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Wiedereinsteiger123

Wiedereinsteiger123

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Hallo zusammen,

ich möchte mich gerne - im Rahmen der zeitlichen Grenzen eines Amateurs - dem Verständnis von (klassischer) Musik nähern. Mit "Allgemeine Musiklehre" von Ziegenrücker beschäftige ich mich mit den ganz allgemeinen Grundlagen, aber bei der Suche nach Literatur für die nächsten Schritte nimmt die Verwirrung überhand.

Harmonielehre
Formenlehre
Analyse
Kontrapunkt
Modulationslehre
Satztechnik
...

Das sind für mich Bereiche, die ich noch nicht so recht priorisieren und kategorisieren kann. Könnt ihr mir bei einer groben Einordnung helfen? Kann ich zB mit einem Buch über Kontrapunkt (zB von Krämer) beginnen oder ist einem anderen Bereich der Verständnis halber der Vorzug zu geben? Gibt es vielleicht auch Werke, die versuchen in mehrere Bereiche integriert eine Einführung zu geben, so dass man erstmal einen Überblick gewinnen kann?
 
mick

mick

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Das Kontrapunkt-Buch von Krämer ist empfehlenswert, aber ohne Vorkenntnisse von Harmonielehre und Generalbass etwas schwer verdaulich. Es gibt zwar einen kurzen Exkurs in die Harmonielehre des Barock, aber eigentlich wird ein mehr oder weniger souveräner Umgang mit dem Material vorausgesetzt. Ich würde mich in jedem Fall vorher mit Generalbass und evt. auch ein wenig mit Funktionstheorie beschäftigen, wenn das für dich noch Neuland ist.

Wenn man mit den Grundlagen vertraut ist, ist die Harmonielehre von Schönberg das meiner Meinung nach beste Buch, das man finden kann.
 
alibiphysiker

alibiphysiker

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Hallöchen,

ich stecke zwar noch mitten in meinen Studien, aber ich kann mal von meiner "Vorgehensweise" und meinen Erfahrungen berichten:

1.) Allgemeine Musiklehre von Wolf
Hier standen recht viele Dinge drin, von denen ich eigentlich gedacht hätte, sie zu wissen und verstanden zu haben, aber dies stimmte dann doch nicht. Ich habe dieses Buch in den letzten Weihnachtsferien ordentlich durchgearbeitet

2.) "Harmonielehre" von de la Motte - 1. Kapitel (Renaissance)
Mir gefällt die Musik der Renaissance sehr gut, aus diesem Grund hatte ich auch kein Problem damit, dieses Kapitel gewissenhaft durchzuarbeiten. Anschließend und währenddessen habe ich homophone Sätze von Palestrina analysiert und eingehend betrachtet. Außerdem mehrere vierstimmige Sätze ausgesetzt (m.E. ist selbstschreiben unabdingbar, um zu verstehen wie die Musik funktioniert). Höhepunkt hierbei war bisher ein vierstimmiger Satz mit selbst ausgedachtem Cantus Firmus im Tenor und Umspielung der anderen Stimmen.

3.) "Kontrapunkt I - Die Musik der Renaissance" von Johannes Menke
Dieses Buch hat mir sehr viel gegeben, ich bin allerdings noch nicht ganz durch (Ich habe ca. die erste Hälfte durchgelesen und das erste Drittel durchgearbeitet, außerdem noch einiges im zweiten Teil gelesen). Es hat mir sehr dabei geholfen zu verstehen, wie Komponisten in der Musik der Renaissance gedacht haben. Außerdem hat es mir noch viel, viel mehr Erkenntnisse verschafft, die teilweise wirklich sehr überraschend waren (über die ich vielleicht in einem anderen Faden gesondert berichten kann, ich hatte eh vor, mal von meinen gesammelten Erfahrungen zu berichten, wenn ich dann mal einen einigermaßen befriedigenden Punkt erreicht habe). Auch hier lohnt es sich Madrigale, Motetten, etc. zu analysieren, und auch vierstimmige polyphone, kontrapunktische Sätze selbst zu schreiben. Letzteres habe ich an dieser Stelle allerdings noch nicht gemacht, da mir die "Harmonielehre" der Renaissance, verglichen mit der barocken "Harmonielehre" um einiges komplexer erscheint, und ich bisher noch nicht die Muße fand, dies zu tun.

4.) Wieder de la Motte, diesmal 2. Kapitel (Barock)
Das Kapitel habe ich mittlerweile komplett durchgelesen und ca. zur Hälfte durchgearbeitet. Hierbei habe ich versucht all meine Erkenntnisse sofort am Klavier zu verwenden (z.B. habe ich ja die franz. Ouvertüre von Bach im Repetoire, so habe ich versucht direkt beim spielen eine harmonische Analyse zu machen) und auch versucht hiermit zu improvisieren (das ist natürlich alles andere als einfach zu Beginn und recht frustrierend noch dazu. Aber da ich theoretische Physik mache, bin ich Frustration ja gewohnt). Anschließend habe ich mithilfe eines befreundeten Musiktheoretikers eine Bach Courante analysiert, um mal zu verstehen, wie genau harmonische Analyse eigentlich aussehen kann (und dabei endgültig verstanden: Sie ist viel mehr als nur Buchstaben unter Noten schreiben!). Außerdem habe ich ein kleines "Capriccio" mit doppeltem Kontrapunkt geschrieben und schreibe aktuell eine kleine Courante. Wichtig ist hier (zumindest für mich) ein allmähliches "steigern": Man lernt viele schöne Dinge durch das Studium der Harmonielehre und durch die Analyse von Werken kennen, und kann dann nach und nach immer mehr in seine Stücke einbauen (z.B. Quintfallsequenzen, Quintstiegsequenzen, Terzfall, die Wirkung verschiedener Akkordstellungen einsetzen, charakteristische Dissonanzen gekonnter einsetzen, verminderte Septakkorde, und noch viel mehr Dinge die ich noch nicht kenne :D)

5.) Wieder de la Motte, diesmal aber das Kontrapunktbuch
Da ich zu diesem Zeitpunkt von der Renaissance etwas die Schnauze voll hatte, habe ich direkt im Bach-Kapitel angefangen. Wichtig um Kontrapunkt zu verstehen ist meines Erachtens, dass ein ausreichendes Wissen an Harmonielehre vorhanden ist, und vor allem auch, dass man bereits einfache kontrapunktisch gesetzte Musik selbst geschrieben hat, um zu verstehen, wie die Komposition eines solchen Stückes vonstatten gehen kann. So, und hier stehe ich aktuell.

Nunja, wenn man dann schon etwas Ahnung hat, weiß man dann auch, was noch zu tun ist! Mir ging es zu Beginn meiner Studien so wie dir: Ich sah einen gewaltigen Berg an unstrukturiertem Wissen vor mir. Aber wenn man dann mal angefangen hat (und vor allem ein paar Dinge selbst geschrieben hat, das ist wirklich sehr sehr sehr wichtig!) läuft es irgendwie fast von selbst. Man erkennt wo seine Defizite sind, sieht was man noch nicht verstanden hat, einem fallen in Stücken Dinge auf die man gerne verstehen würde, etc. etc.

Für mich habe ich jedenfalls den Eindruck, dass eine historisch orientierte Vorgehensweise gewinnbringend ist. (Edit: Auch um die Entwicklung vom gregorianischen Choral zur Funktionsharmonik zu verstehen, die kommt mir nämlich sehr konsequent und logisch vor).

Aber noch eine Sache: Das es einfach ist wäre gelogen. Vor allem muss man sich, damit es gewinnbringend funktioniert, wirklich tief in die Konzepte hineindenken. Ich hab teilweise einen gesamten Tag im Kopf Sätze harmonisiert, insgesamt 6 Versionen meines Capriccios geschrieben, etc. Aber für mich lohnt es sich. Vor allem aus zwei Gründen: Erstens ist es einfach eine unglaubliche Freude, selbstgeschriebene Musik erklingen zu lassen, auch wenn meine Möglichkeiten natürlich noch sehr beschränkt sind. Und zweitens, ist es wirklich ein schönes Gefühl, wenn man sich Musik anhört, und an einigen Stellen denkt "ja, das verstehe ich, das hätte ich auch so gemacht", und einen der Komponist an anderen Stellen dafür völlig überrascht, und man sich denkt "darauf wäre ich nie gekommen". Letzteres ist eine ganz andere Art der Wertschätzung des Komponisten, die in dieser Art neu für mich ist, auf der einen Seite den Komponisten etwas entmystifiziert, aber auf der anderen Seite auch einen besser verstehen lässt, was seine Genialität wirklich ausmacht.

Liebe Grüße,

Daniel

Edit: Außerdem habe ich das Gefühl, dass Musiktheorie eine Art "Logik der Ästhetik" ist, was mich auch sehr fasziniert.
Editedit: Und es macht einfach Spaß!
Editeditedit: Zur Harmonielehre noch eine Sache: Ich habe bisher in mehrere Bücher hineingeschaut, und ich empfinde den de la Motte als das mit Abstand beste Buch, da er zeigt, was (nach meiner Meinung) Musiktheorie ausmacht: Das Ableiten von Regeln aus Musikstücken, das Aufzeigen der Grenzen dieser Regeln, und das Verinnerlichen einer "allgemeineren Vorgehensweise" der Abstraktion von Musik. Der einzige Nachteil , der mir bisher aufgefallen ist, ist, dass es doch sehr stark funktionstheoretisch geprägt ist, was, nach meiner Einschätzung, im Barock nur mäßig sinnvoll ist.
 
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Wiedereinsteiger123

Wiedereinsteiger123

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Klasse, Danke für eure Antworten! Ich schließe daraus, dass wohl der beste Einstieg egal in welche Richtung erstmal die Harmonielehre im Allgemeinen ist? Ein häufig empfohlenes Buch ist ja die "Harmonielehre im Selbststudium" von Krämer, das erscheint mir vom Umfang zum Anfang etwas entgegenkommender als Schönberg und laut Amazon-Rezensionen weniger hoch vom Einstiegsniveau angesetzt als de la Mottes. Könnt ihr das auch empfehlen?

So wie @alibiphysiker als Fernziel auch kleine Stücke komponieren zu können wäre natürlich toll, aber bei meinen zeitlichen und geistig-kreativen Restriktionen hoffe ich erstmal auf ein "passives" Verständnis. :-)
 
alibiphysiker

alibiphysiker

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Hallo,

also ich habe auch mal kurz mit dem "Harmonielehre im Selbststudium" gearbeitet, muss aber zugeben, dass mir dieses Buch aus mehreren Gründen nicht so zugesagt hat, bzw. mir der de la Motte mehrzugesagt hat:

1.) Das Buch lehrt den "strengen Satz" ohne ihn wirklich an Literatur zu begründen. Das finde ich sehr schade, weil mit dem de la Motte lernt man im Prinzip auch, wie man selbst Regeln aus Musikstücken "ableiten" kann, und das ist meines Erachtens wirklich auch wichtig um Musik zu verstehen.

2.) Das Buch ist sehr funktionstheoretisch ausgelegt, und das ist meines Erachtens ein wirklicher Nachteil (ok, der de la Motte ist es auch, wenn dein Interesse sich auch auf Renaissance und Frühbarock bezieht würde ich dir wirklich das Buch von Menke empfehlen). Lass es mich kurzgefasst so ausdrücken: Man sollte im Barock (nach meiner Einschätzung) nicht zu sehr vertikal denken, und wenn man es tut, zunächst eher in Intervallen als in Vierklängen. Und die Funktionsbezeichnungen sind in der Hinsicht sehr anachronistisch und irreführend.

3.) Der de la Motte ist ein Buch, welches historisch vorgeht, und das gibt einem echt einiges an "Verständnis"! Die Entwicklung vom einstimmigen gregorianischen Choral zur Mehrstimmigkeit in der Renaissance, das erste herauskristallisieren einer "Funktionsharmonik" in Schlussklauseln, die Konzentration auf 1-4-5 Kadenzen im Barock, die Entwicklung einer ersten eher vertikal gedachten Harmonik in der Klassik, das alles wird man nicht nachvollziehen können, wenn man mit einem Buch arbeitet, welches nicht historisch vorgeht.

Aber ich muss zugeben, dass natürlich der Krämer nach meiner Einschätzung auch seine Stärken hat! Gerade im Bereich Sätze selberschreiben / Funktionsharmonik anwenden kam er mir sehr viel pädagogischer vor. Und das Kapitel über allgemeine Musiklehre finde ich wirklich sehr sehr gut.

Wie üblich würde ich nicht empfehlen mit nur einem Buch zu arbeiten, sondern eher ein Buch als Leitfaden zu verwenden, und andere Bücher als Ergänzung. Ich empfehle wirklich den de la Motte (falls das noch nicht rübergekommen ist)! Er mag zwar etwas abschreckend wirken, aber die Arbeit wird belohnt mit viel Verständnis welches auch über das bloße Aussetzen hinausgeht. In den Schönberg habe ich allerdings bisher noch nicht hineingeschaut.

Außerdem empfehle ich auch nochmal den Menke, wenn du dich für die Musiktheorie der Renaissance interessierst. Und auch falls du dich nicht dafür interessieren solltest ist das erste Kapitel sehr informativ. Z.b.: In der Renaissance war die Wahrnehmung, welche Intervalle konsonanter, und welche dissonanter sind sehr viel differenzierter. Diese Erkenntnis schult das Ohr!

Ich hoffe ich konnte helfen,

Liebe Grüße,

Daniel

P.S. Und falls ich streitbare Thesen propagandieren sollte, würde ich mich freuen, wenn mich versiertere Mitforianer darauf hinweisen würden.
 
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Wiedereinsteiger123

Wiedereinsteiger123

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@alibiphysiker
Besten Dank! Ich werde dann auf de la Motte und Krämer zurückgreifen. Das von @mick vorgeschlagene Werk von Schönberg ist bestimmt großartig und schon die Einleitung fand ich interessant, aber es scheint - keineswegs negativ gemeint - doch sehr weitschweifend zu sein. Für den Einstieg ist eine etwas kompaktere Darstellung wahrscheinlich hilfreich, um den roten Faden nicht zu verlieren.
 
 

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