Warm werden mit Bach

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Frotron

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In einer Umfrage hier im Forum unter dem Motto "Ein Komponist für den Rest deines Lebens" haben fast 70% J. S. Bach angegeben. Wow.

Da ich mit Bach'scher Klaviermusik mal so richtig gar nichts anfangen kann wollte ich hier mal nach Klavierwerken zum warm werden fragen.

Ich kenne und mag einige seiner Werke sehr gerne: Weihnachtsoratorium, Air, die h-Moll Messe hat ein paar miese Banger drin, Brandenburgische Konzerte. Aber bei den Werken für Tasteninstrumente hört es bei mir auf. Das (was ich kenne) ist alles so unglaublich mechanisch und konstruiert. Wenn ich ein Cembalo höre möchte ich meist weg rennen.

Ich wurde in meiner Jugend mal genötigt, die Fuge in c-Moll aus dem Wohltemperierten Klavier 1 zu spielen - selten ein Stück so wenig gemocht.

So wie ich es sehe gibt es zwei Möglichkeiten:
- Bach (am Klavier) ist nicht so meins
- Bach ist ein "aquired taste", und ich bin noch nicht auf den Geschmack gekommen.

Also her mit allen Vorschlägen für das ungeschulte Barockohr! :musik:
 
Ich finde die Klavierwerke von Bach zu hören oder zu spielen ist ein riesengroßer Unterschied.

Zum Spielen finde ich sie toll, zum Hören eher "geht so".
 
Höre mal Bach-Werke gespielt von Alfred Brendel (CD: Bach Pianostücke von 1976) oder Till Fellner (Wohltemperiertes Klavier).

Vielleicht kommst Du dann dahinter.
 
Spiel etwas, was nicht zu schwierig für dich ist, eher einfach. Vielleicht die französischen Suiten (oder eine davon). Wenn du mit der c-moll Fuge nichts anfangen kannst /konntest, würde ich das WTC (ich liebe es!) hinten anstellen.
Mein erster Bach war übrigens das italienische Konzert, aber das ist nicht gerade einfach.
Und von den wahnsinnig tollen, genialen Goldberg Variationen: lass die Finger.
 
Ich finde die Klavierwerke von Bach zu hören oder zu spielen ist ein riesengroßer Unterschied.

Zum Spielen finde ich sie toll, zum Hören eher "geht so".
Interessant, bei mir ist es genau umgekehrt. Ich würde sogar gerne mal in einen reinen Bach-Klavierabend gehen, aber spielen fällt mir schwer. Vielleicht fehlt mir da eine Früherfahrung.
 
Der Grund, warum so mancher seine Schwierigkeiten mit Bach hat, liegt meines Erachtens (neben der Tatsache, dass viele Bach zu "trocken" und undynamisch, somit langweilig, spielen) hierin:

Die meisten "Normalos" hören Musik primär rein emotional. Daher auch die Vorherrschaft musikalisch belangloser Hits, die aber über Text und Titel das richtige "Kopfkino" liefern, so dass man emotional schwelgen kann. Deshalb auch die Tatsache, dass moderne, schräge Stücke als Filmmusik problemlos rezipiert werden, während die gleichen Klänge, ohne Film-Connection vorgespielt, bei den Normalo-Hörern Ablehnung als "zu schräg" hervorrufen. Deshalb auch diese Flut von TEY-Musik, die ja nichts enthält außer einer irgendwie dumpfen sentimentalen Emotionalität, die sozusagen auf dem einfachstmöglichen Weg getriggert wird, so dass der Normalo-Hörer zufrieden ist, weil er ja seinen "Emotions-Fix" bekommen hat (der durchaus oft eher sedativ ist).

Bach kann einen derart konditionierten Hörer natürlich nicht befriedigen. Denn obwohl auch bei Bach viel Emotion ist (wie in jeder guten Musik), ist diese nicht so platt und so "cinematisch" im Vordergrund. Etwas Derartiges zu komponieren hätte Bach auch verabscheut - das überließ er den effekthascherischeren Opernkomponisten seiner Zeit. Ihm ging es - so wie allen Giganten unter den Komponisten - immer um etwas Transzendenteres, um Subtilität; und ja, auch um "Connaisseur-Tum", das Handwerkliches zu würdigen weiß.

Du willst einfach Deinen schnellen Emotions-Fix? Dann bist Du bei Bach schlicht falsch.
Du willst die tieferen Dimensionen der Musik und auch der menschlichen Innenwelt und Erfahrung kennenlernen oder bist ein bisschen ein Nerd, der an Musik auch das Handwerkliche, das Meisterhafte bewundert und verstehen will? Dann bist Du bei Bach genau richtig.
 
Ergänzend zu @hasenbein: An Bachs Musik kann auch faszinierend sein zu erkennen, mit welch einer Meisterschaft er die verschiedenen Techniken und Traditionen der Renaissance- und Barockmusik zusammengeführt und kulminiert hat. Das bedeutet, dass man sich sehr bewusst mit z.B. Palestrina, Ockhegem, Schütz, Rameau, Corelli und Vivaldi auseinandersetzt. Vor diesem Hintergrund wird der riesige Kosmos der Bachschen Musik noch stärker erkennbar und verstehbar.
 
I am very sorry, absolut jede Musik hört jeder primär emotional, das heißt ja nicht gleich, dass die Beweggründe immer niedrig (TEY :teufel:) sein müssen.

Wenn ich mit einer maschinengewehrartigen, hochleistungssportlich angehauchten Interpretation zum Beispiel des c-Moll -Präludiums aus WTK I konfrontiert werde, steigert sich meine Abneigung ins Unendliche, anstatt in ehrfürchtiger Bewunderung in den Staub zu sinken. Glücklicherweise habe ich durch persönliches Erleben eine gewisse Vorstellung entwickeln können, die mir hilft, mich diesem Präludium sehr positiv zu nähern (siehe Inge Rosars Bach-Workshop im Februar).
Es kommt auf den Kontext an, unter welchen Umständen man mit einem Stück zum ersten Mal konfrontiert wird. Das gilt immer, also auch für Bach.

Andraš Schiff, Pierre Laurent Aimard, Brendel,... dürften der o.g. Verzerrungen unverdächtig sein und nähern sich der Kunst von Bach von der genau richtigen Seite aus. Hör sie Dir an. In YouTube dürften sich auch viele Beispiele finden, in denen diese Pianisten ihr Verhältnis zu Bach erläutern. Da versteht man mehr über die Hintergründe, als wenn man ‚nur‘ die Aufnahmen unkommentiert hört.

hab Geduld!
 
Da ich mit Bach'scher Klaviermusik mal so richtig gar nichts anfangen kann wollte ich hier mal nach Klavierwerken zum warm werden fragen.
Willkommen im Club.
Jetzt kann man philosophieren und fragen, warum willst du das tun was die Masse macht? Obwohl es dir nicht gefällt. Weils Deutsch ist? ("wir fahren wann alle fahren").
Nicht jeder muss Bach gut finden, wo es doch auch z.Bsp. Beethoven gibt.;-)
 

Da ich Bach mittlerweile über alles (!) liebe und als Schüler wirklich hasste (!) fühle ich mich berufen in diesem Faden etwas zu schreiben. Allerdings habe ich gerade keine Zeit :-D. Und bis ich dazu komme (hoffentlich morgen oder so) eine kleine ungewöhnliche Herangehensweise:

Höre mal das hier bis zum Ende des ersten Satzes (also bis 3:33):

View: https://www.youtube.com/watch?v=XEZXLbfl_QE


Und nun höre mal das hier bis zum Ende des ersten Satzes (ca. bis 5:50):

View: https://www.youtube.com/watch?v=Ae60h944YxY


Wenn du wirklich einen Zugang zu Bach bekommen möchtest würde ich vielleicht mal versuchen ein bisschen mehr Musik "frühbarocker Meister" zu hören. Also z.B. Reincken (siehe oben) oder auch Biber:


View: https://www.youtube.com/watch?v=AWb5-llJJlU


Diese Musik empfinde ich aufs erste Hören emotional wesentlich packender als die Musik von Bach: Sie wirkt irgendwie direkter. Aber wenn man sich ein bisschen an diese Musik gewöhnt hat und dann Bach hört, wird man denke ich auch seine Musik mit anderen Ohren und Gefühlen hören.

Bach hat gewissermaßen die Musik dieser Epoche zu einer Vollendung geführt und all das, was diese Epoche ausmacht findet sich in seiner Musik. Man sollte z.B. auch nie vergessen, dass die Vergänglichkeit des Lebens in der damaligen Zeit eine wesentlich wichtigere Rolle als heute spielte:

https://www.youtube.com/watch?v=3w0lqrGDvEk

P.S.:

Ein paar letzte Klavierwerkempfehlungen sind:


View: https://www.youtube.com/watch?v=GqsCWgm87Tw



View: https://www.youtube.com/watch?v=BnyhftLpmOM
 
Mein erster Bach war übrigens das italienische Konzert, aber das ist nicht gerade einfach.
Sehr ambitioniert! :018:
Ich habe mit der zweistimmigen Invention in C-Dur begonnen, so wie es sich gehört! :005: Da habe ich mich ziemlich widerwillig durchgeackert, Polyphones zu spielen, war damals etwas völlig neues für mich und kam vergleichsweise langsam voran. Mein Klavierlehrer hielt Bach aber für sehr wichtig, und unter den Stücken, die er mir aufgab, war immer auch eines von Bach dabei. So richtig für Bach erwärmen konnte ich mich aber erst, als ich viele Jahre später seine Orgelwerke kennen lernte. So erkannte ich dann im Nachhinein, dass es kaum etwas Besseres für die Unabhängigkeit der Hände und Notenlesefähigkeiten gibt.

Meine Empfehlung:

 
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@alibiphysiker ohne Schmäh und Schönfärberei: Dich habe ich in der Aufzählung vergessen. Was und wie Du es so nebenbei zu vorgerückter Stunde bei @Marlene s Geburtstagstreffen von Bach gespielt hast, hatte alles Potential, Neugierige für Bach zu begeistern!
 
Meine sicherlich falschen Versuche*, mich Bach (hörend) zu nähern, haben das blanke Gegenteil bewirkt. Mein Fazit: Wenn man auf Teufel komm raus zu Bach will, stößt er einen ab. Man muss warten**, bis er auf einen zugeht. Das tut er nicht bei jedem.


*) "hör Dir das mal an oder das oder das..."
**) damit meine ich nicht passiv rumlungern sondern sich aktiv mit Musik beschäftigen
 
:022:
Ok, das erklärt deine lieblos Herangehensweise an die Borrée II...
Du hast einen Rechtschreibfehler: "liebevolle" sollte das heißen :021:
Erst vor kurzem bin ich drauf gekommen, dass das Püree eigentlich nur in kurzen Abschnitten polyphon ist und links und rechts durchaus unterschiedlich laut gespielt werden soll, aber bitte nicht weiter sagen.:-D
 
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