Konzertgeschwätz

Das ist doch wie bei allen Künsten. Egal was man macht, man findet immer irgendeine Begründung und irgendwelche Leute, die das gut finden. Man kann auch seine Exkremente in Blechdosen verkaufen (wurde tatsächlich gemacht, weiß aber nicht mehr, wo - und Elefantenkacke kann man schon seit langem an seine besonderen Freunde liefern lassen, auch wenn das keine "Kunst" ist).

Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen "irgendwas" und "Kunst". Es ist einfach noch keine vollendete Kunst, wenn ich nach einem Jahr Geigenunterricht was daherkratze, egal, wie sehr ich mir das wünsche, und es ist auch keine Kunst, einen Text ohne besonderen Inhalt mit fünfzig Grammatikfehlern zu schreiben.
Wohl aber kann es Kunst sein ein Stück zu komponieren, das sich extra nach Anfangs-Geiger anhört, oder eine Performance zu gestalten, in deren Rahmen so ein Spiel anwendung findet.

Und nein, ich habe nicht den Wunsch, Mozart mit Pedal zugesoßt zu hören, weil es einfach schlecht klingt, und ich will auch nicht zuviel Rubato, weil das für mich ist wie Müsli mit Bratensoße. Das kenne ich nicht und kann mir nicht vorstellen, dass ich es kennenlernen will.
Oft ist die Masse dumm, aber oft hat sie auch Recht mit dem, was sie tut. Und in diesem Rahmen ist noch sehr, sehr viel Platz für Neues und für Überraschungen.

Das heißt nicht, dass man nicht daraus auch ausbrechen sollte und darf - aber dann eben unter der oben genanngen Prämisse, dass man sich abseits der Pfade bewegt und gewisse Regeln und auch Pflichten wissentlich verletzt - und nicht der alten Kunstform dient, sondern eine neue schafft, die sich beweisen muss.
 
Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen "irgendwas" und "Kunst". Es ist einfach noch keine vollendete Kunst, wenn ich nach einem Jahr Geigenunterricht was daherkratze, egal, wie sehr ich mir das wünsche, und es ist auch keine Kunst, einen Text ohne besonderen Inhalt mit fünfzig Grammatikfehlern zu schreiben.

Das hab' ich doch auch nie behauptet?!

Und nein, ich habe nicht den Wunsch, Mozart mit Pedal zugesoßt zu hören, weil es einfach schlecht klingt, und ich will auch nicht zuviel Rubato, weil das für mich ist wie Müsli mit Bratensoße. Das kenne ich nicht und kann mir nicht vorstellen, dass ich es kennenlernen will.

Was ja auch in Ordnung und legitim ist. Du hast deine Vorstellungen und weißt, was du willst und musikalisch brauchst. Und daran orientierst du dich. Was gut und eben deine Art der Auseinandersetzung ist.

Und genau das meinte ich: jeder sollte das Recht und die Freiheit haben, seinen eigenen Zugang zu einem Werk (oder Komponisten) zu finden, ohne dafür diskreditiert oder "belächelt" zu werden.

Das, was ich als schön oder berührend empfinde, hat nicht nur mit dem sozio-kulturellen Kontext zu tun, in dem ich groß werde, sondern auch mit mir als Person. Das, was mich im Kern ausmacht und identitätsprägend ist. Mir persönlich fällt auf, dass (zumindest in der Barockmusik) allgemeingültige Regeln geschaffen werden, was ich als schön und berührend zu erleben habe und was nicht. So etwas finde ich "latent" dogmatisch. Es wird ein Bach-Bild kreiert und alle haben sich daran zu halten. Wer es gut findet, ist der Held (ich überspitze) und wer damit nichts anfangen kann, ist ein Idiot. Ich glaube, dass es dazwischen noch sehr viel mehr gibt.

Bei Interpretationen gibt es deshalb für mich kein "richtig" oder "falsch". Sondern unterschiedliche Zugänge und Wege. Und beides hat seine Daseinsberechtigung.
 
Erstmal danke an Stilblüte für die interessanten Konzertberichte. Was die musik-philosophische Diskussion angeht, so ist das natürlich die ewige Frage: wieviel Verfremdung ist noch/nicht mehr Kunst, wie werkstreu muß man bleiben. Aus meiner Laiensicht würde ich sagen: wenn man Profi ist und öffentlich auftritt hat man in gewisser Weise schon eine Verantwortung, Stücke nicht komplett zu verfremden. Denn damit verprellt man nicht nur diejenigen Hörer, die eine gewisse musikalische Vorbildung haben, sondern womöglich erzeugt man auch bei Laien, die ein Stück zum ersten mal hören, einen komplett falschen Eindruck, was unter Umständen sogar bis zur Ablehnung klassischer Musik insgesamt führen kann. Gerade bei jüngeren Konzertgängern ist es schon schwer genug, die klassische Musik zu vermitteln, da muß man nicht durch abstruse Interpretationen oder schlicht technischen Murks noch draufsatteln. Bach durchpedallieren, nee is' klar ;-)....
 
Aus meiner Laiensicht würde ich sagen: wenn man Profi ist und öffentlich auftritt hat man in gewisser Weise schon eine Verantwortung, Stücke nicht komplett zu verfremden. Denn damit verprellt man nicht nur diejenigen Hörer, die eine gewisse musikalische Vorbildung haben, sondern womöglich erzeugt man auch bei Laien, die ein Stück zum ersten mal hören, einen komplett falschen Eindruck, was unter Umständen sogar bis zur Ablehnung klassischer Musik insgesamt führen kann. Gerade bei jüngeren Konzertgängern ist es schon schwer genug, die klassische Musik zu vermitteln, da muß man nicht durch abstruse Interpretationen oder schlicht technischen Murks noch draufsatteln. Bach durchpedallieren, nee is' klar ;-)....

Ich habe den Verdacht, dass grosse Künstler ihre Kunst für sich selber machen und nicht für das Publikum. Gerade das ist möglicherweise deren Geheimnis und die entscheidende Bereicherung für das Publikum. Sie erzählen einfach eine authentische und nicht gekünstelte Geschichte über sich selbst.
 
Ich habe den Verdacht, dass grosse Künstler ihre Kunst für sich selber machen und nicht für das Publikum. Gerade das ist möglicherweise deren Geheimnis und die entscheidende Bereicherung für das Publikum. Sie erzählen einfach eine authentische und nicht gekünstelte Geschichte über sich selbst.
Naja, ich würde sagen das tun sie auch aber nicht nur und bei weitem nicht immer. Gerade bei der klassischen Musik gibt's einen Rahmen und der heißt nun mal Notentext. Die Kunst dabei ist mE erstmal, diesen so zu spielen, daß die Intention des Komponisten halbwegs beim Publikum ankommt. Wenn man also einen Mozart Beispielsweise wie einen Chopin spielt, also mit viel Pedal, rubato und generell viel Pathos kommt dabei ein komplett anderes Stück heraus als vom alten Wolfgang Amadeus gedacht. Das kann schon mal ein nettes Experiment sein wenn man vor avisiertem Publikum spielt, das das Stück in der Originalform kennt und weiß, was der Pianist da vorne veranstaltet. Wenn man aber vor einem Laienpublikum spielt entsteht so halt ein völlig falscher Eindruck. Muesli mit Bratensoße, wie Stilblüte schon sagte. Und versuch nach so einer Darbietung mal, einer Schulklasse den Unterschied zwischen Wiener Klassik und Romantik beizubringen. Das dürfte interessant werden :-). Noch schlimmer wird's, wenn Profis nicht "interpretieren", sondern schlicht falsch spielen und das dann von einigen Zuhörern als Interpretation verstanden wird. Ich erinnere da nur an die berüchtigte Aufnahme der Mondscheinsonate 3. Satz durch Kempff auf Youtube, bei der man gelinde gesagt das Alter des Pianisten hört. Das hat dann mit Interpretation nichts mehr zu tun, sondern ist nur noch traurig.
 
Naja, ich würde sagen das tun sie auch aber nicht nur und bei weitem nicht immer. Gerade bei der klassischen Musik gibt's einen Rahmen und der heißt nun mal Notentext. Die Kunst dabei ist mE erstmal, diesen so zu spielen, daß die Intention des Komponisten halbwegs beim Publikum ankommt. Wenn man also einen Mozart Beispielsweise wie einen Chopin spielt, also mit viel Pedal, rubato und generell viel Pathos kommt dabei ein komplett anderes Stück heraus als vom alten Wolfgang Amadeus gedacht. Das kann schon mal ein nettes Experiment sein wenn man vor avisiertem Publikum spielt, das das Stück in der Originalform kennt und weiß, was der Pianist da vorne veranstaltet. Wenn man aber vor einem Laienpublikum spielt entsteht so halt ein völlig falscher Eindruck. Muesli mit Bratensoße, wie Stilblüte schon sagte. Und versuch nach so einer Darbietung mal, einer Schulklasse den Unterschied zwischen Wiener Klassik und Romantik beizubringen. Das dürfte interessant werden :-). Noch schlimmer wird's, wenn Profis nicht "interpretieren", sondern schlicht falsch spielen und das dann von einigen Zuhörern als Interpretation verstanden wird. Ich erinnere da nur an die berüchtigte Aufnahme der Mondscheinsonate 3. Satz durch Kempff auf Youtube, bei der man gelinde gesagt das Alter des Pianisten hört. Das hat dann mit Interpretation nichts mehr zu tun, sondern ist nur noch traurig.

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann hat zur Eröffnung der diesjährigen Salzburger Festspiele eine interessante Eröffnungsrede gehalten, in der er das gelungene Werk, "und mehr Bedarfs nicht" in das Zentrum künstlerischen Schaffens stellt.
Er zitiert dabei Hölderlins verzweifeltes Gebet an die Parzen, das das eigene Gelingen des Werkes in das Zentrum der Kunst stellt.

Das Empfinden des Gelingens des eigenen Werkes ist subjektiv und deshalb unabhängig von einem Publikum, anderen Meinungen, Konventionen, aktuellen Moden etc.

http://www.salzburgerfestspiele.at/blog/entryid/691
 
Erstmal danke an Stilblüte für die interessanten Konzertberichte. Was die musik-philosophische Diskussion angeht, so ist das natürlich die ewige Frage: wieviel Verfremdung ist noch/nicht mehr Kunst, wie werkstreu muß man bleiben. Aus meiner Laiensicht würde ich sagen: wenn man Profi ist und öffentlich auftritt hat man in gewisser Weise schon eine Verantwortung, Stücke nicht komplett zu verfremden. Denn damit verprellt man nicht nur diejenigen Hörer, die eine gewisse musikalische Vorbildung haben, sondern womöglich erzeugt man auch bei Laien, die ein Stück zum ersten mal hören, einen komplett falschen Eindruck, was unter Umständen sogar bis zur Ablehnung klassischer Musik insgesamt führen kann. Gerade bei jüngeren Konzertgängern ist es schon schwer genug, die klassische Musik zu vermitteln, da muß man nicht durch abstruse Interpretationen oder schlicht technischen Murks noch draufsatteln. Bach durchpedallieren, nee is' klar ;-)....

Ich kann mich auch irren, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das damit zusammenhängt. Wenn ich mit Menschen (grade mit jungen Leuten, was mir vor ein paar Monaten erst passiert ist, als ein Kollege von mir einer Schulklasse unsere beiden Orgeln im Dom vorstellte) über "klassische Musik" spreche, höre ich oft: "ist mir zu elitär" und "da darf man doch nix" oder "da wird einem gesagt, was man mögen muss und nicht"... die Kids waren an den Instrumenten selbst sehr interessiert (einige davon auch musikalisch vorgebildet!) und es hat ihnen großen Spaß gemacht, die Orgeln spielerisch kennenzulernen.

Ich will damit nicht sagen, dass man das "authentische Spiel" nicht lehren sollte. Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass man eine kulturelle Verantwortung und einen Bildungsauftrag hat. Diesen sollte man aber in seiner Gesamtheit (und das schließt meiner Ansicht nach auch "das freie und unabhängige Interpretieren" mit ein) wahrnehmen und den Menschen (egal ob jung oder alt) näher bringen. Die historischen Aufnahmen würden dadurch sicher nicht weniger werden oder gar aussterben!

Ich glaube auch nicht, dass man mit einer "individuellen Interpretation" junge Menschen von der klassischen Musik fern hält. Interpretationen sollten meiner Ansicht nach in erster Linie berühren. Egal ob authentisch gespielt, oder nicht.
 
Gerade bei der klassischen Musik gibt's einen Rahmen und der heißt nun mal Notentext.

Eine "freie Interpretation" ändert den Notentext auch nicht. Wenn ich einen einfachen G-Dur-Dreiklang hernehme... (immer auf die Orgel bezogen)... habe ich zig Möglichkeiten, diesen drei Noten einen äußeren Klang zu verleihen. Ich kann artikulativ die unterschiedlichsten Dinge machen, kann die Noten auf drei Manuale aufteilen und mit einer Vielzahl an Klangmustern gestalten. Selbiges auch auf das Tempo bezogen... aber letztenendes bleibt der G-Dur-Dreiklang stehen und ist das, was er nun mal ist: ein G-Dur-Dreiklang!

Das Skelett (Notentext) bleibt, aber das äußere Erscheinungsbild (Interpretation) wird verändert.

Die Kunst dabei ist mE erstmal, diesen so zu spielen, daß die Intention des Komponisten halbwegs beim Publikum ankommt.

Was ja auch in Ordnung ist und seine Berechtigung hat. Ich höre mir Bach's Musik auch immer wieder auf Konzerten an und finde es interessant, wie seine Werke damals möglicherweise geklungen haben könnten. Und diesen Zugang möchte ich auch nicht missen.

Noch schlimmer wird's, wenn Profis nicht "interpretieren", sondern schlicht falsch spielen und das dann von einigen Zuhörern als Interpretation verstanden wird. Ich erinnere da nur an die berüchtigte Aufnahme der Mondscheinsonate 3. Satz durch Kempff auf Youtube, bei der man gelinde gesagt das Alter des Pianisten hört. Das hat dann mit Interpretation nichts mehr zu tun, sondern ist nur noch traurig.

Also ich mag Bach lieber "romantischer" interpretiert. Es berührt mich einfach mehr. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Barocke Einspielungen (von denen ich einige zu Hause habe und mit ihnen auch groß geworden bin) finde ich oft zu vorhersehbar, zu eintönig und phasenweise sogar etwas "langweilig" und "kantig".

Darf ich fragen, was ihr mit Schülern tun würdet, die die barocke Spielweise zwar kennen, aber nicht mögen?
 
Ich kann mich auch irren, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das damit zusammenhängt. Wenn ich mit Menschen (grade mit jungen Leuten, was mir vor ein paar Monaten erst passiert ist, als ein Kollege von mir einer Schulklasse unsere beiden Orgeln im Dom vorstellte) über "klassische Musik" spreche, höre ich oft: "ist mir zu elitär" und "da darf man doch nix" oder "da wird einem gesagt, was man mögen muss und nicht"... die Kids waren an den Instrumenten selbst sehr interessiert (einige davon auch musikalisch vorgebildet!) und es hat ihnen großen Spaß gemacht, die Orgeln spielerisch kennenzulernen.

Ich will damit nicht sagen, dass man das "authentische Spiel" nicht lehren sollte. Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass man eine kulturelle Verantwortung und einen Bildungsauftrag hat. Diesen sollte man aber in seiner Gesamtheit (und das schließt meiner Ansicht nach auch "das freie und unabhängige Interpretieren" mit ein) wahrnehmen und den Menschen (egal ob jung oder alt) näher bringen. Die historischen Aufnahmen würden dadurch sicher nicht weniger werden oder gar aussterben!

Ich glaube auch nicht, dass man mit einer "individuellen Interpretation" junge Menschen von der klassischen Musik fern hält. Interpretationen sollten meiner Ansicht nach in erster Linie berühren. Egal ob authentisch gespielt, oder nicht.
Das ist natürlich völlig richtig. Ich will auch gar nicht behaupten, daß in der klassischen Musik gar kein Raum für Interpretation ist. Auch völlig verfremdende Interpretationen a la " Mozart wie Chopin spielen" sind natürlich möglich, soweit das Publikum in diesem Zusammenhang informiert ist. Das kann ja auch durchaus interessant sein. Habe da vor einiger Zeit ein Konzert von Fazil Say erlebt, der ja auch gerne mal experimentiert (allerdings dann mit Eigenkompositionen). Das war völlig ok, weil das Publikum wusste, worum es geht. Was ich nicht mag (und das ist natürlich lediglich meine persönliche Meinung) ist, in ein Konzert zu gehen, wo der Pianist Dinge mit Stücken anstellt, die das Werk komplett verändern. Wenn ich in ein Bach-Konzert gehe will ich keine "Variationen über ein Thema von Bach" hören, es sei denn das Konzert ist.explizit so angekündigt worden. Wie gesagt, das ist meine persönliche Meinung, das müssen andere nicht unbedingt genauso sehen.
 

Wenn ich als Kind soviel geübt und Unterricht bekommenhätte wie manch anderer, würde ich jetzt auch so gut spielen wie manch anderer. Vielleicht auch so langweilig wie manch anderer... :-D
@Stilblüte (hat zwar mit dem Thema nichts zu tun, aber dafür mit deinem sonderbaren Verdacht)
...warum sollte jemand langweilig spielen, wenn er über möglichst hohes spieltechnisches Können verfügt??? Es ist weitaus angenehmer, darauf aufzupassen, dass die Finger nicht davon laufen als darauf aufzupassen, dass man bei schwierigen Abschnitten gerade noch trifft... kurzum: je umfassender die technischen Fähigkeiten, umso mehr gestalterische Möglichkeiten sind verfügbar.
Unausrottbar scheint die Mär´, dass man die Fähigkeit, Petrouchka konzertreif zu spielen, mit einer verpfuschten Drillkindheit bezahlen müsse - zwar gibt es vereinzelte heulsusige Berichte über strenge Eltern & Lehrer (mehr Terzenüben als Matschplanschen), aber insgesamt sieht man im Konzertsaal nahezu keine Psychopathen, Soziopathen und Sozialkrüppel am Flügel und sowieso berichten Gulda, Weissenberg, Horowitz, Arrau, Pollini, Sokolov und zahlreiche andere, dass sie keine verpfuschte Kindheit hatten.
...insofern gehört die drillverpfuschte Kindheit der Tastenheroen/inen ebenso zu Konzertgeschwätz wie Laienblabla über zu viel oder zu wenig Pedal als Qualitätskriterium ("hach wie toll, hach, kein Pedal beim Bach, da sieht man den wahren Meister" - ja wehe, man würde den wahren Meister an einem Flügel mit abmontierten Pedalen hören müssen...:lol:...)

@mbast dass Kempf einmal op.27,2 vermurkst hat und Youtube das aufbewahrt, das allein verpfuscht keine Generationen von nun-eben-nicht-zur-Klassik-findenden Jugendlichen - - nebenbei: wie viele gelungene, ja maßstabsetzende Aufnahmen von Kempff gibt es gegenüber dieser einen misslungenen? Gerne sollen zweie genannt werden: Schumanns Papillons & Beethovens op.109. Da haben wir zwei exzellente Kempff-Aufnahmen - weder diese noch andere werden irgendeinen Pubertierenden davon abbringen, lieber mit dem Mofa und Handy an der Bushalte herumzulungern als stattdessen Bachfugen zu goutieren.

Die schönste Darstellung von "Konzertgeschwätz" findet sich immer noch in Kreislers Opernboogie :-D:drink:
"Wieder eine Pause
Manche geh'n nach Hause
Manche trinken Brause
Das ist der Zweck der Pause
Wie schön ist es, in einen Käse zu beißen
Und gleichzeitig Opern zu verreißen!
– Der Dirigent ist fürchterlich
So viel Talent, das hab auch ich
– Was reden Sie da? Sie sind nicht gescheit!
– Wie finden Sie mein neues Kleid?
– Die Klara hat noch keinen Mann
– Das ist kein Wunder schauen Sie's an!
– Mir tut ja nur die Mutter leid
– Wie finden Sie mein neues Kleid?
– Ich halt' die Oper für geschwollen
Wir hätten ins Kino gehen sollen
– Ich mach's mir Butter und Kakao
– Das ist doch gar nicht seine Frau
– Die Paula wird schon ziemlich breit
– Wie finden Sie mein neues Kleid?
Da läutet die Glocke, das ist ein Glück!
Die Pause ist aus, gehen wir zurück!"

(Kreisler)
 
Zuletzt bearbeitet:
@Stilblüte (hat zwar mit dem Thema nichts zu tun, aber dafür mit deinem sonderbaren Verdacht)
...warum sollte jemand langweilig spielen, wenn er über möglichst hohes spieltechnisches Können verfügt??? Es ist weitaus angenehmer, darauf aufzupassen, dass die Finger nicht davon laufen als darauf aufzupassen, dass man bei schwierigen Abschnitten gerade noch trifft... kurzum: je umfassender die technischen Fähigkeiten, umso mehr gestalterische Möglichkeiten sind verfügbar.
Unausrottbar scheint die Mär´, dass man die Fähigkeit, Petrouchka konzertreif zu spielen, mit einer verpfuschten Drillkindheit bezahlen müsse - zwar gibt es vereinzelte heulsusige Berichte über strenge Eltern & Lehrer (mehr Terzenüben als Matschplanschen), aber insgesamt sieht man im Konzertsaal nahezu keine Psychopathen, Soziopathen und Sozialkrüppel am Flügel und sowieso berichten Gulda, Weissenberg, Horowitz, Arrau, Pollini, Sokolov und zahlreiche andere, dass sie keine verpfuschte Kindheit hatten.
...insofern gehört die drillverpfuschte Kindheit der Tastenheroen/inen ebenso zu Konzertgeschwätz wie Laienblabla über zu viel oder zu wenig Pedal als Qualitätskriterium ("hach wie toll, hach, kein Pedal beim Bach, da sieht man den wahren Meister" - ja wehe, man würde den wahren Meister an einem Flügel mit abmontierten Pedalen hören müssen...:lol:...)

@mbast dass Kempf einmal op.27,2 vermurkst hat und Youtube das aufbewahrt, das allein verpfuscht keine Generationen von nun-eben-nicht-zur-Klassik-findenden Jugendlichen - - nebenbei: wie viele gelungene, ja maßstabsetzende Aufnahmen von Kempff gibt es gegenüber dieser einen misslungenen? Gerne sollen zweie genannt werden: Schumanns Papillons & Beethovens op.109. Da haben wir zwei exzellente Kempff-Aufnahmen - weder diese noch andere werden irgendeinen Pubertierenden davon abbringen, lieber mit dem Mofa und Handy an der Bushalte herumzulungern und stattdessen Bachfugen zu goutieren.
Heh, schön wär's :lol:. Und was den guten Wilhelm angeht: dem werfe ich in diesem Zusammenhang auch gar nichts vor, schon allein weil er lange vor der Entstehung von YouTube verstorben ist. Wer die Mondscheinsonate noch nie versemmelt hat, der werfe den ersten Stein. Ich mache das schon fast routinemäßig beim täglichen Üben :-D. Und daß er einer der ganz Großen war ist auch nicht zu bestreiten. Das sollte nur ein Beispiel dafür sein, was nicht mehr unter "Interpretation" fällt, sondern unter "dumm gelaufen", was aber trotzdem bei einigen Laien noch für Extase sorgt :-).
 
Was ich nicht mag (und das ist natürlich lediglich meine persönliche Meinung) ist, in ein Konzert zu gehen, wo der Pianist Dinge mit Stücken anstellt, die das Werk komplett verändern. Wenn ich in ein Bach-Konzert gehe will ich keine "Variationen über ein Thema von Bach" hören, es sei denn das Konzert ist.explizit so angekündigt worden. Wie gesagt, das ist meine persönliche Meinung, das müssen andere nicht unbedingt genauso sehen.

...und genau das meinte ich: jeder hat seinen ganz persönlichen Zugang zu einem Werk oder Komponisten. Du hast deinen bereits gefunden und weißt, welche Erwartungen du an einen Konzertmusiker stellst. Du möchtest eine möglichst authentische Interpretation hören. Ich wollte das hier niemanden ausreden oder madig machen, überhaupt nicht ;-) Nur finde ich, dass auch andere, freie Interpretationen ihren Platz haben sollten. Ohne dem Musiker (oder Zuhörer) sofort zu unterstellen, man wäre "musikalisch ungebildet" und wüsste es demnach nicht besser.

Zudem: ich handhabe es bei Konzerten immer so, dass ich mir vorher Informationen einhole, zum Ensemble, Organisten, Cembalisten... ganz gleich, wer da spielt. Über das Internet (oder das persönliche Umfeld) hat man ja alle Möglichkeiten dieser Welt. Und wenn ich dann sehe, dass sich der Künstler auf eine Weise barocker Musik nähert, mit der ich so gar nichts anfangen kann, (lassen wir die unterschiedlichen Möglichkeiten der Interpretation einfach mal außen vor), dann besuche ich das Konzert einfach nicht.

...und das Risiko, auch mal ein Konzert zu besuchen, dass nicht gefällt (aus den unterschiedlichsten Gründen) besteht ja sowieso immer. Von daher :coolguy:

Trotzdem möchte ich noch mal fragen, weils mich wirklich interessiert: was würdet ihr mit Schülern machen, die die barocke Spielweise kennen (theoretisch, sowie auch spielerisch), aber keinen Gefallen daran finden?
 
Trotzdem möchte ich noch mal fragen, weils mich wirklich interessiert: was würdet ihr mit Schülern machen, die die barocke Spielweise kennen (theoretisch, sowie auch spielerisch), aber keinen Gefallen daran finden?
In ein Orgelkonzert mitnehmen auch vorher die Orgel angucken lassen - am besten noch mit den Füßen selbst die Blasebälge treten lassen :teufel:,

View: https://www.youtube.com/watch?v=Zd_oIFy1mxM


und dann als Gegensatz:


View: https://www.youtube.com/watch?v=PWX_mohRkQ4
 
@elli

Aha :-) ...und deine Schlussfolgerung daraus?
 
Trotzdem möchte ich noch mal fragen, weils mich wirklich interessiert: was würdet ihr mit Schülern machen, die die barocke Spielweise kennen (theoretisch, sowie auch spielerisch), aber keinen Gefallen daran finden?

Wenn jemand keinen Gefallen daran findet, sich wirklich auf die Musik einer Epoche einzulassen, dann gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Der Schüler hat so manches noch nicht richtig aufgenommen (barocke Spielweise ist ja mehr eine innere Haltung als das Befolgen sturer Regeln). In dem Fall würde ich als Lehrer am tieferen Verständnis der Musik und der Epoche arbeiten - z.B. musikalisch-rhethorische Figuren erläutern, die Affektenlehre durchnehmen etc.

2. Der Schüler sperrt sich grundsätzlich gegenüber jeder intellektuellen Auseinandersetzung mit der Materie und will in erster Linie "seine Gefühle ausdrücken". In dem Fall würde ich als Lehrer den Unterricht mit diesem Schüler sofort beenden.

Aber ich bin kein Lehrer - was wohl für beide Seiten ein Segen ist! :lol:
 

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