Wie entsteht eine Oper? Fragen über Fragen

Dieses Thema im Forum "Theorie, Arrangement & Komposition" wurde erstellt von ad lib., 9. Dez. 2017.

  1. ad lib.
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    ad lib.

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    Ich war gestern mal wieder in einer Oper, einer Neuinszenierung eines Dramas aus der Antike (Cherubini: Médée, gemäß Euripides).

    Jedenfalls habe ich mich mit einer Freundin vorher und nachher darüber unterhalten und uns ist aufgefallen, dass wir zwar schon in vielen Opern waren, aber wenig Ahnung von der Arbeit haben, die dahinter steckt. Gibt es irgendwo einen guten Überblick darüber, ob Internet oder Buchform, den ihr empfehlen könnt? Konkret sind bei mir folgende Fragen entstanden:

    - Opernkomponist und Librettist - wie arbeiten sie zusammen? Ich weiß, dass einige, wie zB Wagner, auch das Libretto selbst geschrieben haben; bei anderen Opern hingegen waren zwei oder mehr unterschiedliche Personen dafür verantwortlich. Schreibt der Opernkomponist die Musik auf Basis des Stoffes (hier Euripides) und der Librettist verfasst dann zeitgleich darauf abgestimmt das Libretto? Beides muss ja harmonieren? Ich stelle mir das sehr schwierig vor.
    - Wann kommen die anderen wichtigen Komponenten wie Bühnenbild, Kostüme etc ins Spiel?
    - Welche Ansätze gibt es bei Neuinterpretationen; was bleibt normalerweise erhalten, was kann verändert werden, welche "Ausreißer" gibt es und was lösen sie aus?
    - Wie geht ein Opernkomponist grundsätzlich vor, wenn er eine Oper komponiert? Er sucht sich eine Textgrundlage und hält sich dann an die zur jeweiligen Zeit typische Form (oder auch nicht, dann gewollt)?
    - Ich weiß, dass es verschiedene Formen und Gattungen der Oper gibt; auch kenne ich noch die "Standesregel", nach der früher die komische von der ernsten/dramatischen Oper unterschieden wurden. In ersterer waren die Protagonisten "bürgerlich", in letzterer nicht. Begründet wurde das damit, dass den bürgerlichen Figuren die "Fallhöhe" fehle und damit keine Voraussetzung für ein "Drama" vorhanden sei. Natürlich wurde diese Regel irgendwann - glücklicherweise - ignoriert und konterkariert, Medea (die ja formal wegen der gesprochenen Überleitungen(?) eine "komische Oper" ist) war ein Beispiel dafür. Ich finde die Geschichte der Oper und ihrer Ausprägungen, gerade im Kontext mit historischen/gesellschaftlichen Entwicklungen, enorm spannend.

    Ich habe wirklich wenig Wissen in dem Bereich und bitte vorab schon mal um Entschuldigung; Korrekturen sind natürlich willkommen. ;) Vielleicht hat ja jemand Rat/Empfehlungen/Interessantes zu berichten?
     
  2. .marcus.
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    .marcus.

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    Das ist, wie man so schön sagt, "ein weites Feld". Ich empfehle dir, mal den Briefwechsel Hofmannsthal - Strauss zu lesen. Da wirst du viele Einblicke in diese Werkstatt finden. Das ist natürlich nicht einfach übertragbar auf andere Komponist-Librettist Situationen, aber zumindest mal ein Beispiel und gut zugänglich.

    lg marcus
     
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  3. mick
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    mick

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    Empfehlen kann ich (nicht nur für den Bereich der Oper) das "Handbuch der musikalischen Gattungen in 17 Bänden" aus dem Laaber-Verlag. Ist leider nicht billig, aber vielleicht findest du es in einer Bibliothek. Die Bände 11-14 behandeln die Oper von den ersten Anfängen bis in die Gegenwart.

    Was deine konkreten Fragen angeht, sind die nicht so einfach zu beantworten. Ich versuche es trotzdem:

    Das ist sehr unterschiedlich. In früherer Zeit wurden Libretti oft geschrieben, ohne dass eine konkrete Umsetzung geplant war. Die Libretti wurden dann mehreren Komponisten angeboten und zum Teil auch mehrfach vertont. Oft bekamen Komponisten auch einen Auftrag, ein bestimmtes Libretto zu vertonen. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Librettist und Komponist gab es in der Frühzeit der Oper selten, das erste bedeutende Beispiel dafür dürften die drei Da-Ponte-Vertonungen Mozarts sein. Sehr bedeutend war später auch die enge Zusammenarbeit zwischen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal – die haben wirklich Hand in Hand gearbeitet.

    Erst dann, wenn das Werk tatsächlich produziert wird. Im Gegensatz zu Musik und Text sind diese Komponenten veränderlich und werden in jeder Produktion neu erschaffen.

    Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Früher haben sich Komponisten die Textvorlage meist nicht gesucht, sondern wurden konkret beauftragt, für einen bestimmten Anlass eine Oper zu schreiben. Erst mit dem Aufkommen der bürgerlichen Oper hat sich das allmählich geändert. Was die Form angeht, gibt es natürlich unzählige Opern, die sich eng an die jeweils herrschenden Konventionen halten - die meisten davon sind heute vergessen. Aber die großen Komponisten haben es verstanden, die Formen weiterzuentwickeln und mit neuem Inhalt zu füllen. Es gab auch immer erbitterte Grabenkämpfe um Form und Inhalt der Oper - das ist ein extrem spannendes Kapitel der Musikgeschichte - diese Kämpfe hatten zum Teil politische Dimensionen.
     
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  4. Viola
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    Viola

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    Ich schreibe gerade an einer Oper. Das Libretto ist in Zusammenarbeit mit einer Librettistin entstanden, die für Inhalt und Sprache zuständig ist. Gemeinsam haben wir die Form entwickelt, Szenen und eine Dramaturgie entwickelt. Für potentielle Auftraggeber gibt es nun erste Klangbeispiele für die Chöre und einzelne Arien.
    Die Arbeit zieht sich nun schon über einige Jahre hin, aber das große Konzept steht. Die Instrumentierung wird noch spannend, da gibt es viele Möglichkeiten. Work in Progress eben.
     
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  5. mick
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    mick

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    Dann muss es toll werden. Mozart hat für Le nozze di Figaro 6 Wochen gebraucht. Und schon das Ding ist gar nicht mal so schlecht! ;-)
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Dez. 2017
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  6. ad lib.
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    ad lib.

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    Vielen Dank Euch allen - sehr hilfreich! :) Und vor allem Danke @mick für den Versuch, meine doch komplexeren Fragen konkret zu beantworten (wobei mir klar ist, dass das nur ein grober Umriss sein kann...).
     
  7. Rheinkultur
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    Rheinkultur

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    Wer sich für die italienische Oper interessiert, wird allerhand über diese Person hier erfahren, die nicht nur Libretti geschrieben hat, sondern auch selbst als Komponist tätig war:
    http://www.internationale-giuseppe-...ito-der-gro-er-librettist-freund-briefwechsel

    Zeitgeschichtlich nicht uninteressant, aber leider nur akustisch miserabel erhalten geblieben:



    LG von Rheinkultur
     
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  8. Viola
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    Viola

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    Ist einmal ein Sponsor gefunden geht das auch sehr schnell! Die meiste Arbeit steckt darin, das Werk zu verkaufen - bevor man an die Arbeit geht. Aber ich habe noch nie ohne Auftrag etwas komponiert... ok, vielleicht so kleine Fingerübungen, aber die großen Sachen sind nur Auftragswerke.
     
  9. Destenay
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    Destenay

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    vielleicht könnte für dich die Komponistin Violeta Dinescu interessant sein, schau mal auf Google.
    Ich kann dir sofern du Interesse hast auch ihre E-Mail Adresse schicken

    https://de.wikipedia.org/wiki/Violeta_Dinescu.