Was ist am Notenlernen so schwierig?

  • Ersteller des Themas DonMias
  • Erstellungsdatum

Bruchrechnen habe ich schon lange vor der Grundschule über das Lesen der Uhr gelernt, zumal wir immer nur von viertel, halb und drei viertel Uhrzeit sprachen statt von viertel nach oder viertel vor.

Analoguhren sind eine gute Parallele zum Notenlesen.

Sieht man das Problem des Uhrlesens nur als das Herausfinden der Uhrzeit in Form von Zahlen, hält man eine Digitaluhr für Praktisch.
Das entspricht dem Buchstabenüberdienotenschreiben.

Nutzt man die Analoguhr richtig (bzw. sie richtig verstanden), funktionieren Aufgaben wie: in fünf Minuten die Kartoffeln vom Herd, in einer Stunde Losgehen etc. komplett ohne aus der aktuellen Uhrzeit eine Zahlenrepräsentation zu machen und das Gewünschte Intervall hinzuzurechnen, im Moment des Uhrablesens rein visuell.
 
Analoguhren sind ganz klar besser, da man den ZeitABSTAND sehr klar visuell sieht, was einem im Alltag hilft.

Bis vor einigen Monaten hatte ich auf dem Lockscreen meines Handys eine Analoguhr, wodurch ich immer sehr schnell und unauffällig erkennen konnte, wie lange eine Unterrichtsstunde noch geht. Beim aktuellen Handy geht nur digital, was immer einen "Denkakt" mehr erfordert.
 

Seit ein paar Jahren habe ich in einem Zimmer eine sog. Linkshänderuhr (war mal ein Geschenk, läuft linksherum), seit dem muss ich bei JEDER Uhr zum Ablesen einen Zwischenschritt einlegen.
Lustig war auch der Bilschirmschoner bei Windows, wo ein beliebiges Wort frei rotiert wird über alle Achsen. Oder einfach mal ein Buch falschrum in der Hand halten, oder es vor dem Spiegel gehalten lesen. Wenn man das eine Weile gemacht hat, ist einem die Orientierung egal.

Bei der Uhr hätte ich aber vermutlich auch Probleme, wenn keine Ziffern, nur Striche drauf sind. :-D

Zum Thema: Hängt vermutlich davon ab, in welchem Ausmaß Gedächtnis und Kognition visuell arbeitet. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Stark visuelle Typen sind den reinen Hörtypen überlegen, was das Notenlesen betrifft. Bevor ich mich dem Klavierspiel gewidmet habe, hatte ich schon oft Kontakt mit Musiknoten gehabt (zum Beispiel Chor). Noten lesen und in welcher alternativen Notation auch immer in den Computer übertragen, z.B. Lilypond, schult auch. Ich habe mir sogar zwecks Musiksynthese eine eigene Sprache entwickelt, weil mir Lilypond zu sehr am Graphischen ausgerichtet war, und MIDI wieder zu technisch bzw. maschinenennah. Normale Noten in diese Sprache zu übersetzen ist ein Spaß für sich, trainiert gefühlt noch besser. Das ist aber eher was für Nerds, die mit der Musik an sich im Vergleich mit Musikern eher wenig am Hut haben, denen es mehr aufs symbolisches Kodieren und Dekodieren ankommt und für die es ein Faszinosum ist, von Grund auf akusmatische Musik zu machen.

Die Frage, ob trockenes, also vom simultanen Instrumentenspiel unabhängiges Notenlesenkönnen mir beim Klavierspiel hilft, kann ich mit einem klaren Jain beantworten. Die aktuelle Vorzeichnung geht mir beim Üben leicht abhanden, was mir beim trockenen Nichtganzmusizieren seltener passiert. Ich schiebs auf meine Disziplin, die einem Schweizer Käse ähnelt. Aber das hatte immerhin den Vorteil, dass es im KU gleich zur Sache gehen konnte.

Bei Klavierliteratur kommt erschwerend hinzu, dass sich die Leserichtung aus dem Kontext ergibt. Notenlesen bei Klavier- und anderen Tasteninstrumenten ist horizontal-vertikal oder vertikal-horizontal, je nachdem, ob mehrere Stimmen geführt werden und wie stark in einer Stimme harmonische Intervalle vertreten sind. Denn nicht alle harmonischen Intervalle weisen auf Mehrstimmigkeit hin, oft dienen sie nur der klanglichen Andickung einer Stimme etwa auf betonten Schlägen. Die Notensetzer stehen vor dem Problem, dass Notenhälse nur nach unten oder oben geführt werden können, es aber mehr als zwei Stimmen geben kann. Man verwendet daher verschiedene Halsrichtungen nur, wenn Noten unterschiedlicher Längen zusammen klingen.

Das Notensystem ist also gar nicht so eindeutig. Es ist vielleicht eindeutiger als Devanagari, wie früher in diesem Thread behauptet wurde, keine Ahnung. Aber es ist weniger eindeutig als Computersprachen.

Das mit Abstand dümmste, was ich je behauptet habe, das war gegenüber einem Franzosen, dass Deutsch eigentlich total einfach ist. So werde ich auch niemand sagen, dass Notenlesen total einfach ist. Oder Computerprogrammierung.

Die Lernbereitschaft ist ein knappes Gut. Sie ist nur da vorhanden, wo man eine Sache soweit versteht, dass man einen subjektiven Mehrwert für sich daraus ableiten kann und es sich lohnt, Frusttoleranz zu investieren. Meine Mutter etwa hat ein in Teilen noch sehr defektes Verständnis von Computern, aber egal, sie hat ja Kinder. Eines Tages werde auch ich verstehen, wozu Leute Kinder in diese Welt gesetzt haben: Irgendwer muss ihnen ja die Hauttumoren weg-CRSPR-n, wenn Ärzte rar sind.
 

Zurück
Top Bottom