Zeitgenössische Musik, die man sich anhören kann

Mir gefällt von Bartok auch die Sonate für zwei Klaviere und Schlagwerk sehr gut. Wahrscheinlich weil ich beim ersten "Hören" beinahe den Umblätter-"Tod" gestorben wäre. Die Frage der einen Zwillingspianistin : "Kannst Du Noten lesen" bekam da eine ziemlich gewichtige Bedeutung.
Bei Bartok gefällt mir immer wieder die prägnante Rhythmik, die es ermöglicht, den Stücken auch beim ersten Hören einigermaßen zu folgen.
Kürzlich habe ich in einem Konzert "Monaco" des 1951 geborenen ukrainischen Komponisten Bogdan Kotyuk gehört, auch hier war wieder gute Rhythmik zu erleben, die sofort einen ersten Zugang zum Werk ermöglichte.

Grüße,
Kristian
 
...wer heute (2010) 80 Jahre alt ist, kann sich nur bzgl. der eigenen Kindheit und frühen Jugend (nämlich von 0 bis 15 Jahren) als Zeitgenossen von Bela Bartok fühlen...

Bartok 1881-1945

2010 minus 80 = 1930

Ich plädiere erneut dafür, die "Klassiker der Moderne" nicht als zeitgenössische Musik zu betrachten, sondern stattdessen lediglich die Kompositionen, die ungefähr ab der Mitte des 20. Jh. entstanden sind.

So sehr ich Bartoks Musik schätze, aber als "zeitgenössisch" kann ich sie nicht bezeichnen.

Gruß, Rolf
 
Hallo allerseits,

ich habe gestern den gerade auf DVD herausgekommenen Film "Shutter Island" von Martin Scorsese gesehen. Der hat eine so grandiose Filmmusik mit zeitgenössischen Werken, dass ich mir wohl zum ersten Mal in meinem Leben den "Soundtrack" kaufen werde. Musik von Penderecki (3. Sinfonie), Ligeti (Lontano.....) und Cage, glaube ich, sind dabei.

Viele Grüße

chiarina
 
Béla Bartók - ich komme nicht umhin, wieder einmal dieses Stück vorzustellen.
Bartók ist famos, aber auch viele andere zeitgenössiche Stücke sind sehr wertvoll. Sie spiegeln unser Leben, diesen Moment im Jetzt. Die Hektik, die Ruhe, die Stille, unsere Handlungen, Bewegungen, Gehabe haben sich verändert durch den technischen Fortschritt und dann hört mans wieder durch dieses kleine Stück immer Wiederkehrendes: das Werden und Vergehen, das Suchen - .
Brahms, Chopin, Debussy, Beethoven, Mozart ... waren immer zeitgenössisch, immer kritisch im Blickfeld.

Unser Tun findet überall seinen Ausdruck - und das ist eben oft nicht normal, noch nicht normal. Wir fragen, hinterfragen, überfliegen die Dinge. Der Geist muß damit fertig werden und leben können. Zeitgenössische Musik versucht das zu verarbeiten und auszudrücken. Wir müssen die Dinge aushalten können, weil wir manches nicht verstehen, und die Sehnsucht bewahren, weil wir sie brauchen. Auch wenn diese Musik manchmal nicht gefällt, nicht jeder mag Mozart, aber wissen darum und wie in etwa sie klingt, gehört zur Allgemeinbildung. Beispiel: Jeder hat ein Handy. Wer dreht, von Ausnahmen abgesehen, denn heutzutage noch die Telefondrehscheibe? Und wenn, dann als Nostalgiker - im modernen Design. Auch das ist in der zeitgenössischen Musik wahrzunehmen ...

Mich faszinieren auch die Klänge - ich denke an das Konosquartett - ein Traum. Und so könnte es weitergehen ohne Ende. :) Da geht halt jeder seinen Weg.

Aber bitte nun anhören :)
http://www.youtube.com/watch?v=goX-ekpbktQ&feature=related
 
Béla Bartók - ich komme nicht umhin, wieder einmal dieses Stück vorzustellen.
Aber bitte nun anhören :)
http://www.youtube.com/watch?v=goX-ekpbktQ&feature=related

das barbarische allegro ist gar nicht so arg schwierig - spaßeshalber hier eine fantastische Interpretation: http://www.youtube.com/watch?v=FpoTxL-uOco&feature=related

...der Begriff des zeitgenössischen wird ja immer umfassender... Chopin auch noch... :)
 
Guten Morgen,

ich finde diesen Faden sehr interessant und bin erschrocken, dass die Anzahl der hörbaren zeitgenössischen Komponisten, also grob alles nach 1950 Geschaffene, so gering ist. Also muss der Focus erweitert werden?

Zumindest ist es für mich der Anfang einer spannenden Entdeckungsreise auf die ich mich begeben möchte.
Startpunkt meiner Suche ist die Aussage, dass sich wohl viel intendiert hörbares von "Zeitgenössichen Komponisten" heute in Filmmusik widerspiegelt.
Wenn Martin Scorsese Musik von Penderecki heute in seine Filme integriert so ist das ein Anlass zur Hoffnung. Den "Soundtrack würde ich mir auch sofort kaufen, falls es ihn gibt ...

Ich habe meine Reise jetzt bei den expressionistischen Stummfilmen begonnen, deren Begleitmusik mit Sicherheit als "hörbar" und massentauglich konzipiert wurde.

Ich nenne einfach mal Metropolis mit der programmatischen Begleitmusik von Gottfried Huppertz.
Hier in einer (etwas gefälligeren?) Interpretation.

http://www.youtube.com/watch?v=tL5u92GcIKc&playnext=1&videos=jKtuqLyltNM
http://www.youtube.com/watch?v=loF1DgDPjmc

Gruß, NewOldie
 
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Moin

Welche zeitgenössische, moderne "ernste" Musik kann sich der gemeine Mensch anhören, ohne das Gefühl zu haben, der Komponist gehöre in eine geschlossene Anstalt?


Meine allseits wohlbekannt unersättliche Überheblichkeit gebietet,
hier ganz besonders einer Musik zu gedenken, die meiner Person
gewidmet ist - ich kann einfach nicht wider meine Natur....

Auf der letzten CD einer meiner Schüler findet sich nun
eine Einspielung, auf die ich nur allzu liebend gern verweise:



Weder Komponist noch Interpret wollten hier namentlich verewigt
werden - ich habe ihnen diesbezüglich nix vorzuwerfen.


Gruß aus der Geschlossnen

Lady Gaga
 
Weder Komponist noch Interpret wollten hier namentlich verewigt
werden

wirklich schön - schlicht und wohlproportioniert, dabei liebenswert nostalgisch!!!

herzliche Grüße, Rolf

________________________________________________

bei Glass, Ligeti, Pärt, Rihm hätte ich keine Bedenken, sie als zeitgenössisch zu bezeichnen, und kann nur wiederholt empfehlen, da hineinzuhören
 
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Hallo pppetc

mich würde die Entstehungsgeschichte des "mynona" Stückes interessieren.

Mein erster Eindruck:
Es handelt sich hier um eine schöne Improvisation eines Schülers, der in sich ruhend, inspiriert aus Phrasen von klassischen Stücken, alles zu einer neuen Phantasie zusammensetzt.
Teilweise spüre ich ein vorsichtig tastendes Suchen. Für mich als hörender "Jazzer" ist das ein Kompliment.

Es ist berührend schön zu hören, aber den Schüler würde ich eher als "noch lernend" vermuten.
Oder liege ich damit vollkommen falsch?

Ich fürchte, ich rede mich wieder um Kopf und Kragen und Ende handelt es sich um ein ausnotiertes, komponiertes Stück, welches die Essenz der klassischen Musik beinhaltet, und ich bin noch nicht so weit, dies zu erkennen?:p
Dann werde ich dies als Anlass nehmen, an mir zu arbeiten.

Bitte, das soll keine Kritik sein, und falls es so aufgefasst wird, dann werte es als musikalische Inkompetenz meinerseits.
Ich habe keine Berührungsängste mit meiner Stil(un)sicherheit.:D

Lernender und suchender Gruß,
NewOldie
 
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Hai NewOldie

Ich fürchte, ich rede mich wieder um Kopf und Kragen und Ende handelt es sich um ein ausnotiertes, komponiertes Stück, welches die Essenz der klassischen Musik beinhaltet, und ich bin noch nicht so weit, dies zu erkennen?:p

Ja und Nein.

Du redest Dich nicht um Kopf und Kragen, und es ist ein ausnotiertes,
komponiertes Stück, das - und das hast Du schön gesagt - eine Essenz
der klassischen Musik ist.

Und auch andre wichtige Punkte hast Du mit sicherem Gespür erkannt:

Mit dem Komponisten unterhalte ich mich seit Jahrzehnten über die
Gemeinsamkeiten und Differenzen improvisierter und komponierter
Musik - ein running gag, sozusagen. Nun find ichs natürlich klasse,
wenn jemand diese Ungeklärtheit unmittelbar hört!

Selbstverständlich hören wir nie auf, zu lernen - und sind also
immer Schüler. Im Falle dieser Einspielung möchte ich allerdings
sagen, daß man sich darauf erst mal paar Minütchen ausruhen
darf.

Mynona ist natürlich nicht der Name des Stückes: das war
lediglich ein improvisierter Kniefall vor Salomo Friedländer, der unter
diesem Namen philosophische Schriften, und als Mynona Grotesken
und Satiren veröffentlichte. Wir zwo beide - also der Komponist
und ich - verehren ihn sehr....

Viele Grüße

stephan

ps.: Hmm, das hatte ich noch vergessen -

Die Entstehungsgeschichte spannt sich über einen langen Zeitraum,
und ich kann tatsächlich dazu erst dann etwas Substanzielleres sagen,
sobald der Komponist vielleicht doch noch seine Anonymität aufzugeben
sich entschließt. Als ich ihn gestern danach fragte, wollte er das (noch?)
nicht.
 
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Aus der geschlossenen Station

Welche zeitgenössische, moderne "ernste" Musik kann sich der gemeine Mensch anhören,
ohne das Gefühl zu haben, der Komponist gehöre in eine geschlossene Anstalt?
Ich meine Musik, die etwas ausdrückt und die wir mit unserem Musikverständnis
und aus unserer Historie heraus verstehen und begreifen können. Nicht Musik,
die nur ihrer Selbst willen besteht oder um das musikinformierte Publikum zu schockieren und zu verwirren...

Guten Abend, Tinte!

Deine Frage löst bei mir das Bedürfnis aus zu verteidigen, was Du angreifst,
und wenn mich das in die Off-Topic-Schmuddelecke treibt, kann ich's auch nicht ändern.

Wahrscheinlich kennst Du kaum etwas von der Musik, die Du abqualifizierst -
in dem kurzen Zitat aus Deinem Text sind mindestens vier Falschaussagen enthalten.
Musik, die Dich die Komponisten in eine geschlossene Anstalt hineinwünschen läßt,
ist sehr wohl ausdrucksfähig, aus der Geschichte heraus zu verstehen,
will keineswegs allein schockieren oder verwirren - und das Wesensmerkmal
aller guten Musik ist es, für sich zu bestehen.

Die "Musik aus der geschlossenen Anstalt" muß niemandem gefallen.
Aber man sollte ihr soviel Respekt gegenüberbringen wie jeder anderen Sache auch,
die mit Redlichkeit betrieben wird - indem man die Hintergründe ihrer Entstehung zu begreifen versucht.
Es kann heute offenbar kaum noch jemand nachvollziehen, was vor exakt hundert Jahren
bildende Künstler, Schriftsteller und Komponisten bewogen hat, dem Ideal einer hermetischen Kunst nachzujagen,
an der man sich abarbeiten muß (um für diese Mühsal durch Erkenntnisgewinn belohnt zu werden).

Seit der Zeit Schumanns - heißt es in einem apokryphen Adorno-Zitat -
ist "die Musik auf der Flucht vor dem Warencharakter der Banalität".
Man muß sich die photorealistischen Bilder der Gründerzeit, die Kaiser-Geburtstags-Lyrik
oder die Gebrauchsmusik-Potpurris jener Tage vor Augen führen, um zu verstehen,
wovor Künstler in Frankreich, im deutschsprachigen Raum, in Rußland unabhängig voneinander geflohen sind:
vor der Zumutung, das Amüsierbedürfnis eines immer denkunwilligeren Publikums befriedigen zu müssen,
das nur die Reproduktion des schon Vertrauten zuläßt, bei allem Unvertrauten
aber wutentbrannt auf seinen Hausschlüsseln zu pfeifen beginnt.

Insofern hat sich beim Übergang zur künstlerischen Moderne mehr vollzogen
als nur der Wechsel einer Stilepoche. Die Künstler haben ihrem Publikum den Konsens aufgekündigt,
freilich um dem Publikum genau das zu geben, worauf es ein Anrecht hat: Ehrlichkeit.
Es ist insofern konsequent, daß "zeitgenössisch" und "modern" hier fast synonyme Begriffe sind -
weil sich an dieser Haltung bis heute prinzipiell nichts geändert hat.
Es ist deshalb verständlich, daß Gründungsdokumente der Neuen Musik wie Bartoks "Allegro barbaro"
oder Strawinskys "Sacre" als Beispiele für zeitgenössische Musik auftauchen.
Man kann noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß Werke wie Schönbergs
"5 Orchesterstücke op.16" (1909) oder Bergs "Drei Orchesterstücke op.6" (1913) in ihrer schockierenden Wirkung
moderner sind als das meiste, was heute in spätavantgardistischen Zirkeln à la Donaueschingen produziert wird.

Übrigens bin ich der lebende Beweis dafür, daß man die ausgesprochene Schönheit dieser Musik
lieben kann - mit derselben Intensität, die mich Schubert, Bach, Josquin Desprez oder Satie lieben läßt -,
gebe ich (mit Bedauern) zu, daß die Moderne längst zu Modernismus verkommen ist,
daß sich mit Steve Reich oder Arvo Pärt, deren Musik ich ebenfalls schätze,
Ansätze einer nachmodernen Kompositionstechnik entwickelt haben.

Viele Grüße!

Gomez

-
 
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Guten Abend, Tinte!

Deine Frage löst bei mir das Bedürfnis aus zu verteidigen, was Du angreifst,
und wenn mich das in die Off-Topic-Schmuddelecke treibt, kann ich's auch nicht ändern.

Wahrscheinlich kennst Du kaum etwas von der Musik, die Du abqualifizierst -
in dem kurzen Zitat aus Deinem Text sind mindestens vier Falschaussagen enthalten.
Musik, die Dich die Komponisten in eine geschlossene Anstalt hineinwünschen läßt,
ist sehr wohl ausdrucksfähig, aus der Geschichte heraus zu verstehen,
will keineswegs allein schockieren oder verwirren - und das Wesensmerkmal
aller guten Musik ist es, für sich zu bestehen.

Die "Musik aus der geschlossenen Anstalt" muß niemandem gefallen.
Aber man sollte ihr soviel Respekt gegenüberbringen wie jeder anderen Sache auch,
die mit Redlichkeit betrieben wird - indem man die Hintergründe ihrer Entstehung zu begreifen versucht.
Es kann heute offenbar kaum noch jemand nachvollziehen, was vor exakt hundert Jahren
bildende Künstler, Schriftsteller und Komponisten bewogen hat, dem Ideal einer hermetischen Kunst nachzujagen,
an der man sich abarbeiten muß (um für diese Mühsal durch Erkenntnisgewinn belohnt zu werden).

Seit der Zeit Schumanns - heißt es in einem apokryphen Adorno-Zitat -
ist "die Musik auf der Flucht vor dem Warencharakter der Banalität".
Man muß sich die photorealistischen Bilder der Gründerzeit, die Kaiser-Geburtstags-Lyrik
oder die Gebrauchsmusik-Potpurris jener Tage vor Augen führen, um zu verstehen,
wovor Künstler in Frankreich, im deutschsprachigen Raum, in Rußland unabhängig voneinander geflohen sind:
vor der Zumutung, das Amüsierbedürfnis eines immer denkunwilligeren Publikums befriedigen zu müssen,
das nur die Reproduktion des schon Vertrauten zuläßt, bei allem Unvertrauten
aber wutentbrannt auf seinen Hausschlüsseln zu pfeifen beginnt.

Insofern hat sich beim Übergang zur künstlerischen Moderne mehr vollzogen
als nur der Wechsel einer Stilepoche. Die Künstler haben ihrem Publikum den Konsens aufgekündigt,
freilich um dem Publikum genau das zu geben, worauf es ein Anrecht hat: Ehrlichkeit.
Es ist insofern konsequent, daß "zeitgenössisch" und "modern" hier fast synonyme Begriffe sind -
weil sich an dieser Haltung bis heute prinzipiell nichts geändert hat.
Es ist deshalb verständlich, daß Gründungsdokumente der Neuen Musik wie Bartoks "Allegro barbaro"
oder Strawinskys "Sacre" als Beispiele für zeitgenössische Musik auftauchen.
Man kann noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß Werke wie Schönbergs
"5 Orchesterstücke op.16" (1909) oder Bergs "Drei Orchesterstücke op.6" (1913) in ihrer schockierenden Wirkung
moderner sind als das meiste, was heute in spätavantgardistischen Zirkeln à la Donaueschingen produziert wird.

Übrigens bin ich der lebende Beweis dafür, daß man die ausgesprochene Schönheit dieser Musik
lieben kann - mit derselben Intensität, die mich Schubert, Bach, Josquin Desprez oder Satie lieben läßt -,
gebe ich (mit Bedauern) zu, daß die Moderne längst zu Modernismus verkommen ist,
daß sich mit Steve Reich oder Arvo Pärt, deren Musik ich ebenfalls schätze,
Ansätze einer nachmodernen Kompositionstechnik entwickelt haben.

Viele Grüße!

Gomez

-

Dieser Text erklärt sehr schlüssig, warum Aufführungen wie die des Sacre noch heute als moderne Musik gelten. Und was müssen wir in Hinblick auf Qualität der aktuellen zeitgenössischen Musik schliessen, wenn die Referenzstücke schon teilweise über 100 Jahre alt sind ?

Die beiden Genannten (Steve Reich und Arvo Pärt) zeigen Ansätzte einer neuen Technik. Dies langt aber nicht als Motivation für eine Mehrheit an Musikrezipienten, sich mit der Musik nach 1950 ca. zu beschäftigen.

Es sollte erlaubt sein, die Frage zu stellen, ob die neuen Komponisten wie z.b. Harry Partch, der eigene mikrotonale Instrumentarien verlangt dem Publikum nicht zu viel abverlangen.

Ich sehe überall eine grosse Bereitwilligkeit, sich mit aktueller Musik gründlich zu beschäftigen. Aber lohnt sich das ?
Dir, Gomez wird dies wohl als eine eher unerlaubte Fragestellung vorkommen. Aber einen Lohn für die intensive Beschäftigung darf man schon erwarten.

Wenn ich z.b. mir die Symphonien von Mahler erschliessen möchte, dann werde ich mir Klavierauszüge oder Partituren ansehen und mitlesen und so ich kann, bestimmte Partien selbst spielen. Während dieser Arbeit erfahre ich sätndige Belohnung, weil die Musik per se genial ist.

Wenn ich das Werk M. Kagels ergründen will baut sich z.b. bei mir ein ständig wachsender Widerwille auf und ich frage mich, ob ich nicht Besseres zu tun haben. Auch Kagel steht hier nicht allein sondern als Vertreter vieler Anderer.

Insofern ist der Vorwurf , dass man das Meiste der zeitgenössischen Musik garnicht kenne etwas unfair, denn wer sich einen wirklichen Überblick verschaffen will braucht nach meiner Ansicht viel Goodwill, und Leidensfähigkeit.

Und was wir auch nicht ausser Acht lassen sollten ist das ständig Anwachsen des Stoffes.

Wir sollen heute eine gute Kenntnis sämtlicher Epochen seit der Renaissance haben und natürlich die entsprechenden Werke kennen.

Wie kann das Alles in einem Leben noch bewältigt werden?

Ich verstehe schon, dass Besucher der Donaueschinger Musiktage den Eindruck haben, sich innerhalb einer "geschlossenen Anstalt" befunden zu haben.

wir sind ja noch mittendrin und wissen nicht, wie in Zukunft diese Epoche mal genannt wird. Sicher nicht die "Zeitgenösssiche". Vielleicht die "Maschinelle"?

Die grosse Zäsur war wohl der 2. Weltkrieg.
sich um den Fortschritt zu bemühen ist immer notwendig und wird auch honoriert. Es kann aber sein, dass das moderne Musik- und Komponistenleben bisher eine Sache nicht verstanden oder nicht umgesetzt hat.

Man muss auf dem Hergebrachten aufbauen und von Innen die Neuerungen bewirken. Indem man alles über Bord wirft, was bisher gültig war steht man erstmal ziemlich nackt da.

Ich glaube aber, dass sich auch diese Änderung, die keine Rückwendung zu alten Zöpfen bedeutet, allmählich durchsetzen wird. Es muss wieder flächendeckend eine Verknüpfung mit den musikalischen Werten und der musikalischen Sprache einsetzen. Ansonsten werden die Komponisten nur noch für sich und vor leeren Sälen aufgeführt werden.

Ich bin mir bewusst, hier nur wenig sagen zu können. Es ist einfach nicht der Raum für detailierte Erörterungen.

vielleicht wurde ich trotzdem verstanden.
 
Moin, Klavigen!

Schön, daß wir uns wieder einmal sehen - aus dem Zusammenprall unserer Gegensätze
hat sich schon oft eine interessante Diskussion ergeben. Darf ich - auch wenn das als unfein gilt -
Deinen Beitrag in mundgerechte Häppchen zerlegen, um darauf portionsweise zu antworten?

Es sollte erlaubt sein, die Frage zu stellen, ob die neuen Komponisten wie z.B. Harry Partch,
der eigene mikrotonale Instrumentarien verlangt, dem Publikum nicht zu viel abverlangen.

Die Belastungsfähigkeit eines Publikums hat Partch nicht interessiert.
Sich mit seiner Entdeckerfreude und Erfindungsgabe den Bedürfnissen eines Publikums anzupassen,
warum hätte er das tun sollen? Es gibt zwei Möglichkeiten,
in künstlerischer Autonomie an den Beschränkungen des Marktes vorbeizuarbeiten:
Indem man finanziell unabhängig ist, wie Ives, der im Brotberuf als Versicherungsmakler gearbeitet hat,
oder indem man bedürfnis- und obdachlos lebt, wie Partch es getan hat.

Wenn ich z.B. mir die Symphonien von Mahler erschliessen möchte,
dann werde ich mir Klavierauszüge oder Partituren ansehen und mitlesen und, so ich kann,
bestimmte Partien selbst spielen. Während dieser Arbeit erfahre ich ständige Belohnung,
weil die Musik per se genial ist.

Mahler ist nicht per se genial, was auch für sonst niemanden gelten dürfte,
sondern hat wie jeder gute Komponist um seine Musik gerungen.
Und deshalb wird man für die ernsthafte Beschäftigung mit seiner Musik belohnt.

Wenn ich das Werk M. Kagels ergründen will, baut sich z.B. bei mir ein ständig wachsender Widerwille auf,
und ich frage mich, ob ich nicht Besseres zu tun haben. Auch Kagel steht hier nicht allein,
sondern als Vertreter vieler Anderer.

Kagel ist ein sehr spezieller Fall - als der eines Komponisten, der fast nur intertextuell gearbeitet hat,
wie das so schön heißt: unter Bezugnahme auf bestimmte Werke anderer Komponisten
bzw. deren Rezeptionsgeschichte. Bei "Ludwig van" oder der "Sankt Bach-Passion" stänkert Kagel
nicht gegen die genannten Herren, deren Musik er durchaus geschätzt hat,
sondern gegen deren Vergötzung im bürgerlichen Musikbetrieb.

Nimm als Komponisten der Zwischen- und Nachkriegszeit lieber Bernd Alois Zimmermann,
Cage, Feldman, Kurtag, Ligeti, Messiaen, Jolivet, Nono, Barraqué, Boulez, Goeyvaerts, den frühen Stockhausen,
als Gegenwartskomponisten Caspar Johannes Walter und Wolfgang Rihm, unter den noch halbwegs jungen Peter Gahn -
sich mit ihrer Musik zu beschäftigen mag anstrengend sein, ist aber sehr lohnend.

Ich verstehe schon, dass Besucher der Donaueschinger Musiktage den Eindruck haben,
sich innerhalb einer "geschlossenen Anstalt" befunden zu haben.

Ich glaube, daß für echte Donaueschingen-Parteigänger eher der Rest der Welt
in eine geschlossene Anstalt gehört.

Man muss auf dem Hergebrachten aufbauen und von Innen die Neuerungen bewirken.

Sorry, aber genau das hat jeder ernstzunehmende Komponist Neuer Musik getan -
nur daß Dir halt das Ergebnis ihrer Arbeit nicht gefällt.

Ansonsten werden die Komponisten nur noch für sich und vor leeren Sälen aufgeführt werden.

Das ist doch längst der Fall - von ein paar Pilgerstätten der Neuen Musik
à la Witten, Darmstadt etc. abgesehen.

Gruß, Gomez

-
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Hallo klavigen und Gomez und mögliche andere :) ,

erst mal muss ich mich peinlicherweise als ziemlicher Laie outen, was zeitgenössische Musik angeht. Z.B. habe ich von Partch noch nie etwas gehört :oops: .

Was ich aber aus meiner Sicht sagen muss, ist, dass ich Zeitgenössisches total faszinierend finde. Oft wird ja in klassischen Konzerten, besonders in Orchesterkonzerten ein zeitgenössisches Werk aufgeführt (oft auch Uraufführung). Bis jetzt fand ich diese Stücke (deren Verfasser ich leider oft wieder vergesse :( ) immer unglaublich. Und nicht nur ich, sondern auch ein Großteil des Publikums!

Ich liebe es zu staunen und ich staune da die ganze Zeit :p !!! Eine fremde, faszinierende Klangwelt tut sich mir auf!

Als ich in Köln studiert habe, hat Kagel oft mit seinen Studenten experimentelles Musiktheater gemacht, ich war überwältigt. Wir hatten großen Respekt vor ihm und seiner ganzen Art. Auch Stockhausen hat seine Teile der "Licht-Oper" bei uns aufgeführt, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, sogar als erstes. Es war unfassbar - so etwas hatte ich bis dahin weder gesehen noch gehört. Mein Cousin hat elektronische Musik geschrieben und dafür ein Stipendium bekommen - ich habe seine Musik und die anderer meinen Schülern vorgestellt als Grundlage, selbst Experimente mit zeitgenössischer Musik zu machen. Das fanden alle sehr gut und interessant - weil es etwas Neues ist.

Sicher gibt es auch Stücke, die ich einfach nicht verstehe und die sich meinem musikalischen Verständnis nicht erschließen. Ich kenne auch viel zu wenig. Aber was ich bis jetzt kennen gelernt habe, gefällt mir sehr!

Viele Grüße

chiarina
 

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