Zeitgenössische Musik, die man sich anhören kann

Ein hervorragender Beitrag!! Vielen Dank!
 

Das ist das Paradoxon des Tages- gut, dass es einer merkte

@pppetc-

glaubst du, dass deinen letzen Beitrag jemand versteht- natürlich ausser gomez ?

Das ist ganz einfach gefragt, ohne jede böse Absicht.

Oder muss man diese Termini einfach drauf haben, um sich weiterhin mit Neuer Musik beschäftigen zu dürfen?
 
Das Thema läßt mich nicht los, auch wenn es sich momentan eher verschiebt
Richtung "Zeitgenössische Musik, die niemand (mehr) hören mag"


Hallo allerseits,

danke Gomez für die hervorragenden Beiträge und die Mühe, die du dir gibst!!!

Im Moment habe ich das Gefühl, dass hier sehr viel Negatives über zeitgenössische Musik gesagt wird und dieses Gefühl stört mich. Sollten nicht ausgerechnet wir Musiker uns offener verhalten? Denn es ist ja letztendlich nichts Neues: schon immer wurden Neuerungen, "Moden" und Experimenten samt Wagemut mit Kritik, Skepsis und nicht selten Hohn und Unverständnis begegnet. Und das ist ja nicht nur in der Musik so. Wenn es also vielleicht ein Grundzug oder sogar Grundbedürfnis des Menschen ist, am Traditionellen festzuhalten, sollten wir, die wir ja die Neuerer Chopin, Beethoven etc. lieben und verehren, nicht der Neuen Musik eine Chance geben?

Deshalb, um der Diskussion mal eine positivere Richtung zu geben, würde ich gerne wissen, was genau ihr gut findet, was euch reizt, was euch anspricht und sei es nur ein kleiner Teil des kompletten zeitgenössischen Repertoires. Ganz besonders geht die Bitte an dich, Gomez (auch sehr gerne an pppetc): wo liegt genau dein großes Interesse begründet verbunden mit deinem so profunden Wissen? Das interessiert mich wirklich sehr! Ich würde also gern mal eine Liebeserklärung an die zeitgenössische Musik hören :D ! Das soll nicht heißen, dass keine kritische Diskussion erlaubt ist, aber Kritik haben wir doch schon genug gehört.

Abgesehen davon kenne zumindest ich viel zu wenig davon - es gibt so viele Strömungen und Unterschiede, dass Pauschalisierungen sicher problematisch sind. Es ist nicht alles fürchterlich dissonant, bei weitem nicht. Ich habe schon Uraufführungen gehört, die dem ganzen Publikum sehr gefallen haben und einfach unglaublich waren in ihrer Präsenz und Kraft.

Insgesamt ist es doch so wie schon in Zeiten davor, meint ihr nicht? Es gibt auch viel Schlechtes, es gibt Moden - das Publikum begegnet dem mit Unverständnis etc.. Das war doch schon immer so. In der Romantik wollten übrigens ja auch viele Komponisten und Pianisten mit dem Publikum kommunizieren und was kam dabei heraus - das Blendwerk, was die großen Komponisten zu Recht verachteten und was die Zeit auch nicht überdauert hat. Im Grunde hat jeder der ganz Großen sein eigenes Ding gemacht und ist deshalb überhaupt so groß geworden. Das Publikum liebt nicht immer Qualität, wie jeder von uns weiß :p .

Ich liebe an der zeitgenössischen Musik vor allem, dass es sie überhaupt gibt. Stellt euch doch mal vor, es würde heute noch wie in der Romantik komponiert. Schreikrämpfe allerorten :p ! Ich finde es fantastisch, dass die Grenzen der Klangerzeugung von Stimme und Instrument ausgelotet und erprobt wurden/werden. Ich finde es spannend, auf welche kompositorischen Ideen man kommen kann. Die Kreativität und der Bruch mit alten Traditionen oder die Integration dieser in etwas völlig Neues begeistert mich! Die Neue Musik ist u.a. verantwortlich dafür, dass die musikalische Didaktik und Methodik neu aufgestellt wurde - schon Kindergartenkinder machen heute Experimente mit Raumklängen etc..

Ich glaube, letztendlich kennt man zu wenig an den so unterschiedlichen Richtungen Neuer Musik und kann sich deshalb nicht raussuchen, was einem nun gefällt. Die Orientierung ist auch sehr schwierig, wie ich finde.

Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zu unstrukturiert geschrieben, es ist quasi aus mir herausgebrochen und so habe ich es dann aufgeschreiben :D.

Liebe Grüße

chiarina
 
Hai chiarina!

Deshalb, um der Diskussion mal eine positivere Richtung zu geben, würde ich gerne wissen, was genau ihr gut findet, was euch reizt, was euch anspricht und sei es nur ein kleiner Teil des kompletten zeitgenössischen Repertoires. Ganz besonders geht die Bitte an dich, Gomez (auch sehr gerne an pppetc): wo liegt genau dein großes Interesse begründet verbunden mit deinem so profunden Wissen? Das interessiert mich wirklich sehr! Ich würde also gern mal eine Liebeserklärung an die zeitgenössische Musik hören :D !

Spätestens hier ist nun ein Punkt erreicht, wo ich nicht mehr so recht mitkomme:

Es gab bisher von Christoph und mir ne ganze Menge positiver Vorschläge:

Verwiesen sei zum wiederholten Male auf

https://www.clavio.de/forum/163854-post130.html

https://www.clavio.de/forum/164414-post199.html

https://www.clavio.de/forum/164590-post223.html

Desgleichen im kritisch-satirischen Sinne auf

https://www.clavio.de/forum/164552-post209.html

https://www.clavio.de/forum/164800-post238.html

Und nun sagst Du:


Wenn das denn nun stimmen sollte, und Du möchtest, ich nähme
Dich ernst - wozu ich in der Tat die größte Lust verspüre -, gestatte
mir bitte die Frage:

Wieso, um Alles auf Gottes schöner Welt, beziehst Du Dich nicht
endlich mal positiv wenigstens auf die von uns erwähnten Texte
und gibst zu erkennen, daß Du das Zeuchs mindestens zur Kenntnis
genommen
hast?

Worüber sollen wir denn sprechen, wenn nicht über unser eignes
Verständnis von irgendwelchen Sachen???


in zwischenzeitlich noch wesentlich tiefre Grübelei versunken

stephan
 
Moin Gomez!



Mahnende Worte! Kopf oder Zahl - so könnte man munkeln!!



Leider unterschlägst Du den modernizistischen Modernismus - ein Unterschied
ums Ganze! Damit verbaust Du Dir den steilen Pfad zu den schwindelnden
Höhen des Derridaschen Differenzbegriffs - von wo aus allein Aus-, Um- und
Übersicht inne geworden werden wäre - naja, jedenfalls: Du weißt schon, was
ich im Hegelschen Sinne mein, ne? Iß schon irgendwie schwierisch zum Sagen - verzeih!


Ermattete Grüße

stephan

du möchtest doch sicher, dass die User hier deine Beiträge verstehen.

Darauf zielte meine Frage, ob man diese Termini kennen muss.

Ich würde gerne wissen, welche User diesen Text ohne weitere Googelei richtig verstehen.
 
du möchtest doch sicher, dass die User hier deine Beiträge verstehen.

Darauf zielte meine Frage, ob man diese Termini kennen muss.

Ich würde gerne wissen, welche User diesen Text ohne weitere Googelei richtig verstehen.

...aber klavigen... ts ts ts... wer wie Du doch gerne auf Kant verweist, der wird doch vor ein wenig Derrida nicht gleich klein beigeben... ...
 
...aber klavigen... ts ts ts... wer wie Du doch gerne auf Kant verweist, der wird doch vor ein wenig Derrida nicht gleich klein beigeben... ...

Meine Frage lautete anders.

Wer kann das verstehen? Und wer kann es einem erklären, der es nicht versteht ?

Um mich geht es hier nicht- und wie es um mich bestellt ist, habe ich dir am anderen Ort geschrieben.:cool:

P.S. Ich verweise nicht gern auf Kant, sondern nur, wenn es angebracht ist.

Deine Nuance gefällt mir nicht.
 
Spätestens hier ist nun ein Punkt erreicht, wo ich nicht mehr so recht mitkomme:

Es gab bisher von Christoph und mir ne ganze Menge positiver Vorschläge:

...........

Wieso, um Alles auf Gottes schöner Welt, beziehst Du Dich nicht
endlich mal positiv wenigstens auf die von uns erwähnten Texte
und gibst zu erkennen, daß Du das Zeuchs mindestens zur Kenntnis
genommen
hast?

Worüber sollen wir denn sprechen, wenn nicht über unser eignes
Verständnis von irgendwelchen Sachen???


Hallo Stephan,

du brauchst nicht weiter zu grübeln - du kannst nichts dafür, wenn ich nicht richtig lese!!!

Ich bin ehrlich zerknirscht und du hast vollkommen Recht!!! Ich befürchte, trotz wiederholtem Posting deinerseits sind mir die Interviews mit Gielen etc. entgangen :oops: . Außerdem habe ich jetzt erst gemerkt, dass man die farbigen Überschriften ja auch anklicken kann (*hüstel*) . Tja, den Seinen gibt's der Herr im Schlaf .... .

Trotzdem habe ich überlegt, ob dies nicht eine Freudsche Fehlleistung meinerseits war - obwohl ehrlich interessiert an diesem Thema möchte ich Erkenntnisse und Ergebnisse im Schnelldurchlauf, ohne allzuviel Arbeit zu investieren (wahrscheinlich habe ich also deinen Post mit den links gelesen und schnell beiseite geschoben, weil es mir als soviel Arbeit vorkam) und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Um diese Musik wirklich in den Strukturen zu verstehen, bedarf es einer intensiven Beschäftigung. Auch Gielen sagt das in seinem Interview. Dabei fand ich ungeheuer interessant, dass er aufgrund seines persönlichen Umfelds von Schönberg ausgehend quasi rückwärts die Epochen und Komponisten verstand (über Mahler zu Beethoven und Mozart, Haydn ...). Also genau umgekehrt zu den meisten. Was mich wieder zu der irgendwo neulich schon mal erwähnten Studie bringt, nach der die Menschen das mögen, was sie am meisten hören/am besten kennen. (Wie gesagt, wurde Jugendlichen u.a. auch zeitgenössische Musik auf Tonträgern vorgespielt - beim ersten Mal fanden sie's gruselig, beim 6. Mal schon besser, beim zwanzigsten Mal oder so tatsächlich ganz schön).

Für mich ist das Interview mit Gielen sehr wertvoll, weil mir dort jemand, der sich ungeheuer viel mit z.B. Schönbergs Musik beschäftigt hat, seine Überzeugungen und nebenbei auch noch eine Menge Wissen in sehr persönlicher Form schildert. Z.B. bin ich nie ein Freund von Zwölftonmusik gewesen. Wenn ich dieses Interview lese, merke ich, dass ich einfach viel zu wenig darüber weiß, dass ich mir viel zu wenig Mühe gemacht habe, etwas darüber zu erfahren, dass ich es mir schlicht und einfach zu bequem gemacht habe. Aber ich bin durch dieses Gespräch neugierig geworden - man stelle sich mal vor, man geht durch eine wahnsinnig tolle Landschaft, alle sagen "Ah" und "Oh", bloß man selber sieht nur Ödnis. :p Ich kann auch Gomez verstehen, der persönliche Gefühle beim Hören Neuer Musik akzeptiert, aber bittet, mit Beurteilungen vorsichtig zu sein.

Interessant finde ich, wie nun ein kritischer, im Hören Neuer Musik nicht so geübter Hörer, mit dieser umgeht. Der eine lehnt es völlig ab, den anderen macht es neugierig und dazwischen gibt es viele Schattierungen. Du, Stephan, meintest, dass dreierlei zum Verständnis nicht nur Neuer Musik notwendig ist:

Elemente, die das Verständnis begünstigen:

- eine Erfahrung
- fühlender und denkender Nachvollzug
- auf jeder Ebene ein wie auch immer herbeigeführtes Abnehmen und
Zunehmen der Beziehungen dieser drei Elemente zueinander.
(Zitat von pppetc)


Dann wäre es doch am besten, bei der Erfahrung anzusetzen, wobei das ja auch anscheinend eine Erfahrung eines anderen sein kann (die im Interview geäußerten Erfahrungen Gielens haben mich jedenfalls sehr angesprochen). Wie kann man also eine Erfahrung machen, die einen positiveren Zugang zu Neuer Musik ermöglicht? Vielleicht, indem man nicht nur einfach mehr davon hört, sondern auch mehr von Leuten liest, die sich damit wirklich beschäftigt haben und denen diese Musik viel bedeutet. Jedenfalls wäre das momentan mein Weg.

Jedenfalls ein großes Dankeschön, Stephan, dass du auch alle Posts hier nochmals verlinkt hast! Nora, dir auch einen lieben Dank für deinen link, aber das Lesen/Hören muss ich auf morgen verschieben :)

Viele Grüße

chiarina
 

Meine Frage lautete anders.

Wer kann das verstehen? Und wer kann es einem erklären, der es nicht versteht ?

Um mich geht es hier nicht- und wie es um mich bestellt ist, habe ich dir am anderen Ort geschrieben.:cool:

P.S. Ich verweise nicht gern auf Kant, sondern nur, wenn es angebracht ist.

Deine Nuance gefällt mir nicht.

da es, wie Du schreibst, nicht um Dich geht (d.h. dass Du den Text verstehst), wäre es doch dankenswert, wenn Du diesen erklärst, da Du ihn für erklärungsbedürftig hältst - - also: andiamo!

bzgl. der Nuance: ich erinnere mich gerne an Verweise auf Kant, wenn es um Musik der Mitte des 19. Jh. geht ... da war das bucklicht Männlein aus Königsberg mit Verlaub zu sagen alles andere als angebracht... insofern kann ich das "nicht gern" durchaus nachvollziehen - - - - wundere Dich nicht über irgendwelche Nuancen: es ist betrüblich, auf welche sachferne Weise Du versuchst, die lesenswerten Beiträge von zwei Teilnehmern runter zu machen - hättest Du gute Argumente, wäre das ganz wunderbar: dann könnte man tatsächlich diskutieren.
 
Wie kann man also eine Erfahrung machen, die einen positiveren Zugang zu Neuer Musik ermöglicht? Vielleicht, indem man nicht nur einfach mehr davon hört, sondern auch mehr von Leuten liest, die sich damit wirklich beschäftigt haben und denen diese Musik viel bedeutet. Jedenfalls wäre das momentan mein Weg.

das ist doch ein prima Weg!
 
da es, wie Du schreibst, nicht um Dich geht (d.h. dass Du den Text verstehst), wäre es doch dankenswert, wenn Du diesen erklärst, da Du ihn für erklärungsbedürftig hältst - - also: andiamo!

bzgl. der Nuance: ich erinnere mich gerne an Verweise auf Kant, wenn es um Musik der Mitte des 19. Jh. geht ... da war das bucklicht Männlein aus Königsberg mit Verlaub zu sagen alles andere als angebracht... insofern kann ich das "nicht gern" durchaus nachvollziehen - - - - wundere Dich nicht über irgendwelche Nuancen: es ist betrüblich, auf welche sachferne Weise Du versuchst, die lesenswerten Beiträge von zwei Teilnehmern runter zu machen - hättest Du gute Argumente, wäre das ganz wunderbar: dann könnte man tatsächlich diskutieren.

wie komme ich dazu, diesen Text zu erklären - glaubst du wirklich, dass hier ein Interesse besteht.

zum fett Unterlegten:

woraus schliesst du, dass ich da Beiträge runter mache ?

Ich hatte eine Frage gestellt und ausdrücklich geschrieben, dass ich dies ohne jeden Hintergedanken tue.
 
wie komme ich dazu, diesen Text zu erklären - glaubst du wirklich, dass hier ein Interesse besteht.

zum fett Unterlegten:

woraus schliesst du, dass ich da Beiträge runter mache ?

Ich hatte eine Frage gestellt und ausdrücklich geschrieben, dass ich dies ohne jeden Hintergedanken tue.

du forderst doch zweimal auf, diesen Text bzw. jenen Beitrag (und seine angeblichen Termini) zu erklären - ja warum in Gottes Namen tust Du es dann nicht? und wenn Du schon dazu aufforderst - na, dann hast doch zumindest Du daran Interesse, oder nicht?...

und nicht zuletzt sagst Du ja, dass Du die erfragten Beiträge/Texte verstehst (schließlich geht es ja nicht um Dich, wie Du sagst, sondern Du machst Dich quasi zum Anwalt derer, denen Du unterstellst, sie könnten dieses oder jenes nicht verstehen...) - bon, dann solltest Du sie halt denen erklären, die Deiner Ansicht nach darauf angewiesen sind...

ansonsten: Du stellst, wie gewohnt ohne Begründungen, manche Beiträge und manche zitierten Quellen als unverständlich dar und beharrst dann darauf - sicher geschieht das aus christlicher Milde und purer Nächstenliebe :D :D
 
Jedenfalls ein großes Dankeschön, Stephan, dass du auch alle Posts hier nochmals verlinkt hast!

Und ein großes Bitteschön! zurück - denn in Deinem Fall wars ja dann (Ende gut,
Alles gut) tatsächlich zu etwas Nutze: es hat Dich wirklich weitergebracht.

Was man im Falle klavigens nun eher nicht sagen kann:

Ich würde gerne wissen, welche User diesen Text ohne weitere Googelei richtig verstehen.

Na, klavigen: jeder User, der diesem thread bisher gefolgt ist.
Da brauchste gar nix googeln, sondern konträr (Ostbahn) einfach den hier
verlinkten Text lesen - so ist das halt im hypertextuellen Gelände, moderne Zeiten!

Und es wurde nun ebenfalls wiederholt darauf hingewiesen, daß der Bezug
ein durchaus nicht vollendet grundlos satirischer ist, was sogar Dir gestatten
sollte, Dir Deine Frage gefälligst selbst zu beantworten.

Schließlich bin ich nicht Dein Papagei.
 
Deshalb, um der Diskussion mal eine positivere Richtung zu geben,
würde ich gerne wissen, was genau ihr gut findet, was euch reizt, was euch anspricht,
und sei es nur ein kleiner Teil des kompletten zeitgenössischen Repertoires.
Ganz besonders geht die Bitte an dich, Gomez (auch sehr gerne an pppetc):
wo liegt genau dein großes Interesse begründet...

Liebe Chiarina,

das habe ich mir wohl mit den Nörgeleien meiner letzten Beiträge eingebrockt -
daß ausgerechnet ich nun gebeten werde, 'mal was Positives über die Neue Musik zu äußern.
Wie auch immer... I'll do my very best...

Modernität oder der berühmt-berüchtigte "neueste Stand des Materials" sind für mich
weder ein Vorzug noch ein Makel. Das Material oder die Verfahrensweisen zu seiner Verarbeitung
garantieren für rein garnix: Man kann in C-Dur genauso scheitern wie mit Vierteltönen.
Wenn mir etwas Zeitgenössisches gefällt, dann aus dem einen einfachen Grund,
der mich befähigt, auch die Musik anderer Stilepochen zu lieben: weil es gute Musik ist.

Aber es gibt in der Neuen Musik Verfahrensweisen, die mich besonders interessiert haben:
in der Musik der Wiener Schule der Verzicht auf jede Rhetorik, auf musikalische Füllmasse,
ferner das Prinzip der entwickelnden Variation, das der gesamten Musik Durchführungscharakter verleiht
(statt sie wie früher in themenaufstellende und -verarbeitende Abschnitte aufzuteilen).
Auf ganz andere Art und Weise vollzieht sich Ähnliches bei Ives, Varèse und dem frühen Strawinsky:
durch Verzicht auf Thematik oder Themenverarbeitung, durch mosaikartige Aneinanderreihung
bzw. collageartige Ineinander-Verzahnung musikalischer Gestalten.

Wie sich in der Neuen Musik Abwehrimpulse gegen einen Abwehrimpuls bemerkbar machen,
zeigt 40 Jahre später die New Yorker Szene um John Cage. Für dessen Lehrer Schönberg
sollte jede Note motivisch-thematisch gerechtfertigt sein - als heilsames Gegengift
wider die unkünstlerische potpurrihafte Aneinanderreihung schöner Stellen.
Cage, Morton Feldman, Earle Brown und Christian Wolff erschien aber nun genau diese Verpflichtung
zur motivisch-thematischen Arbeit als ein Inbegriff von Verdinglichung. Ihnen ging es
um die Befreiung des einzelnen Tons aus dem Korsett motivischer Bezüge.

Über die beiden musikgeschichtlich bedeutsamsten Polemiken des 20.Jahrhunderts -
Adornos Attacken wider Strawinskys Neoklassizismus und Boulez' herzlosen Schönberg-Nachruf -
habe ich lange nachdenken müssen, weil mir sowohl die Autoren als auch die Musik der Attackierten
lieb und teuer waren. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu erkennen, daß sich das -
höchst konstruktive - Unverständnis der beiden Autoren gegen ein und dieselbe Sache richtet:
der Musik etwas ihr Widerstreitendes beizumengen, an dem sie sich abarbeiten muß.
Mache ich mich verständlich? In seinem formalistischen Umgang mit Versatzstücken der Musikgeschichte
mokiert sich Strawinsky über eine ihm fremde Tradition; zugleich bezieht seine Musik aus
dem Auskomponieren dieser Fremdheit und aus der Mokanz ihren ganz eigenartigen Ausdruck.
Schönberg steht in der Tradition, die er überwunden hat, und läßt seine von allen Traditionsresten
gereinigte Musik mit Resten dieser Tradition kollidieren, als er anfängt, zwölftönig zu arbeiten.
Er rekonstruiert alte Formen, simuliert Themenaufbau und -verarbeitung, obwohl die Reihentechnik
dergleichen nicht erzwingt. Das Ergebnis ist dem Strawinskyschen ähnlich - der historisierende Rahmen
suggeriert eine Vertrautheit, der der musikalische Inhalt widerspricht.

Ein so differenzierter Umgang mit dem Material war einem Großteil der europäischen Nachkriegs-Avantgardisten
nicht geheuer. Ihre Vorstellung von Musik war ganz und gar puristisch. Boulez hat jetzt -
mit sechzig Jahren Verspätung - bekannt, sich mit seiner brüsken Abkehr von Schönberg
geirrt zu haben, was musikalisch bedeutet: Es war ein Fehler, im Serialismus das melodische Element
völlig ausgeblendet zu haben. Umsomehr ragt ein Komponist wie Bernd Alois Zimmermann
aus diesem Umfeld heraus - mit seiner ausdrucksvollen, zugleich seriell strukturierten Musik.

Es ist übrigens ein überraschender Nebeneffekt der Beschäftigung mit Neuer Musik,
daß sie die Sinne schult - - für das Hören älterer Musik.
Darauf haben Gielen und Adorno aufmerksam gemacht.
Das ist nun aber keine Rückprojektion von Moderne in eine vormoderne Zeit,
sondern nichts als das verspätete richtige Erkennen dieser Musik.
Ich habe sie plötzlich mit den Ohren zu hören gelernt, auf die sie seit eh und je Anspruch hatte.
Die Doppelbödigkeit der Kurt-Weill-Songs ist in Mahlers "Wunderhornliedern" vorgebildet;
in Mahlers Symphonik spiegelt sich die musikalische Welt Alban Bergs, in den Auflösungsfeldern bei Mahler
taucht Anton Webern auf. Der Weg geht über Bruckner zurück zu Schubert,
auf den all das zutrifft, was oben über die Wiener Schule gesagt wurde:
völlige Abwesenheit von Rhetorik, keine Füllmasse, keine Sättigungsbeilage - reine Substanz.
Ist Schubert der erste Komponist der Neuen Musik?

Ich breche ab - der Schlaf übermannt mich - ich will sanft in seinen Armen ruh'n.

Bin ich mit diesen etwas unsystematischen Gedanken der Beantwortung Deiner Frage
nähergekommen?

Herzliche Grüße!

Gomez

~
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
völlige Abwesenheit von Rhetorik, keine Füllmasse, keine Sättigungsbeilage - reine Substanz.
Ist Schubert der erste Komponist der Neuen Musik?

wer hat Schubert manche geschwätzige Sonate, eine Wandererfantasie, eine mißglückte Oper untergejubelt? (um nur ein paar Beispiele zu nennen)

Schubert ist wohl kaum der erste Komponist einer "Neuen Musik", und gewiß nicht der erste einer solchen, die nur aus "reiner Substanz" bestünde - es genügt, in Schuberts Streichquintett C-Dur eines der wunderbarsten Werke der Musikgeschichte zu erkennen.

Was mag das sein "reine Substanz"? Geht das in die Richtung jener berühmten Chimäre von Flaubert, einen Roman ganz ohne Handlung schreiben zu wollen? Meint "reine Substanz" ein komprimiertes Grundmaterial? In letzterem Fall müsste man Beethovens letzte Klavieronate auf das Motiv c-es-h nebst wahlweise mit großer oder kleiner Terz gefülltem Dreiklang über c reduzieren - das scheint mir aber recht wenig Substanz zu sein: substanzieller erscheint mir, was Beethoven mit diesem Material veranstaltet hat :) :) :)
 

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