Privater Unterricht vs. klassische Klavierschule

  • #41
Um das mal klarzustellen @Peter : Mit "Meisterlehre(r)" und "Meistergehabe" meine ich eine Haltung gegenüber den Schülern / Studenten oder überhaupt den Mitmenschen, die mit dem eigenen Können oder Wissen rein gar nichts zu tun hat. Wenn ich sie im negativen Sinne betrachte, zeichnet sie sich aus durch eine im weitesten Sinne künstlich erzeugte Autorität. Also ein von oben herab Behandeln, Schelten, Wahrnehmungen, Fragen, Gefühle nicht ernst nehmen, Bedürfnisse übergehen, die eigene Meinung als allgemeingültige Wahrheit hinstellen, Pauschalisierungen etc., die Liste könnte ewig so weitergehen. Solches Gehabe bringt niemanden weiter und hat nichts mit Können oder einem guten Lehrer zu tun. Echte Autorität entsteht durch Erfahrungs- und Wissensvorsprung und muss nicht künstlich erzeugt werden.
 
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  • #42
@Felicity vertraue auf Dein Gefühl. Wenn Dir ein Lehrer auf die Dauer (oder schon in der ersten Probestunde) komisch vorkommt, dann würde ich da nicht mehr hingehen.

Für mich sind wichtige Kriterien, ob Dich ein Lehrer dazu inspiriert, das Instrument zu spielen und zu üben, und ob Du nach einer Stunde den Eindruck hast, etwas Neues erfahren zu haben, was Dich spürbar weiterbringt. Letzteres kannst Du nach der Stunde direkt in ein kleines Heft schreiben und versuchen, diese Punkte beim nachfolgenden Üben anzuwenden. Letztlich ist für mich die entscheidende Frage: „Macht Dir der Lehrer Lust auf das Instrument?“ (oder eher nicht?)

Wichtig finde ich auch die räumliche Erreichbarkeit, damit Deine Klavierstunden leicht in Deinen Alltag integrierbar sind. Wenn Du am Rande einer Großstadt wohnst, sollte das kein Problem darstellen.

Es ist sicher eine gute Idee, sich die Lehrer in Deiner nächstgelegenen (staatlichen) Musikschule einmal genauer anzusehen, evtl. auch zu Vorspielen hinzugehen, sich persönlich bei Eltern von Schülern oder erwachsenen Schülern umzuhören (das geht gut vor oder nach den Vorspielen) und Probestunden zu vereinbaren. Dann merkst Du, ob die Chemie stimmt. Das Gute an der Musikschule ist, dass die dortigen Lehrkräfte alle eine fundierte Ausbildung mitbringen (also keine Hobbyisten sind) und den Umgang mit Schülern mehr als gewohnt sind 😊. Außerdem schließt man einen festen (Jahres-)Vertrag ab, so dass das ganze „Finanzielle“ bzw. der ganze Papierkram an die Musikschule ausgelagert ist und man sich anschließend voll auf die Musik konzentrieren kann.

Gut ist außerdem, dass man dann einen festen Unterrichtsturnus hat. Mir hilft das, am Ball zu bleiben, auch in Phasen, in denen das Üben wochenlang brachliegt oder die Motivation mal wieder tief im Keller gelandet ist. Gelegentliche Privatstunden funktionieren da evtl. nicht so gut, weil das dann darauf hinausläuft, dass man am Ende gar keine Stunden mehr vereinbart 😊 (ich spreche da aus Erfahrung…) und folglich auch nichts Neues mehr lernt.

Der Vorteil an einer (größeren staatlichen) Musikschule ist auch, dass es Kollegen gibt, zu denen Du ggf. wechseln könntest oder mit denen sich dann Deine Lehrerin oder Dein Lehrer austauschen kann. Und Du findest schnell andere Schüler, mit denen Du z. B. zusammen vierhändig spielen kannst. Du bist dort einfach in eine größere Musikergemeinschaft eingebunden. Man wird quasi wieder zum Schulkind und das kann ganz nett sein und verjüngend und sehr motivierend wirken 😊.

Natürlich kann das alles auch bei einem gut gestalteten Privatunterricht funktionieren. Aber da ist der „Markt“, gerade für Anfänger, ziemlich unübersichtlich. Evtl. gibt es freiberufliche „Stars“, die richtig, richtig toll unterrichten und spielen können, aber auf die Dauer finanziell für Dich unerschwinglich sind oder so viele Konzerte geben, dass sie nur sehr unregelmäßig unterrichten können, was Dir dann auch nicht weiterhilft.

Falls Du Kontakte in Deiner Kirchengemeinde hast, könnest Du den dortigen Kirchenmusiker/Organisten fragen, ob er eine Empfehlung für einen Klavierlehrer hat. Kirchenmusiker sind oft sehr gut vernetzt.

Und vielleicht noch etwas: Es ist auch gut, einem Lehrer eine längere Chance zu geben, zu wirken. Es liegt nicht immer alles am Lehrer, und Tagesformschwankungen lehrerseits sind auch normal. Die meiste Arbeit macht man als Schüler durch das regelmäßige (nicht notwendigerweise tägliche) Üben und durch das genaue Hinhören und Hinschauen während des Unterrichts. Auch ein auf den ersten Blick „unsympathischer“ Lehrer kann sich möglicherweise im Laufe der Zeit zu einem Top-Lehrer entwickeln, wenn man einfach stur dranbleibt :super:

Ansonsten haben andere hier schon alles Wichtige gesagt 😊.
 
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  • #43
@Stilblüte , danke für die Aufklärung. :super: Das kann ja nur Missverständnisse geben. Für mich ist eine Meisterlehre eine Lehre zum Meister und eine Gesellenlehre eine Lehre zum Gesellen.

Also: Es ging Dir um autoritäre Arschlöcher. Allerdings befürchte ich, dass die nicht aussterben werden, in keiner Branche und weder mit alten noch mit weißen oder grünen Männern. Selbst ein evtl. vorgeschaltetes Korrektiv kann da nicht viel ändern. Das ist dann auch nicht frei von A-Löchern. Noch schlimmer: So ein Korrektiv wäre eine absolut künstlich erzeugte Autorität.

Menschen...
 
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  • #44
Du hast wohl Recht @Peter, A.-L. wird es immer geben, weil die Menschen immer unterschiedlich sein werden. Ich beobachte aber schon, dass es einen Generationenwechsel zumindest an Musikhochschulen gibt und das dominant-autoritäre weniger erwünscht und geduldet wird, und vor allem auch, dass langsam das Bewusstsein der Studentengeneration zunimmt, dass das weder normal, noch tragbar oder gar nötig und förderlich wäre. An der Uni hab ich noch etwas weniger Hoffnung, ehrlich gestanden. Was ich sehr mutig finde ist, dass der Zwang zur Promotion wohl ein klein wenig nachgelassen hat - ich habe bzw. kenne mehrere (Fach-)Ärzte, die keinen Doktortitel haben. Allesamt sehr fähige und gute Ärzte - darunter erstaunlicherweise Männer wie Frauen!
 
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  • #47
@Stilblüte , danke für die Aufklärung. :super: Das kann ja nur Missverständnisse geben. Für mich ist eine Meisterlehre eine Lehre zum Meister und eine Gesellenlehre eine Lehre zum Gesellen.

Also: Es ging Dir um autoritäre Arschlöcher. Allerdings befürchte ich, dass die nicht aussterben werden, in keiner Branche und weder mit alten noch mit weißen oder grünen Männern. Selbst ein evtl. vorgeschaltetes Korrektiv kann da nicht viel ändern. Das ist dann auch nicht frei von A-Löchern. Noch schlimmer: So ein Korrektiv wäre eine absolut künstlich erzeugte Autorität.

Menschen...
Sie werden nicht aussterben, das sehe ich auch so! Sie können und konnten Machtmissbrauch aber in Strukturen von starken Abhängigkeitsverhältnissen ohne jegliche Kontrolle (Einzelunterricht etc.) nahezu ungefährdet ausüben. Das haben sie viele Jahrzehnte lang getan.

Um dem entgegen zu wirken ist es sehr wichtig, sich Gedanken zu machen über diese Strukturen und sie zu verändern in Hinsicht auf Transparenz, Offenheit und Unterstützung derjenigen, die mutig Machtmissbrauch öffentlich machen.

Ein kleiner Einblick: https://www.fzs.de/2024/03/16/schlu...n-musikhochschulen-anerkennen-und-bekaempfen/.

@Felicity: wie hier schon gesagt wurde, bist du bei Privatlehrern, die Mitglied im DTKV (Deutschen Tonkünstlerverband) sind, schon mal auf der sicheren Seite, was die Qualifikation angeht. Die haben auch eine Mitgliederliste, wo du nach Mitgliedern in deiner Nähe suchen kannst.

Auch in Klavierhäusern kannst du nachfragen, die haben gute Kontakte zu Klavierlehrern.

In der ersten Stunde oder Probestunde formuliere dann ganz genau deine Wünsche und Bedürfnisse. Da merkst du, wie und ob der KL darauf eingeht. Du könntest auch darum bitten, in den letzten 5 Minuten einer Klavierstunde die Erkenntnisse gemeinsam zusammenzufassen, aufzuschreiben und Hausaufgaben zu formulieren.

Wenn du ein gutes Gefühl hast, gib dem Klavierlehrer dann eine bestimmte Zeit, zum Beispiel 6 Monate, die du mindestens bei ihm bleibst. Besprich mit ihm, nach ein oder zwei Monaten eine Feedbackrunde zu machen mit ggf. Fein- oder Grobjustierung.

Wenn du an eine Musikschule möchtest, dann an eine vom VdM. Die sind eher am Lehrplan orientiert.

Viel Glück und Erfolg!

chiarina
 
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  • #48
Tut alles nichts mehr zur Sache.

Ich halte mich lieber an den jetzt neuen Stand der Diskussion zu gewaltfreien Subordinationsverhältnissen in Hochschulen (nicht nur an Musikhochschulen).

Mit Doktoranden und Habilitanden sieht es zuweilen auch sehr duster aus. Das versucht man jetzt mit internen Strukturen (nicht unbedingt gleich Kontrollstrukturen) halbwegs abzufangen.
 
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  • #49
Ich halte mich lieber an den jetzt neuen Stand der Diskussion zu gewaltfreien Subordinationsverhältnissen in Hochschulen (nicht nur an Musikhochschulen).

Mit Doktoranden und Habilitanden sieht es zuweilen auch sehr duster aus. Das versucht man jetzt mit internen Strukturen (nicht unbedingt gleich Kontrollstrukturen) halbwegs abzufangen.
Jetzt hast du mich sehr neugierig gemacht! Davon habe ich noch nie gehört. Ist das eine Uni, länderweit, deutschlandweit,...? Pilotprojekt? Wäre schön, wenn's klappt. Sehr schön sogar.

@almi Ich habe den Eindruck, dass Männer etwas eher zum Wettbewerb neigen als Frauen (ganz wertfrei), schon als Kinder. Kann sein, dass das anerzogen ist - oder doch auch mit den Hormonen zusammenhängt...? Jedenfalls hätte ich nun daraus geschlossen, dass Frauen eher den Mut oder die Verve besitzen, auf einen angeblich wichtigen Doktortitel zu verzichten. Mag aber auch ganz anders sein.
 
  • #51
Kann sein, dass das anerzogen ist - oder doch auch mit den Hormonen zusammenhängt...?
Das ist zwar richtig OT, aber ich glaube, dass es durch die Hormone entsteht, dann aber bei Mädchen eher unterdrückt und bei Jungs eher unterstützt wird.
Erst dadurch ergeben sich die teils krassen beobachtbaren Unterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft
 
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  • #53
Jetzt hast du mich sehr neugierig gemacht! Davon habe ich noch nie gehört. Ist das eine Uni, länderweit, deutschlandweit,...? Pilotprojekt? Wäre schön, wenn's klappt. Sehr schön sogar.

oje^^

Also, der einsame Doktorand, der nur zwischen Bibliothek und Doktormutter pendelt und sonst keinen Menschen sieht, ist schon sehr die Ausnahme geworden. Die Doktoranden werden mittlerweile in irgendwelchen Promotionszentren/... mitbetreut, wo sie zwar dann regelmäßig Bericht erstatten und aber auch Ansprechpartner haben. Das ist alles eher unverbindlich, aber ist schon Gegengewicht genug zu diktatorischen Doktorvätern

(...mütter sind natürlich nie diktatorisch, das geht schon wegen der Hormone nicht...:zunge:)

(...muss los...)
 
  • #54
Ich habe den Eindruck, dass Männer etwas eher zum Wettbewerb neigen als Frauen (ganz wertfrei), schon als Kinde

Da ist sicher was dran. Doch nach meiner Beobachtung ist das (bei jüngeren Leuten) im Wandel, sogar mit der Tendenz zur Umkehr, zumindest in den "akademischen" Berufen.
 
  • #55
Die Doktoranden werden mittlerweile in irgendwelchen Promotionszentren/... mitbetreut, wo sie zwar dann regelmäßig Bericht erstatten und aber auch Ansprechpartner haben. Das ist alles eher unverbindlich, aber ist schon Gegengewicht genug zu diktatorischen Doktorvätern
Es gibt natürlich Promotionsstudiengänge, wo man nicht ganz so leicht das Pech hat, dass einen der Doktorvater erst nach sieben Jahren aus dem kostenlosen Sklavendienst entlässt. Grundsätzlich kenne ich aber kaum jemanden, der/die nach dem obigen Prinzip promoviert. Eigentlich alle sind ihren Promotionsbetreuern völlig schutzlos ausgeliefert - sei es nun, weil die sich diktatorisch verhalten, weil sie ihre Aufgaben nicht wahrnehmen, weil sie inkompetent sind, weil sie einfach verschwinden...
 
  • #56
Es gibt natürlich Promotionsstudiengänge, wo man nicht ganz so leicht das Pech hat, dass einen der Doktorvater erst nach sieben Jahren aus dem kostenlosen Sklavendienst entlässt. Grundsätzlich kenne ich aber kaum jemanden, der/die nach dem obigen Prinzip promoviert. Eigentlich alle sind ihren Promotionsbetreuern völlig schutzlos ausgeliefert - sei es nun, weil die sich diktatorisch verhalten, weil sie ihre Aufgaben nicht wahrnehmen, weil sie inkompetent sind, weil sie einfach verschwinden...
Das hängt ganz stark vom Wissenschaftsgebiet und der damit verbundenen fachlichen Umgangskultur ab. Den "Sklavendienst" kenne ich z.B. aus der Psychologie und der Tiermedizin. In Mathematik wäre ein Sklavendienst kontraproduktiv; denn auf Kommando kann man keine neuen Lehrsätze entdecken...
 
  • #57
Ich kenne mindestens einen Arzt und einen Zahnarzt, die einfach keinen Doktortitel gemacht haben.
Kenne ich auch. Sowohl mein Zahnarzt als auch mein Hausarzt sind Ärzte, aber keine "Docs". Das Gerücht geht allerdings im Dorfe, dass mein Hausarzt durchaus promoviert habe, nur den Titel nicht hinaushängt.
Das "Dr."-Freie kann einen im Urlaub uU. bei Hilfeleistungen in Probleme bringen. In Frankreich z.B. darfst du keinem ärztlich zu nahe treten, wenn du nicht promoviert bist. Wenn ich das rictig mitbekommen habe, sind dort aber die Studien-Regularien andere - entweder bist du dort automatico Doc mit dem Uni-Abschluss in Medizin, oder mit der Fortbildung an der Klinik?
 
  • #58
Der deutsche Titel "Dr. med." ist ein Sonderfall. Typischerweise wird er neben dem Medizinstudium erworben (bei anderen Studienfächern seltenst bis undenkbar). Es wird immer wieder erwogen, einen spezifisch wissenschaftlichen Doktortitel der Medizin zu schaffen (wie in Münschen der Titel Dr. med. sci.) (Näheren Aufschluss gibt der deutsche Wikipedia-Artikel "Doktor der Medizin")

Um ärztlich jemandem nahetreten zu dürfen, braucht man eine Approbation. Der Dr.-Titel ist komplett wurscht und nur fürs Marketing. Die öffentlich-rechtlichen Krankenkassen zahlen erst bei Facharzt.

Mein Zahn-"Doc" ist übrigens auch nur Dipl.-Stom., aber ein super Handwerker. Bei ihm hält alles Jahrzehnte. Wenn was bröckelt, ist es noch vom Vorgänger (was dann bald dreißig Jahre her wäre...) :005:
 
  • #59
Das hängt ganz stark vom Wissenschaftsgebiet und der damit verbundenen fachlichen Umgangskultur ab. Den "Sklavendienst" kenne ich z.B. aus der Psychologie und der Tiermedizin. In Mathematik wäre ein Sklavendienst kontraproduktiv; denn auf Kommando kann man keine neuen Lehrsätze entdecken...
Ich kenne es aus der Physik aus meinem Umfeld. Und ja, es ist kontraproduktiv. Kann mir auch nicht vorstellen, dass das in irgendeinem Fachgebiet produktiv sein soll.
Der deutsche Titel "Dr. med." ist ein Sonderfall. Typischerweise wird er neben dem Medizinstudium erworben (bei anderen Studienfächern seltenst bis undenkbar). Es wird immer wieder erwogen, einen spezifisch wissenschaftlichen Doktortitel der Medizin zu schaffen (wie in Münschen der Titel Dr. med. sci.)
Ein Freund von mir hat in Medizin "richtig" promoviert, also mehrere Jahre Forschung und Wissenschaft betrieben. Ich bin nun nicht ganz sicher, ob er trotzdem "nur" ein Dr. med. erworben hat, oder einen anderen Doktortitel. Aber ehrlich - fragt irgendjemand nach, was für ein Dr. das ist, oder gar, mit welcher Note man promoviert hat? Höchstens bei einer Einstellung könnte das eine kleine Rolle spielen. Vermutlich aber auch nur, solange man jung ist und sich im eigenen Facharztgebiet noch nicht so einen Namen gemacht hat.

Um mal zum Thema zurückzukehren: In den USA ist es längst üblich, auch in Klavier zu promovieren. In Deutschland kommt das nur sehr selten vor und wird nicht verlangt. Durchaus verlangen sollte man aber mindestens einen Bachelor. In Bayern gibt es auch musikpädagogische Abschlüsse an Berufsfachschulen, aber die Inhalte sind natürlich abgespeckter als in einem vierjährigen Studium.
 
  • #60
Jedenfalls hätte ich nun daraus geschlossen, dass Frauen eher den Mut oder die Verve besitzen, auf einen angeblich wichtigen Doktortitel zu verzichten. Mag aber auch ganz anders sein.

Nun, mit "Mut" und "Verve" auf die Promotion verzichten, wie könnte das denn gehen (außer an Musik-/Kunsthhochschulen)? Schon eine wiss. Assistetenstelle setzt die Promotion voraus (von einer evtl. vorgeschalteten Vertretungsphase abgesehen) und auch bei den wenigen sog. "Lehrkräften für praktische Aufgaben", wo das nicht der Fall ist, wird sie de facto vorausgesetzt, weil bei (etwa in meinem Fach anzunehmenden) 50 Bewerbungen um eine solche unbefristete Stelle 48 der Bewerber:innen promoviert und damit höher qualifiziert sind. Verzichten kann man sicher bei den Medizinern, wo die Diss. den Rang "einer guten geisteswissenschaftlichen Proseminararbeit" hat (flapsiges Zitat einer meiner Töchter, Prof. für Psychiatrie), aber auch nur, wenn man in die Praxis strebt und nicht in der Forschung bleiben möchte.

Es gibt natürlich Promotionsstudiengänge, wo man nicht ganz so leicht das Pech hat, dass einen der Doktorvater erst nach sieben Jahren aus dem kostenlosen Sklavendienst entlässt. Grundsätzlich kenne ich aber kaum jemanden, der/die nach dem obigen Prinzip promoviert. Eigentlich alle sind ihren Promotionsbetreuern völlig schutzlos ausgeliefert - sei es nun, weil die sich diktatorisch verhalten, weil sie ihre Aufgaben nicht wahrnehmen, weil sie inkompetent sind, weil sie einfach verschwinden...

So dramatisch möchte ich das eigentlich nicht sehen. Prinzipiell wird ja seit etlichen Jahren offiziell ein Promotionsverfahren eröffnet, das den Promovenden den Anspruch auf juristisch saubere Abwicklung des Verfahrens in einem definierten Zeitrahmen bietet und in der Regel auch auf eine Zwischenevaluation. So kann der/die Betreuer/-in sich weder ersatzlos an eine andere Uni absetzen noch einfach sagen, er habe kein Interesse mehr am Projekt oder wie "zu meiner Zeit" die Betreuung nach dem Muster gestalten (1) "überleg dir mal was zu dem [von mir vorgeschlagenen] Thema, und dann kommst du wieder", (2) "Gut, dann mach mal; und wenn du fertig bist kommst du wieder", (3) "schreib mir mal deine Themen für das Rigorosum auf". Klar gibt es auch heute noch Betreuer:innen, für die der Spruch gilt, den jener legendäre niederbayerische CSU-Abgordnete seinem Vorsitzenden FJS ins Gesicht schleuderte (“Du bist das größte A., das ich kenne”), aber da man solche ja in der Regel schon semesterlang als Student:in genossen hat, lässt man sich nicht völlig uninformiert auf so jemanden ein. Und was die anschließende Habil-Phase betrifft, so hat man heute ebenfalls einen "Vertrag" mit der Fakultät, und wenn man das Glück hat, eine wiss. Assistentenstelle zu haben, auch den Anspruch auf (Zeit für die) wiss. Weiterqualifikation. Natürlich muss man sich dabei von vorneherein im Klaren darüber sein, dass eine solche Assistentenstelle die Pflicht "zur Erbringung wissenschaftlicher Dienstleistungen im angemessenen Umfange", wie es in meinem Vertrag hieß, impliziert. Aber ich bestreite rückschauend, dass das eo ipso auf Ausbeutung hinausläuft; im Idealfall lässt das mit der eigenen Arbeit ganz manierlich in Einklang bringen. Wer mit diesen Bedingungen nicht zufrieden ist, kann froh sein, wenn er in einem Fach arbeitet, das eine außeruniversitäre Alternative bietet; die sind auch oft viel attraktiver. In den Geisteswissenschaften aber bestünde die allenfalls in einer (befristeten) Anstellung bei einem Akademieprojekt oder einer Großforschungseinrichtung, die selten mit einem Anspruch auf Weiterqualifizierung verbunden ist. Ein Leben an der Uni hat schon seine Vorzüge, aber keine so großen, dass sie sieben Jahre freiwilliges, gesundheitraubendes "Sklavendasein" rechtfertigen.
 
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