Heißt Interpretieren - "Spielen wie man will"?

Da hilft nur eine praktische Untersuchung dieser ganzen Sache. Kann man es denn guten Gewissens verantworten, zu empfehlen, immer werktreu zu musizieren?

Antwort:
Nein, kann man nicht. Ein einziges Beispiel eines Musikers, der durch Bruch mit der Werktreue die bessere Musik macht, genügt schon, um eine allfällige dogmatische Forderung nach "Werktreue" komplett zu verwerfen.

Diese vermeintlich praktische Untersuchung bedürfte aber offenkundig vorab einer Reihe von Begriffsklärungen, also zunächst einer theoretischen Untersuchung: Was ist Werktreue? Offenkundig ist dieser Begriff mit dem der »Interpretation« aufs engste verbunden. Wie bemisst sich die höhere Qualität der »besseren Musik«, die durch Bruch mit der »Werktreue« entsteht? Welchem ethischen Bezugssystem gegenüber be- oder entsteht das »gute Gewissen«? Inwiefern wäre »Werktreue« dogmatisch, sobald wir uns sicher sein könnten, worin sie besteht? »Interpret« (lat. interpres) ist ja etymologisch »Mittler« im weiten Sinne, und die Verwendung des Worts samt seinen Ableitungen meint offensichtlich die Dienstleistung, die (zeitliche, kulturelle oder anderswie geartete) Distanz zwischen dem Autor bzw. seinem Werk und dem Rezipienten zu überwinden. Der Interpret ist also Dienstleister gleichzeitig für den Autor wie für den Rezipienten. Wäre »Werktreue«, somit nicht eben das, was der Interpret als allererstes anstreben muss?
 
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Man ist bei der Diskussion solcher Fragen schnell im Religiösen.

Ist man gewiss, muss man aber nicht unbedingt und es wird ja für die moderne Ontologie unbedingt wichtig sein, einen von theologischen Prämissen freien Begriff des Seins zu erarbeiten (nicht, dass ich mich da sonderlich auskennte). Schauen wir zu den Griechen: Den platonischen und platonistischen Begriff des Seins könnte man natürlich als religiös bezeichnen, da er letztlich aus dem Obersten Prinzip und dem Ideeninventar unter Vermittlung des Demiurgen entspringt, was sich ja in der Spätantike ohne große Verrenkungen auf den christliche Trinität abbilden ließ. In der peripatetischen Tradition ist das schon ganz anders. Der Unbewegte Beweger ist nicht der Schöpfer des Seienden, sondern nur in einem recht eingeschränkten Sinne sein Erhalter. Das "Sein" ist im Prinzip wie die Welt anfangs- und endlos und damit im vollen Sinn "ewig", ohne dass es von einer göttlichen Instanz abhängig wäre.
 
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Diese vermeintlich praktische Untersuchung bedürfte aber offenkundig vorab einer Reihe von Begriffsklärungen (...)
Mehr noch: da wir uns mit Kunst und Musik auch nicht im Bereich der exakten Wissenschaften bewegen, können wir viele Aussagen in diesem Bereich auch gar nicht formal beweisen.

Ergo, streiche auch gerne meine Gedankenführung, auf die Du Dich bezogen hast.

Von "offzieller Seite" reicht es, dass nicht werktreu gespielte Stücke von Weltklassepianisten - und das völlig ohne Zweifel - ebenfalls als Interpretationen gelten. Schlimmstenfalls als solche mit zweifelhafter Werktreue.
(langsam kann ich dieses Wort aber nicht mehr hören...)

Von "privater Seite" her reicht es mir, wenn ein Horowitz durch Bruch mit der Werktreue wirklich faszinierende Musik macht. Dies ist wohl so ein Beispiel:


View: https://www.youtube.com/watch?v=S9gyaTVD83M

Ich denke, was Horo darf, darf ich dann auch. Ob ich die Träumerei dann musikalisch tatsächlich so wie er, oder ähnlich, oder anders, spiele, steht dann wieder auf einem anderen Blatt.
(ja, ich spiele sie anders)
 
Von "offzieller Seite" reicht es, dass nicht werktreu gespielte Stücke von Weltklassepianisten - und das völlig ohne Zweifel - ebenfalls als Interpretationen gelten.

Aber bislang haben wir doch noch gar nicht geklärt, was "werktreu" ist, nicht wahr? Also können wir über "nicht werktreu gespielte Stücke" doch noch gar nicht reden, oder?
 
Ich denke, was Horo darf, darf ich dann auch.

Darfst du. Sowieso darf jeder alles machen, solange nicht die Freiheit anderer eingeschränkt wird. Das ist bei auch eigenwilligen Interpretationen allerdings sehr unwahrscheinlich.

Jeder Amateur darf sowieso alles machen, weil er ja kein Geld für seine musikalischen Darbietungen bekommt.

Und die Profis dürfen eh alles machen. Die haben sich ja bereits einen Ruf erarbeitet, der (fast) jede noch so ungewöhnliche Interpretation rechtfertigt und durch das Publikum akzeptieren lässt („Oh, das ist aber ungewöhnlich, dafür muss man aber auch ... heißen.“)
 
Darfst du. Sowieso darf jeder alles machen, solange nicht die Freiheit anderer eingeschränkt wird. Das ist bei auch eigenwilligen Interpretationen allerdings sehr unwahrscheinlich.

Jeder Amateur darf sowieso alles machen, weil er ja kein Geld für seine musikalischen Darbietungen bekommt.

Und die Profis dürfen eh alles machen. Die haben sich ja bereits einen Ruf erarbeitet, der (fast) jede noch so ungewöhnliche Interpretation rechtfertigt und durch das Publikum akzeptieren lässt („Oh, das ist aber ungewöhnlich, dafür muss man aber auch ... heißen.“)
Fast das gleiche hatte ich auch schon im Sinn, zu schreiben.

Ich glaube, hier im Forum haben wir generell auch ein wenig das Spannungsfeld zwischen denen, die wirklich machen können, was sie wollen (diese Seite repräsentiere wohl im Wesentlichen ich), und den anderen, teils professionellen Berufsmusikern, oder solchen, die es werden wollen.

Ich selbst kann mir - tatsächlich - in Sachen Musik so ziemlich alles erlauben, was ich will. Da würde vielleicht selbst ein Horo oder Lang Lang neidisch...

Horo übrigens befand sich auch selbst durchaus mal in der Zwickmühle - zwischen dem, was er selbst vielleicht gerne mal gespielt hätte, und dem, was das Publikum immer wieder von ihm hören wollte - soweit ich weiss.
 
@rolf hat ihn auch so genannt :016:

Eigentlich hab' ich das ursprünglich von ihm übernommen.
 

Aber bislang haben wir doch noch gar nicht geklärt, was "werktreu" ist, nicht wahr?
Vermutlich, weil das auch ein weit gestreutes Gebiet ist. In einem Internet-Post läßt sich das sicher nicht abhandeln.
Also können wir über "nicht werktreu gespielte Stücke" doch noch gar nicht reden, oder?
Die Frage ist sowieso, ob das unsere Sache, oder die der Fachwelt ist, sich solchen Fragen letztlich zu widmen.

Welche Arbeiten von welchen Musikern als werktreu eingeschätzt wurden, oder nicht, darüber kann man z.B. in Wikipedia Anhaltspunkte gewinnen, wenn man sich die Pianisten anschaut. Normalerweise wird da nichts ohne fundierte Quellen reingeschrieben.
 
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Bist im Stress, Kalvirus...?
 
Personen des öffentlichen Lebens müssen immer damit rechnen, Spitznamen zu bekommen: Gorbi, Klinsi, Jogi, ... Gibt bestimmt noch mehr.
 

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