Schlechte Organisten oder das Unpersönliche im Clavier

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TiNte

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Liebes Forum,

vielleicht kann der ein oder andere mir - mit kritischen Gedanken - aus meiner organistischen Krise weiterhelfen!

Mein Professor forderte jüngst von mir, meine Stücke auswendig vortragen zu können. Ich war der Meinung, dass ich die Stücke gut studiert hatte und sie technisch und musikalisch beherrsche. Trotzdem konnte ich es nicht perfekt auswendig vortragen. Ich war überrascht und enttäuscht, dass ich das nicht kann - obwohl ich vergleichsweise lange Zeit an den Stücken studiert habe. Am Klavier fällt es mir leichter, Werke auswendig vorzutragen - auch ohne dies explizit Üben zu müssen.

Ich machte mir viele Gedanken und letztlich stehe ich kurz davor das Orgelspielen aufzugeben. Denn ich stellte schlagartig und gegen Ende meines Bachelor Kirchenmusikstudiums fest, dass ich in meinem ganzen Leben völlig falsch oder unmusikalisch Orgel gespielt habe.

  • Auf der Orgel einen eigenen, persönlichen Klang erzeugen kann ich nicht!

Wenn ich befreundete Pianisten höre, kann ich unterscheiden wer spielt. Ich meine: Auch wenn nur ein einziger Ton gespielt wird, weiß ich wer ihn erzeugt (bei sehr guten Freunden zumindest ;)). Ein Sänger, auch Streicher - sie alle eint, dass sie selbst mit Ihrem Körper den Klang, die Musik machen! Ich glaube oft, dass das was ich interpretiere austauschbar ist. Das ist ein schlechtes Gefühl. Ich habe eine klare Vorstellung wie meine Stücke klingen sollen - aber auch eine große Domorgel wird meinen Klangvorstellungen nicht gerecht. Man ist so abhängig!

  • Die Orgel ist unpersönlich!

Na klar, wir dienen alle dem Kunstwerk, das braucht keiner zu sagen. Aber ich denke, wir wollen auch als Künstler und Persönlichkeit die Musik gestalten. Organisten machen sich lieber Gedanken um Registrierungen, beten einem Dispositionen und Geschichte von allen Orgeln des Abendlandes herunter oder versteifen sich in Quellenkunde, um daraus ihre Historische Aufführungspraxis zu begründen!
Ich finde es schön, wenn Organisten so für diese Bereiche brennen, ich halte es aber nur für einen Ersatz für das eigentliche Problem: Es ist schwierig eine persönliche Beziehung zum Instrument Orgel während des Spielens aufzubauen. Man ist nie vollkommen im Klang, in der Musik. Ich denke, daher hat sich die Orgel auch so überragend in der Kirche als Instrument durchgesetzt: Alles persönliche, vielleicht gar alle Emotionen sind außen vor - passt doch gut ins System Kirche!

  • "Bitte, werd Musiker und kein Organist!"
Mein Professor hat mir zu Beginn meines Studiums immer den Satz mitgegeben, ich solle mich bemühen ein Musiker zu werden und kein Organist. Ich war der Meinung, er meint damit, ich soll über den Tellerrand hinaus blicken, singen lernen, Dirigieren, Musiktheorie, Klavier - und mich nicht nur auf das Instrument konzentrieren. Diese Annahme war völlig falsch, weiß ich nun nach 7 Semestern. Warum sollte er als Orgelprofessor auch wollen, dass ich weniger Zeit zum Orgelüben habe?

  • Es gibt so viele schlechte Organisten!
Ich fragte mich immer, warum es so viele schlechte Organisten auf dieser Welt gibt. Ich habe mit meinen 22 Jahren mehr schlechte als gute Organisten gehört. Schlechte sind für mich diejenigen, die sich damit begnügen die richtigen Töne zur richtigen Zeit zu treffen (ist ja auch schwer genug, so mit Händen UND Füßen! :D). Für einen Pianisten, für einen Streicher und einen Sänger beginnt doch erst dann die interessante Arbeit: mit seinem eigenen Körper das Werk interpretieren, seinen eigenen, persönlichen Klang zu erzeugen und damit selbst ganz im Werk zu sein. Ich weiß nun, dass ich mich selbst zur Kategorie der schlechten Organisten zählen muss, denn hätte ich meine Stücke wirklich selbst ganz intus - hätte ich sie auch auswendig vortragen können.

Ich bin auf der Suche! Ich wollte immer ein Musiker werden, der Orgel spielt. Ich spüre aber, dass ich das nicht schaffe sondern immer nur ein Organist bin, der technisch und verkopft ("Registrierungen", "Aufführungspraxis") spielt. Vielleicht kann ja jemand meinen Gedanken widersprechen oder recht geben - das würde mir sicherlich helfen!

Es war aber mein Wunsch, euch diese Gedanken zu schreiben. Noch vor Beginn meines Studiums habe ich euch hier um Rat gefragt, sodass ich meine eigene Entwicklung mit diesem Beitrag gegen Ende meines Studiums noch einmal dokumentieren will. ;) Ich habe nun vor, Dirigieren zu studieren. Ich habe die Hoffnung, dass ich damit glücklicher werde und ich freue mich sehr, dann wieder viel Klavier zu üben!


Liebe Grüße

TiNte
 
R

Rubato

Guest
Ich hoffe doch, Du machst das Kirchenmusikstudium erstmal fertig, wenn Du da kurz vor dem Abschluss stehst ! Alles andere wäre vollkommener Blödsinn, Zweifel hin oder her. Und: Solche Zweifel sind in jedem Studium nicht ungewöhnlich, da hilft es, wenn Du Dich mit vielen Leute austauschst. Oft stellt sich heraus, dass das Problem kleiner ist, als Du jetzt gerade glaubst.

Gruß
Rubato
 
P

Prinzregent Luitpold

Guest
Derartige Zweifel stehen oft für den künstlerischen Schritt vorwärts, den man zwar vollbracht, an den man sich aber noch nicht gewöhnt hat. Sie gehen vorbei.
 
cwtoons

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Professor forderte jüngst von mir, meine Stücke auswendig vortragen zu können.
Die Frage ist, ob das auswendig Spielen explizit in der Prüfungsordnung für die Abschlussprüfung festgelegt ist.

dass ich in meinem ganzen Leben völlig falsch oder unmusikalisch Orgel gespielt habe.
Hundertprozentig nicht. Selbstzweifel sind normal, nicht nur für Musiker, sondern auch für alle anderen Menschen. Damit lebt jeder 'mal. Wer dadurch in eine Depression abgleitet, sollte sich einen Therapeuten suchen, ehe das ausartet.

Auch wenn nur ein einziger Ton gespielt wird, weiß ich wer ihn erzeugt
Halte ich für eine Einbildung, die durch Deine momentane Sinnkrise gepowert wird. An einem einzigen Ton auf dem Klavier kann man niemanden erkennen.

so viele schlechte Organisten auf dieser Welt
Das ist sehr relativ. An einem Starorganisten gemessen sind die meisten natürlich nicht so gut. Aber ein Starorganist bist Du ja noch nicht.

An grotesk überzogenen unrealistischen musikalischen Anforderungen gemessen ist jeder Musiker schlecht. Deswegen sind nicht die Musiker falsch, sondern die wirklichkeitsfremden Ansprüche.

Und als Nichtorganist - außer auf der Hammond in Rockzeiten - bin ich natürlich prädestiniert für einige Anmerkungen zur Tonbildung auf so einem Riesenteil:

So eine Monsterorgel für x hunderttausend Euro kommt mir eher wie eine Maschine vor als wie ein Musikinstrument. Weiter entfernt als auf der Orgel kann man wohl mit seinen Fingern nicht sein bei der Klanggestaltung. Gitarristen machen den Klang sehr direkt mit der Spielhand, Geiger mit dem Bogen. Pianisten haben eine Anschlagsdynamik, sogar auf einem Digi. Damit formen sie den Klang. Und sie haben ein Pedal, damit manipulieren sie den Klang noch nach dem Anschlag.

Sehe ich das richtig, dass es das auf der Orgel nicht gibt? So ist man wohl als Organist ziemlich abgetrennt von der Klangbildung und muss eben darum ein Registrierungsspezialist werden.

Und zu guter Letzt: Ein Studium kurz vor dem Finale zu schmeißen, ist so ziemlich einer der blödesten Fehler, die man machen kann. Und das weißt Du eigentlich selber ganz genau.

CW
 
Rheinkultur

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Sehe ich das richtig, dass es das auf der Orgel nicht gibt? So ist man wohl als Organist ziemlich abgetrennt von der Klangbildung und muss eben darum ein Registrierungsspezialist werden.
Da es nur Register ziehen oder nicht ziehen gibt, ist ein individuelles Klangideal gerade bei der Orgel untrennbar mit dem Instrument verbunden. Der Spieler kann sich in der Kunst der Registrierung neben Klangfarbensensibilität lediglich eine gewisse Fingerfertigkeit bei der Bedienung von Handregistern und gegebenenfalls vorhandenen Spielhilfen aneignen. Von etwaigen Ausnahmen experimenteller Spielweisen in den letzten Jahrzehnten, um geräuschhaltige Sonoritäten hervorzubringen, sei natürlich in diesem Falle abgesehen.

LG von Rheinkultur
 
.marcus.

.marcus.

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Lieber TiNte,

ich glaube Prinzregent Luitpold hat genau ins Schwarze getroffen. Du hast einen hohen Anspruch an dein Spiel entwickelt und fürchtest, dem nicht gerecht zu werden. Dieser Anspruch schlägt gerade zurück und lässt dich deine bisherige Leistung als wertlos erscheinen. In Wirklichkeit ist es aber keine Schwäche, die du bei dir ausgemacht hast, sondern eine große Stärke.

lg marcus
 
K

klafierspieler

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Es ist richtig, aber nicht schlimm, daß die Orgel nicht dazu dient und geeignet ist, die persönliche Befindlichkeit des Organisten zu übertragen. Trotzdem hat man vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten, um Musik plastisch zu machen, neben der Registrierung vor allem die Artikulation. Ich kann mich an ein Konzert mit einem ziemlich berühmten Organist erinnern, bei dem ich nach einem Stück richtig baff war, was er da unglaubliches rausgeholt hat. Das war keines der großen Orgelwerke, sondern ein Flötenuhrstück von Haydn. Man hatte richtig das Gefühl, dieser mechanische Apparat produziert die Töne (schwer schriftlich zu beschreiben) - so spielt ein großer. Ich schwanke auch zwischen Klavier und Orgel hin und her - mal fasziniert das eine, mal das andere. Deshalb bin ich mir sicher, daß auch deine "Orgelkrise" vorüber gehen wird.
 
 

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