Spezielle Übungsstrategien für Erwachsene?

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whugemann

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Ich habe mit Anfang 40 vor viereinhalb Jahren mit dem Klavierspielen angefangen. Vorher habe ich Gitarre und Bass gespielt, u.a. seit 10 Jahren in einer Cover-Band. Klavier übe ich im Schnitt sicher 15 min pro Tag, seit Beginn des Unterrichts.

Ich musste schnell feststellen, dass die Prädisposition der rechten Hand beim Erwachsenen (mir!) bereits extrem ausgeprägt ist; mit links geht fast nichts. Auch das Entkoppeln der Bewegungen beider Hände fällt extrem schwer. Und das Notenlesen sowieso. Man liest ja immer wieder, es sei nie zu spät, mit dem Klavierspielen zu beginnen, aber ich bin mir da mittlerweile nicht mehr so sicher.

Umgesetzt in konkrete Fragen:
Gibt es gezielte Übungen für Erwachsene, mit denen man diese spezifischen Probleme angeht? Gibt es mentale Tricks, mit denen man das Verkrampfen verhindert? Mir hat z.B. der Tipp, beim Spielen einfach die Augen zu schließen an (für mich) schwierigen Stellen extrem geholfen.

Wie kann man gezielt Kraft in der linken Hand gewinnen? Nur mit Klavierspielen - oder geht es auch effektiver? Oder holt man sich nur eine Sehnenscheidenentzündung, wenn man's übertreibt?

Gibt es spezielle Fachliteratur, die sich mit den Problemen des erwachsenen Anfängers (als solcher muss ich mich leider immer noch bezeichnen) systematisch beschäftigt? Meine Klavierlehrer (ich bin jetzt schon beim zweiten) sind zwar nett und kompetent; ich habe aber den Eindruck, dass die Didaktik für Erwachsene nicht Bestandteil ihrer musikpädagogischen Ausbildung war.

Alles in allem: Ich würde gern zielgerichteter voran kommen -- gibt es da Wege?

Gruß aus Münster
Wolfgang Hugemann
 
Guendola

Guendola

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Da du bereits Gitarre und Bass spielst, kann ich mir nicht vorstellen, daß es deiner linken Hand an der nötigen Kraft fehlt. Natürlich ist die durch diese Instrumente besonders an die rechte Hand gekoppelt - man greift ja nichts, was nicht rechts gespielt wird. Was wirklich hilft, sind zum Beispiel die zweistimmigen Inventionen von Johann Sebastian Bach. Man kann erstmal intensiv die einzelnen Hände üben und dann setzt man in aller Ruhe Takt für Takt, zum Teil auch Ton für Ton, zusammen.

Du kannst auch die Rollen von links und rechts vertauschen, indem du Stücke verkehrt herum spielst, links die oberen Noten, rechts die unteren - am besten jeweils um eine Oktave versetzt, damit du die Hände nicht kreuzen mußt. Oder rechts einfache Akkordfolgen spielen und mit Links Melodien dazu improvisieren.

Mit "hand", "hände" und "unabhängigkeit" solltest du per Suchfunktion noch ein paar weitere Tips finden.
 
8Finger&2Daumen

8Finger&2Daumen

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Verkrampfen

Hallo whugemann,

als Späteinsteigerin mit der gleichen Problematik ist dieser Faden auch für mich sehr interessant und ich hoffe, die erfahrenen Profis in diesem Forum werden ihre Tipps hier zahlreich offenbaren ;).

Meine KL gibt mir Passagen, bei denen ich immer gerne verkrampfe, immer als folgende Übung auf: jeden Takt erst 4x, dann 2x, dann nacheinander spielen, dabei zu Beginn jeden Takts explizit auf Lockerheit achten.

Schönen 3. Advent!
 
Guendola

Guendola

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Ich habe mir in den vergangenen Tagen ein paar Gedanken zu diesem Thema gemacht. Erwachsene haben ja leider den Nachteil, daß das Gehirn wesentlich träger auf Belastungsreize reagiert als bei Kindern. Daraus resultiert die Grundidee, daß man diese Belastungsreize gezielt setzen muß, damit sich die Neuronen wieder in klavierspielgerechter Weise vernetzen. Details habe ich noch nicht ausgearbeitet, ich habe ja keine Hirnforschung studiert. Aber der Ansatz könnte was bringen.

Im übrigen sollen Bananen, Fisch und Melissentee gut für Gehirn und Nerven sein und das sind ja die Hauptorgane des Pianisten.
 
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whugemann

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Die Tipps zu möglichen Suchbegriffen waren sehr brauchbar. Die Inventionen habe ich vor Jahren mal versucht und bin daran verzweifelt; ich werde die einfacheren (auch die Liste mit den Schwierigkeitsgraden war sehr brauchbar) demnächst mal wieder versuchen.

Zur Zeit quäle ich meine linke Hand mit Boogie Woogie, deshalb auch mein Kommentar über die Kraft, denn da fehlt es dann tatsächlich. Mein Hoffnung ist, dass es mir gelingt, die Begleitung in der linken Hand so weit zu automatisieren, dass ich mit der rechten Hand unabhängig dazu spielen kann. Es gelingt mir auch nach ca. 30 Stunden üben nicht sehr gut :-(

Es ist wirklich frustrierend, wie langsam alles geht. Mit den 15 Minuten Üben am Tag habe ich (nachdem ich lange nachgedacht habe) sicher untertrieben. Selbst wenn ich Urlaub, schwänzen, etc. abziehe, komme ich auf knapp eine halbe Stunde pro Tag und das seit fast fünf Jahren. Die Erfolge sind bescheiden. Habe mich z.T. aus Resignation von der Klassik aufs Moderne (Rock, Boogie) verlegt.

Bei der Klaissik habe ich es bis zum Fröhlichen Landmann gebracht. Den konnte ich, den Worten meiner Klavierlehrerin zufolge, spielen wie eine Aufziehmaus -- und recht hat sie damit leider gehabt ;-)

Ich möchte also berechtigte Bedenken anmelden, dass man als Erwachsener überhaupt noch Klavier lernen kann, es sei denn, man versteht unter Klavierspielen etwas ganz anderes als ich...

Gruß aus Münster
Wolfgang Hugemann
 
K

koelnklavier

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Ich musste schnell feststellen, dass die Prädisposition der rechten Hand beim Erwachsenen (mir!) bereits extrem ausgeprägt ist; mit links geht fast nichts. Auch das Entkoppeln der Bewegungen beider Hände fällt extrem schwer.
Ich kenne die Probleme, da ich sehr viel mit erwachsenen Anfängern arbeite. Zunächst brauchen beide sehr viel Geduld - sowohl der Schüler als auch der Lehrer. Sicherlich gibt es bei Erwachsenen Grenzen, was die Geschmeidigkeit des Muskelapparats, die Beweglichkeit der Gelenke und die neuronale Disposition angeht, die man einfach akzeptieren muß. Aber häufiger sind es "bloße" Blockaden, die es zu beseitigen gilt und für die man Lösungsstrategien entwickeln muß. (Das ist allerdings leichter gesagt als getan.)

Über das Notenlesen (ich plädiere nach wie vor für den Begriff "buchstabieren"!) gibt es mittlerweile einen eigenen Thread

Gibt es gezielte Übungen für Erwachsene, mit denen man diese spezifischen Probleme angeht? [...] Gibt es spezielle Fachliteratur, die sich mit den Problemen des erwachsenen Anfängers (als solcher muss ich mich leider immer noch bezeichnen) systematisch beschäftigt?
Ich kenne zwei Klavierschulen, die sich speziell an Erwachsene wenden (Schaper/Meister; Frank Faber). Aber ich halte beide Schulen für wenig geeignet, da sie auf eben Deine geschilderten Probleme nicht eingehen.

Gibt es mentale Tricks, mit denen man das Verkrampfen verhindert? [...] Wie kann man gezielt Kraft in der linken Hand gewinnen? Nur mit Klavierspielen - oder geht es auch effektiver? Oder holt man sich nur eine Sehnenscheidenentzündung, wenn man's übertreibt?
Was die fehlende Geschmeidigkeit der linken Hand betrifft, könnte in der "einseitigen" Ausrichtung auf Krafterzeugung eine Ursache liegen. Wenn man sich zusehr auf den Parameter Kraft fixiert, ist es schwierig, eine Lockerheit im Arm, im Handgelenk und im Mittelhandbereich zu erreichen. Die Masse des Arms ist ausreichend, um einen gehörigen Lärm zu erzeugen. Dafür braucht man also schon mal keine Kraft. Das leichte (!) Fixieren der Finger, um eine Taste niederzudrücken, sollte jedem möglich sein, der auch ein Glas Bier halten kann. Das was gemeinhin bei Pianisten als "Kraft" beschrieben wird, ist eher die "Schnellkraft" der Fingersehnen: Wie schnell gelingt es mir, die Sehnen anzuspannen und wieder zu entspannen? Benötigt wird diese Schnellkraft der Sehnen vor allem beim schnellen Spielen. Aber auch diese Schnellkraft kann man nur aus einer entspannten Handhaltung heraus entwickeln.

Hilfreich ist es, wenn die Finger (soweit es möglich ist) bewußt Tastenkontakt halten. Wenn die Finger über den Tasten schweben, ist in jedem Falle schon eine Grundspannung vorhanden, die sich meist jeder Kontrolle entzieht. Wenn die Finger indes auf der Taste ruhen, sind zumindest die Voraussetzungen für eine entspannte Haltung gegeben.

Je langsamer und ruhiger ich spiele, desto weniger bin ich zunächst auf Muskelspannung und die Schnellkraft der Finger angewiesen, desto mehr kann ich mein Augenmerk auf die Handhaltung richten.

Dies können nur allgemeine Hinweise sein. Ich empfehle, vor dem Spielen einige Minuten zur Lockerheit des gesamten Bewegungsapparates zu verwenden, zunächst ohne Klavier, dann an der Klaviatur, es gibt einfache Übungen, um die Dehnfähigkeit der Hand und die Beweglichkeit des Daumens zu verbessern, mit leichten Stützfinger-Übungen (bitte nicht Cortot, Dohnanyi und Hanon) läßt sich auch die neuronale Unabhängigkeit der Finger trainieren.

Ob die Boogie-Woogie-Ausrichtung (die ja in der Tat eine durchdringende, "stählerne" Hand benötigt, zum augenblicklichen Zeitpunkt das Richtige ist, möchte ich bei, was Du schilderst, bezweifeln.

Ansonsten kann ich Dir erst mal nur raten, Geduld zu bewahren und die Flinte nicht ins Korn zu werfen.
 
Stuemperle

Stuemperle

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Ich möchte also berechtigte Bedenken anmelden, dass man als Erwachsener überhaupt noch Klavier lernen kann, es sei denn, man versteht unter Klavierspielen etwas ganz anderes als ich...
Sicher kann man darunter verschiedenes verstehen und ob man als Späteinsteiger es noch zur Konzertreife bringen kann halte ich auch für fraglich aber Du willst es ja nicht als Beruf sondern als Hobby und dafür ist maßgeblich, ob es Dir Freude bringt und nicht, wie gut Du bist (logo: wenn besser dann mehr Freude).

Was evtl. didaktische Besonderheit bei Erwachsenen sein kann, darüber steht was in
http://www.musikschulen.de/medien/doks/mk03/referat_ag03.pdf
allerdings bist Du als Gitarrero und Bassist ja nicht so unbeleckt von musikalischem Empfinden wie dort für irgendeine Hirnhälfte angenommen (wenn ich mich recht entsinne).

Gruß und Spaß und Geduld ;-), Manfred
 
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whugemann

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Was evtl. didaktische Besonderheit bei Erwachsenen sein kann, darüber steht was in
http://www.musikschulen.de/medien/doks/mk03/referat_ag03.pdf

Habe ich soeben gelesen. Das was ich verstanden habe, sehe ich ähnlich. Zumindest seine Anregungen zur Motivation und der Wichtigkeit der Improvisation haben meine Klavierlehrer einigermaßen befolgt, das muss ich ihnen zugestehen.

Ansonsten: arg theoretisch, wie man es vom Vortrag eines Professors auf einem Kongress erwartet ;-)

Gruß + Dank aus Münster
Wolfgang Hugemann
 
Guendola

Guendola

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Leider ist der Aufsatz nicht nur sehr theoretisch, er ist nur theoretisch. Beispiele, wie man diese Ideen umsetzen kann, fehlen völlig.

Er bestätigt aber meine Vorstellung, daß Erwachsene oft viel zu "kopflastig" an das Klavierspielen herangehen (mit Logik). Wie schnell sucht mach nach Patentrezepten, Wundermitteln oder wenigstens nach Erklärungen, warum Klavierspielen so schwer ist! Ich glaube, wenn man einen Lehrer hat, dem man vertraut, sollte man ihm das didaktische Denken komplett überlassen und sich auf das Klavierspielen konzentrieren. Ich habe zu Anfang meine Lehrerin viel zu oft unterbrochen, weil ich dachte, sie erzählt mir mal wieder etwas, was ich schon vor 35 Jahren gelernt hätte. Ich habe dann mal länger zugehört, und siehe da, es war nur die Einleitung - frei nach dem Motto "dieser Sachverhalt ist ja klar aber...".

Ungeachtet des Artikels vermute ich auch, daß viele Lehrer sich überfordert fühlen, weil von ihnen eben erwartet wird, daß sie spezielle Methoden für Erwachsene kennen und das nicht der Fall ist. Ob spezielle Methoden nämlich wirklich einen großen Vorteil haben, bezweifle ich manchmal. Auch Kinder müssen das Klavierspielen mit dem ganzen Gehirn lernen (und man denkt immer, schöne Musik käme von ganzem Herzen) und komischerweise haben diverse hochkarätige Geistesgrößen einen Hang zur Musik (z.B. Einstein, der zwar nur "passabel" Geige spielte, aber das sogar mit einem professionellen Orchester durfte - oder Helmut Schmidt, der selbst heute noch Klavier spielt, obwohl sein Gehör ihm inzwischen aus Musik unangenehmen Lärm macht), und von solchen Denkern erwartet man ja eigentlich sehr einseitige Gehirnbenutzung.

PS: Die Motivation ist ja für uns hier kein Problem :D
 
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Melodicus

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... es gibt einfache Übungen, um die Dehnfähigkeit der Hand und die Beweglichkeit des Daumens zu verbessern, mit leichten Stützfinger-Übungen (bitte nicht Cortot, Dohnanyi und Hanon) läßt sich auch die neuronale Unabhängigkeit der Finger trainieren.

Ich bin an solchen Übungen sehr interessiert, denn ich kämpfe auch genau mit diesen Problemen.
Gibt es da einen Link? Oder eine Buchempfehlung?

Meine KL hat mir vorgestern diese Qui-Gong-Kugeln als mögliches Trainingsgerät empfohlen, um die Beweglichkeit der Hände, die Muskelkraft und die Spreizfähigkeit der Hände zu trainieren. Hat jemand damit schon Erfahrungen?

Grüße
Melodicus
 
Guendola

Guendola

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Die ersten zwei Übungen sind vorsichtig zu machen! Es darf nicht weh tun, nur ein bischen spannen! Wenn sich irgendwelche Schmerzen einstellen oder ein unangenehmes Gefühl nicht in wenigen Minuten abklingt, muß man auf diese Übungen verzichten und sollte auch das Klavierüben etwas reduzieren. Selbst Muskelkater ist schon ein Zeichen für etwas zu viel!

Für Finger: Mit zwei Fingern ein V machen, den Unterarm des anderen Arms reinstecken und ein bischen dehnen. Man kann die Dehnung durch drehen des Unterarms beeinflussen, nicht zu stark dehnen!

Daumen und kleiner Finger: Hand spreizen und mit Daumen und kleinem Finger gegen den Rand einer Tischplatte drücken, die anderen drei Finger liegen auf der Tischplatte. Ebenfalls nicht übertreiben! Daumen und kleiner Finger werden vermutlich nicht komplett an die Tischplatte kommen. Ich habe die Übung beim Wiedereinstieg ein paar mal gemacht, dann nicht mehr. Die Handspanne hat sich trotzdem vergrößert, nur durch normales spielen. Es macht aber insgesamt höchstens eine halbe Tastenbreite Unterschied (wer will, kann es ja mal ausrechnen).

Finger-Unabhängigkeit: Alle fünf Finger auf die Tasten legen und runterdrücken. Jetzt nach einander jeden Finger hochheben, zwei Sekunden halten und wieder runter. Die anderen Finger sollen dabei so entspannt wie möglich sein (also zu anfang überhaupt nicht). Alternativ kann man das auf einem Tisch machen, ein Buch vor die Finger legen und mit jedem Finger nacheinander auf das Buch tippen. Ein einfaches Taschenbuch reicht.

Ich glaube übrigens, daß das Spielen an sich ausreicht, um die Hände fit zu machen, es dauert nur ein bischen länger als mit Gymnastik und es hat den Vorteil, daß man sich nicht so leicht verletzen kann.
 
K

koelnklavier

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Ich bin an solchen Übungen sehr interessiert, denn ich kämpfe auch genau mit diesen Problemen. Gibt es da einen Link? Oder eine Buchempfehlung?
Da offensichtlich Nachfrage besteht, werde ich, wenn ich Zeit finde, in den nächsten Tagen (Wochen?) versuchen, etwas an Material bereitzustellen. Die Schwierigkeit: Man müßte mit Bildern (oder besser noch: mit Filmen) arbeiten, weil Beschreibungen nur bedingt erfassen, worum es geht und worauf man achten sollte.

Meine KL hat mir vorgestern diese Qui-Gong-Kugeln als mögliches Trainingsgerät empfohlen, um die Beweglichkeit der Hände, die Muskelkraft und die Spreizfähigkeit der Hände zu trainieren.
Die Qui-Gong-Kugeln sind keine schlechte Sache. Achte beim Kauf darauf, daß die Kugeln eine vernünftige Größe haben. Wenn sie zu klein sind, verkrampft die Hand. Beim Arbeiten mit den Kugeln immer ein Augenmerk auf die Schulter richten. Wer wenig Übung mit den Kugeln hat, zieht gerne die Schulter hoch. Dann hast Du nachher eine geschmeidige Hand und verspannte Schultern - auch nicht gut.

Hilfreich als Training für das Handgelenk (aber auch mit Vorsicht zu genießen!): Der Gyroskop-Trainer (ein rotierender Kreisel im Innern einer Kugel)
 
sorell

sorell

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Was Du schreibst, Kölnklavier, ist absolut richtig.

Ich erkläre es auch so:
1. Unsere Hand bzw. Arm ist wie ein Körper, der auf "Beine" (Finger) durch oder über die Tastatur spazierengeht. Genauso, wie wir unseren Körper auf die Beinen stellen, so werden auch die Arme bzw. Hände auf die Finger gestellt. Dabei man drückt nicht, man schwebt auch nicht, man einfach geht.
2. Wenn man legato spielt, wird das Gewicht des Arms von einem Finger in den anderen übertragen, ganz locker, genauso, wie wir gehen und unser Gewicht von einem Bein auf das anderen übertragen wird. Es ist besser mit zwei Tönen legato spielen zu anfangen. Auf ersten Ton man setzt sich rein und auf zweiten man steht auf, aber das macht die Hand und auf keinen Fall nur die Finger. Auf einer Bewegung kann man 2,3,4 oder viele Töne setzen. Es ist Übungssache. So werden technische Passagen geübt.
3. Besonders wichtig zu beachten, dass 4 und 5 Finger mit Unterstützung vom ganzen Arm spielen, genau vom Schulter.
4. Ich sage meinen Schülern auch, dass man sich vorstellen könnte, dass die Finger vom Schulter wachsen und mit diesem Schultergefühl zu spielen. Das hilft!
5. Beim legato spielen ist es wichtig zu beachten, dass die Finger richtig weg gehen, wenn sie schon gespilet haben. Wenn wir auf unseren Beinen gehen, geht das Bein auch nach oben, wenn das andere auf dem Boden ist.
6. Beim legatospielen ist es auch wichtig zu beachten, dass die Finger mit einem leichten einsatz spielen. Man sollte die Finger "aufmachen", "aufheben" - dadurch entsteht einen schönen Klang. Auch kann man das mit Sprechen vergleichen. Um gut artikulieren zu können, sollten wir unseren Mund gut aufzumachen. Dadurch wird das Sprechen (Spielen) ausdrücklucher, musikalicher und interessanter.

Gruß
 
K

koelnklavier

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[zu: Gyroskop] Das ist aber waschechtes Krafttraining. Bist du sicher, daß das gut fürs Klavierspielen ist?
Wie schon gesagt: mit Vorsicht zu genießen! Die Kraft, die auf das Handgelenk wirkt, hängt von der Geschwindigkeit des Kreisels ab. Mir geht es natürlich nicht um Krafttraining, sondern um das Mobilisieren des Handgelenks. Es gibt Menschen, die auf die Beweglichkeit ihres Handgelenks zunächst keinen Zugriff haben. Das Gyroskop dient hier lediglich als externer Impulsgeber ...

In Stichworten ein paar weitere Gedanken:
Sehnen:
  • Sie dienen der mechanischen Übertragung von Bewegungsimpulsen ("Seilzug"-Prinzip)
  • Sie besitzen Stützfunktion für die Gelenke
  • Sie federn die Bewegung der Gelenke ab (und bieten damit einen Dämpfungsschutz für die Gelenke). Diese dämpfende Funktion findet nur in einem bestimmten Mittelbereich statt und funktioniert in Extrempositionen nicht mehr. (Vergleichbar einer Kugelschreiberfeder: Dehne ich sie zu stark, habe ich nur noch ein nutzloses Stück Draht.)
Aktiv - Passiv:
  • Der Klavierspieler setzt sich mit dem Vorsatz an das Instrument, etwas zu tun. Dieses Tun-Wollen verstellt aber den Blick darauf, daß beim Klavierspielen eine ganze Menge geschehen kann, ohne daß wir großartig was tun. Das Gewicht des Armes und der Hand reicht aus, Klang zu erzeugen. Maximal (wenn wir den Arm einfach auf die Tastatur fallen lassen) wirkt die Schwerkraft g. Geht es also darum, über die kontrollierte Fallgeschwindigkeit den Klang zu beeinflussen. Ich versuche meinen Schülern immer das Bild vom Fallschirmspringer zu vermitteln, der zur Erde schwebt und sich am Boden abrollt.
  • Tastenbewegung kann man erzeugen, indem man eine Impulsspannung des Fingermuskels erzeugt und den Finger anschlägt. Man kann aber auch bei einer leichten Stützspannung des Gewicht des Armes und des Handrückens verlagern. Man erhält so einen "weicheren" Klang. (Ich benutze hier gerne das Gegensatzpaar Druck - Schlag. Im übrigen liebe ich den französischen Begriff "touché" für den deutschen "Anschlag").
  • Die Tasten haben "Auftrieb". Wenn ich den Druck des aktiven Fingers wegnehme, trägt die Taste den Finger von alleine in die Ausgangslage.
    @ sorell:
    Natürlich muß man auch das aktive Lösen des Fingers beherrschen, aber mir hier geht es hier darum, mit noch mehr Körpergefühl an das Klavierspiel heranzugehen.

Es ist bei Wiedemann u.a. viel davon die Rede, man müsse die "rechte Gehirmhälfte" ausschalten und "intuitiv" arbeiten. ich stehe solchen Äußerungen skeptisch gegenüber. Vor allem, wenn es darum geht, eingefahrene Bewegungsabläufe zu verändern, ist ein hohes Maß an (analytischem) Bewußtsein nötig. Ich muß erst einmal genau hinschauen und gleichzeitig spüren (!) und hören, was ich mache, und das Ergebnis abgleichen mit dem, was ich machen will. Zunächst muß ich mir das "Elend", das ich fabriziere, auch anschauen. Wenn ich eine klare Vorstellung von dem Bewegungsablauf habe, muß dieser Bewegungsablauf auch mit geschlossenen Augen in gleicher Formvollendung ablaufen. (Daß sich das Körpergefühl von Anfang an ohne die Sichtkontrolle einstellt, funktioniert m.E. nur in der Theorie.)

Es versteht sich hoffentlich von selbst, daß derartige Prozesse erst einmal mit jeder Hand getrennt trainiert werden müssen. (Da gab's doch mal einen Thread über eine chinesische Online-Klavierschule ...)

Sorry, wenn der Beitrag mal wieder arg lang geraten ist.
 
M

Melodicus

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Da offensichtlich Nachfrage besteht, werde ich, wenn ich Zeit finde, in den nächsten Tagen (Wochen?) versuchen, etwas an Material bereitzustellen. Die Schwierigkeit: Man müßte mit Bildern (oder besser noch: mit Filmen) arbeiten, weil Beschreibungen nur bedingt erfassen, worum es geht und worauf man achten sollte.

Das wäre SUPER! Bin natürlich sehr interessiert.

Die Qui-Gong-Kugeln sind keine schlechte Sache. Achte beim Kauf darauf, daß die Kugeln eine vernünftige Größe haben.

Über die Größe mache ich gerade Gedanken. Die meisten haben 40 mm Kugeldurchmesser. Meine Hände sind durchschnittlich groß, ich packe eine Oktave beim Greifen. Jetzt schwanke ich zwischen 35 mm und 40 mm Kugeln. Sind dann die 40er besser?

Grüße
Melodicus
 
Phönix

Phönix

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Meine KL hat mir vorgestern diese Qui-Gong-Kugeln als mögliches Trainingsgerät empfohlen, um die Beweglichkeit der Hände, die Muskelkraft und die Spreizfähigkeit der Hände zu trainieren. Hat jemand damit schon Erfahrungen?

Grüße
Melodicus

Das wäre SUPER! Bin natürlich sehr interessiert.



Über die Größe mache ich gerade Gedanken. Die meisten haben 40 mm Kugeldurchmesser. Meine Hände sind durchschnittlich groß, ich packe eine Oktave beim Greifen. Jetzt schwanke ich zwischen 35 mm und 40 mm Kugeln. Sind dann die 40er besser?

Grüße
Melodicus



Nun ihr meint doch hier immer diese chinesischen Gesundheitskugeln, oder?

Egel, ein tipp um die Hände zu entspannen wäre Rosmarin, ich lege in mir selber ein, man kann aber ganz einfach Olivenöl nehmen (ist dem eigenen Hautfett sehr ähnlich) und ein ätherisches Rosmarin-Öl, am bestern bei der Apotheke kaufen hineingeben - danach einfach Unterarme bis Finger massieren. Sollte kaum 10 € kosten und ist sehr ergiebig, man kann es auch in die Badewanne geben, es entspannt Muskeln und Sehnen.
- Das habe ich aus dem Altersheim, es wird gegen Spastische Finger, also eben Verkrampfungen verwendet.

Ich verwende es nicht direkt bevor ich am Klavier spiele, da ich finde, dass ich auch manchmal meinen Anschlag verliere, wenn ich direkt davor dehne oder mich mit diesem Öl massiere also mindestens eine halbe (oder mehr) Stunde vorher.

Dehnen funktioniert besonders gut direkt in der Badewanne, da das warme Wasser sehr entspannt und ebenso ist es mit Fingerübungen!
Ein Tipp: bevor man in eine Richtung dehnt möglichst vorher ganz leicht in die entgegengesetzte Richtung dehnen (ist vielleicht bei den Fingern etwas seltsam aber sollte auch klappen) und dann erst ganz langsam in die gewünschte Richtung dehnen und ebenso langsam entspannen.

Ich finde man dar es jedenfalls nicht übertreiben, wenn dehnen, dann schon regelmäßig, aber nur kurz und trotzdem die gedehnte Stellung halten (ca. 20 sek.) Dann pause machen und vielleicht nur ganz kurz später dehnen.
Unser Körper merkt normalerweise sehr schnell, wenn eine Bewegung dringend benötigt wird und lernt (bzw. wächst oder so ähnlich) diese dann. Deshalb mach ich sowas wirklich nur, wenn ich an gewissen stellen hängen bleibe und es da gerade Sinn macht, also nicht einfach aus Angewohnheit oder Überfleiß dehnen, bis man eine Dezim erreicht (würde dann vielleicht auch lange dauern), man kann inzwischen vieles andere lernen und in den Griff kriegen.


Und noch zum Mentalen, Kinder lernen natürlich schnell, da Sie noch unkompliziert denken, auch aber, da sie sich nicht vor Fehlern fürchten wie wir es manchmal machen (also am besten einfach mal dran vorbeispielen). Ein falscher Ton fällt bestimmt nicht so sehr auf, wie ein Rythmusfehler! Außerdem wird das eigentliche lernen Hauptsächlich von unserem Unterbewusstsein erledigt, dass mehr in der Nacht aktiv ist und Kinder schlafen auch aus diesem Grund normal mehr. Unser Unterbewusstsein arbeitet schneller, wenn wir stressfreier sind, da auch der zum Großteil dort verarbeitet wird. Obwohl, wenn man wirklich gestresst ist, ist Klavierspielen meistens eh sehr schwer zu meistern, oder ist das bloß bei mir?
-Aber, kurze Rede langer Sinn, was ich sagen wollte, lasst doch mal wieder euer Kind in euch heraus, das hat doch wohl jeder noch irgendwo, mit all den "Schokoladeseiten", die dazugehören!



-Er meinte nur, es sei nicht weiter tragisch, auf seine Grenzen zu stoßen, es sei nur tragisch nicht bis an seine Grenzen zu kommen und es sei nur feige und armselig es nie zu versuchen;-und so stieg er auf, wie ein Phönix aus der eigenen Asche, um jedem seine Wahre stärke aufzuzeigen.
 
M

Melodicus

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@ Phönix
Ja, diese Gesundheitskugeln meine ich.
Habe ich vor ein paar Tagen gekauft. Allerdings ohne Klang, sondern einfache Marmorkugeln. Das Gebimmel würde mich stören. So kann ich mal zwischendurch trainieren, nebenher beim Fernsehen oder so.
Ich merke schon, daß da Muskeln trainiert werden. Wie viel es bringt fürs Klavier werde ich erst in einiger Zeit merken.
 
 

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