Romane rund um die Musik

oops, so war es natürlich nicht gemeint, sorry wenn das so rüberkam.

Mich hat ab dem Moment interessiert, als ich wusste, um _welches_ Instrument es ging. Vor vielen Jahren habe ich Heinrich Schiff einmal live spielen und auch dirigieren gehört. Möglichkerweise hat er genau dieses Instrument gespielt, was ich aber nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren kann, weil ich das Programmheft nicht aufgehoben habe.

Der spektakuläre Wechel zum aktuellen Spieler ist allerdings nicht mehr Gegenstand des Romans.
 
"Die Erbschaft des Herrn de Leon“ von Anna Enquist

Die Pianistin Wanda fühlt sich nur in der Musik wirklich zuhause. Auf ihren langen Konzertreisen vermisst sie nichts und niemanden, auch ihren Mann nicht.
Sie vermisst nur ihren alten Klavierlehrer, der ihr Talent entdeckt und gefördert hat.
Er war Jude. Als er von den deutschen abgeführt wurde, hinterließ er ihr einen Koffer voller Noten, den sie wie einen Schatz hütet.
 
Nach der lobenden Bemerkung von @Alter Tastendrücker hatte ich mir nun gestern doch das Buch von Wondratschek vorgenommen und bin etwa zur Hälfte durch.

Der Hinweis von @Edeltraud hat mich nun auch noch neugierig gemacht. In der 6. Auflage des Buches fügt Wondratschek 5 Seiten hinzu, die vom letzten Auftritt Heinrich Schiffs handeln.

Ich selbst habe damals aber antiquarisch eine der ersten Auflagen gekauft. Schade, die 5 Seiten fehlen mir.
 
Pascal Mercier:
Der Klavierstimmer


Ein Buch voller Gefühle, kleinster Gesten und randvoll mit Raffinement.
(Dieter Hildebrand, Die Zeit)

Ein schreckliches Buch. Ich hatte es mal im Urlaub mit und hatte mich darauf echt gefreut. Kein Wunder, bei dem Titel. Aber es ist es schwülstig und vor allem langweilig geschrieben. Das einzige, was mich schließlich davon abgehalten hat, es wegzulegen, war, dass ich es schon zur Hälfte gelesen hatte.
 
Und noch ein wirkliches Hammer Buch (auch wenn es nicht wirklich ein Roman ist):

Onderduiker: Überleben in einem besetzen Land. Das Leben der Helge Domp von Christa Giessler

Eine Biografie von Helge Domp, einer Tochter des Klavierhauses Domp in Münster. Mir begegnen heute noch etliche Klaviere mit deren Aufkleber. Sie waren Juden, die vor den Nazis nach Holland geflüchtet sind. Auch dort wurden sie verfolgt und mussten untertauchen. Nach dem Krieg nahm Helge Domp das Klaviergeschäft wieder auf. Sie holte schließlich Yamaha Klaviere nach Europa und hatte die Europa Vertretung für Yamaha.

Super spannend zu lesen. Und für mich als Klavierstimmer in Münster sowieso. Wenn die Geschichte ein wenig anders verlaufen wäre, wäre Yamaha Europa heute vielleicht in Münster, wer weiß.
 
In der 6. Auflage des Buches fügt Wondratschek 5 Seiten hinzu, die vom letzten Auftritt Heinrich Schiffs handeln.
Nach dieser Auflage bin ich tatsächlich auch auf der Suche, deine Erwähnung hat mich aktuell nochmal recherchieren lassen.

Mein Exemplar ist ein Nachdruck der der 2003er Auflage bei Hanser. Außerdem gab es noch eine Taschenbuch-Ausgabe beim dtv, bei der es sich aber auch um die 2003er Version handeln dürfte. Heinrich Schiffs letzter Auftritt war 2010. Bei Ullstein ist 2019 eine weitere Ausgabe erschienen, in dieser könnte der Zusatz enthalten sein.
 
(1)Ausgesprochen positiv! Mir sind die Ideologien von Künstlern genau so lange schnurz, wie sie das 'Werk' nicht kontaminierten. (…)
(2)Tolstoy den ich nicht gut kenne und auf dessen Werke ich überhaupt nicht neugierig bin, schiebt seine holzschnittartig reduzierten banalen Figuren in der Kreutzer Sonate hin und her um die eingebildeten Gefahren der Beschäftigung mit Musik zu belegen wie Schachfiguren, die als Hampelmänner des Autoren auf vorgefertigten Bahnen agieren.
@Alter Tastendrücker
(1) ...den Dostojweski scheinst du wie den Tolstoi nicht gut zu kennen... die frühen Sachen (z.B. arme Leute) transportieren eindeutig eine "Ideologie", von welcher sich der Autor später (nach ein paar unschönen Erfahrungen in einer Petersburger Festung und kühleren transuralischen Ländereien) radikal abkehrte. Die krasse, dümmlich intolerante und verbohrte Privatideologie Dostojewskis (sehr entlarvend im "Tagebuch eines Schriftstellers") kommt übrigens in den fünf großen Roman durchaus zu Wort: etwa in den Dämonen sind seine Sprachrohre der alte Werchowenski und Schatow, diese beiden trompeten Dostojewskis pseudoreligiöse panslawistisch-völkische antidemokratische Privatideologie heraus - und sie sind die beiden einzigen positiv konnotierten Figuren des Romans (zwar scheitern sie, der eine stirbt aus Altersgründen, der andere wird von einem absonderlichen Terroristen ermordet - das ändert aber nichts an der Stellung ihrer Anschauungen im Ideengeflecht dieses Romans) - - stellt sich die Frage, warum z.B. die Dämonen trotzdem grandios sind: weil Dostojewski raffiniert verschiedene Ideologien (seine eigene, wunderliche religiöse (Tichon, Kirilow) nihilistische (Stawrogin) terroristische (Wechowenski jun.) usw) darstellen konnte.
(2) ...u.v.a. Leos Janacek sah das ganz anders ;-) und der war eigentlich kein Esel. Du verurteilst und begründest dein Urteil auch noch stolz mit Ignoranz - eine merkwürdige Pose... ohne Tolstois Novelle gäbe es die schönen Geigenproben-Szenen in den Buddenrooks nicht :-D:-D dir behagt an der Novelle lediglich nicht, dass dort Musik als Metapher herhalten muss - na, gucksdu genau lesend, wann und wie Dostojewski in seinen Romanen Chopin erwähnt (oh oh oh… du wirst den Fjodor geißeln!)
 
Christine Wunnicke, Die Nachtigall des Zaren. Das Leben des Kastraten Filippo Balatri. Hildesheim: Claasen 2001.

Klappentext:

Im Jahr 1700 schickt Zar Peter der Große eine Gesandtschaft zu Ayuki-Khan, dem Herrscher der Kalmücken. Mit von der Partie ist ein halbwüchsiger Sopranist, Filippo Balatri, Leibeunuch des Zaren. Als der junge Sänger die Zeltstadt in der Steppe erreicht, ist der Große Khan von seinem Belcanto hingerissen. Ayukis Abschiedsgeschenk für Filippo, ein kostbarer Goldstoff, wird später den Sonnenkönig Ludwig XIV. vor Neid erblassen lassen - Episoden aus Filippo Balatris bizarrem, grausamschönem Leben. Dank Balatris handschriftlicher Memoiren - der einzigen überlieferten Autobiografie eines Kastratensängers - konnte Christine Wunnicke sein Leben bis ins Detail rekonstruieren.
 

passt vielleicht nicht ganz in die Liste, aber in den Achtzigern mochte ich Alan Dean Fosters "Spellsinger"-Saga sehr. (Deutsch: "Bannsänger"). Das waren sechs Bände, viele Jahre später kamen noch zwei hinzu, die kenne ich aber nicht.

Es geht um einen naiven tollpatschigen Gitarristen, der während eines Drogenrausches von einem Zauberer in Schildkröten-gestalt in eine Parallelwelt versetzt wird, die ein bisschen dem Mittelalter ähnelt und in der die Tierwelt auf Augenhöhe mit den Menschen zusammenlebt, ebenso spricht, arbeitet, meist auf zwei Beinen aufrecht herumläuft usw usf und in der allerlei haarsträubende (und mitunter witzige) Abenteuer zu durchstehen sind. Die Gitarre des Helden entpuppt sich dabei als sensationell wirksame Magie-Schleuder, bloß weiß der Held selbst nie so recht, welche Art Zauber welches von ihm angestimmte Lied so auslösen wird.

Einst ein ziemlich berühmter Fantasy-Epos.
foster.jpg
 
Zuletzt bearbeitet:
[...] ähnelt und in der die Tierwelt auf Augenhöhe mit den Menschen zusammenlebt, ebenso spricht, arbeitet, meist auf zwei Beinen aufrecht herumläuft usw usf und in der allerlei haarsträubende (und mitunter witzige) Abenteuer zu durchstehen sind. [...]

Foster: Sofortiges LIKE. Weiterer Tip: "Die denkenden Wälder", und es geht im Kernpunkt um Kommunikation ( Musik ist ja auch ein Kommunikationsmittel, manchmal ) , und somit um das "Emfatieren". Der Protagonist, Born, kann Pflanzen emfatieren, das ist nicht unwichtig in der gefährlichen Welt, in der die handelnden Personen leben. Einige Wesen kommunizieren durch Laute, die anderen ( sagen wir mal "Zugereisten" ) unbekannt und unverständlich sind.

LG, Olli!
 
Fällt mir sofort Ketil Bjornstad's "Vindings Spiel" ein, dessen Hauptakteur ein junger Pianist ist. Ich glaube "Der Fluss" ist die Fortsetzung davon. Auf jeden Fall wird man fündig bei Bjornstad. Der auch selber Pianist und Komponist ist. So weit erst mal.

Ich habe jetzt auf diese Anregung hin die letzten beiden Bücher dieser Trilogie gelesen, also "Der Fluss" und "Die Frau im Tal".

Furchtbar.

Ein Klischee jagt das andere, die handelnden Personen sind alle irgendwie komplett neben der Kappe, keine getroffene Entscheidung dieser Personen ist irgendwie nachvollziehbar. Zuviel Vodka in Norwegen, gepaart mitlüsterner Morbidität ohne den morbiden Charme, den z.B. Wien hat.

Und dann noch ein Übersetzer, der den Unterschied zwischen "das gleiche" und "das selbe" nicht kennt und Rachmaninoffs Op. 18 an zwei Stellen als zweite Symphonie bezeichnet.

What a waste of time.
 
möchte nur kurz dem Threadersteller fürs Thema an sich und denen, die "Mara" von W.Wondratschek empfahlen, danken. Kannte ich nicht, hab ich online bei einem mir unbekannten Laden in der Nähe gefunden, der sich als uriges Antiquariat entpuppte. Winziger Raum, vollgestopft bis obenhin, aber sensationell akribische Sortierung in den sauber gehaltenen Regalen und ein Betreiber, der genau weiß, wo was ist. Bloß zunehmen darf ich nicht mehr, sonst passe ich dort nicht mehr durch die Gänge. Dachte, sowas gäbs seit 20 Jahren gar nicht mehr.
Den Wondratschek in Erstausgabe hab ich dann abends auch gleich gelesen, fand ich ganz nett, auch ohne die erst 2013 zugefügten 5 Seiten zum Schiff-Abschied.
Stolperte dann noch über einen lesenswerten Artikel über "The Mara" (https://www.zeit.de/2015/17/stradivari-cello-mara-wolf-wondratschek/komplettansicht) und darin über einen Kommentar, in dem F.P.Zimmermann's "Lady Inchiquin" erwähnt wird, damals noch verschwunden - weshalb ich weiter suchte und so "Die Seele der Geige" auf Youtube fand, die Dokumentation zum Wiedersehen von F.P.Zimmermann und "seiner" Stradivari. Sehenswert.
 
Die Empfehlung von @Alter Tastendrücker (Ortheil, Wie ich Klavierspielen lernte) kann ich nur nachdrücklich unterstreichen!
Ich habe zwar noch nicht einmal die Hälfte gelesen, aber das Buch ist einfach fantastisch.

Ich war insofern überrascht, als ich ein anderes Buch von ihm seit Jahren (Jahrzehnten?) im Regal stehen habe und es mich bisher wirklich nicht angesprochen hat.

Ganz herrlich ist die Schilderung seines ersten Konzertbesuchs (es spielt in der ersten Hälfte ein Trio, was der Junge noch nie erlebt hat - die Beschreibung ist einfach köstlich), aber auch die seines ersten Auftritts.

Mein früherer Buchhändler, seit einiger Zeit schon im Ruhestand, hätte wohl das Prädikat "unbedingt lesen" verliehen.
 
Interessant ist auch noch ‚Das unsterbliche Klavier‘ von Avner und Hannah Carni. Das Buch beschreibt die Geschichte des verschollenen und wiedergefundenen Siena-Klaviers, sowie die jüdische Familiengeschichte.

Die meisten hier erwähnten Bücher hatte ich tatsächlich schon gelesen, viele stehen in meinem Bücherschrank. Noch nicht gelesen hatte ich „Die Erbschaft des Herrn de Leon“ von Anna Enquist. Diese Woche bestellt und in zwei Abenden gelesen, wunderschön. Und den Klavierspieler vom Gare du Nord in den letzten zwei Tagen als Hörbuch gehört, hat mir auch richtig gut gefallen. Danke für die Tipps! Jetzt sollte ich mal wieder Klavierspielen, statt lesen (oder hören :-) )
 
Welches Buch ich dagegen echt klasse fand, war dies hier:
Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason. Sehr empfehlenswert.

Während wir im Stadion mal wieder zugunsten der Bayern von den "Unparteiischen" aufm Platz und vorm Kölner Video nach Strich und Faden beschissen werden, hier aus Frust die Flucht in die virtuelle Welt und der Dank für diesen Hinweis. Habs gestern bekommen und die ersten 100 Seiten schon sehr gemocht, auch wenns für die originale englische Taschenbuchausgabe ("The Piano Tuner") eigentlich ne Lupe braucht, derart winzig ist die Schrift darin gesetzt.
 
Gerade noch ein Buch im Bücherschrank entdeckt, das absolut lesenswert, berührend und voller Musik ist.
„Alice Herz-Sommer - Ein Garten Eden inmitten der Hölle‘ . Es ist die wirkliche Lebensgeschichte einer jüdischen Pianistin auf ihrem schwierigen Weg über Prag, Theresienstadt, Israel, London. Von den Autoren erzählt in einer liebevollen, optimistischen, aber doch realen Sichtweise. So, wie Alice Herz-Sommer wohl auch war.
Aus meiner Sicht wunderbar dargestellt, wie Musik einem Halt, Kraft geben kann, eine berührende Geschichte über eine tolle Frau.
Vielleicht mag in Wirklichkeit nicht alles so positiv bei ihr gewesen sein, da kommen einem manchmal Zweifel. Aber dem Leseerlebnis tut das keinen Abbruch.
 

Zurück
Top Bottom