Interpretationsstile, Spielarten und Modeerscheinungen

Guendola

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Ich habe den Eindruck, daß viele Leute nicht besonders gut informiert sind, welche Möglichkeiten der Interpretation gerade "in" sind, was allgemein üblich ist, was "erlaubt" ist (im Prinzip natürlich alles) und was für Spielweisen überhaupt verwendet werden. Ich selbst könnte nicht behaupten, daß ich darin besonders bewandert bin.

Vielleicht könnte man hier ja mal sammeln, wobei am besten die Fragen "wer", "was", "wann", "wie" und "warum" jeweils mit beantwortet werden sollten, Schwerpunkte auf "wann" und "warum" (und natürlich "was"). "Wann" ist historisch gemeint, also zu welcher Zeit - z.B. "Anfang des 19. Jahrhunderts" oder "im Spätbarock". "Wo" könnte gelegentlich auch wichtig sein, Europa ist ja kein einheitlicher Kulturkreis und auf anderen Kontinenten gibt es möglicherweise ganz spezielle Stilmoden.

Dabei schweben mir Dinge vor, wie z.B. mehr Rubato, weniger Rubato, spezielle Arten von Rubato, dynamische Hervorhebung musikalisch bedeutsamer Noten oder Zählzeiten, Pedaleinsatz, dynamische Bandbreite, Artikulation (also die Länge der Noten als Hervorhebungsmittel) und so weiter und so fort.

Ich glaube, es ist für jeden Pianisten wichtig, früher oder später seinen ganz persönlichen Stil zu finden und den möglicherweise auch begründen zu können. Vieles ergibt sich natürlich aus dem Bauch heraus aber mit mehr Wissen kann man es sich selbst auch besser recht machen.

Noch eine Bitte: Es soll eine Sammlung von Fakten sein, persönlichen Geschmack zu diskutieren wäre hier eine unnötige Einschränkung.
 
K

koelnklavier

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Das wäre in der Tat ein lohnendes Projekt. Ich hatte vor vielen Jahren begonnen, die wichtigsten Schriften über das Klavierspiel aus dem 18. und 19. Jahrhundert ins Netz zu stellen (wenigstens in Auszügen). Also, CPE Bach, Türk, Marpurg, Quantz und Leopold Mozart (sie sind auch als Nicht-Pianisten für die ästhetische Haltrung der Zeit repräsentativ), Czerny, Robert Schumann, Kullak und andere. Eine Übersicht der Schriften findest Du auf meiner Homepage.

In meinem Bücherschrank steht noch Einiges, was sich lohnte, ins Netz stellen (z.B. die französischen Klavierschulen des 18. Jahrhunderts, die Schulen von Adam, Clementi und Hummel ...). Aber die Texte müßten alle von Hand eingegeben werden, solange die OCR-Erkennung bei der Fraktur noch scheitert. Und was natürlich dringend erforderlich wäre: Die Aufschlüsselung der alten Texte über ein Gesamtregister. Solange ich aber lieber Klavier spiele und unterrichte, wird dieses Projekt noch warten müssen ...
 
Mindenblues

Mindenblues

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Ich finde auch, ein sehr lohnenswertes Projekt. Nur ist es sehr allgemein gehalten.

Ich finde die Idee seeeeeeehr gut, sich auf Sammlung von Fakten zu beschränken, ohne den persönlichen Geschmack einfließen zu lassen. Unter Fakten verstehe ich das Zusammentragen und Darstellen von wichtigen und vertrauenswürdigen Zeitzeugendokumenten oder Äußerungen der Komponisten selber zur Interpretation ihrer Kompositionen.

Leider sind diese Dokumente rel. rar, und um sich tiefgründig damit zu beschäftigen, fände ich einen separaten Thread für jedes dieser Dokumente auch sinnvoll. Je nachdem, wie sich die Diskussion entwickelt, könnte man ggfs. später ja separate Threads davon aufmachen.

Folgendes Standardwerk halte ich für sinnvoll für die Diskussion um die Art und Weise der Klavierinterpretation um die Mitte des 18.Jhdts:
C.P.E. Bach "Versuch über die wahre Art, das Klavier zu spielen". Besteht aus 2 Teilen, 1753/1762 erschienen. Mit Klavier sind hier jegliche Arten von Tasteninstrumenten gemeint, CPE Bach geht besonders auf Cembalo und Clavichord ein. Das Buch ist schon deshalb interessant, weil CPE das Klavierspiel bei seinem Vater gelernt hat, und man von daher mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht nur darauf schließen kann, wie CPE Musik auf Tasteninstrumenten interpretiert hat, sondern auch, wie es sein Vater tat.

Ich möchte hier das Stilmittel der Artikulation herausgreifen, weil sich dies offenbar drastisch mit der Mode und Zeit geändert hat, und mich beim Lesen des Buches am meisten erstaunt hat. Vielleicht tragen andere hier noch andere Dinge zusammen, ich beschränke mich auf die Artikulation.

Folgendes sind Zitate aus dem Buch, von der Homepage von koelnklavier entnommen (danke an Koelnklavier für das Zusammentragen!!!!!):

§. 22. Die Noten, welche weder gestossen noch geschleifft noch ausgehalten werden, unterhält man so lange als ihre Hälffte beträgt; es sey denn, daß das Wörtlein TEN: (gehalten) darüber steht, in welchem Falle man sie aushalten muß. Diese Art Noten sind gemeiniglich die Achtheile und Viertheile in gemäßigter und langsamer Zeit=Maaße, und müssen nicht unkräftig, sondern mit einem Feuer und gantz gelinden Stosse gespielt werden.

Zur Erklärung: "Stoßen" heißt staccato, "Schleifen" heißt legato. Staccato-Noten spielt CPE Bach kürzer als die Hälfte der Notenläge. Bach sagt hier nicht mehr oder weniger, als dass ganz normale Noten als "Default" nicht gebunden gespielt werden, wie es heute eher üblich ist, sondern nur halb so lang gehalten werden!!!

Soweit zu diesem kleinen Detail aus diesem Buch.
 
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koelnklavier

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Ich finde die Idee seeeeeeehr gut, sich auf Sammlung von Fakten zu beschränken, ohne den persönlichen Geschmack einfließen zu lassen. Unter Fakten verstehe ich das Zusammentragen und Darstellen von wichtigen und vertrauenswürdigen Zeitzeugendokumenten oder Äußerungen der Komponisten selber zur Interpretation ihrer Kompositionen.
Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, daß es "harte" und "weiche" Fakten gibt. Wenn z.B. CPE Bach oder Johann Nepomuk Hummel eine Spielanweisung formulieren, muß man sich fragen:
  • Beschreibt er ein Gepflogenheit, die von allen akzeptiert und zu jener Zeit Usus ist?
  • Beschreibt er etwas, was er selbst für wünschenswert hält, was aber keine Gepflogenheit ist (aber durch seine Verbreitung eventuell in Zukunft zur Gepflogenheit wird?).
  • Beschreibt er etwas, was mittlerweile in Gefahr ist, in Vergessenheit zu geraten (und kaum mehr praktiziert wird), was er aber für bewahrenswert hält?
Konkretes Beispiel: J.N. Hummel "Anweisung zum Pianofortespiel" (Wien 1827), S.394:
Man ist hinsichtlich des Trillers bisher beim Alten stehen geblieben, un begann ihn immer mit der oberen Hülfsnote, was sich wahrscheinlich auf die ersten, für den Gesang entworfenen Grundregeln gründet, die späterhin auch auf Instrumente übergegangen sind. Allein, wie jedes Instrument seine eigenthümliche Spielart, Applikatur und Lage der Hand hat, so hat sie auch das Pianoforte; und es ist kein Grund vorhanden, dass dieselbe Regel, die für die Kehle gegeben wurde, zugleich auch für das Pianoforte gelten müsse, und keiner Verbesserung fähig sei.
Man nimmt also 1827 gerne als "Stichjahr" für eine veränderte Auffassung des Trillers. Also alle Beethoven-Triller noch von oben? Die Triller der späten Schubert-Sonaten (1828 ) von unten? Haben sich in Wien alle Komponisten und Pianisten nach Herrn Hummel gerichtet? Und wie sah es in Paris aus? Vielleicht war es den Komponisten ja auch egal - Hauptsache, es oszillierte auf dem Instrument ...

Fazit: Es könnte ein spannender und kontroverser Thread werden.
 
Mindenblues

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Tja, harte und weiche Fakten... Stimmt schon. Aber, haben wir denn härtere Fakten bzgl. der Spielart um die Mitte des 18.Jhds, als z.B. das Buch von CPE Bach? Wenn ja, nur her damit.

Man nimmt also 1827 gerne als "Stichjahr" für eine veränderte Auffassung des Trillers. Also alle Beethoven-Triller noch von oben? Die Triller der späten Schubert-Sonaten (1828 ) von unten? Haben sich in Wien alle Komponisten und Pianisten nach Herrn Hummel gerichtet? Und wie sah es in Paris aus? Vielleicht war es den Komponisten ja auch egal - Hauptsache, es oszillierte auf dem Instrument ...

Und das noch verbunden mit den von Zeitzeugen dokumentierten Aussagen, dass Chopin entgegen der allgemeinen Gepflogenheit seiner Zeit die Triller in der alten barocken Manier gerne von oben nahm (nachzulesen in zitierten Zeitzeugenberichten in Eigeldinger, "Chopin as seen..."). :confused:
 
Axel

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Um die Verwirrung perfekt zu machen: Von Händel gibt es Flötenunhrstücke für eine Art Drehorgel. Davon sind die originalen Walzen erhalten. Die Triller fangen lustig chaotisch mal von oben, mal von unten an. :p

Viele Grüße
Axel
 
Guendola

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Um die Verwirrung perfekt zu machen: Von Händel gibt es Flötenunhrstücke für eine Art Drehorgel. Davon sind die originalen Walzen erhalten. Die Triller fangen lustig chaotisch mal von oben, mal von unten an. :p

Viele Grüße
Axel

Es wäre ja auch seltsam, wenn tatsächlich lange Zeit nur eine Art von Trillern möglich gewesen wäre. Aber welche historische Genauigkeit wird eigentlich heute an den Tag gelegt?

Allgemein üblich und glücklicherweise auch reichlich umstritten sind wohl die folgenden Ansichten - bitte nicht falsch verstehen, ich zitiere hier nur Allgemeinplätze, aber die werden tatsächlich manchmal bis aufs Blut verteidigt bzw. angegriffen.

Haltepedal "darf" man frühestens ab Mozart einsetzen, weil es vorher keins gab.
Rubato ist sogar bei Beethoven noch heikel
Chopin muß mit Rubato gespielt werden
Die Bachsche Dynamik ist stufenförmig, weil Orgel und Cembalo keine Anschlagdynamik hatten (aber sehr wohl das Chlavichord).

Und als schlagendes Gegenargument zu diesen historischen "Fakten":
Man muß die Musik so spielen, daß sie dem heutigen Publikum verständlich wird. Wir haben mit Menschen aus anderen Zeiten immer noch die Emotionen gemeinsam aber fast alle Begleitumstände, Weltanschauungen und auch die Musikinstrumente haben sich so geändert, daß man die Musik heute anders spielen muß, damit sie eine vergleichbare Wirkung erzielt.

Und zur Abrundung: Wer das Gegenargument vertritt, muß sich umso genauer mit der Musik auseinandersetzen, denn er kann ja nichts "verkaufen", was er selbst nicht versteht. Und - wie Haydnspaß mal treffend bemerkte - dürfte man Bach als Vertreter der anderen Seite eigentlich nur bei Kerzenlicht spielen - und auf keinen Fall auf Klavier oder Flügel.

Wenn man aber alles etwas gelassener sieht, hat man noch größere Probleme, denn dann steht einem eine dermaßen große Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung, daß man noch viel genauer arbeiten muß. Unter anderem deswegen dieser Thread.
 
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Die Bachsche Dynamik ist stufenförmig, weil Orgel und Cembalo keine Anschlagdynamik hatten (aber sehr wohl das Chlavichord).

Tja, und Bach hat das Spiel auf dem Clavichord geliebt, und oft nachts darauf gespielt. (Das habe ich gelesen, kann aber im Moment keinen seriösen Link auf diesen Fakt liefern. Bei Bedarf werde ich das näher recherchieren, denn es soll ja hier eine Faktensammlung werden, keine Mutmaßungen.)

Daher verstehe ich deine Begründung nicht. Ich bezweifle, dass Bach auf dem Clavichord eine stufenförmige Dynamik gewählt hat. Begründung: Aus dem Begleittext von Bach zu seinen Inventionen geht hervor, dass diese dazu gedacht waren, um "...am allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu erlangen" (Quelle: Originalworte Bach auf dem Titelblatt der Inventionen]). Unter cantabel verstehe ich keine stufenförmige Dynamik, denn welcher Sänger singt in einer stufenförmigen Dynamik statt in einer stufenlosen (cantabel heißt ja "sanglich"). Aus diesen Worten Bachs schließe ich, dass Bach auf Instrumenten, die stufenlose Dynamik erlaubten, dies auch genutzt hat.

Insgesamt hattest du (Guendola) geschrieben, dass es in diesem Faden um eine Sammlung von Fakten gehen soll, was ich SEHR begrüßen würde (möglichst mit Quellenangabe, wenn man die weiß). Im letzten Beitrag vermisse ich diese belegbaren Fakten.
 
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koelnklavier

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Insgesamt hattest du (Guendola) geschrieben, dass es in diesem Faden um eine Sammlung von Fakten gehen soll, was ich SEHR begrüßen würde (möglichst mit Quellenangabe, wenn man die weiß). Im letzten Beitrag vermisse ich diese belegbaren Fakten.
Guendola hatte in ihrem Beitrag geschrieben:
"Allgemeinplätze, aber die werden tatsächlich manchmal bis aufs Blut verteidigt bzw. angegriffen."​
Es geht also darum, solche Allgemeinplätze endlich einmal mit Belegen zu untermauern, oder - wie Du es ja jetzt getan hast - durch Gegenargumente ad absurdum zu führen ...

Ein Gedanke, der mit seit längerem durch den Kopf geht, ohne daß ich bisher Muße gefunden hätte, ihn eingehender zu verfolgen (aber wozu gibt es hier im Forum angehende studierfreudige Musikwissenschaftler :D):

Wir Pianisten nehmen ja kaum wahr, daß es jenseits der 88 Tasten auch noch musikalische Welten gibt (pianozentrisches Weltbild). Die Vorrangstellung in der Musik hatte aber seit jeher die Vokalmusik inne. Die Kompositionen für Instrumente waren eher Nebenprodukte. Noch Mozart sah sich in erster Linie als Opernkomponist. Beethoven tat sich mit der menschlichen Stimme schwer, sie war aber für ihn immer Anlaß intensivster Bemühung (missa solemnis, Fidelio). Selbst die Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts orientieren sich sehr stark an der Oper. Die Nocturnes von Chopin erinnern stark an Arien von Bellini und Donizetti, ein Großteil von Liszts Schaffen machen Opernparaphrasen aus. - Worauf ich hinaus will: Um Erkenntnisse über Klangideale und instrumentale Aufführungspraktiken zu erhalten, lohnt sicherlich ein Blick auf die vokalen Traditionen und Gesangsschulen der damaligen Zeit.
 
Guendola

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das Chlavichord habe ich erwähnt, um diese Behauptung gleich zu schwächen.
Wie schon Kölnklavier bestätigte, habe ich im vorherigen Beitrag ein paar Allgemeinplätze zitiert. Ich gebe zu, das ist nicht ganz meinungs- dafür aber recht belegfrei, diente aber eher zur Erläuterung des Themas hier.
 
Mindenblues

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Wir Pianisten nehmen ja kaum wahr, daß es jenseits der 88 Tasten auch noch musikalische Welten gibt (pianozentrisches Weltbild). Die Vorrangstellung in der Musik hatte aber seit jeher die Vokalmusik inne. Die Kompositionen für Instrumente waren eher Nebenprodukte. Noch Mozart sah sich in erster Linie als Opernkomponist. Beethoven tat sich mit der menschlichen Stimme schwer, sie war aber für ihn immer Anlaß intensivster Bemühung (missa solemnis, Fidelio). Selbst die Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts orientieren sich sehr stark an der Oper. Die Nocturnes von Chopin erinnern stark an Arien von Bellini und Donizetti, ein Großteil von Liszts Schaffen machen Opernparaphrasen aus. - Worauf ich hinaus will: Um Erkenntnisse über Klangideale und instrumentale Aufführungspraktiken zu erhalten, lohnt sicherlich ein Blick auf die vokalen Traditionen und Gesangsschulen der damaligen Zeit.

Ja, sehr interessanter Gedanke! Kenne leider keine Gesangsschule aus der barocken Zeit, auch nicht aus späterer Zeit. Was ich nur weiß, ist dass die Tradition des Spielens mit starkem Vibrato (bei Streichern oder Blasinstrumenten) wohl erst erstaunlich spät einsetzte, wahrscheinlich erst im späten 19. Jahrhundert. D.h., die Barockstreicher sind mglw. mit Vibrato sehr, sehr sparsam umgegangen. Habe dafür keine Quellenangabe, aber z.B. die Hannoversche Hofkapelle (welche sich historisch informierte Aufführungspraxis auf ihre Fahnen geschrieben hat) spielt tatsächlich nicht nur auf historischen Instrumenten, sondern auch mit ganz wenig Vibrato (sehr schwer zu spielen, da Intonationsfehler gnadenlos aufgedeckt werden). Man kann von daher eine Vermutung anstellen, dass mglw. auch die Sänger kaum mit Vibrato gesungen haben. Das müsste man natürlich irgendwie nachweisen können, aber, wie gesagt, keine leider keine historische Gesangschule.

Es gibt eine Zeitzeugenaussage über das Orgelspiel Bachs, dass er auf der Orgel wie ein Streicher spielen würde. Bleibe auch hier die Quelle schuldig, vielleicht hilft das Internet weiter. Aber auch hier - wir wissen ja auch nicht, wie die Streicher damals gespielt haben - mit viel Rubato oder wenig, mit großem oder kleinem Melodiebogen, (Vibrato oder nicht ist ja im Zshg. mit Orgelspiel uninteressant, obwohl es den Tremulanten auch schon zu Bachs Zeit gab).
 

Walter

Walter

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... gerade in ist ...

Hallo,

Guendolas Anregung, die Modeerscheinungen beim Klavierspiel mal zu untersuchen finde ich spitze!

Es täte mir allerdings leid, wenn der Faden ausschließlich in der Historie hängen bleiben würde.

Ich glaube, es gibt in der für uns Nachgeborenen überschaubaren Vergangenheit auch Modetrends, mal so oder so zu spielen.
Wie hörte sich z.B. das Mozart- oder Beethovenspiel 1960 an, wie 1980 oder heute? Wie wurden und werden die Romantiker gespielt?
1970 (direkt nach den 1968ern) vielleicht mehr sachlich, mehr abgekehrt von einer schwärmerischen Nostalgie?
Ich glaube, es gibt schon in dieser Zeitspanne Unterschiede in der Auffassung, was denn Werktreue bedeutet.

Leider weiß ich darüber selbst viel zu wenig, um in diesem Thread diesbezüglich weiter zu helfen.

Einen lieben Gruß und viel Gewinn aus diesem Faden!

Walter
 
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koelnklavier

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Ja, sehr interessanter Gedanke! Kenne leider keine Gesangsschule aus der barocken Zeit
Außer Tosi/Agricola fällt mir spontan auch nichts ein. Aber auch das ist nicht mehr Barock, sondern Mitte 18. Jahrhundert. Man muß sich immer vor Augen halten, daß die theoretischen Unterweisungen in das Instrumentalspiel allesamt ein Produkt der Aufklärung sind. Für die Zeit davor sind sie nur sehr bedingt zu gebrauchen. CPE Bach bezieht sich (meines Wissens) in seinem "Versuch" kein einziges Mal auf die Musik seines Vaters. Die Musik des J.S. Bach galt ja schon zu dessen Lebzeiten als antiquiert und nur wegen ihrer Gelehrsamkeit für bedeutend ("wenn er nur etwas mehr Annehmlichkeit in der Melodie hätte"). Und für Carl Philipp Emanuel waren die Kompositionen des Vaters vor allem deswegen interessant, weil sich die Manuskripte noch zu Geld machen ließen.
 
Mindenblues

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Wolfgang, du wirst doch wohl nicht die Illusion rauben, dass sich aus dem "Versuch über.." -Buch von CPE Bach Rückschlüsse auf die Spielweise seines alten Herrn ziehen lassen? :p

Also, im "Versuch..." wird schon einige Male der "selige Vater" zitiert,
a) einmal, dass dessen Schüler gleich von Anfang an seine schwereren Stücke spielen mussten (Einleitung),
b) 1. Hauptstück §7, dass der "selige Vater" sich einen weit vollkommeneren Gebrauch der Finger ausdachte, namentlich die volle Nutzung des Daumens
c) 2. Teil 1.Kapitel §5 : Generalbass-Spiel
d) 2. Teil 40.Kapitel : Baßthema

Zugegebenermaßen kommt der "selige Vater" namentlich nicht sehr oft vor, aber will man es dem Sohn eines übermächtigen Vaters verdenken, jenen nicht allzu oft zu zitieren? Fakt ist jedenfalls, dass JSBach der einzige Klavierlehrer von seinen Söhnen war, und da wird schon einiges an Spielauffassung hängengeblieben sein, auch wenn die Zeit im Wandel war.
Gegenfrage - gibt es denn authentischere Bücher, durch die sich Rückschlüsse auf die Spielart z.B. von JSBach ziehen lassen, als jenes von seinem Sohn?

Bzgl. Manuskripten zu Geld machen- ich dachte bisher immer, Friedemann war es, der die Manuskripte seines alten Herrn versoffen hat, und Emanuel war eher der solidere und hat die Manuskripte aufbewahrt?
 
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koelnklavier

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Gegenfrage - gibt es denn authentischere Bücher, durch die sich Rückschlüsse auf die Spielart z.B. von JSBach ziehen lassen, als jenes von seinem Sohn?
Leider nein!
Bzgl. Manuskripten zu Geld machen - ich dachte bisher immer, Friedemann war es, der die Manuskripte seines alten Herrn versoffen hat, und Emanuel war eher der solidere und hat die Manuskripte aufbewahrt?
Charles Burney wußte den Rotwein von CPE Bach wohl zu schätzen. Ob der Rotwein durch den Verkauf der Manuskripte des sel. Herrn Vater finanziert wurde, darüber kann man nur spekulieren.

Hier noch ein paar Literaturhinweise für diejenigen, die es genauer wissen wollen, wie man was zu welcher Zeit stilistisch korrekt zu spielen hat:

  • Molsen, Uli: Barockes Klavierspiel. Ein Lese-, Spiel- und Nachschlagebuch zur Interpretation der Klaviermusik des Barock. Hamburg (Sikorski) 1994. 88 Seiten. Best.-Nr. 1572. ISMN M-003-01450-0, ISBN 3-920880-52-8.
    [Eine kommentierte Notensammlung]
  • Molsen, Uli (1947-): Die Geschichte des Klavierspiels in historischen Zitaten von den Anfängen des Hammerklaviers bis Brahms. Vorwort von Nikolaus Harnoncourt. Balingen (Molsen) 1983. 192 Seiten. ISBN 3-9800-685-0-1
  • Howard Ferguson: Keyboard Interpretation from the 14th to the 19th Century. An Introduction / [1975]. London (Oxford University Press) 1998. 215 Seiten. ISBN 0-19-318419-2.
  • Howard Ferguson: Style and Interpretation. An Anthology of 16th-20th Century Keyboard Music.
    Bd. 1: Early Keyboard Music (1) - England and France
    Bd. 2: Early Keyboard Music (2) - Germany and Italy
    Bd. 3: Classical Piano Music
    Bd. 4: Romantic Piano Music
    [Notensammlung mit Erläuterungen zu Interpretation und Aufführungspraxis]
  • Lohmann, Ludger: Die _Artikulation auf den Tasteninstrumenten des 16.-18. Jahrhunderts. Regensburg (Bosse) 1990. 294 Seiten. Best.-Nr. BE 2412 (= bosse musik paperback 46) ISBN 3-7649-2412-8
    [mit umfangreichen Zitaten zu Artikulation, Spieltechnik, Körper- und Handhaltung, Anschlag, Fingersatz]
  • Heuser, Paul: Das Clavierspiel der Bachzeit. Ein aufführungspraktisches Handbuch nach den Quellen. Mainz (Schott) 1999. 178 Seiten Best.-Nr.: ED 8710. ISBN 978-3-7957-8710-3
  • Pietsch, Hans Christian: Grundlagen des Cembalospiels. Wilhelmshaven (Noetzel) 1987. 343 Seiten. ISBN 3-7959-0475-7
  • Harich-Schneider, Eta: Die _Kunst des Cembalospiels. Nach den vorhandenen Quellen dargestellt und erläutert [1939, 1958]. Kassel (Bärenreiter) 1970. 244 Seiten.
 
rolf

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oh weh...
jammerschade, dass diese Linie hier um die letzten Nikolaustage eingeschlafen ist... ob sie aus dem komatösen Zustand noch mal erwacht - ein kleiner Versuch, verschiedene Adrenalininjektionen anzubringen:
- interessant sind bzgl. historischer Spielpraxis auch scheinbar unsinnige Fragen wie die Temponahme: hier wären Talsma und Wehmeier zu nennen, die interessantes dazu geschrieben haben (was nicht wahr sein muss, aber anregend ist: konnte Schnabel mehr als Liszt, weil er für op.106 nur 45min, Liszt aber 60min brauchte? - Zeitmessungen, Ansichten zur Zeitwahrnehmung usw.)
-- selbstredend gibt es auch Moden und Stile in den Interpretationsrichtungen des 20. Jh.: die "sachliche" Pianistik der 60er (Metronom verschluckt a la rhythmische Akkuratesse bei Gulda, auch Gould, teilweise sogar Michalangeli...!!!), die so genannte "Werktreue" ist neutral betrachtet auch eine Mode, statistische Häufigkeiten im Konzertrepertoire sind Moden (vor 30 Jahren galten Opernparaphrasen hierzulande noch als unseriöser Glamour-Zirkus...)
--- rubato... gerade bei Chopin, der das Metronom liebte: es ist eine Mode, Chopin relativ taktstreng zu spielen, ebenso, ihn mit vielen gut gemeinten und ausdrucksvollen rubati zu spielen (ein Tipp zum rubato: egal wie schön man das evtl. kann, ein Thema etc. darf beim allerersten Auftauchen NIEMALS verzerrt werden!!! greulich, wenn gut gemeint schon der erste Takt Regentropfenprelude verzogen/verzögert wird...)
---- historische Instrumente, Pedal - ehe man hier groß ausholt, könnte das nachdenken über die Realisierung von Beethovens Pedalanweisungen lehrreich sein (...puh...Finale der Waldsteinsonate...), dazu der Beethovensche "Tick", Crescendi zu verlangsamen...
----- was soll, will, kann man hören? jeden Ton, so schnell er auch sein mag, ganz exakt bürokratisch überprüfen?? eine quasi Nähmaschine, die jedes Vierundsechzigstel der Ondine mit beglaubigtem Prüfstempel raushackt???
------ was hörten die Leute, wie nahmen sie Musik wahr, als es noch kein Radio, keine Platte, keine CD gab???
...historische Aufnahmen, so weit realistisch reproduziert, können verblüffend sein: trotz moderner Klavierpädagogik konnte z.B. Skrjabin manuell mit Horowitz oder wen immer man nennen will mithalten - andere aus der Jahrhundertwendezeit (belle epoche Zeit) nicht minder... ohne unsere modernen trainingsmethoden ---- stellt sich die frage, ob musikpädagogisches Wissen, ja überhaupt das "Wissen" über Musik nicht auch in Moden zergliedert ist und sich mit diesen wandelt (dabei nicht notwendig immer zunimmt...)

mehr Injektionen zum reanimieren habe momentan ich nicht parat :)

Gruß, Rolf
 
 

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