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Tinnitus - Versuch einer "Eigentherapie"

Dieses Thema im Forum "Sonstige Musikthemen" wurde erstellt von Marlene, 13. Juli 2012.

  1. kreisleriana
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    kreisleriana

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    nein, das war kein Versuchstier,das könnte ja auch nicht über seinen Tinnitus berichten,der Eingriff wurde in einer Art "Verzweiflungsoperation" an einem Patienten durchgeführt (ist schon lange her) , um seinen nach einer Tympanoplastik aufgetretenen unerträglichen Tinnitis zu beseitigen(er war anscheinend lieber taub,denn darüber musste er aufgeklärt worden sein,als mit Tinnitus,alles ohne Erfolg,er war dann taub mit Tinnitus....
     
  2. Marlene
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    Marlene

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    Ja stimmt, der Tinnitus stand ja im Vordergrund. Aber ich war so geschockt von der Vorstellung dass ein 8. Hirnnerv durchtrennt wird, dass mein Augenmerk auf der Taubheit lag.

    Du meine Güte wer so etwas mit sich machen lässt muss verzweifelt sein. Und dann taub zu sein und noch immer diesen Tinnitus zu haben der dann ja wegen der Stille noch mehr nervt... Ist überliefert ob dieser bedauernswerte Mensch noch lebt (ich hätte mich wohl aus dem Leben verabschiedet). Nicht hören, der Tinnitus noch immer da und am schlimmsten (wenn es mich beträfe): nicht mehr Klavier spielen können. Schrecklich! Wenn ich solche schlimmen Dinge lese oder höre, dann denke ich, dass ich es mit meinen Singzikaden doch noch "gut getroffen" habe
     
  3. Klimperer
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    Klimperer

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    An dieser Stelle möchte ich dich zu mehr Gelassenheit ermutigen. Angst vor dem "was wenn", bzw. Irritation an Geräuschen überhaupt, sind sehr kräftige Emotionen.

    Ich erinnere mich immer wieder an folgende Entwicklung (sorry, ist eine etwas lange Anekdote, aber ich bringe sie nicht ohne Grund):

    Wir haben einen Nachbarn, der (so vermute ich zumindest) als Handwerker auf allerlei Baustellen arbeitet. Er muss morgens immer sehr früh los - und das schon seit vielen Jahren. Den allmorgendlichen Ablauf der Geräuschkulisse kenne ich (buchstäblich) schon im Schlaf: Haustür auf, der Alarm von seinem Pickup Truck heult los, böses Gemurmel vom Nachbarn, Alarm geht wieder aus, Heckklappe vom Pickup geht auf, Werkzeugkisten rein *KNALL*, er zurück ins Haus, macht noch irgendein Anruf (kann nicht leise reden), Haustür geht zu *RUMMS*, Dieselmotor vom Pickup will nicht starten, und schlussendlich mit viel Gedröhn die Abfahrt.

    Anfangs habe ich mich an diesen Geräuschen unheimlich gestört, auf den Nachbarn geschimpft, mir sogar überlegt ihn zu verklagen, Tagebuch seiner Abfahrtszeiten geführt, und weiß-der-Geier was. Nachher war es tatsächlich soweit, dass ich aus dem Bett hochschnellte und mein Blutdruck schon auf 180 stand, wenn überhaupt nur die Haustür aufging. Und genau das ist mein Punkt: das Geräusch und vor allem meine Reaktion darauf hatte sich so tief ins Unterbewusstsein eingefressen, dass es mich sofort aus dem Tiefschlaf auf Hochtouren brachte. Ein konditionierter Adrenalinreflex, sozusagen - wie eine allergische Reaktion: die kleinste Menge vom Allergen löst eine Riesenkaskade aus.

    Irgendwann begriff ich, dass der Nachbar weder böse ist, noch viel an seinen Umständen ändern kann (oder wird). Ich habe mich innerlich mit ihm versöhnt, ihn öfter mal angesprochen, und als einen überraschend netten Typen kennengelernt. Der allmorgendliche Lärm hat sich nicht wirklich gebessert, sehr wohl aber meine Reaktion darauf. Ich höre es zwar noch fast genauso oft, aber drehe mich halt im Halbschlaf um, wünsche ihm eine gute Fahrt, und schlafe weiter.

    Zurück zum Thema: Ähnlich versuche ich es mit dem Tinnitus zu halten. Wenn ich jedesmal ängstlich-irritiert-angespannt-nervös in mich hineinhorche ("was wenn, was wenn, auch du liebe Schxxxxe, nicht schon wieder..."), dann gebe ich dem T. einen unangemessen wichtigen Stellenwert. Wenn ich dahingegen versuche, ihn gelassen hinzunehmen bzw. mich von vornherein auf wesentliche Dinge konzentriere, baue ich die allergische Reaktion ab.

    Leichter gesagt als getan, aber so lautet zumindest mein Ansatz. Der Tinnitus ist, rein akustisch gesehen, kaum zurückgegangen. Aber seine Auswirkung auf meine Geistesgesundheit sehr wohl!

    Genausowenig mache ich übrigens an tinnitus-freien Momenten oder Tagen ein großes Aufhebens davon. Ich sage nicht etwa meinem Gehirn: "SO kann es sein, merk dir das schleunigst, und blooooß nicht vergessen!" Denn dann geht nur das in-mich-Hineinhorchen wieder von vorne los. Sondern ich freue mich kurz, spreche ggf. ein kurzes Dankgebet, und weiter geht's.

    Ciao,
    Mark
     
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  4. Marlene
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    Marlene

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    Hallo Mark,

    das Wort „Angst“ zu verwenden war ungeschickt. "Negativer Gedanke" wäre wohl angebracht. Denn wenn solche Geräusche kommen bin ich ruhig und verspüre keine Angst. Denn ich weiß dass diese alles nur schimmer machen würde. Ich stehe auf um mich von dem Geräusch abzulenken und sage mir innerlich, dass es vorübergehend ist, dass es nicht zu mir gehört und sich nur verirrt hat und dass es wieder vergeht. Bisher war es so.

    In mich hineinhorchen mache ich oft, aber nicht mehr wegen des Tinnitus. Voriges Jahr habe ich ihn mal „gefragt“ was er mir sagen will, warum er mich anschreit, ob ich etwas mache was mir selber schadet, ob er mich davor warnen will. Das hat zu nichts geführt.

    Du hast Deinen lärmenden Nachbar und ich die Putzfrau die unter meiner Wohnung noch vor dem Hahnenschrei saubermacht. Das ist unter anderem eine Geräuschkulisse als würde sie Steinquader über den Fliesenboden ziehen. Weil ich es aber nicht ändern kann sehe ich das inzwischen auch gelassen. Denn was nutzt es wenn wir uns über Dinge aufzuregen, die wir nicht ändern können. Das kostet nur Energien die für wichtigere Dinge brauchen.

    LG,
    Marlene
     
  5. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    Oha! Schön, dass Du das jetzt gelassen siehst. Denn gerade Pianisten sollten doch mehr als tolerant in solchen Dingen sein. ;)
     
  6. Gomez de Riquet
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    Gomez de Riquet Guest

    Guten Tag!

    Ich melde mich hier mit leicht schlechtem Gewissen zu Wort
    (als Nichtbetroffener unter lauter Betroffenen), und zwar
    zum Thema ,absolute Stille'.

    John Cage hat viel mit Stille als Bestandteil der Musik gearbeitet.
    Das Tacet-Stück 4' 33'' war nur ein Extrempunkt in seinem Schaffen.
    Er war von der Idee der absoluten Stille fasziniert. Als er 1948 den
    schalltoten (reflexionsarmen) Raum der Harvard University aufsuchte,
    hörte er zu seiner Überraschung zwei Töne, einen hohen, einen tiefen,
    und erfuhr hinterher, daß sein Nervensystem den hohen und sein Blutkreislauf
    den tiefen Ton verursachte. Resultat: Es gibt keine für den Menschen
    wahrnehmbare absolute Stille.

    --> Anechoic Chamber

    HG, Gomez
     
  7. Klimperer
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    Klimperer

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    Hmm, Pianist bin ich nur als Hobby. Von Beruf her Naturwissenschaftler - und die tun sich mit Toleranz manchmal ein klitzeklein wenig schwieriger... ;) Meine Frau aber ist studierte Pianistin, und DIE hat mich "sanft" am Riemen gerissen. :)

    (Ist euch der Film "Noise" bekannt (mit Tim Robbins, 2007)? Der fiel übrigens genau in diese Zeit, und war für mich damals ganz, ganz großes Kino. Ich schmunzle heute noch.)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 8. Feb. 2013
  8. Marlene
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    Marlene

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    Bevor ich überhaupt in die Nähe der Fähigkeiten komme die mir erlauben mich „Pianistin“ nennen zu dürfen gehe ich vermutlich am Rollator ;). Bis dahin genieße ich die Sekunden, Minuten und Stunden, Wochen... und hoffentlich noch Jahrzehnte am Klavier.
     
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  9. Marlene
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    Marlene

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    Als Ursache für Tinnitus wird oft Stress genannt. Nach fast einem halben Jahr in meiner neuen Heimat mit viel mehr Ruhe und der Natur um mich herum, kann ich dieser Aussage nicht zustimmen. Es hat sich nichts geändert, mein Tinnitus ist noch genauso "laut" wie in Köln. Aber nach wie vor fällt er mir im Tagesgeschehen nicht auf. Nur in Momenten wie jetzt, wo ich darüber schreibe, fiepen die "Singzikaden" aus vollem "Munde".
     
  10. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Psychosoziele Belastungsfaktoren können eine struktureller Veränderung im Gehirn bewirken. Die Neurophysiologen konnten dieses im Rahmen mehrerer Studien
    (u.a. anhand von Untersuchungen von PTBS-lern).

    Besser van der Kolk hat dazu ein großartiges Buch dazu geschrieben:

    Verkörperter Schrecken

    https://www.amazon.de/Verkörperter-...prefix=Verkörperter+Schrecken+,aps,152&sr=8-1

    Mein Beitrag bezieht sich natürlich nicht auf dich, sondern auf Menschen mit stressbedingten Gesundheitsfolgen im allgemeinen.
     
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  11. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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  12. Marlene
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    Marlene

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    Leider wird noch zu häufig übersehen, wie oft körperliche Beschwerden durch die Psyche verursacht werden. Hier schließe ich ausdrücklich Ärzte mit ein die - so meine Erfahrung - oft nur bis zum Tellerrand schauen.
     
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  13. Klafina
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    Klafina

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    Zitat unseres Hausarztes:
    "Und dann merken die Praktikantinnen, wenn sie bei uns sind, immer, welch große Rolle das Thema "Psyche" auch und gerade in einer Hausarzt-Praxis spielt."
     
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  14. Stegull
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    Stegull

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    Da spielen andere Faktoren eine Rolle, Stichwort: Eingefahrene Systeme der Profiteure im Gesundheitssystem (Pharmaindustrie, Apparatemedizin, stationäre Behandlungen Chirurgie). Das sind uralte geschäftliche Verbindungen mit physischen Erkrankungen. Die wollen alle bedient werden.
    Das die Psyche eine der wichtigsten Ursachen bei Ausbildung von vielen körperlichen Problemen ist kann man nicht mehr übersehen, das weiß jeder heutzutage.
     
  15. Klavirus
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    Klavirus

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    Das hätten die Ärzte gerne so, schiebt die Verantwortung auf die Patienten.:013:
     
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  16. Marlene
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    Marlene

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    Richtig!

    Es wird leider oft übersehen! Besonders vom Betroffenen selbst, der es nicht erkennt oder nicht wahrhaben will.

    Damit ist demjenigen aber noch lange nicht geholfen!
     
  17. Klavirus
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    Klavirus

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    Dass der Körper einer der wichtigsten Ursachen bei der Ausbildung von vielen psychischen Problemen ist, kann man leicht übersehen, das weiß nicht jeder heutzutage. :001::006:
     
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  18. Stegull
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    Stegull

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    Naürlich, ich bezog mich auf die Aussage "übersehen". Das hat seine Gründe.
     
  19. Stegull
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    Stegull

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    Aber viele wissen das. Hinzu kommt, dass psychische Probleme heutzutage gesellschaftlich etabliert sind und gewisse Privilegien mit sich bringen.
     
  20. Klavirus
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    Klavirus

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    Das ist ein Luxusproblem und das meine ich nicht.