Musik und psychische Störungen

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Eines meiner Lieder ("Reprise", Text von Ulla Hahn) ist als Porträt einer depressiven Frau entstanden. Damit meine ich, dass sich das Verhalten besagter Frau, wie ich diesem beiwohnte, direkt in meiner Komposition niederschlug. War das ein Affekt, was ich da komponiert habe, oder war es "aus dem Leben"? Durch Beobachtung habe ich aus der Ausstrahlung der Frau einen Archetyp konstruiert. Weit entfernt vom Konzept der "schablonenhaften" Affekten ist dies m.E. nicht. Für mich ergibt die Frage der Echtheit von Emotionen in der Kunst nicht vollständig Sinn. Was wir Emotionen in der Kunst nennen, sind nicht dieselben wie die reellen Emotionen des Menschen. Ich denke gerne an folgende Ausführung von Camille Saint-Saens:

Tout le principe de l'art est là ; se baser sur la nature pour en faire autre chose répondant à un besoin spécial et inexplicable de l'esprit humain. Aussi n'y a-t-il rien de plus chimérique, de plus vain que cette recommandation faite si souvent aux artistes : soyez vrais! l'Art ne peut pas être vrai, bien qu'il ne doive pas être faux ; il doit être vrai artistiquement, donner une traduction artistique de la nature qui satisfasse le sens du style...
 
Ähnliches Problem haben andere Künstler auch.
Und nicht nur die. Wenn der Notfall-Chirurg nach einem langen harten Tag im OP bei dem er unter maximalem Druck drei Menschenleben gerettet und eines verloren hat nach Hause kommt, dann muss er ggf. auch erst mal den Müll runter bringen und die Waschmaschine anschmeißen. Und so hoch muss man nicht mal greifen.

Was ich damit sagen will? Keine Ahnung, vielleicht einfach nur: Nicht-Künstler haben es auch nicht leicht. ;-)
 
Was meiner Ansicht nach nicht außer acht gelassen werden sollte, ist die Tatsache, dass Musiktherapie gegen Depressionen und depressive Verstimmungen indiziert sein kann. Die Emotionalität der Musik ist doch reziprok: der Musiker legt seine Gefühle in die Musik, aber die Emotionen der Musik wirken auch zurück auf den Spieler. Daraus folgt, dass der richtige Einsatz von Musik eine emotionale Resonanz hervorrufen kann, die den momentanen Gefühlszustand signifikant verändern kann. Oder habt Ihr das noch nie erlebt, dass man sich nach einem schlechten Tag am Klavier komplett regenerieren kann?
 
Zuletzt bearbeitet:
Was die allgemeine These betrifft, dass Musikmachen positiv mit Depression assoziiert ist, gibt es auch noch einen weiteren aktuellen Aufsatz von 2022, der diesen Zusammenhang aufsplittet in Berufsmusiker und Hobbymusiker. Berufsmusiker haben demnach viel stärker mit Depressionen und Co. zu kämpfen als Hobbymusiker. Was mich in dem heutigen hochkompetitiven Musikbusiness nicht wirklich wundert.

Hier ist der Artikel:

"Predicting anxiety, depression, and wellbeing in professional and nonprofessional musicians"​


"We showed that musicians who viewed music as their main career were more likely to have poor mental wellbeing and had significantly higher levels of clinical depression. Status as a solo or lead artist and perceived level of success also significantly predicted higher levels of anxiety and depression, and lower levels of positive wellbeing. We conclude that low mental wellbeing in musicians is the result of working as a professional musician, as opposed to being an inherent trait."

"Es zeigte sich, dass Musiker, die die Musik als ihre Hauptkarriere ansahen, eher ein schlechtes psychisches Wohlbefinden hatten und signifikant häufiger an klinischen Depressionen litten. Der Status als Solo- oder Leadkünstler und das wahrgenommene Maß an Erfolg sagten ebenfalls signifikant ein höheres Maß an Angst und Depression sowie ein geringeres Maß an positivem Wohlbefinden voraus. Wir kommen zu dem Schluss, dass ein geringes psychisches Wohlbefinden bei Musikern das Ergebnis der Arbeit als Berufsmusiker ist und nicht etwa eine angeborene Eigenschaft."
 
Wir kommen zu dem Schluss, dass ein geringes psychisches Wohlbefinden bei Musikern das Ergebnis der Arbeit als Berufsmusiker ist und nicht etwa eine angeborene Eigenschaft."

Für mich ist es unbegreiflich, wie sich Leistungsdruck damit verträgt, dass man beim Spielen seine Seele öffnet, seine sensible Seite zeigt und sich verletzlich macht.

Dazu kommt noch, dass eine künstlerische Karriere oft mit längeren Reisen verbunden ist. Was eben auch bedeutet, dass es schwierig wird, Freunde zu treffen, im Sportverein zu sein, eine Familie zu haben.
Einsamkeit ist nicht gut für die Seele.
 
Leistungsdruck auf der Bühne ist eine Tatsache auch wenn er von der Musik weg führt.
Was ist das "Zusagende"?
 
vielleicht hätte ich es getrennt schreiben müssen: das zu Sagende.
Nein, ich muss Dir zumindest aus meiner Perspektive widersprechen:
Leistungsdruck ist in der Vorbereitungsphase. Da machst du dich ratzedoll, ob auch alles klappen wird, du überlegst, wie du deine Zeit sinnvoll einteilst, wirfst Dinge über den Haufen, stehst unter Druck, denn der Termin rückt näher. Im schlimmsten Fall geht dieses Gefühl noch bis hinter den Vorhang. (Besser ist, wenn es dich früher verlässt). Sobald du in die Scheinwerfer trittst, heißt es : Spielen! Spielen! Spielen!
Druck macht dir an der Stelle alles kaputt. Da musst du die Box aufmachen und den Galopper rennen lassen.
Alles Andere ist nicht gut.
 
Was ich damit sagen will? Keine Ahnung, vielleicht einfach nur: Nicht-Künstler haben es auch nicht leicht. ;-)
Pffff... Ich habe gedacht, nur Künstler haben Stress... ;-)
Nicht ernst gemeinter Tip: manche Leute kompensieren ihren Stress, indem sie auf dem Heimweg auf der Straße die Sau rauslassen. Dann kommen sie total entspannt zuhause an und können sich den niederen Tätigkeiten widmen.
 
Zuletzt bearbeitet:

Nun ist es bewiesen. Aber anders, als man denkt. Vielleicht ist es auch eine erblich bedingte Sensibilität, die den Zusammenhang (statistisch) relevant macht:

 
@Peter, @Rheinkultur, @Tastatula @Stilblüte usw. Bitte die Beiträge in einem Strang zusammenfügen.
 
Genau zu diesem Artikel gibt es bereits einen Thread.

Thema 'Musikalität und Depression' https://www.clavio.de/threads/musikalitaet-und-depression.30846/
@Peter, @Rheinkultur, @Tastatula @Stilblüte usw. Bitte die Beiträge in einem Strang zusammenfügen.
Habe ich erledigt, und zwar unter dem Stichwort der psychischen Störung, die sich nicht nur auf die depressive Komponente beschränken muss.

LG von Rheinkultur
 
Stichwort der psychischen Störung, die sich nicht nur auf die depressive Komponente beschränken muss.
Ja, da kommen wir der Sache doch schon näher - es gibt Verhaltensauffälligkeiten bei Musikern, welche auf Störungen hindeuten:

Mozart - ADHS

Wagner - Narzistische Persönlichkeitsstörung

Beethoven - Alkoholabusus

Wer fallt euch noch da zu ein?
 
Es ist aus nachvollziehbaren Gründen fast unmöglich, einen Komponisten post mortem psychisch zu analysieren.
Mozart hatte angeblich Depressionen, ADHS, war manisch depressiv, oder/und hatte Tourette (was aber nachweislich sehr wahrscheinlich nicht der Fall war). Übrigens war seine Ausdrucksweise damals nichts Ungewöhnliches, viele Leute hatten ein sehr öhm "saftiges" Vokabular.
Die Schaffenskraft der Komponisten hing und hängt (auch nachvollziehbar) von ihrer psychischen Verfassung ab. Schumann hat längere Zeit nichts geschrieben. Dann wiederum wunderschöne Lieder wie am Fließband...

Und wer es ganz genau wissen will (psychische/körperliche Erkrankungen):
(Sind mehrere Bände)
 

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