Ed. Seiler, 1937, Gehäusedeckel vom Stimmstock abgeleimt

  • Ersteller des Themas Klimperer
  • Erstellungsdatum
Klimperer

Klimperer

Dabei seit
Aug. 2009
Beiträge
2.179
Reaktionen
296
Liebe Klavierbauer,

Vor gut einer Woche habe ich ein 1937er Ed. Seiler-Klavier gestimmt. Es ist in einem guten Zustand, war auch in sich relativ gleichmäßig gestimmt, nur eben einen knappen Halbton zu tief. Die Stimmung verlief gut, hält auch problemlos. Bis auf ein, zwei Wirbel sitzen alle noch recht fest. Die zugänglichen Rahmenschrauben saßen ebenfalls alle fest. Auch klemmte die Mechanik nicht beim Ausbau.

Nur fiel mir auf, dass die hintere Hälfte des aufklappbaren Deckels vom Stimmstock/Raste komplett abgeleimt ist. Bei der Gelegenheit prüfte ich gleich, ob Risse im Stimmstock zu sehen seien, aber da war nichts. An zwei handtellergroßen Stellen sind ein paar Holzfasern vom Deckel am Stimmstock/Raste kleben geblieben, aber im Übrigen ist die Verleimung säuberlich "aus dem Leim gegangen".

So etwas habe ich noch nie gesehen, und hätte es bei einem ansonsten gut erhaltenen Klavier auch nicht erwartet. Ist das eine bekannte Schwachstelle, etwa besonders bei diesem Hersteller?

Der Deckel zeigt ansonsten keine Anzeichen einer Einwirkung, aber ich überlegte, weil er an den Seiten übersteht, ob so etwas beim vorigen Umzug passiert sein könnte (das Klavier ist ein Familienerbstück und schon 3 mal quer durch's Land umgezogen).

Durch die Dübel im vorderen Oberrahmen, und zwei kleine Nägel, die hinten in der Raste sitzen, lässt sich der Deckel millimetergenau positionieren. Knochenleim habe ich auch, nur wollte ich erstmal nachfragen, was es mit so einer Ableimung auf sich hat. Kann mir jemand dazu etwas sagen?

Dank und Gruß,
Mark
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
klaviermacher

klaviermacher

Dabei seit
Apr. 2008
Beiträge
8.053
Reaktionen
3.295
Hallo Mark,

Knochenleim wird Knochenhart und der Holzschwund bewirkt, dass Spannung entsteht, da die zu verleimenden Teile unterschiedlichen Holzverlauf haben.
Es könnte zudem sein, dass nicht der allerbeste Leim verwendet wurde, sondern nur irgend ein Rest oder die zu verleimenden Teile nicht warm genug waren. Weil es an dieser Stelle keinen klanglichen Einfluss hat, könnte etwas weniger sorgfältig damit umgegangen sein, oder ein Lehrling hat die Aufgabe bekommen. ;-)

Beim Transport kommt es hin und wieder vor, dass an der oberen "Kante" versucht wird, das Klavier zu heben. Da passiert es schon hin und wieder, dass sich die Platte ablöst. Ist also nichts neues...

LG
Michael
 
Tastenscherge

Tastenscherge

Dabei seit
Dez. 2007
Beiträge
3.220
Reaktionen
2.260
kann auch sein, dass der Deckel bewusst losgekloppt wurde für einen Transport. Wie gesagt: er steht ja über.
 
S

Styx

Guest
Hab ich schon öfter erlebt daß der hintere Deckel nimmer fest ist - hängt unter andern mit dem besagten Knochenschwund zusammen, passiert aber auch wenn ein Instrument mal a zeitlang feucht gestanden ist und hernach in einen warmen Raum kommt - da ist es dann allerdings auch schon mal möglich daß das ganze Klavier auseinanderfällt.

Viele Grüße

Styx
 
Klimperer

Klimperer

Dabei seit
Aug. 2009
Beiträge
2.179
Reaktionen
296
Herzlichen Dank euch allen!

@ Styx: ob's feucht gestanden hat, fragte ich mich auch schon, zumal die Stimmwirbel rostig sind (sie Saiten hingegen nicht! Und Schimmelbefall ist auch keiner zu sehen.)

@ Toni: aua, das arme Stecheisen... :p
 
S

Styx

Guest
@ Styx: ob's feucht gestanden hat, fragte ich mich auch schon, zumal die Stimmwirbel rostig sind (sie Saiten hingegen nicht! Und Schimmelbefall ist auch keiner zu sehen.)
Wenn die Wirbel rostig sind, hat es mit Sicherheit zu hohe Feuchtigkeit abgekriegt, die Saiten halten da etwas mehr an Korriosin ab. Schimmelbefall muß auch ned unbedingt sein, wenn es nicht über langen Zeitraum feuchtgestanden ist. Die Rüstigkeit der Wirbel spricht allerdings schon für einen feuchtigkeitsschaden welcher auch durchaus geneigt ist den hinteren Deckel zu entleimen.


Viele Grüße

Styx
 
Klimperer

Klimperer

Dabei seit
Aug. 2009
Beiträge
2.179
Reaktionen
296
... und nun auch noch die Frage, wie ihr an eine solche Reparatur gehen würdet.

Michael schrieb:

Es könnte zudem sein, dass nicht der allerbeste Leim verwendet wurde, sondern nur irgend ein Rest oder die zu verleimenden Teile nicht warm genug waren. Weil es an dieser Stelle keinen klanglichen Einfluss hat, könnte etwas weniger sorgfältig damit umgegangen sein, oder ein Lehrling hat die Aufgabe bekommen. ;-)
Genau das Erwärmen der Teile wäre meine größte Sorge beim Einsatz von Knochenleim.
Frage 1: wäre es überhaupt möglich, geschweige denn für den Stimmstock wünschenswert/tolerierbar, die Raste dort oben auf z.B. 45°C zu erwärmen, ohne dass sich etwas löst oder das Holz zu sehr austrocknet? 2 Stunden lang unter große Halogenstrahler oder Infrarotlampe stellen?

Und selbst wenn alles schön warm ist, muss es doch recht ruckzuck gehen. Mein Knochenleim geliert reichlich schnell...
Frage 2: wäre es akzeptabel, an dieser Stelle mit herkömmlichen Weißleim zu arbeiten? [Edit: oder sogar Epoxy? Damit mache ich letzthin gute Erfahrungen, und er wird auch glas-hart, im Gegensatz zu Weißleim...]

Ich frage nicht so sehr, weil ich die Reparatur unbeding selber machen will, sondern weil der Eigentümer neulich sagte: "Ich mach das schon." (Klar, ist sein Klavier, kann ihm ja keiner verweigern...) Ich würde ihm nur wenigstens mit gutem Rat zur Hand gehen.
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:

S

Styx

Guest
@Klimperer,

wenn definitif nur der hintere Deckel abgelöst ist, kannst des auch wieder mit Ponal (Kaltleim) o.ä. festpappen - nimm aber ein paar Schraubzwingen da zu, sonst ist´s ned g´scheit rangepreßt. Sollte sich allerdings der Stimmstock von der Raste gelöst haben, ruf n Klavierbauer, des ist n umfangreicheres Unterfangen ;D

Viele Grüße

Styx
 
Klimperer

Klimperer

Dabei seit
Aug. 2009
Beiträge
2.179
Reaktionen
296
Danke, Styx.

Also, ich habe schon recht genau auf die Oberfläche geschaut. Der Anblick ist ähnlich wie dieser (Foto aus'm englischen Forum geklaut) :


Ich habe dort nirgends einen Spalt oder Riss gesehen - von vorn, wo der Rahmen anliegt, bis ganz hinten. Nach meinem Verständnis hat sich also der Stimmstock nicht gelöst.
 
klaviermacher

klaviermacher

Dabei seit
Apr. 2008
Beiträge
8.053
Reaktionen
3.295
Bei Klavierspieler1 wurde das Klavier geliefert und ging nicht ins Obergeschoß, ohne den oberen Deckel abzuschlagen... Siehe hier: https://www.clavio.de/forum/klavier-keyboard-kaufen-reparieren/10853-ein-klavier-ein-klavier.html
Die Spediteuere haben es wieder zusammen montiert und verleimt.
Bilder dazu: Bild: 100_3616jpjq.jpg - abload.de und Bild: 100_3615sqjt.jpg - abload.de

Gut gemacht, aber raus bringt man das Klavier erst wieder, wenn man die Teile wieder lösen kann. Nachdem da aber satt Leim aufgetragen wurde, sehe ich schwarz...

LG
Michael
 
S

Styx

Guest
Danke, Styx.

Also, ich habe schon recht genau auf die Oberfläche geschaut. Der Anblick ist ähnlich wie dieser (Foto aus'm englischen Forum geklaut) :


Ich habe dort nirgends einen Spalt oder Riss gesehen - von vorn, wo der Rahmen anliegt, bis ganz hinten. Nach meinem Verständnis hat sich also der Stimmstock nicht gelöst.

ja, wenn des so ist, des ist nur ne Unschönheit, welche sich leicht wieder festpappen läßt. Knochenleim wäre jetzt natürlich traditionell, jedoch Kaltleim wie Ponal macht es auch. Kratz die alten Leimstellen runter, pisel fächendeckend Kaltleim drauf und zieh das ganze mit Schraubzwingen an (um so mehr, desto besser), den herausquellenden Leim dann sofort feucht abwischen.

Viele Grüße

Styx
 
Klimperer

Klimperer

Dabei seit
Aug. 2009
Beiträge
2.179
Reaktionen
296
ja, wenn des so ist, des ist nur ne Unschönheit, welche sich leicht wieder festpappen läßt. Knochenleim wäre jetzt natürlich traditionell, jedoch Kaltleim wie Ponal macht es auch. Kratz die alten Leimstellen runter, pisel fächendeckend Kaltleim drauf und zieh das ganze mit Schraubzwingen an (um so mehr, desto besser), den herausquellenden Leim dann sofort feucht abwischen.

Viele Grüße

Styx
An sich arbeite ich gerne so nahe wie möglich am Original. Wenn's mein Klavier wäre, käme ohne Frage Knochenleim zum Einsatz. Zwingen habe ich weder besonders viele noch besonders große (sollte ich mir wohl zulegen); ich dachte als Alternative an ein paar deftige Gewichte. Aber erstmal sehen, ob der Eigentümer überhaupt etwas dran macht...
 
S

Styx

Guest
An sich arbeite ich gerne so nahe wie möglich am Original. Wenn's mein Klavier wäre, käme ohne Frage Knochenleim zum Einsatz. Zwingen habe ich weder besonders viele noch besonders große (sollte ich mir wohl zulegen); ich dachte als Alternative an ein paar deftige Gewichte. Aber erstmal sehen, ob der Eigentümer überhaupt etwas dran macht...
Ja, aber auch beim Knochenleim brauchst a Zwingen, und da mußt des ganze auch noch vorwärmen damit es ned zu schnell fest wird. Alternativ kannst auch Hautleim verwenden, aber bittschön da die notwendigen Zwingen 24h drauf lassen. Du kannst natürlich auch mit Gewichten arbeiten...ich frag mich nur wie Du 250kg da drauf kriegen willst :D

Viele Grüße

Styx
 
 

Top Bottom