Nervosität beim Vorspielen

Bei Fehlern am besten Lächeln!

der Punkt von NewOldie und Kulimanuake ist echt gut, dass man beim Spielen von klassischer Musik so eine grosse Sourveränität erwerben sollte, dass bei Wiedergabe-Fehlern gar kein Bruch auftritt, sondern man anstandslos mittels Improvisation weiterspielt und den Faden wieder aufnimmt.

Das finde ich gut - überhaupt das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass der Spielfluß nicht ins Stocken gerät.

Eine andere Eigenart zeigt für mich souveränen Umgang mit Fehlern: wenn z.B. ein Tagesschausprecher sich verspricht, und danach lächelt oder sogar aus dem Versprecher einen Witz macht, das ist wirklich souverän.

Ich habe einen Kantor erlebt, dem ich beim Konzert umgeblättert habe. Er hatte sich an einer Stelle verspielt, und als das passierte, hat er gelächelt!!!
Es kommt nicht drauf an, dass andere das sehen, sondern auf die innere Einstellung, die dahinter steckt. Die hilft, aus dem Fehler gut rauszukommen, anstatt sich durch weitere Irritationen immer weiter reinzureiten.
 
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D
Eine andere Eigenart zeigt für mich souveränen Umgang mit Fehlern: wenn z.B. ein Tagesschausprecher sich verspricht, und danach lächelt oder sogar aus dem Versprecher einen Witz macht, das ist wirklich souverän.

.... eigentlich gibt es eine einfache Regel zur Souveränität::p

Du musst mindestens 2 Klassen besser spielen können, als es das vorzuspielende Stück verlangt.
Faustregel: Eine Klasse entspricht ca. 3-6 Monate Lernpensum.

Das sagt mein Lehrer.

Und falls ich dann patze, könnte ich auch souverän lächeln, wie der Kantor von mindenblues.

Lieber Gruß, NewOldie
 
Du musst mindestens 2 Klassen besser spielen können, als es das vorzuspielende Stück verlangt.
Faustregel: Eine Klasse entspricht ca. 3-6 Monate Lernpensum.
Ich würde NewOldie beipflichten ABER: Auch das schützt nicht vor Zittern und Blackout. Es minimiert allerdings die restlichen "Ausfallvarianten".
 
Hi NewOldie,

ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube das sind verschiedene Strategien:

1.) Der Weg des Phlegmatikers
Nur Stücke präsentieren, die für seine Fertigkeiten sehr leicht und einfach sind, die unterhalb seinen aktuellen Fertigkeiten liegen.

2.) Der Weg des Pragmatikers
Lernen mit Fehlern positiv improvisatorisch umgehen.

3.) Der Weg des Meisters.
Sich solange mit einem Stück beschäftigen und Lernstrategien entwickeln, bis es leicht ist.
Zitat: Es gibt eigentlich nur 2 Möglichkeiten, entweder ist ein Stück unspielbar oder es ist spielbar, dann ist es auch leicht. (Weiss allerdings nicht mehr, wer das gesagt hat)

Je nach Stück bin ich einer davon. ;-)

Gruß
 
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Ihr Lieben,

mich stört bei dieser Dikussion nur eins: der Begriff "Fehler". :p

Wieso soll das so schlimm sein, wenn man sich mal verspielt? :confused:

Erstens hat Flip recht, wenn er sagt, dass es in der Regel nur Fachleute überhaupt hören und zweitens ist doch so ein Verspieler im Verhältnis zum Stück oft nur ein Bruchteil.

Immer werden nur die Verspieler gesehen, nie die "Richtigen"!:p

Im Diktat einer Grundschullehrerin der ersten Klasse steht oft z.B. "88 Richtige" und nicht "drei Fehler" ....! Selbst wenn man also rausfliegt, ist das doch nur ein unwesentlicher Bestandteil der Aufführung. Wichtig ist nur, dass man sich selbst nicht rausbringen lässt ( also womöglich verzerrt und verkrampft auf dem Po hin und her rutscht und vor allem sich nicht mehr konzentrieren kann, weil man nur noch an das Vergangene denkt, was ja aber sowieso nicht mehr zu ändern ist) und dass man sich so gut vorbereitet hat, dass man an allen möglichen Stellen wieder anfangen kann etc. etc. , also ein gut aufgebautes Sicherheitsnetz errichtet hat.

Für mich sind Fehler überhaupt keine "Verspieler". Fehler sind, wenn man nicht schön spielt, das Stück nicht verstanden hat .......... . Fehler sind musikalischer Art und machen ein Stück langweilig, klanglich unschön etc..

Ich stelle immer diese totale Fokussierung auf Verspieler fest. Nehmt sie doch einfach nicht so wichtig und konzentriert euch auf den Ausdruck und die Schönheit der Musik, die ihr da spielt. Ein Schüler von mir ist mal bei einem Stück total rausgeflogen. Da hat er einfach aufgehört zu spielen und intensiv darüber nachgedacht, wo er gerade im Stück war und wie er wieder reinkommt. Er hat sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lassen und dadurch ist der innere Faden des Stückes nicht verloren gegangen. Ich habe selten eine solche gespannte und aufmerksame Stille des Publikums erlebt - es war mucksmäuschenstill!

Es ist also wichtig, die Ruhe und Konzentration nicht zu verlieren - dann verliert sie das Publikum auch nicht. Rubinstein hat sinngemäß gesagt, dass keiner die Fehler so schön spiele wie er und nachdem eine Stelle daneben ging, er danach so schön gespielt habe, dass alle den Verspieler vergessen hatten.

Insofern finde ich auch eine Improvisation bei einem klassischen Stück nicht so vorteilhaft, denn sie unterbricht genauso die Phrase. Es sei denn, man ist Gabriela Montero o.ä..

Wenn man gut vorbereitet ist - und dazu gibt es jede Menge Tipps und Tricks - kann nicht viel passieren. Es geht um die musikalische Aussage, um die Musik selbst und da sind ein paar Verspieler völlig irrelevant!

Auch die Konzentration wird sich beim Spielen mit dieser Einstellung eher auf das Hören und den Klang des Stücks richten, als auf die Vermeidung von Verspielern.

Also, nur Mut!!!!!!! :D

Liebe Grüße

chiarina
 
Vielen Dank, Chiarina! Sehr richtig!

Das unausrottbare mentale Konzept der meisten unerfahrenen Spieler zum Thema "Musikmachen" ist leider: "Ein Stück können heißt alle Töne richtig hinkriegen."

Das erscheint so selbstverständlich, daß jetzt sicherlich viele hier denken: "Was willst Du, Hasenbein, so ist es doch! Voraussetzung ist doch, daß man alle Töne und Rhythmen richtig kann, und wenn man gut ist, kommt noch 'guter Ausdruck' obendrauf!"

Nein, nein und nochmals nein!

Hier sind viele Erwachsene - Ihr solltet Euch mal wirklich hinsetzen und über die Frage, was und wozu Musik ist, meditieren.

Nur eines: Wenn jemand eine spannende Rede hält, ist es dann IRGENDWIE von Belang, daß er immer mal wieder "Äh" sagt oder sich mal verspricht? Ist es nicht der INHALT der Rede und die KOMMUNIKATION, die stattfindet, die die Rede toll macht?

Bitte selbständig auf Musik übertragen.

Sorry, das ich das so direkt sage, aber viele (nicht alle) haben Angst beim Vorspielen, weil sie genau wissen, daß sie dem Publikum im Grunde nichts zu sagen haben. Fehlerlosigkeit soll diesen Mangel an Inhalt überdecken (man denkt: Au ja, ich spiel fehlerlos, und dann heimse ich Lob für mein Können ein), aber Fehlerlosigkeit ist gar nicht möglich, weil das Vorspielen so ist, als würde man ein chinesisches Gedicht, das man nicht versteht, vortragen. Oder als wäre man beauftragt, als Grüner überzeugend das NPD-Parteiprogramm vorzustellen.

Die Noten sind nur die Landkarte; leider wird allzu oft die Landkarte mit der Landschaft selbst verwechselt, bzw. man fährt auf die Landkarte glotzend durch die Landschaft und verpaßt dabei letztere total. All dies führt zu einem entfremdeten, unauthentischen Gefühl beim Spielen, und dies verursacht verständlicherweise Angst.

LG,
Hasenbein
 
Hi hasenbein,

da hast' dich aber mal echaufiert, aber hallo. ;-) (hast aber recht)

Nur eines: Wenn jemand eine spannende Rede hält, ist es dann IRGENDWIE von Belang, daß er immer mal wieder "Äh" sagt oder sich mal verspricht? Ist es nicht der INHALT der Rede und die KOMMUNIKATION, die stattfindet, die die Rede toll macht?

Bitte selbständig auf Musik übertragen.

Die Landschaft der Rede ist die Idee, das Bild, der Inhalt (Message ;-) ) der dahinter steckt. Durch die Äh's wird das nicht (oder wenig) verzerrt.

Ich übertrage das jetzt auf Musik:

Die Landschaft der Musik ist die Ästhetik, Schönheit des Zusammenspiels und der Abfolge der Töne (mein romantisches Ideal, ich weiss es gibt auch andere Qualitäten). Wenn diese Abfolge gestört ist, ist diese Landschaft nicht richtig oder gar nicht sichtbar.

Aber ich verstehe trotzdem, was du meinst. ;-)

Gruß
 
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Hasebein: Ein toller Post! Danke!
 
Hi,

nach meditieren weiss ich jetzt was hasenbein meint:

Der "berühmte" Satz: Kunst ist Kommunikation.

Insofern kann jemand der (nach Notentext) falsch spielt, trotzdem kommunizieren und damit Kunst machen.

Gruß
 
Ich fühle mich angesprochen, Hasenbein! Wozu ist Musik!!!!!!!!
Wie meditieren??? Sag ein Stichwort!!!

lg

Kulimanauke

Du sollst die Frage, wozu Musik da ist, als ständigen Begleiter mit Dir rumtragen. Sozusagen so, wie die Zen-Schüler ein Koan vom Meister bekommen - das ist auch nicht dazu da, mit einer ganz bestimmten Antwort beantwortet zu werden.

LG,
Hasenbein
 

Kunst ist nicht nur Kommunikation. Kunst ist in erster Linie eine persönliche Angelegenheit, über die man sich klar sein muß, um dann darüber kommunizieren zu können.
 
Erwarte ich auch nicht. Nur ein Ausgangs-Tip, um als "Meister" wandeln zu können! Weiter kann ich alleine.

Wozu ist Musik da????? Das möchte ich von DIR wissen!!! Hasenbein!!! Dann kann ich mich daran reiben.

lg

Kulimanauke

Statt Dich zu reiben (denn das tust Du vermutlich schon viel zu viel den ganzen Tag ;-) ), spüre lieber in Dir, was Musik eigentlich ist.

Du willst immer verbale Antworten - vielleicht auch ein Grund, warum Du im Musikmachen an bestimmte Grenzen stößt. Manche Dinge - und es sind nicht selten entscheidende Dinge - sind nur spürbar, aber sobald Du sie zu verbalisieren versuchst, ist es so, als wenn Du einen Frosch sezierst, um dem lebendigen Wesen Frosch auf die Spur zu kommen, dabei aber das Entscheidende - seine Lebendigkeit, sein Wesen - abtötest.

LG,
Hasenbein
 
Danke, Hasenbein! Über Deine Antwort denke ich gerne nach.

Lg

Kulimanauke
 
Musik ist...!

Was für eine interessante Diskussion in diesem Faden... danke an alle Beteiligten....

Musik ist: eine wunderbare und ganz besonders schöne, besondere Art, wie Menschen miteinander reden und sich etwas sagen können. Packt uns deswegen das kalten Grauen und das kalte Grausen, wenn wir gezwungen sind, zeigen zu müssen, wie gut oder schlecht wir das können: über die Musik mit anderen zu sprechen...? Eine Kommunikation, die noch dazu gemeinerweise und schwierigsterweise nur über die Finger erfolgt...??

Verspielfehler: ich bin nicht der Meinung, daß diese egal seien... Chiarina, ich vermute, Du wolltest die Diskussion wegbekommen von einer destruktiven und kontraproduktiven Fixierung auf dieses große Problem...
für mich wird persönlich wird ein Spiel erst dann schön, insbesondere kann es erst dann virtuos sein, wenn ich keinen Spiel-Fehler heraushöre. (ergänzend: und wenn der Spieler eine Interpretation aufgebaut hat, die meinem Musikempfinden für dieses Stück entspricht und mir nicht etwa komplett gegen den Strich läuft).

Wie eliminiere ich Spielfehler? Rolf schrieb:"Je besser man sich in einem Klavierstück auskennt und zu hause fühlt, umso weniger geht schief". -- ZU HAUSE FÜHLT! Habt ihr euch schonmal in einem Stück "zu hause gefühlt"? Eine solche traumwandlerische Sicherheit und Gewißheit eines Stückes erreicht, daß dieser Ausdruck angemessen wäre...? Also, ich nicht... selbst beim allereinfachsten Stück, das ich spiele, nicht...
ein sicherlich enormer Aufwand, dahin zu kommen... besonders am Anfang. Ich bin mir sicher, mit fortschreitender Entwicklung erlernt man sich Techniken, wie dieser Prozeß immer schneller und effizienter vonstatten geht: Gedächtnistechniken, kleine Geschichtchen, die den Aufbau eines Stückes notenmäßig für einen beschreiben (so arbeiten auch die "Gedächtnisathleten"), Anwendung von Harmonielehre, Übertragung von Analogien zu schon bekannten Musikabschnitten...

"Raushauen bei einem Stück" - improvisieren, natürlich klasse, wenn man sowas kann, schnell wiedereinsteigen, dank des "chiarina'schen Sicherheitsnetzes" ;), sehr gut, sehr gut...

Nun zurück zum Anfang. Wenn Musik auf eine besonders schöne Art und Weise mit anderen Menschen zu sprechen ist - vielleicht sollten wir - vor diesem Hintergrund, mit diesem Bild und dieser Absicht im Kopf - vor anderen Menschen spielen... auch beim Üben, sich dieses Bild vor Augen rufen...
ich habe mir in letzter Zeit manchmal vorgestellt, hinter meinem Instrument, befinde sich ein Konzerpublikum, und ich versuche, für dieses Publikum adequat zu spielen... daß sich mein Spiel anhört, als ob es ein solches Publikum wert sein könnte... eine Aufnahme, die parallel gemacht wird, wert sein könnte und sollte...
in Zukunft, werde ich zu diesem Bild noch hinzunehmen:"...und ich will und möchte versuchen, euch etwas schönes mit meiner Musik zu sagen und auszudrücken...".

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Und das letzte, was jetzt vielleicht noch fehlt: es schadet niemals, all das, worauf es später ankommt, schon beim Üben anzuwenden - ich fasse damit wiederholte Aussagen unserer klugen und erfahrenen Forenmitglieder hier einmal zusammen: beim Üben sich bemühen, fehlerfrei zu bleiben (also: so langsam und konzentriert zu spielen, daß Fehler möglichst minimiert werden). Beim Üben, ständig daran arbeiten, daß die Muskeln entspannt sind und es auch bleiben.
Und, vielleicht auch schon beim Üben, sich dieses Bild vom Publikum vor Augen halten, dem man etwas schönes mitteilen möchte, mit dem man auf eine schöne Weise sprechen möchte. Die Aktivierung und Anwendung dieses Bildes sozusagen gleich "mit-Üben", denn das ist ein Gedankenbild, welches man auch vor dem KL anwenden, aktivieren und übertragen kann - oder in anderen Vorspielsituationen (?).
Oder bei Aufzeichnungen seines Spiels. Da wirds etwas komplizierter - denn man weiß ja nicht, wer alles da mal mit- oder zuhören könnte. "Sicherheitshalber" :D könnte man sich vielleicht vorstellen, die ganze Welt höre gerade zu. Nu ja - also dann sollte das Spiel aber auch echt schön sein :D
(Achtung, mögliches Mißverständnis: ich meine nicht, daß jeder, der eine Aufnahme macht und sie ins Internet stellt, so spielen können müßte - im Gegenteil, meine persönliche Hochachtung vor jedem, der den Schritt ins Internet macht! Ich meine damit, mit einem solchen gedanklichen Bild die eigene Angst bei der Aufzeichnung letztlich wegnehmen zu versuchen, und erreichen können, daß man sein "allerbestes" gibt).

Euer DK -
der seinen Beitrag nicht als Dogma oder Doktrin, sondern allenfalls als interessante Gedankenregung verstanden wissen möchte :D
 
Hallo Dreiklang, ein guter Beitrag wie ich finde. Ich möchte besonders den Respekt vorm Publikum unterstreichen, indem man sich bemüht einen ansprechenden Vortrag abzuliefern.

Du wirst es vielleicht erstmal nicht verstehen, aber derartige Denkweise führt NICHT zum Ziel.

Wieder Vergleich mit Rednern: Sehr viele Menschen möchten eine ansprechende Rede halten und bereiten daher einen Zettel vor, von dem sie die Rede abgucken.

Dies führt aber lediglich zu einer hölzernen bis gähnend langweiligen Rede. Trotzdem machen es schrecklich viele Leute! Ein grausamer Unzustand (vielleicht auch sehr deutsch...).

Eine gute Rede entsteht lediglich, wenn der Redner frei spricht und selber entflammt ist für das Thema / den Inhalt der Rede.

Musik: Entscheidend ist NUR, daß Du selbst IM MOMENT DES SPIELENS (nicht davor, nicht danach) emotional in der Musik involviert bist - also auch nicht, daß Du "das Stück gut findest", sondern daß Dir JETZT die konkreten Klänge, die Du erzeugst, etwas geben und Dich im Weiterspielen führen und inspirieren.

Sobald Du "dem Publikum gefallen willst", hast Du schon verkackt. Denn Du bist dann mental nicht in den Klängen und der Emotion der Musik, sondern irgendwie "außen".

Was aber sehr wohl wichtig ist, ist, nicht "für sich" zu spielen, sich abzuschotten, sondern das Gespielte immer an ein "Du" zu richten. Aber eben nicht im Sinne eines "Gefallenwollens".

Weiterer Vergleich: Dating! Wenn ich als Mann mich mit einer attraktiven Frau treffe und denke, "Ich muß Dinge tun, die ihr gefallen, damit sie mich gut findet und mit mir Matratzensport macht!", dann habe ich es schon versemmelt. Denn die Frau merkt völlig zu Recht, daß ich unauthentisch und manipulativ bin. Gut komme ich aber an, wenn ich beim Date authentisch genieße, was gerade passiert - also mit der Frau zusammenzusitzen, mit ihr durch eine schöne Allee zu spazieren, einen tollen Film zu sehen etc. - und einfach so bin, wie ich bin.

"Fürs Publikum schön spielen wollen" ist also nichts anderes als unauthentisches Role-Playing, und es ist kein Wunder, daß man Schiß bekommt, weil man halt auffliegen könnte!

LG,
Hasenbein
 
Eine gute Rede entsteht lediglich, wenn der Redner frei spricht und selber entflammt ist für das Thema / den Inhalt der Rede.

Musik: Entscheidend ist NUR, daß Du selbst IM MOMENT DES SPIELENS (nicht davor, nicht danach) emotional in der Musik involviert bist ...


Das ist es, was Musik und Kunst allgemein für mich ausmacht: die Individualität und Persönlichkeit des Künstlers. Die will ich als Publikum spüren und mich von ihr beeindrucken lassen und die will ich als Interpretin preisgeben.

Andernfalls wäre der ideale Vortrag eines Stückes immer identisch, egal, von welchem Interpreten es gespielt würde. Dagegen berührt mich z. B. ein Stück von Glenn Gould völlig anders als das selbe von Keith Jarrett gespielt. Oder ein von Harnoncourt dirigiertes anders als von Rilling.

Wenn ich selbst musiziere, versuche ich immer, bei mir zu bleiben, die Musik wirklich in mich reinzulassen und zu spüren. Mein Ziel ist es, mit zunehmender Erfahrung (Technik, Routine, Sicherheit) dann auch genau diese Gefühle ausdrücken zu können. Musik als Spiegel der Seele sozusagen.

Das geht auch schon bei ganz simplen Stücken und das finde ich tröstlich, denn zu virtuosen Höchstleistungen werde ich es als Späteinsteigerin nicht mehr bringen.

LG
philomela
 
Lieber hasenbein,

du sprichst mir aus der Seele!!! Applaus, Applaus!!!

@Flip: m.M.n. hat man doch vor allem Respekt vor der Musik. Dieses Geschenk, das man vom Komponisten bekommen hat, in all seinen Facetten wertzuschätzen und in einem Konzert so schön und lebendig wie möglich zu spielen, muss doch allererste Intention sein.

Ein Dialog mit dem Publikum ist immer vorhanden, egal ob gelungen oder nicht. Man sollte sich auf das konzentrieren, was man zu sagen hat, also auf das Hören und Erleben des Stücks und im günstigsten Fall hat man das Publikum damit so gefesselt, dass es zu einem gemeinsamen Erlebnis wird, bei dem das Publikum den Phrasen, Klängen und Entwicklungen lauscht, die man sich vorher erarbeitet hat.

Die Aufmerksamkeit muss immer auf der musikalischen Aussage des Stücks liegen, nicht auf dem Publikum, nicht auf mir und schon gar nicht auf möglichen Verspielern.

Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich nie das Gefühl, allein dort zu spielen - wir sind zu viert: das Stück, das Instrument, ich und das Publikum. In dieser Reihenfolge.

Liebe Grüße

chiarina
 
Wenn man erfahrenen Konzertpianisten glauben darf, sind Situationen in den ein echter Dialog mit dem Publikum und quasi völlige Einheit hergestellt wird, höchst selten und nicht auf Knopfdruck realisierbar.

Schade, eigentlich... denn die Voraussetzungen dafür sind doch denkbar gut... auf beiden Seiten, dem Podium und der Tribüne, sitzen doch Menschen, denen die Musik - sogar genau diese besondere Art der Musik, diese Stücke, dieser Komponist - etwas tief gibt. Und alle haben sich zu diesem Zweck dort eingefunden...

Flip, ich denke Du meinst, das Publikum sollte einem nicht direkt egal werden irgendwann. Diesen Effekt hatte ich erst kürzlich selbst - weil keiner richtig zuhörte (und die Situation war auch nicht darauf angelegt, daß die Leute "aktiv zuhören"), hab ich mir nach längerer Zeit irgendwann nicht mehr die volle Mühe gegeben beim "Improvisieren" (eigentlich: Klimpern).

Respekt ist jedoch zweischneidig. Zu großer Respekt vor dem Publikum, kann leicht in Angst, und Furcht umschlagen - schon stehst Du in einer Ecke, wo Du nicht hinwillst - und um die es hier im Faden ja geht.

Weitere Methoden, um dieser Ecke zu entkommen, wurden ja auch genannt: die Verharmlosung und Verniedlichung (Publikum unbekleidet, bzw. Kohlköpfe - herrlich die Anekdote mit dem Lachanfall! - man "sollte" eigentlich Angst haben, nervös sein, ein Nervenbündel sein - stattdessen lacht derjenige einfach plötzlich entspannt drauflos...!).
Die Verdrängung (Publikum ist "gar nicht da"), die Gewöhnung (irgendwann mal wirds von selber besser), unbedingte Konzentrationsfähigkeit auf das "wesentliche" (was auch immer damit gemeint war), und vielleicht noch einiges mehr. Chiarina nennt ihr "Viergespann", das ich in dieser Form sehr schön finde.
Trotzdem, würde ich persönlich mich, technische Beherrschung eines Stückes mal vorausgesetzt (Mondschein 1. Satz), wohl darauf konzentrieren, dem Publikum (alles musikbegeisterte Menschen) "etwas besonderes zu geben". Aber ich bin in dieser Hinsicht natürlich Theoretiker. Meine Vorspielerfahrungen vor großem Publikum beschränken sich auf zweimaliges Vorspielen während zweier Schulmusikabende in der Jugendzeit.

Sich aber aufs Publikum zu konzentrieren oder eher gesagt, zu fokussieren - halte ich ebenfalls für falsch. Ein Eckchen wichtiger ist schon das, was ich in diesen Momenten gerade tue - nämlich, eben spielen...
 

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