Programmatische Klaviermusik

Interessant ist auch die (vermutlich) erste Programmmusik überhaupt für Solo-Tasteninstrument, aus der Schule der englischen Virginalisten: John Munday's Fantasia on the Weather.

Als das Stück 300 Jahre später am Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde, bezeichnete Naylor es als "rubbish!", eine Ansicht, die ich nicht teilen kann.

Was aber eindeutig nicht rubbish ist, sind die verschiedenen programmatischen Werke von Byrd, Farnaby u.a.
 
Als interessant, wenn auch etwas gewöhungsbedürftig, empfinde ich auch die Payages et Marines von Koechlin (no. 6-12 finden sich auch auf youtube, aber ich verlinke mal nur 1-5):

View: https://www.youtube.com/watch?v=Xbw8l2-py-Q


Ob man das "Kleine harmonische Labyrinth" BWV 591 als Programmmusik bezeichen kann...mhh, das weiß ich nicht, wenn wäre hier sicher der Name Programm :D.

Dann gibt es noch "a notte alta" von Casella. Ich weiß, allerdings nicht, ob das dein Kriterium (nur gute Musik unbekannter Komponisten) erfüllt. Also was ich damit meine: Ich hab es mir vor langer Zeit mal angehört mitsamt anderer Werke von Casella, und weiß nur noch, dass ich manches ziemlich gut fand und manches weniger gut. Leider habe ich gerade keine Zeit mir dieses Stück nochmal anzuhören, um herauszufinden zu welcher Kategorie es damals für mich gehörte.

Außerdem fällt mir noch "Noches en los jardines de España" für Klavier und Orchester von de Falla ein. Ich muss zugeben, dass seine Musik leider nicht so ganz meinen Geschmack trifft, aber ich denke sie ist nicht schlecht (hier eine Aufnahme mit Barenboim:
View: https://www.youtube.com/watch?v=_MS332sS7cA
).

Von Sibelius gibt es sehr viele programmatische Klavierstücke. Da wird man sicher auch fündig (auch wenn ich aus seinem Klavierwerk die Sonatinen op. 67 am meisten schätze...aber ok, das ist nun leider keine Programmatik :-D Ich wollte es nur mal erwähnt haben, dass das echt tolle Stücke sind - Vor allem die dritte Sonatine!)

Der Concord Sonate von Charles Ives liegt ja scheinbar auch eine Programmatik zugrunde, auch wenn ich mich hier nun nicht so gut auskenne.

Dann noch ein paar Dinge welche mir kommentarlos einfallen:
Rautavaara - Icons,
Dutilleux - Blackbird,
Crumb - Little Suite for Christmas (und sicher noch mehr),
vielleicht auch Prokofiev - Sarcasms, Suggestion Diabolique, ...,
... Liste wird ergänzt wenn mir noch was einfällt ...

P.S. Wunderbarer Faden! Dankeschön!
 
(mal die Spaßbremse machen)
fraglich ist, ob jedes Klavierstück, das einen irgendwie poetischen Titel trägt, sogleich und automatisch "programmatisch" ist...
 
Das selbe gilt für die "Images" von Debussy, mit dem wässrigen "Reflets dans l'eau" als Eröffnungsstück.

Eine Aufführungsidee für eine Trilogie von "Wasserspielen":
Liszt: Les Jeux d'eau de Villa d'Este
Debussy: "Reflets dans l'eau"
Ravel: Jeux d'eau
Wär das was für @Stilblüte ;-)?

Oder Wind und Wasser: Debussy: "ce qu'a vu le vent d'ouest" aus Préludes 1ere Livre; "une barque sur l'ocean" aus den Miroirs von Ravel
 
Ja @Debösi sowas habe ich vor. Allerdings ist Liszt nicht zwingend dafür vorgesehen. Schlagt mich, aber ich finde seine Stücke im Vergleich zu denen von Debussy und Ravel einfach erheblich langweiliger... Vielleicht gefallen sie mir ja später doch noch, mal sehen.
 
Wie würdest du denn Programmmusik definieren? (Diese Frage ist ganz unpatzig gemeint, und ihre Antwort würde mich tatsächlich interessieren.)
Nicht alles, was einen poetischen Titel trägt, ist Programmusik. Die Valses oubliées wurden - wie man sieht - nicht vergessen, sondern notiert. Die Barke bewegt sich kenterfrei über den Ozean. Die Jungfrau wiederholt ihr Gebet zwar mit zunehmender Intensität (einen Rosenkranz?), aber leider ungestört.

Gerade bei den Sibelius-Klavierstücken sind die Stücktitel oft austauschbar. Meistens stecken Verlegerwünsche dahinter: Ein "Notturno" ist fürs Hausmusik-Publikum eben faßlicher als ein schlichtes Andante con moto.
 
@Gomez de Riquet Findest du tatsächlich, dass die Barque keine Programmmusik ist? Wenn nicht, dann hast du mein Verständnis von Programmmusik über den Haufen geworfen :denken:Dann würde mich eine Erläuterung echt interessieren! Überlegung - Braucht Programmmusik eine "Geschichte" an der sie sich "entlanghangelt" - reicht ein Bild im direkten oder übertragenen Sinne nicht aus?
 

@Gomez de Riquet Meintest du wirklich "Une barque sur l'ocean"? Was sieht, spürt man beim Spielen, Hören anderes als eine Barke, die auf dem riesigen Meer (= "Ozean") von den heran brandenden Wellen bewegt wird?
 
@Stilblüte "Une Barque sur l'Ocean" IST eine Geschichte und zwar eine gewaltige! Wie kann man sich das vorstellen: Am Anfang sieht man auf das Meer, von oben, Weite bis zum Horizont, und eine kleine Barke, die verloren auf dem Wasser schaukelt. Man kommt der Barke immer näher, bis man selbst drin sitzt und erlebt, wie die Wellen heranbranden. Immer mehr. Immer gewaltiger. Sind die Crescendo-Triller und die polyrhythmische Bewegung der linken Hand nicht die perfekte Lautmalerei, nicht nur der Wellen und des Windes, sondern der ganzen Situation?
Was für eine Geschichte!
 
Was ist Programm-Musik? Ja, da streiten etliche Musikwissenschaftler darüber …. es kann sogar jede Musik irgendwie nach Programm strukturiert werden …. und somit eine Programm-Musik sein könnte. Spass bei Seite … in der Regel erzählt Programm-Musik eine Geschichte, Dichtungen, Bewegungsabläufe, Naturvorgänge, Stimmungen etc. also aussermusikalische Inhalte.

Die entscheidende Kompositionstechnik ist die Verwendung von Leitmotiven, dies können Melodien oder Motive die mit einer bestimmten Handlung verbunden sind und musikalisch dem Zuhörer durch den aussenmusikalischen Inhalt leiten. So ist das von mir hier gestellte Beispiel „Die Moldau“ (tschechisch Vltava) aus der sinfonischen Dichtung Mein Vaterland (tschechisch Ma Vlast) von Bedrich Smetana. Da wird musikalisch der Fluss Moldau von der Quelle bis in den Zusammenfluss mit der Elbe beschrieben.

Die Leitmotivtechnik wird sehr oft in der Filmmusik verwendet die aussermusikalische Handlungen beschreibt bzw. unterstützt.

Leitmotive, Erinnerungsmotive hat schon Carl Maria von Weber in seinem Opern komponiert, Hector Berlioz in der Symphonie fantaistique und einigen Musikdramen von Wagner ist diese Kompositionstechnik bestimmend.

Zusammengefasst: was Programm-Musik ist, ist nicht immer eindeutig zu bestimmen und manches wird auch bereits mit dem Titel angedeutet …. Achtung, diese ist Programm-Musik mit aussermusikalischem Inhalt. Wenn schon Debussy schreibt "Wind und Wasser", "une barque sur l'ocean" u.ä. dann hat sich dabei was aussermusikallisches Gedacht .... oder?

Ich bewundere Rolf und Gomez de Riquet, dass sie so schnell eine Zuordnung vornehmen … auch wenn der Komponist im Titel auf ein Programm hinweist.

Leonard Bernstein sagte dazu: Die Bedeutung der Musik liegt selbst in der Musik und nicht im Programm!
 
Zuletzt bearbeitet:
Die entscheidende Kompositionstechnik ist die Verwendung von Leitmotiven, dies können Melodien oder Motive die mit einer bestimmten Handlung verbunden sind und musikalisch dem Zuhörer durch den aussenmusikalischen Inhalt leiten.


In diesem Sinne wären dann aber Skrjabins Sonaten spätestens ab der fünften Sonate ebenfalls Programmmusik. Ist das so? Was ist mit Stücken wie dem Poeme satanique, Vers la Flamme, Guirlandes oder Flammes sombres. Ist das Programmmusik?
 
@Troubadix, wenn du diese Kompositionen mit aussenmusikalischen verbinden kannst, dann ja .... sonst nein.
Ich höre z.B. in Gustav Mahler Sinfonien eine Programmmusik, die Anderen empfinden diese Art von Musik als ein Chaos.
 
Wenn schon Debussy schreibt "Wind und Wasser", dann hat sich dabei was aussermusikallisches Gedacht .... oder?

Ich bewundere Rolf und Romez de Riquet, dass sie so schnell eine Zuordnung vornehmen … auch wenn der Komponist im Titel auf ein Programm hinweist.
Brahms hatte was gegen die seinerzeit moderne "Programmmusik" (Liszt, Wagner, Berlioz) und ihm war die "absolute Musik" (a la Hanslick) lieber - nun gibt´s aber von Brahms vier Balladen op.10, die erste davon bezieht sich auf die literarische Edward Ballade.
Was meinst du @Steinbock44 hat der Brahms da im Titel nebst Motto auf ein außermusikalisches Programm hingewiesen, welches seine Klavierballade strukturiert? Hat der bärtige Nikolaus aus dem hohen Norden da vielleicht doch gegen seine eigenen Prinzipien gesündigt und Programmmusik verfasst? (Vorsicht: die Frage ist tückisch, also nicht einfach zu beantworten)

Chopin schrieb auch Balladen, vier Stück davon. Aber der war noch fieser als der Brahms: während Brahms immerhin den Edward erwähnte, verschwieg Chopin, dass sich seine Balladen auf Dichtungen von Mickiewizc bezogen... und dann erst in seiner f-Moll Fantasie: ohne es zu kennzeichnen, zitiert er da zweimal an prominenter Stelle ein Kampflied des Warschauer Novemberaufstands...
Was meinst du @Steinbock ist das Zeugs von Chopin Programmmusik?

Liszt und seine sinfonischen Dichtungen: klarer, ja klarster Fall typischer Programmmusik. Aber der war hinterhältig, der Klimperfritze: der Tanz in der Dorfschenke (nach N. Lenau) - besser bekannt als "Mephisto-Walzer - ist eine der mustergültigsten Programmmusiken für Klavier (glaub´s einfach oder lies´ es nach, da gibt´s genug darüber - ich verzichte hier auf umfangreiches Bla über die literarische Vorlage und ihre musikalische Verarbeitung) Zwar hat der Mephistowalzer keine "Leitmotive" im engeren Sinn, aber die Techniken der Thementransformation werden perfekt eingesetzt (die typisch für die Musik der Wagner/Liszt Schule & Co. sind) Dann aber sowas wie "La Campanella" also das Glöckchen... Sicher ist, dass "Glöckchen" keine musikalische Gattungsbezeichnung ist, kurzum so eine Art poetischer Titel - ist das Programmmusik @Steinbock ? Was für ein "Programm" außer Gebimmel kann ein Glöcklein bieten?... (gilt auch für die Quintenglocken von Grieg)

Außermusikalische Programme, seien sie szenischer oder literarischer Natur, gab es vereinzelt in der Barockmusik und in der Frühklassik (z.B. Boccherini) und natürlich gab es schon seit der Barockmusik etliche Tonmalerei - - - letztere sollte man allerdings nicht mit Programmmusik im Gegensatz zu absoluter Musik verwechseln oder vermengen. Es bleibt dabei, und ich bin sicher, dass auch @Gomez de Riquet dabei bleibt: nicht wahllos jeder poetische Titel ist ein Etikett für Programmmusik.
 
fraglich ist, ob jedes Klavierstück, das einen irgendwie poetischen Titel trägt, sogleich und automatisch "programmatisch" ist...
Vielleicht ist eine Unterscheidung zwischen "programmatisch" und "illustrativ" hilfreich? Letzteres stünde für eine Momentaufnahme, etwa der Bezug auf ein einziges Bild, von dem sich der Komponist anregen lässt. Ersteres nähme hingegen Bezug auf eine Abfolge von Ereignissen, deren Fortgang in der Musik wiedergespiegelt wird.

Echte Programm-Musik für Klavier mit einem durchlaufenden Programm wie in den Tondichtungen für Orchester (z.B. die "Alpensinfonie" von Richard Strauss) gibt es im strengen Sinne kaum. Vielleicht ist Ravel dieser Definition in musikalischer Hinsicht noch am nächsten gekommen?:



Allerdings fehlen hier irgendwelche Verbalisierungen eines Programms im Notentext, die durchaus denkbar gewesen wären. In Saties Notentexten wird hingegen viel verbalisiert - allerdings unüberhörbar parodistisch motiviert...:





Persönliches Fazit: Illustratives gibt es zuhauf, Programmatisches hingegen kaum. Und fast alle bislang genannten Beispiele sind der illustrativen Kategorie zuzuordnen.

LG von Rheinkultur
 
Persönliches Fazit: Illustratives gibt es zuhauf, Programmatisches hingegen kaum. Und fast alle bislang genannten Beispiele sind der illustrativen Kategorie zuzuordnen.
Ja nu, da kann man die von Rolf verlinkte Definition aus dem Musiklexikon in die Tonne kippen. Denn programmatische Stücke können allerhand heissen …. unter anderem bildliche Darstellung (= Illustrative Darstellung).

Zitat aus Musiklexikon: Die Suche nach historischer Legitimation im Zeichen des Historismus übertrug den Begriff auf ältere Musik: Als programmatische Stücke im weitesten Sinn werden experimentelle, Witz und Phantasie in den Vordergrund stellende Kompositionen der Gattungen Battaglia, Capriccio, Pastorale sowie in kleinen Formen der Kammermusik bezeichnet, die unter dem Einfluss bildlicher Darstellungen entstanden bzw. mit charakteristischen Titeln versehen sind und deshalb musikalische Nachahmung und Tonmalerei als musikalische Mittel verwenden …….

Ob nur ein Bild oder mehrere Bilder ist mir eigentlich Egal. Die Borodins „Steppenskizze“ ist eigentlich nur ein Bild einer Steppe musikalisch gemalt. Aber egal, über Kunstbegriffe lässt sich immer streiten und ob das Glöckchen (La Campanella) eine Programmmusik ist, auch. Für mich nicht, da es den Klang einer Glocke darstellt und nicht die Glocke selbst.

OK, man kann diese Komposition auch als experimentelle Phantasie abtun, dann wird es wieder programmatisch. Dass berühmte Komponisten wie Brahms und c/o Programmmusik minderwertig gesehen (bzw. gehasst) haben ist mir auch bekannt. Beatles würde ihre Musik auch nicht als Schlagermusik bezeichnen …. sondern als was ausserhalb, was besseres, was geniales, was besonderes aber kaum als Schlager ;-)


@rolf, wenn die Definition im Musiklexikon nicht stimmt …. dann berichtige sie.
 
Aber egal, über Kunstbegriffe lässt sich immer streiten und ob das Glöckchen (La Campanella) eine Programmmusik ist, auch. Für mich nicht, da es den Klang einer Glocke darstellt und nicht die Glocke selbst.

Ob La Campanella Programmmusik, darüber lässt sich nicht streiten. Es ist keine. Den Namen hat die Etüde, weil im Rondo des 2. Violinkonzertes von Paganini ein Glöckchen im Schlagwerk besetzt ist und dieses Konzert deshalb den Beinamen "La Campanella" bekam. Es ist ein Instrumentationseffekt von Paganini, mehr nicht. Und in Liszts Bearbeitung kommt das Glöckchen ohnehin nicht vor. Die Musik hat mit irgenwelchen Glöckchen überhaupt nichts zu tun.
 

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