Interpretation, was, wie, warum?

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Pflaume

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Hallo,

ich würde gerne mal wissen, was man unter einer Interpretation verstehen kann.
Eigentlich ist doch ein Stück festgelegt, so wie ein Kochrezept :).
Die Takt, der Notensatz, die Lautstärke etc. etc, so daß doch meiner Meinung nach wenig Spielraum bleibt.

Na gut, jedes Klavier klingt verschieden aber das kann ja keine Interpretation ausmachen.

Wie geht man an eine Interpretation ran, um sie als Interpretation sehen zu können? Was nimmt man als Vergleichsmaßstab? (so wie ich das bisher mitbekommen habe, ist eine Interpretation meist ein Stück zum anhören)

Fragen über Fragen und immer auf der Suche nach Antworten :)

Liebe Grüße
Pflaume
 
Stilblüte

Stilblüte

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Ich versuche mal zu erklären, was ich persönlich unter der Interpretation eines Stückes verstehe.

Man kann das vielleicht am Beispiel der Poesie erklären.
Jeder kann ein Gedicht vorlesen, mit monotoner, leiernder Stimme.
Dann haben alle die Worte gehört und sie eventuell noch miteinander in Verbindung gebracht, sodass halbwegs gerade Sätze herauskamen, aber die Intention des Autors hat keiner verstanden.

Dazu muss man sich intensiver mit dem Werk beschäftigen, zwischen den Zeilen lesen, nicht nur oberflächlich sein.

Bei der Musik ist das so ähnlich, nur noch komplexer und abstrakter.
Man kann einen Computer mit Noten füttern, und es kommt etwas heraus, das sich ganz nett anhört, aber doch irgendwie langweilig.

Und jetzt kommt der Pianist mit seiner Interpretation ins Spiel:
Durch die Struktur des Stückes, den Melodieverlauf, besonders lange, hohe, schnelle, ungewöhnliche Töne, besondere Harmonien, eben das, was das Stück ausmacht, seinen Charakter, lässt er es lebendig werden.

Er unterstreicht es durch seine Art zu spielen, z.B. durch Crescendo und Decrescendo, Betonungen, Verzögerungen, knallige oder sanfte Töne, eine weiche, zarte oder gehetzte, drängende Art zu spielen, schneller werden, langsamer werden .....
Das meiste fällt dem "normalen" Zuhörer gar nicht auf, denn es sind nur kleine Nuancen und Spielweisen des Pianisten, die sich in den Gesamtklang einfügen, sodass im Idealfall ein wunderschöner, runder Klang herauskommt.

Das ist viel mehr, als in den Noten steht (Notierte Dinge sind nur grobe Wegweiser, die das Grundgerüst festlegen, falls der Komponist das möchte). Man könnte eine Interpretation nie schriftlich festhalten und vieles geschieht intuitiv und jedes Mal anders.

Also: Interpretation = die Art und Weise, ein Stück zu gestalten.
Diese Gestaltung sollte natürlich zum Inhalt des Stückes passen.
Man wird ein Stück meditativen Charakters nicht im Fortissimo spielen.

Hoffe, das hilft euch weiter.

Viele Grüße
Stilblüte
 
Ibächlein

Ibächlein

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Hallo,
ich definiere das mal so:
Interpretation ist die Musik, die entsteht, wenn die Technik kein Problem mehr ist.

:p Hallo Profis! Bitte weitere - bessere - Definitionen! :p

Zunächst müssen natürlich Noten, Rhythmus, Tempo nach den Vorgaben der Komposition technisch erarbeitet werden. Da führt kein Weg vorbei; bei einer geht es halt schneller, bei der anderen langsamer.
Aber so eine reine Wiedergabe dessen, was auf dem Notenblatt steht, kann auch ein Computer produzieren - wenn aus den Noten z.B. ein MIDI wird. Das mag dann alles "richtig" sein, was Du da aus den Lautsprechern hörst, aber es ist sicher keine Interpretation.

Was ist dann eine Interpretation?
Nun, wenn ich z.B. in einem Takt eine Note etwas länger halte, als sie dort steht, weil ich meine, dass hier die Melodie einen besonderen Akzent braucht.
Oder wenn ich lauter oder leiser spiele, obwohl das nicht ausdrücklich in den Noten angegeben ist.
Oder ...
Da lässt sich jetzt nicht alles aufzählen.
Eventuell können sogar Noten hinzugefügt werden. Da ist dann die Grenze zwischen Interpretation und Improvisation ...

Warum tue ich das?
Weil ich bei der Musik etwas empfinde. Und da sagt mir mein Gefühl dann plötzlich, dass hier die Musik ganz zart klingen muss oder aber dass an anderer Stelle ein sehr kräftiger Akzent erforderlich ist.

Wie geht das?
Manches ist Geschmacksache - worüber man dann trefflich streiten kann.
Manches ergibt sich, weil man das Werk eines Komponisten sehr genau kennt und deshalb "weiß", wie es gemeint sein kann.
Da würde ich Dir empfehlen, Dich auch mit der Biographie und der Epoche einiger Komponisten etwas zu beschäftigen.
Man kann ein Stück natürlich auch vergewaltigen ...

Ja, und vor allem: Hör Dir dasselbe Klavierstück einfach mal von unterschiedlichen Pianisten interpretiert an. Ich bin sicher, dass Dir die Unterschiede ganz leicht auffallen. Und dann wirst Du auch merken, das eine gefällt Dir besser, das andere weniger.

Kleiner Tipp: Unter "Workshops" hier im Forum gibt es Stücke, die von verschiedenen Forumsmitgliedern eingespielt wurden. Da kannst Du mal reinhören, was sich aus dem Notentext so alles machen lässt.

Viel Spaß beim Experimentieren wünscht
Ibächlein

:klavier:
 
Guendola

Guendola

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Interpretation heißt auch Übersetzung: Zu jeder Zeit gab es bestimmte Spiel- und Interpretationsweisen für die Noten. Komponisten haben einfach vorausgesetzt, daß diese dem Interpreten bekannt sind und sie nicht extra notiert. Wenn du dem Link von Ubik eine Klammer ")" am Ende hinzufügst, funktioniert er und dort steht weiteres im Detail.

Ein anderer Aspekt betrifft die Instrumente, die während der Komposition verwendet wurden und die, die der Interpret zur Verfügung hat. Nicht nur, daß viele Stücke, die heute auf dem Klavier oder Flügel gespielt werden, ursprünglich für Cembalo oder Clavichord komponiert wurden, die Instrumente haben sich bis heute weiter entwickelt und klingen oft nicht mehr so wie früher.

Jetzt kann man sich also informieren, wie ein Stück "korrekt" aufgeführt werden muß und wird obendrein noch feststellen, daß - je nach Stilrichtung - dem Pianisten explizit Freiheiten bleiben, die er selbst nutzen soll.

Man kann natürlich auch sagen, heute sind die Hörgewohnheiten des Publikums völlig anders als zu der Zeit, als die Musik komponiert wurde und man muß dem Rechnung tragen, damit das Stück überhaupt verstanden wird. Oder man stellt fest, daß heutige Klaviere eben andere Möglichkeiten bieten als die früher vorhandenen Instrumente und spielt entsprechend anders.

Je älter die Musik, desto heftiger wird sich darüber gestritten, welche Interpretationsweisen erlaubt sind, denn die Informationen über die alten Aufführungsweisen sind eben nicht immer ganz zu rekonstruieren.

Eine weitere (natürlich ebenfalls sehr umstrittene) Herangehensweise wäre, zu sagen, daß der Komponist halt nicht mehr aufgeschrieben hat und man sich alle Freiheiten herausnehmen darf, die nicht durch den Notentext verboten sind.

Eines haben aber alle Interpretationsweisen gemeinsam: Es geht darum, daß Stück möglichst gut zur Geltung zu bringen und dabei natürlich auch der Grundidee des Komponisten auf die Spur zu kommen und sie dem Publikum zu vermitteln.

PS: In einem Punkt muß ich übrigens dem Artikel bei Wikipedia widersprechen: Es ist auch in der Unterhaltungsmusik durchaus üblich, zu interpretieren. Das merkt man schon daran, daß kaum eine Band in jedem Konzert exakt gleich spielt - und das liegt nicht etwa daran, daß nicht jeder Ton festgelegt wäre - auch hier ist die Grundidee der Maßstab und man muß halt immer bemüht sein, diese noch besser verständlich zu machen.

PPS: Es ist eine Weile her, daß ich zuletzt in einem guten Konzert war, möglicherweise ist es heute üblich, sich 100% zu wiederholen, mancheiner bewegt ja nicht mal mehr den kleinen Finger ohne Choreographen
 
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