Richtig Atmen beim Klavierspiel

  • Ersteller des Themas playitagain
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Sehr oft lässt Frédéric Chopin zum Beispiel eine menschliche Singstimme am Klavier imitieren, einige der Stellen schreibt er dann auch portato. Als musikalischer Mensch atmet man unter Umständen vorher ein und singt innerlich bei den diversenden Stellen mit, ohne Luft anzuhalten etc.
...aber dabei @Frédéric Chopin keinesfalls einen Text dazuerfinden... dank Monty Python kann ich die As-Dur Polonaise nicht mehr ohne lachen... "Oliver Cromwell" … also wenn du den Trauermarsch übst, auf keinen Fall sowas wie "ab in die Gruft // ab in die Gruft // ab in die Gruft mit dem ollen miesen Schuft" mitsingen, sonst ist (beim Spieler) die Stimmung dahin ;-):-D:-D
 
Klavierspielen erfordert Gelöstheit, d.h. es sollte keine Blockaden und unnötige Verspannungen im Körper und den Gelenken geben. Für den Atem bedeutet das, dass er ganz natürlich fließt. Die Aufmerksamkeit auf den Klang und die Körperwahrnehmung zu richten, reicht in der Regel völlig aus. Gelöstheit hat eine normale und natürliche Atmung zur Folge.

Manchmal allerdings hält man den Atem an, weil eine schwere Stelle kommt, weil man zu viel Spannung im Körper hat, weil man nervös ist (Lampenfieber) u.a.. Dann kann es für manche hilfreich sein, bewusst auf einen fließenden und natürlichen Atem zu achten. Ebenso hilfreich kann es sein, vor einer schweren Stelle einzuatmen und währenddessen auszuatmen.

Manchen bringt das allerdings gar nichts und sie richten ihre Aufmerksamkeit lieber auf die Körperwahrnehmung (wie sitze ich, ist mein Kopf aufgerichtet, habe ich guten Bodenkontakt mit meinen Füßen, liegt meine Zunge locker im Mund, ist meine Gesichtsmuskulatur entspannt etc.). Dadurch normalisiert sich auch die Atmung.

Wenn jemand Probleme mit seiner Atmung beim Klavierspielen hat, was ich noch nicht erlebt habe, könnte die schlechte Atmung eher ein Symptom sein - das Problem liegt vermutlich woanders (zuviel Spannung).

Liebe Grüße

chiarina
 
Nun, was gefragt ist, ist neben dem, was Du , @chiarina, trefflich dargestellt hast, eben der wirklich wichtige Aspekt der Phrasengestaltung, wie es hier ja auch schon erwähnt wurde.
Es gab dann ja z.T. witzige Anmerkungen und Fragen. Ich versuche nochmal, dieses wichtige Atmen von einer anderen Seite zu erklären:
Wie schon erwähnt, singt das Klavier, wie übrigens alle Instrumente. Auch Schlagzeuge.
Das Geheimnis ist die "Vorbewegung". Wenn wir singen, dann tun wir das auf dem Ausatmen, anders schafft unsere Stimme keine Töne. Dafür müssen wir einatmen. Ist die Phrase lang, so dauert das Atmen länger, ist sie kurz, dann holen wir die Luft mit mehr Geschwindigkeit in kürzerer Zeit ein.
Singt man staccato, so wird keinesfalls der Sänger in die Schnappatmung gehen, denn auch staccato-Töne sind eine Frage der Artikulation und nicht der Phrase an sich.
Dieses "Einatmen" für die Phrase, ist beim Dirigenten der Auftakt vor dem Beginn der Phrase. Geschwindigkeit und Intensität des Auftaktes sagen den Musikern, wie sie selbst atmen und spielen sollen. Der Geiger spielt einen Aufstrich in der Luft, um im Abstrich zu landen, der Schlagzeuger hebt den Stick im Tempo und der Dynamik der folgenden Phrase.
Was machen die Pianisten?
Die sitzen am Instrument und drücken Tasten runter...
Und das sollte nicht sein. Schlagen wir einen Nagel in die Wand, bewegen wir den Hammer erst vom Ziel weg, um dann passgenau zuzuschlagen.
Erschaffen wir einen Klang auf dem Klavier, dann heben wir vor dem Anschlag den Arm oder die Hand oder den Finger. Diese Auftaktbewegung wird von unserem Körperatem geleitet, denn in unserem inneren Ohr singen wir ja und dann wissen wir instinktiv, wieviel Luft wir brauchen.
Ich sage meinen Schülern gerne: Lass das Handgelenk mitatmen (eigentlich bewegt sich dann technisch der Unterarm, aber es ist eine Bewegung als würde bei einer Marionette der Faden am Handgelenk befestigt sein und zum Atmen angehoben werden).
Rhythmisch komplizierte Stellen lieben es auch, eine Vorbereitung durch Atmen zu bekommen.
Uff, jetzt hole ich erstmal Luft....
 
Besten Dank für die interessanten Antworten.

Erschaffen wir einen Klang auf dem Klavier, dann heben wir vor dem Anschlag den Arm oder die Hand oder den Finger. Diese Auftaktbewegung wird von unserem Körperatem geleitet, denn in unserem inneren Ohr singen wir ja und dann wissen wir instinktiv, wieviel Luft wir brauchen.
Ich sage meinen Schülern gerne: Lass das Handgelenk mitatmen (eigentlich bewegt sich dann technisch der Unterarm, aber es ist eine Bewegung als würde bei einer Marionette der Faden am Handgelenk befestigt sein und zum Atmen angehoben werden).
Das werde ich ab sofort einbauen. :super:

Seymour Bernstein sagt ja "mit dem Ausatmen fängt man das Stück an" ...
 
Es fehlt hier noch ein kleine musikalische Untermalung des Themas ....
 
Mal etwas
plus serieux:

Atmen ist die wichtigste Basis von Musik,
Atmen ist Ur-eigener-Rhythmus.
Jedes Stück sollte in der Erarbeitung stimmrichtigt gesungen werden können.
Beim richtigen Singen ergeben sich sinnfällige Phrasierungen, also Atembögen, singgerechtes Atmen führt auch zu brauchbaren Ideen für Metrik, Dynamik.

Voraussetzung ist eine gute Haltung und Körperbeherrschung.

Fragen wir gute Schützen , so sagen sie , wer richtig atmet, trifft ins Ziel.

Zugespitzt:
der Musiker a t m e t seine Musik
und zwar Note fuer Note.

Atemübungen und ausreichend Gymnastik sind ratsam.

Jeder Musiker sollte in einem Chor Atemrüstzeug erhalten, ein Blasinstrument hilft ebenso die Zusammenhänge von Atmung und Musik zu verstehen und in aller Musik anzuwenden.
Pianisten haben oft ein schlechtes Tongefühl, weil sie nie musikgerecht atmen lernten.

WICHTIG: In den Pausen auf keinen Fall atmen, sonst kommt man durcheinander !!!
Das Problem sind LANGE Pausen … deshalb sind fast alle großen Musiker tot.
 

natürlich haben wir das Wichtigste noch vergessen:



atemlos, obwohl der Ventilator ihr stets frischen Wind zufächert.
 
hilfreich kann es sein, vor einer schweren Stelle einzuatmen und währenddessen auszuatmen.
Interessant - bei mir ist genau das Gegenteil eine Hilfe: Technisch schwierige Stellen gelingen mir in der Regel viel besser, wenn ich währenddessen einatme. Vielleicht weil durch das Weiten des Brustkorbs einer Verkrampfung entgegengewirkt wird?

Im Zusammenhang damit: Eine der vielen Definitionen des Begriffs „Stütze“ bei Sängern ist ja, dass man sich nach dem Einatmen während des Singens vorstellen soll, weiterhin einzuatmen. Auch hier ist also das Gefühl von Weitung entscheidend, um effizient und wohlklingend zu singen.

Wie sind da eure Erfahrungen?
 
Interessant - bei mir ist genau das Gegenteil eine Hilfe: Technisch schwierige Stellen gelingen mir in der Regel viel besser, wenn ich währenddessen einatme. Vielleicht weil durch das Weiten des Brustkorbs einer Verkrampfung entgegengewirkt wird?

Das klingt für mich nachvollziehbar. So vermeidest du, über das Ausatmen verkrampft zu pressen.
Nutzt man auch bei anderen Kunstausübungen mit dem Körper, dort wo man intuitiv ausatmen würde einzuatmen.
 
Interessant - bei mir ist genau das Gegenteil eine Hilfe: Technisch schwierige Stellen gelingen mir in der Regel viel besser, wenn ich währenddessen einatme. Vielleicht weil durch das Weiten des Brustkorbs einer Verkrampfung entgegengewirkt wird?

Im Zusammenhang damit: Eine der vielen Definitionen des Begriffs „Stütze“ bei Sängern ist ja, dass man sich nach dem Einatmen während des Singens vorstellen soll, weiterhin einzuatmen. Auch hier ist also das Gefühl von Weitung entscheidend, um effizient und wohlklingend zu singen.

Wie sind da eure Erfahrungen?
Habe gerade mal drüber nachgedacht, mir also noch nie bewusst Gedanken gemacht.
Ich weiß, dass ich dazu neige bei sehr schwierigen Stellen gern mal die Luft anzuhalten. Das führt dann zur totalen Verspannung. Das heißt, wenn ich locker weiteratme wird die Stelle besser. Ist ganz witzig, dass im Übestadium zu beobachten.

Zur eigentlichen Frage: Ich atme vorher aus und währenddessen ein. Dann bin ich lockerer und der Spielfluss natürlicher.
 
Ich weiß, dass ich dazu neige bei sehr schwierigen Stellen gern mal die Luft anzuhalten. Das führt dann zur totalen Verspannung
Genau so ist es.
@Demian, Deine Idee, bei schwierigen Stellen einzuatmen, kann ich inhaltlich durchaus verstehen, weil es Weite schafft. Aber eher sollte es auf dem Klavier genau so sein, wie Du es über den Gesang schriebst: Über dem Ausatem weit bleiben.
Bei schwierigen Stellen bewusst einzuatmen lenkt vom Geschehen ab, schliesslich braucht Einatmen in dem Fall eine gewisse Anstrengung.
Wenn wir unseren körper trainieren - also irgendwelche Gymnastik machen-, dann ist es wichtig, bei Überwindung der Übung, also z.B. beim Hochstützen im Liegestütz auszuatmen. Das gleiche gilt für alle schwierigen oder gar angsteinflössenden Tätigkeiten.
Ausatmen entspannt, Einatmen bringt Energie für das, was zu tun ist.
 
Genau so ist es.
@Demian, Deine Idee, bei schwierigen Stellen einzuatmen, kann ich inhaltlich durchaus verstehen, weil es Weite schafft. Aber eher sollte es auf dem Klavier genau so sein, wie Du es über den Gesang schriebst: Über dem Ausatem weit bleiben.
Bei schwierigen Stellen bewusst einzuatmen lenkt vom Geschehen ab, schliesslich braucht Einatmen in dem Fall eine gewisse Anstrengung.
Wenn wir unseren körper trainieren - also irgendwelche Gymnastik machen-, dann ist es wichtig, bei Überwindung der Übung, also z.B. beim Hochstützen im Liegestütz auszuatmen. Das gleiche gilt für alle schwierigen oder gar angsteinflössenden Tätigkeiten.
Ausatmen entspannt, Einatmen bringt Energie für das, was zu tun ist.
Liebe Tastatula,

das habe ich auch immer genau so gedacht, bis ich vor zwei Jahren einer sehr guten Logopädin begegnete, die auch Stimmbildung und Sprecherziehung am Theater und der Uni unterrichtet.

Sie sagte nämlich, es gäbe Einatmer und Ausatmer. Bei den Einatmern wäre das Einatmen eine aktive Aktion, bei den Ausatmern das Ausatmen eine aktive Aktion.

Diese Theorie ist nicht unumstritten, aber wie sie das erklärt hat und mir gezeigt hat, schien es mir sehr logisch. Und es könnte sein, dass Demian möglicherweise zu den Ausatmern gehört (ich gehöre zu den Einatmern) und es deshalb für ihn so besser ist. Ich würde da auf jeden Fall das eigene Gefühl beachten, natürlich auch Verschiedendes ausprobieren, was Demian aber bestimmt gemacht hat.

Sehr interessant, finde ich! :))

Liebe Grüße

chiarina
 
Gibt es eine Schätzung, wie sich Ein- und Ausatmer in der Bevölkerung verteilen? Es gibt ja auch mehr Rechts- als Linkshänder.
 
Es gibt ja auch mehr Rechts- als Linkshänder.
Nein gibt es nicht. Bei Befragungen halten sich viel weniger Menschen für Linkshänder als sich bei Untersuchungen dann als eigentliche Linkshänder entpuppen. Die ausgelebte Händigkeit wird sehr stark sozial beeinflusst.
Die tatsächliche Verteilung entspricht ungefähr der des biologischen Geschlechts.
 

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