört auch Entscheidungen zu treffen. In der Zeit in der ich Klavier spiele kann ich nicht lesen. Innere Zerrissenheit macht mich unzufrieden. Es ist eine Tatsache, dass ich nicht alles haben kann.

    Für mich ist es wichtig, dass der Weg das Ziel ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich einen geringen Anspruch an mich habe.
     
  14. nispi
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    nispi

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    Was Zufriedenheit angeht wird wohl jeder Mensch anders ticken. Als junger (erwachsener) Mensch war ich sehr unzufrieden in vielen Bereichen meines Lebens.
    Diese Zeit möchte ich nicht zurück haben! Ich bin jetzt sehr gerne zufrieden, dieser Zustand ist viel angenehmer. Es war ein jahrelanger Lernprozess das viel zu hohe Anspruchsdenken abzulegen.
    Die „Hummeln im hintern“ sind aber trotzdem geblieben, so geht es immer noch voran. Scheinbar langsamer, aber objektiv gesehen ist es gar nicht langsamer. Nur der Realität angepasst.

    Chiarinas Geschichte finde ich sehr schön. Die Zufriedenheit des Moments kann man sich bei kleinen Kindern abgucken. Wenn ich wohin will dann ist das Schuhe anziehen eine kleine unbedeutende, schnell zu erledigende Tätigkeit. Für meine Dreijährige ist es die in diesem Moment wichtigste Tätigkeit, und es ist egal was danach kommt. Immer zufrieden mit der aktuellen Tätigkeit. Wenn ich mal unzufrieden bin verbringe ich einen intensiven Tag mit meiner Dreijährigen...
     
  15. klaros
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    klaros

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    @nispi, wie schön du das gesagt hast: "Ich bin jetzt sehr gerne zufrieden."
    Das bringt es auf den Punkt, denn gerne zufrieden sein zu wollen ist der Schlüssel.
    Wer nicht gerne zufrieden ist, der vermeidet auch das Erkennen der Ursache für Zufriedenheit. Wer dagegen gerne unzufrieden ist (das gibt natürlich niemand gerne zu) der findet immer ein Haar in der Suppe.
    Deine Aussage birgt eine philosophische Dimension.
     
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  16. Klavirus
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    Klavirus

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    Also das musst du jetzt mal erläutern.
    (Geht hier so langsam in Psychoblabla über...)
     
  17. klaros
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    klaros

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    Ich muss nichts erläutern, das ist deutlich genug begründet.
     
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  18. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Ich gehe davon aus, dass viele gar keine Wahl haben, was sie lieber sein möchten.

    Dieser zum Teil auch pessimistische Gedanke gehört bei vielen zur Grundausstattung ihrer Persönlichkeit.

    Dieser Typ kann nicht anders und will es auch nicht. Seine Lebensart ist anders und seine Triebfeder eben auch. Er hat eben andere Strategien zur Lebensbewältigung.
    Zum Beispiel wird der eher zwanghaft-ängstliche Typus seinen Kontostand eher unzufrieden betrachten, wenn er nicht kontinuierlich anwächst, der paranoide Typus, der Mitmenschen eher misstrauisch begegnet, erst recht.

    Ich habe ein Beispiel im Berufsleben: wir haben eine Medizinische Fachkraft gesucht.
    Eine Freundin unserer Erstkraft hat sich beworben. Beim Vorstellungsgespräch stellte sich heraus, wie sehr sie an ihrem damaligen Arbeitsplatz ( 20 Jahre war sie dort!) hängt. Gründe über einen möglichen Arbeitsplatzwechsel lagen darin, dass ihr Chef ihre Stunden häufiger reduzierte aus Sparsamkeit. Überstunden seien auch teilweise nicht bezahlt worden.

    Ich habe sie damals gebeten, sich ihrem Zwiespalt bewusst zu werden und gut darüber nachzudenken und das Gespräch mit ihm zu suchen. Obwohl ich sie unbedingt haben wollte.

    Wir haben sie gekriegt. :-)

    Sie hat mit ihrem damaligen Chef über ihre Situation gesprochen, dass sie auch auf das Geld angewiesen war, dargelegt. Er hat gesagt, einer Kündigung ihrerseits Stände nicht im Weg.
    Nach diesem Gespräch kam sie zu uns in die Praxis und hat Rotz und Wasser geheult.

    Sie ist eine tolle Mitarbeiterin, wirkt auch bei hoher Belastung niemals gestresst, ist loyal und einfach ein liebenswerter Mensch.

    Es übersteigt mein Fassungsvermögen, wie man so jemanden ziehen lassen kann, nur um ein paar Euro mehr auf dem Konto zu haben.

    Den menschliche Faktor an der Geschichte finde ich zum kotzen.

    Ich kenne ihren ehemaligen Chef. Er ist Teil einer sehr wohlhabenden Ärzte-Dynastie und eher die A-Persönlichkeit, unzufrieden mit seinem Honorar und verfügt über einen gehörigen Schuss Narzissmus.
    Und er ist auch erfolgreich.

    Mich interessiert aber nicht die Bewertung ( er ist schlecht und ich bin gut), sondern
    Beweggründe und mögliche Folgen dieser Strategien.
     
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  19. chiarina
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    chiarina

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    Liebes Klein wild Vögelein,

    ich habe die Biographie von Bellamy über Argerich gelesen. Nach meinem Eindruck hat sie ihre Erstklassigkeit auf gar keinen Fall durch Unzufriedenheit erworben. Leider eher aufgrund des Drucks von außen, speziell ihrer Mutter und natürlich ihrer unglaublichen Begabung samt guten Lehrern.

    Viele große Musiker haben bereits früh mit dem Musizieren begonnen. Als kleine Kinder haben sie in verschiedenem Ausmaß die Unterstützung der Eltern erfahren (ohne diese geht es extrem selten). Die Erstklassigkeit, die umfangreiche und gründliche Ausbildung des musikalischen Talents und der Anspruch entstehen in diesem Alter eher durch die Außenwelt, was sich sehr positiv, aber auch sehr negativ auswirken kann.

    Denn damit verbunden ist Druck, eine mehr oder weniger starke Erwartungshaltung der Eltern und Lehrer. Das Kind KANN dadurch lernen, sich selbst später ebenso solchen Druck zu machen, so dass es nie zufrieden ist. Der Blick richtet sich dabei leider immer auf die eigene Leistung und weniger auf das Tun selbst, auf die Musik. Vielleicht wird das Kind dadurch erstklassig, aber wird es auch glücklich? Mir scheint es wie bei Argerich eher so zu sein, dass auch bei erstklassigen Leistungen sich nie Zufriedenheit einstellt. Man macht sich selbst fertig für die kleinsten Sachen.

    Es KANN auch anders ausgehen, indem die Unterstützung der Eltern und Lehrer den Boden bereiten, auf dem das Talent gedeihen kann, ohne zerquetscht zu werden.

    Ich persönlich glaube, dass eine Unzufriedenheit, die vorrangig auf die eigene Leistung als auf den Gegenstand an sich (Musik) ausgerichtet ist, wahre Erstklassigkeit verhindert. Argerich hat mal wunderbar das Klavierkonzert Ravel gespielt. Bei einer Stelle kam der Ton nicht wie gewünscht und sie verzog das Gesicht. DAS hat mich sehr gestört und ich wurde für einen Moment aus der Musik geworfen. Man hat richtiggehend GESEHEN, wie sie sich fertig gemacht hat wegen dieses einen lächerlichen Tones.

    Generell kann aber Unzufriedenheit ein großer Ansporn sein, wenn man die Möglichkeit hat, ZEITNAH etwas zu verändern. Ich habe schon sehr, sehr oft über Stellen nachgegrübelt, die mir einfach nicht gefielen, wie ich sie spielte. Ich wusste aber nicht, woran es lag.

    Sich damit zu befassen, kann sehr motivierend und spannend sein! Das sind aber auch kurzfristige Unzufriedenheiten, die ich konkret benennen kann.

    Für langfristige Unzufriedenheiten a la "ich möchte mich beim Klavierspiel in eine andere Richtung entwickeln", "ich möchte mich beruflich verändern".... braucht man einen Plan, um die Zeit der Veränderung zu strukturieren und Fortschritte erkennbar werden zu lassen. Dann kann Unzufriedenheit ebenfalls anspornen und Kreativität entstehen lassen, um Situationen zu verändern.

    Für mich die wichtigste Voraussetzung für Erstklassigkeit ist allerdings das "Brennen für eine Sache", die intrinsische Motivation!

    Den Dingen auf den Grund zu gehen, neugierig und wissbegierig sein, etwas lernen zu wollen, der unbedingte Wille, etwas (hier Musik) von allen Seiten, mit Haut und Haar zu erleben und zu verstehen, das tiefe Bedürfnis zu musizieren - das führt verbunden mit Talent und der Ausbildung der entsprechenden Fähigkeiten zu Erstklassigkeit und braucht natürlich auch Kreativität.

    Liebe Grüße

    chiarina
     
  20. klaros
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    klaros

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    Zur Ergänzung meines Beitrags: Man ist nicht besser wenn man positiv denkt, man ist nur besser dran.
    :-)