Russische Klaviertechnik

Vielen Dank @Granados, für das Video, v.a. auch für den Hinweis auf die englischen Untertitel!
Werde mir das Video in Ruhe ansehen.

Gerade ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen : In den 1980-er Jahren, als ich und andere Clavioaner Klavierunterricht hatten, gab es noch den "eisernen Vorhang" nach Osten hin. Methoden wie die russische Klaviermethodik (oder auch andere Methodiken aus anderen östlichen Ländern, @Tastatula, es ist im Grunde egal, wie man die Paradigmen nennt) waren daher im Westen vermutlich ziemlich unbekannt, auch an den Konservatorien, an denen Musiklehrer ausgebildet wurden (?). Deshalb habe ich von diesen ganzen Sachen als Klavierschüler damals nichts gehört. Ist total logisch! (Nur das mit dem "Armgewicht", das habe ich schon gehört, aber nie richtig begriffen, wie man das umsetzen soll.)

Mittlerweile haben sich die Zeiten komplett geändert, Internationalisierung, viel mehr Erfahrungs- und Infoaustausch durchs Internet, Einwanderung/Auswanderung... und dass man Pianisten aus aller Welt nicht nur (wie früher) per Schallplatte hören konnte, sondern jetzt auch bei youtube & Co. sehen kann, wie sie sich bewegen.
 
Methoden wie die russische Klaviermethodik (oder auch andere Methodiken aus anderen östlichen Ländern, @Tastatula, es ist im Grunde egal, wie man die Paradigmen nennt) waren daher im Westen vermutlich ziemlich unbekannt, auch an den Konservatorien, an denen Musiklehrer ausgebildet wurden (?).

"Die Kunst des Klavierspiels" von Heinrich Neuhaus erschien in der deutschen Ausgabe 1967. Zudem sind ja massenweise russische Pianisten schon nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und später im Stalinismus nach Europa und in die USA emigriert und haben dort konzertiert und unterrichtet. Die 1980er waren zugegebenermaßen lange vor meiner Zeit, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die russische Klaviertradition im Westen damals unbekannt war.
 
Natürlich nicht. Wann kam Rachmaninow nach Kalifornien? Wann die Lhevinnes nach New York? Wann spielten Gilels und Richter im Westen?
 
Und Horowitz natürlich! (Ukraine lassen wir gelten ;-) )
 
Klar, auf "höheren" Ebenen gab es natürlich schon "Austausch zwischen den Welten". Aber es geht ja hier darum, ob "ganz normale" Klavierlehrer, die an ganz normalen Konservatorien studiert haben (und die nicht aus musikalisch hoch vorgebildeten Elternhäusern kamen, sondern auch aus ganz normalen Verhältnissen.... ), schon in den Genuss dieses Wissens kamen. Meine hatte dieses Vergnügen nicht. Und ich kenne mehrere, die in meiner Alterskohorte sind, die ebenfalls dieses europäische (?) "Fingerspiel" gelernt haben, von studierten Klavierpädagogen!
 
Wer es damals wissen wollte, der hat es wissen können. Schmalspur-KL gab es damals wie heute.
 
Liebe chopinfan,

du fragst dich, wie es sein kann, dass du erst jetzt nach so vielen Jahren einen Unterricht bekommst, bei dem dir mit dem Fokus auf die Bewegungschoreografie und den so wichtigen Armeinsatz beim Klavierspielen plötzlich die Schuppen von den Augen fallen.

Das liegt leider nicht an der russischen Schule, sondern - aus meiner Sicht - daran, dass viele Klavierstudenten in Klaviermethodik nur mangelhaft ausgebildet wurden. Der Stellenwert an Musikhochschulen lag auf der Verbesserung des eigenen Spiels, Klaviermethodik und -didaktik gerade in Bezug auf Klaviertechnik spielte keine große Rolle. Klavierprofessoren spielten oft hervorragend. wussten aber nicht unbedingt, wie sie gerade welche Klänge hervorriefen. Und konnten dies dann auch ihren Schülern nicht vermitteln.

Vermutlich hat das Ganze auch mit einer mechanistischen Denkweise zu tun, die uns leider heute immer noch begegnet. Dabei könnte es ganz anders sein!

Deppe/Breithaupt/Caland kamen aus Deutschland und brachten neue Impulse in die Klavierpädagogik mit ihrem Fokus auf die Einheit des Spielorganismus aus Körper, Arm, Hand, Finger. Claudia Arrau, der sagte, der Arm müsse sich wie eine Schlange bewegen, hatte Unterricht bei Martin Krause, einem Schüler von Liszt. Alle sehr guten Pianisten versuchen, so unterschiedliche Klänge, so viele Klangfarben wie möglich aus dem Klavier herauszulocken - wie soll das nur mit Fingern möglich sein? Wie sollen eckige, verkrampfte Bewegungen fließende, gelöste, volle Töne erzeugen?

Wenn man an einer Musikhochschule nicht lernt, sich selbst gut zuzuhören, kann man die Wichtigkeit der Bildung einer inneren Klangvorstellung, der Schulung des Gehörs nicht effektiv vermitteln. Die Haltung war oft die, "Ich mache, was der Lehrer sagt". Zumindest als ich noch studierte. In Russland ist die Ausbildung allerdings eine ganz andere, das muss man dazu sagen. Eine sehr breit gefächerte Ausbildung mit Stunden in Harmonielehre, Gehörbildung etc. - das alles soll hier der Klavierunterricht leisten, möglicherweise noch in 30 Minuten. Daher sind russische Pianisten an z.B. der Gnessin-Schule in Moskau viel, viel besser ausgebildet.

Wenn du etwas über die russische Schule lesen möchtest, dann gerne in "Notate zur Pianistik". Hoffentlich ist das noch zu bekommen. Dort sind absolut hervorragende Aufsätze russischer Interpreten und Klavierpädagogen gesammelt (Goldenweiser, Feinberg ....). Es geht daraus klar hervor, dass auch russische Interpreten sich sehr mit dem Notentext beschäftigen und ihre Interpretationen begründen.

Aber man kann natürlich auch in clavio lesen! Wie oft hier schon von den Profis das Wort "Arm" und "Armeinsatz", "fließende Bewegungen" und "zusammenfassende Bewegungen", "Klangvorstellung" ... genannt wurde! Arm, Arm, Arm, Arm, Arm, Arm ...... :chr03: :004::004::004::chr01:.

Viel Freude und Erfolg weiterhin!

chiarina
 
Die 1980er waren zugegebenermaßen lange vor meiner Zeit, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die russische Klaviertradition im Westen damals unbekannt war.
Vielleicht kommt das mittlerweile dadurch mehr im Mainstream bei Normalos wie mir an, weil viele Klavierlehrer (online und offline), die heute in D unterrichten, aus der ehemaligen Sowjetunion oder weiter gefasst aus dem ehemaligen "Ostblock" kommen. Man hat also viel leichter Zugriff auf diesen Ansatz, er ist in der Breite viel präsenter als früher.

Neuhaus hat auch am Moskauer Konservatorium unterrichtet, den zähle ich deshalb auch zur "russischen Schule" dazu. Vielleicht könnte man eher von "östlicher Schule" sprechen. Es ist mehr als nur "Technik", es ist großer und tiefer, feiner Klang, es sind sehr natürlich wirkende, zarte, tänzerische Bewegungen, verbunden mit meditativer Versenkung ins Klavierspiel. Das zieht mich daran so an. Es ist keine rein rational-analytische Herangehensweise ans Klavierspiel. Diese Versenkung wurde mir auch von meiner früheren Klavierlehrerin gelehrt, die ebenfalls aus dem ehemaligen "Ostblock" kam. Die tiefe Ruhe und Konzentration dieser Klavierstunden berühren mich jetzt noch nach Jahrzehnten, wenn ich daran denke. Vielleicht war ich damals auch nur zu desinteressiert an der richtigen Technik oder zu vernagelt, um mehr zu lernen, wer weiß.
 
In Russland ist die Ausbildung allerdings eine ganz andere, das muss man dazu sagen. Eine sehr breit gefächerte Ausbildung mit Stunden in Harmonielehre, Gehörbildung etc. - das alles soll hier der Klavierunterricht leisten, möglicherweise noch in 30 Minuten. Daher sind russische Pianisten an z.B. der Gnessin-Schule in Moskau viel, viel besser ausgebildet.
Das ist ein ganz wichtiger Punkt! Teilweise sind es hier noch weniger als 30 Minuten... :-(

Wenn du etwas über die russische Schule lesen möchtest, dann gerne in "Notate zur Pianistik". Hoffentlich ist das noch zu bekommen. Dort sind absolut hervorragende Aufsätze russischer Interpreten und Klavierpädagogen gesammelt (Goldenweiser, Feinberg ....). Es geht daraus klar hervor, dass auch russische Interpreten sich sehr mit dem Notentext beschäftigen und ihre Interpretationen begründen.
Toller Tipp! Danke! Dass die Leute dieser "Schule" gaaanz genau in den Notentext schauen, auch wenn sie am liebsten auswenig spielen, habe ich auch schon bemerkt ;-).
 

Ich glaube nicht, daß es sinnvoll ist, nationale Klischees zu konstruieren. Es gab in Russland/der UdSSR ebenso wie im übrigen Europa und Amerika Pianisten/ Klavierlehrer, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgten, denen analytisches Denken ebenso wichtig war wie die Emotionalität. Wenn hierzulande in den 50er und 60er Jahren von „russischer Schule“ die Rede war, dann mit Blick darauf, daß in der UdSSR die musikalischen Talente mehr gefördert wurden, aber von ihnen auch mehr gefordert wurde. Die „russische Klavierlehrerin“ - das war ein Synonym für mütterliche Strenge im Unterricht.

Wer mehr über die unterschiedlichen stilistischen und pianistischen Richtungen im 19. Jh. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfahren will, dem sei empfohlen;
Harold Schonberg: Die großen Pianisten. (Leider nur noch antiquarisch erhältlich.)

Einen sehr anschaulichen Einblick, wie Klavierunterricht in Russland funktioniert (funktionierte?), vermittelt die sehenswerte Dokumentation „Russlands Wunderkinder“ von Irene Lingemann (sollte es auf DVD geben).
 
Wenn du etwas über die russische Schule lesen möchtest, dann gerne in "Notate zur Pianistik". Hoffentlich ist das noch zu bekommen.

Im Antiquariat für EUR 5,00 plus Portokosten.

Darin steht:

"Zusammenfassend kann man für die besten Leistungen der russischen Schule des Klavierspiels folgende Verallgemeinerung treffen: Charakteristisch ist das Bemühen um den Inhalt der Komposition, um Unmittelbarkeit und Wahrhafligkeit der künstlerischen Aussage, ist die unbedingte Achtung des Notentextes, seiner genauen und exakten Ausführung, ist die Sorge um die klangliche Gestaltung, um geschmeidige und plastisch-lockere Spielbewegungen, um die Entwicklung der Individualität und der Persönlichkeit des Schülers.

Diese Prinzipien wurden von der sowjetischen Schule des Klavierspiels übernommen und gehören zu jenen großartigen Traditionen auf künstlerischem und pädagogischem Gebiet, auf deren Grundlage, trotz der schweren und komplizierten Zeit der Revolution und des Bürgerkrieges, unter den Bedingungen der sozialistischen Gesellschaft die sozialistische Musikkultur und Kunst der In- terpretation zu einer neuen Blüte geführt werden konnten".
 
"Zusammenfassend kann man für die besten Leistungen der russischen Schule des Klavierspiels folgende Verallgemeinerung treffen: Charakteristisch ist das Bemühen um den Inhalt der Komposition, um Unmittelbarkeit und Wahrhafligkeit der künstlerischen Aussage, ist die unbedingte Achtung des Notentextes, seiner genauen und exakten Ausführung, ist die Sorge um die klangliche Gestaltung, um geschmeidige und plastisch-lockere Spielbewegungen, um die Entwicklung der Individualität und der Persönlichkeit des Schülers.
Nett formuliert, aber dasselbe könnte man über die „deutsche“ Schule (Ferruccio Busoni, Artur Schnabel, Edwin Fischer u.a.) auch schreiben.
 
@Cheval blanc in Bezug auf die zitierten Gemeinplätze müssten nicht nur Busoni, d´Albert, Fischer, Gieseking, Backhaus, sondern auch Saint-Saens, Cortot, Nat, Entremont oder Michelangeli, Pollini usw Russen sein ;-) :-D
 
in Bezug auf die zitierten Gemeinplätze müssten nicht nur Busoni, d´Albert, Fischer, Gieseking, Backhaus, sondern auch Saint-Saens, Cortot, Nat, Entremont oder Michelangeli, Pollini usw Russen sein
OK, ich wollte die Aufzählung nicht ausufern lassen. Bei Pollini wäre allerdings zu erwägen, ob er nicht schon aufgrund seiner politischen Haltung der russischen Schule zuzurechnen ist. :bye:Duckflitzundweg
 
Das Buch offenbart, dass der Wiener Pianist und Czerny-Schüler Anton Door am Moskauer Konservatorium unterrichtet hat und dessen Schüler Pawel Pabst. Der Name dieses deutsch-baltischen Musikpädagogen und Komponisten war mir bisher nicht bekannt.

Nett formuliert, aber dasselbe könnte man über die „deutsche“ Schule (Ferruccio Busoni, Artur Schnabel, Edwin Fischer u.a.) auch schreiben.

Busoni hat laut Wikipedia am Leipziger Konservatorium und dem in Helsinki unterrichtet. Der Artikel unterschlägt aber, was im Buch steht: Ferruccio Busoni hat auch am Moskauer Konservatorium unterrichtet (wie auch James Kwast). Aber wegen der kurzen Moskauer Aufenthaltdauer hätten sie keinen spürbaren Einfluß auf die pädagogische Arbeit genommen.

Warum wird denn überhaupt von der „Russischen Schule“ gesprochen (wie z.B. bei Wikipedia)?
 
Mit Etiketten lebt‘s sich halt leichter. Interessanter als solche Zuschreibungen sind eher einzelne prägende Lehrerpersönlichkeiten. (Ob aber jemand wie Kämmerling wirklich stilprägend war?)
 
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Reaktionen: trm
Das Buch enthält ja nicht nur die 'politischen' Verneigungen vor der hochheiligen Sovietunion und dem üblichen Kram, sondern wirklich interessante Artikel.
Aus der Zeit, als ich meine Diplomarbeit schrieb (über ein 'russisches' Thema) kenne ich aus DDR Literatur und übersetzter russischer Literatur, diesen einleitenden Kotau.
 

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