Die "Dominanz" der Halbtoene

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Ich les grad Harmonielehre von Rudolf Louis (uralter Schinken), und im ersten Kapitel geht es um die Hauptdreiklaenge in Dur, also 1-4-5. Beim Nachvollziehen am Klavier ist mir aufgefallen, dass es fuer den Effekt der Dominante gar nicht drei Toene (Akkord) braucht, sondern eigentlich die grosse Terz (Tonika) ausreicht. Wenn ich z.b. C und E anspiele und danach C vermindere und E erhoehe, bekomme ich dasselbe Gefuehl der Spannung, die sich nach C und E aufloesen will.

In dem Kapitel wird ausserdem gesagt, dass sich die meisten aller Akkorde in irgendeiner Weise von den drei Hauptakkorden (Tonika, Subdominante und Dominante) ableiten wuerden. Fuer mich sehr ueberraschend, ich dachte immer, es gibt viel mehr Moeglichkeiten, Spannung/Emotionen durch Harmonien zu erzeugen.

In manchen Songs wird in C-Dur zusaetzlich A-Moll als Akkord eingebaut. Welche Verbindung besteht da (ausser dass es sich um dieselbe Tonleiter handelt)?

Ist eher ein spontanes Gedankenposting eines wissbegierigen KS :-D
 
In manchen Songs wird in C-Dur zusaetzlich A-Moll als Akkord eingebaut. Welche Verbindung besteht da (ausser dass es sich um dieselbe Tonleiter handelt)?
Das ist die sogenannte Tonikaparallele. Bei Dur steht sie in Moll (Bsp.: C-Dur - a-Moll) und umgekehrt. (Es gibt aber auch noch Sonderfälle, die ich nicht erklären kann. Disclaimer: Bin keine Lehrkraft für Harmonielehre. :001:)
Abgekürzt wird sie mit "Tp".
Sie steht eine kleine Terz unter der Tonika.

Es gibt auch eine Subdominantparallele (Sp) - in manchen Stücken (Songs) in C-Dur findest Du deswegen auch mal d-moll.
 
Versuchen wir kurz und knapp das Ganze aufzudröseln: die drei Hauptdreiklänge (T, S und D) in Dur sind zunächst die im Quintenzirkel benachbarten Harmonien, mit nur um 1 verschiedenen Vorzeichen, also C-Dur (keine VZ), F-Dur (1 b) und G-Dur (1 #). Das gilt für alle Dur Tonarten (z. B. As-Dur:T: As-Dur 4b; S: Des-Dur 5b und D: Es-Dur 3b).
Außerdem bestätigen sie (in vielfachen Abwandlungen der Abfolge S, D, T) die Tonika als Haupt und Zieltonart. Sie überdecken die Tonika Tonleiter vollständig g. h. jeder Ton der Dur Tonleiter ist in mindestens einem dieser drei Akkorde (T, S, D) enthalten. Man kann sagen die drei Funktionen definieren die Tonart ebenso, wie die Tonleiter.

Sowohl die Subdominante, als auch die Dominante haben eine charakteristische Dissonanz, die oft zum Dreiklang ergänzend dazu erklingt. Bei der Subdominante ist es die Sexte (also in C-Dur f-a-c-d; in As-Dur des-f-as-b). Bei der Dominante zunächst die kleine Septime (in C-Dur g-h-d-f; in As-Dur es-g-b-des),
Terz und Septime des Dominantseptakkords (in C-Dur h-f, in As-Dur g-des) bilden das Intervall der verminderten Quinte, auch Tritonus genannt (ebenso wie die übermäßige Quarte, das Komplementärintervall).
Diese verminderte Quinte ist, wie jeder hört, eine Dissonanz, die sich nach innen zur Terz auflösen möchte (in C-Dur h-f zu c-e; in As-Dur g-des zu as-c).
Deine Empfindung, dass sich h-f nach c-e auflösen möchte, erklärt sich so. Es sind die beiden Leittöne in der Dur-Tonleiter (4-3, 7-8). Es ist in der Tat so, dass sich sehr viele Harmonien in einer Tonart auf die drei Hauptdreiklänge zurückführen lassen, entweder sind es Varianten dieser drei Funktionen (insbesondere die Dominante ist SEHR wandelbar!) oder es sind Parallelen (in C-Dur: a-Moll ist die Parallele zur Tonika C-Dur, d-Moll ist die Parallele zur Subdominante F-Dur und e-Moll ist die Parallele zur Dominante G-Dur; in As-Dur: As-Dur - f-Moll, Des-Dur - b-Moll, Es-Dur - c-Moll).
Parallele bedeutet die Dur- und die Molltonleiter haben im Quintenzirkel die gleiche Anzahl von gleichen Vorzeichen (A-Dur und fis-Moll je 3#, oder As-Dur und f-Moll je 4b).

Zuweilen spielt auch die Doppeldominante eine Rolle (in C-Dur ist dies D-Dur, in As-Dur ist B-Dur die Doppeldominante).

Es ist erstaunlich, was gute Komponisten aus diesen wenigen elementaren Grundharmonien machen können.
 
@Alter Tastendrücker Weil du von benachbarten Tonarten im Quintenzirkel sprichst. Wenn ich jetzt von C-Dur nach G-Dur wechseln und dort verweilen will, dann muesste ich doch irgendwie die Spannung ueberwinden, denn wenn G erklingt, will es ja zurueck zu C. Kommt ihr die Doppeldominante ins Spiel?

Ich kann jetzt spontan keins nennen, aber es gibt viele Lieder, die ihren Refrain in einer zweiten Tonart wiederholen, ohne Uebergang. Da ist aber keine Spannung vorhanden, wahrscheinlich weil es eine neue abgeschlossene Phrase ist? Oder der Tuerkische Marsch, der von A-Moll nach A-Dur wechselt.

Super interessantes Thema!
 
Zum Modulieren in die Tonart der Dominante, die dann ja die neue Tonika sein wird, ist die Doppeldominante (also die Dominante der neuen Tonika, der Zieltonart) ein Mittel.
So sehr häufig in der Sonatenhauptsatzform, wo das zweite Thema, wenn das Werk in Dur steht, meist in der Tonart der Dominante ist. Regelgemäß endet die Exposition dann auch in der mit Kadenz befestigten Tonart der Dominante der Ausgangstonart. VIELE interessante Ausnahmen!
Rückungen und der Wechsel des Tongeschlechts (von Dur zum Moll mit dem gleichen Grundton) werden ohne Modulation direkt erreicht.
 
Modulation kommt in dem Buch erst weiter hinten, bin gespannt!
 
Wobei das ja sehr oft vorkommt, auch in fast jedem Pop-Song. Und es ist wirklich interessant, wie anders dann auf einmal die Melodie klingt, nur weil sie ein wenig moduliert wird. :-) Ist schon ein spannendes Thema, aber auch eins, das einen schnell erschlagen kann, wie ich finde. Es ist schwierig, eine Herangehensweise zu finden, bei der man ganz langsam Stück für Stück an die Sache herangeführt wird. Meistens ist es gleich so viel, dass man schon wieder die Hälfte (oder mehr) nicht versteht. Dabei hört man vieles ja. Aber man versteht es eben nicht und kann es nicht erklären (oder anwenden).

Allein schon der Pachelbel-Canon in D. Man hört es ganz genau, aber wenn man keine Ahnung von der Materie hat, kann man nicht sagen, warum das so gut klingt. Und warum man genau den nächsten Akkord immer erwartet.
 
Kann es sein, dass man den naechsten Akkord schon erwartet, weil man die Akkordfolge schon kennt? Ich glaube, beim ersten Mal hoeren wuesste ich nicht, wie's weitergehen koennte. Ausser am Ende bei 1-4-5-1.
 

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