Kreative Herangehensweisen an ein neues Stück


chiarina
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Liebe Kolleginnen, Kollegen und Klavierbegeisterte,

wer kennt es nicht aus alter Zeit: "So, bis nächstes Mal Stück X einstudieren, erst einzeln, dann zusammen." Der brave Schüler nickte und saß zu Hause stirnrunzelnd vor den Noten: "Hm, o.k., jetzt den Ton spielen, dann den, wie heißt der nochmal, oh, das sieht aber kompliziert aus, oje, wie geht das denn.... .". Nicht selten war ein "Noten buchstabieren" das Ergebnis und das hörte man auch.

Glücklicherweise hat sich die Klavierpädagogik, speziell die Methodik, in den letzten Jahrzehnten sehr weiter entwickelt. Das betrifft auch den ersten Kontakt des Schülers mit einem neuen Stück (Einstieg). Denn dieser erste Kontakt, das erste Hören, Erfahren, Wahrnehmen bestimmt in hohem Maße die Qualität des Endergebnisses. In diesem ersten Kontakt werden oft Fehler, nicht nur Verspieler, sondern vor allem musikalische Fehler gemacht, die gespeichert werden und kaum zu reparieren sind.

Sehr viel effektiver, sinnvoller und nachhaltiger ist es hingegen, von Anfang an das neue Stück hören, erleben und verstehen zu lernen, dabei möglichst keine Fehler zu machen und so einen Weg einzuschlagen, der außerdem individuell auf den Schüler, auf den Ausbau seiner Fähigkeiten zugeschnitten ist. Der eine Menge Spaß macht und neugierig macht auf die Klänge und Neuheiten, die das neue Stück mit sich bringt.

Das Ziel ist also, von Anfang an im Einklang von Hören, Verstehen und Spielen das Stück kennen zu lernen und zu erarbeiten. Dazu gibt es viele Strategien und Möglichkeiten., die nach Kenntnisstand, Fähigkeiten, Persönlichkeit, Geschmack und Alter des Schülers ausgewählt werden.

Möglichkeiten eines Einstiegs sind:

1. Auditive Einführung

Ein Thema oder eine charakteristische Phrase/Stelle wird vom Lehrer vorgespielt, der Schüler singt/summt und spielt sie nach Gehör nach. Weitere Möglichkeiten sind
  • aufschreiben
  • transponieren
  • Begleitungen erfinden, ggf. mit dem Lehrer vierhändig spielen
  • Melodie/Phrase fortführen mit eigenen Ideen
  • variieren (i.d.R. etwas später)
Dann sucht der Schüler die Stelle im Notentext und schaut, ob das Thema irgendwo im Stück nochmal auftaucht, evtl. variiert. Auch Strukturen im Stück können so eingeführt werden, s. "Stückchen" von Schumann im nächsten Beitrag.

Durch diesen Einstieg ist der audiomotorische Zugang gewährleistet. Vorspielen, Hören, Nachspielen etc. fordern den direkten ersten Zugang über das Ohr - die Gesamtheit einer Phrase mit ihrem Charakter, ihrem Spannungsverlauf, mit Phrasierung, Rhythmus etc. wird erfasst und gleich wiedergegeben, auch in der Verbindung mit dem Notentext wird die Phrase/Stelle als Ganzes erfasst und nicht mühsam Ton für Ton. Der Schüler lernt, einen Notentext auf diese Weise zu lesen und innerlich zu hören, er lernt, Strukturen und Muster zu erkennen.

2. Stück vorspielen

Der Lehrer spielt das Stück komplett vor. Der Schüler bekommt je nach Alter verschiedene Möglichkeiten an die Hand, damit zu arbeiten:
  • in Bewegung umsetzen
  • dazu malen
  • Strukturen/Form/Teile erkennen
  • Eindrücke, Charakter, Emotionen wiedergeben
  • Titel raten
  • der Lehrer bietet den Notentext verschiedener Stücke an, der Schüler findet heraus, welches Stück der Lehrer gespielt hat
  • Notenpuzzle (der Lehrer zerschneidet das Stück in (größere) Teile, die der Schüler zusammensetzt - geht auch ohne Vorspielen bei fortgeschritteneren Schülern)

3. Notentext anschauen
  • Strukturen erkennen (Tempo, Vortragszeichen, Titel, Form, ....vom Ganzen zum Kleinen), Klänge und Charakter vorstellen, dann vom Blatt spielen/der Lehrer spielt
  • Tonart, Taktart u.a. erkennen, Tonleiter, Kadenzen, Dreiklänge spielen, damit improvisieren
  • eine Phrase/Melodie daraus vom Blatt singen, dann spielen, damit kreativ umgehen (s. Punkt 1)
  • Fokus legen (z.B. auf die dynamische Entwicklung, auf melodische Linien, rhythmische Besonderheiten ...)
  • der Lehrer spielt einen Teil daraus, der Schüler rät, wo dieser Teil im Notentext zu finden ist
  • der Schüler spielt einen kleinen Teil vom Blatt (es können auch nur wenige Töne einer Stimme sein) der Lehrer rät, wo die Stelle ist
  • Ratespiele (bei Kindern beliebt: wieviel d' sind in der ersten Zeile, wo ist die leiseste, wo die lauteste Stelle im Stück ....)
  • Einordnung in die Epoche, Stilistik, der Lehrer erzählt eine Geschichte über den Komponisten, die Entstehung der Komposition etc.
  • Blattspiel
4. Technische Schwierigkeiten/schwierige Stellen herausgreifen

Unvermutete technische Schwierigkeiten oder schwierige Stellen lösen beim Schüler oft ein Gefühl der Hilflosigkeit und Anspannung aus. Beides ist nicht förderlich in der Bewältigung derselben. Sehr hilfreich ist es, solche Schwierigkeiten vor Beginn des Stücks zu isolieren, ohne den Notentext zu kennen. und auch hier auditiv, vom Ohr geführt heranzugehen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten:
  • eine Übung draus machen, transponieren, variieren, Sätzchenspiel nach Czerny, erst nach Bewältigung den Notentext vorlegen
  • improvisieren
  • Problem in aufeinander aufbauende Übeschritte zerlegen und diese gemeinsam mit dem Schüler umsetzen/erarbeiten
  • die Wahl der vorherigen Stücke bauen bzgl. dieser technischen Anforderungen aufeinander auf
  • die technische Schwierigkeit wird erst einmal vereinfacht
  • Holzklavier (auf Klavierdeckel spielen)
  • Luftklavier (in der Luft spielen)
Hilfreich ist es auch, schwierige Stellen auf diese Weise einzuführen und dann weiter mit Notentext zu üben - so werden sie oft und in zweckmäßiger Weise geübt, was zum Erfolg führt.

5. Rhythmische Strukturen erkennen

Bestimmte Rhythmen oder rhythmische Motive fallen möglicherweise schwer, sind noch nicht oft oder gar nicht gespielt worden. Auch hier ist es hilfreich, wenn der Schüler sie auditiv erfährt, wiedergibt und anschließend im Notentext erkennt. So hat er beim Lesen gleich eine Klangvorstellung und kann die rhythmischen Bausteine sofort spielen. Eine Erfolgserlebnis, das motiviert! Möglichkeiten der Herangehensweise sind z.B.:
  • der Lehrer klopft/trommelt/klatscht/nutzt Bodypercussion, der Schüler macht es nach (Puls, Metrum, Rhythmus erfahrbar machen)
  • Vorspielen/Nachspielen
  • Rhythmussprache
  • Text unterlegen
  • aufschreiben
  • rhythmische Übung kreieren
  • Rhythmusbaukasten nutzen
  • mit den Bausteinen Melodien erfinden
  • Bausteine in einen größeren Zusammenhang integrieren (z.B. 4 Takte erfinden und aufschreiben, darin das Motiv integrieren, dann klatschen etc., dann Melodie dazu erfinden ...), dann sehen, was der Komponist im neuen Stück draus gemacht hat
  • der Lehrer spielt das Stück, der Schüler klatscht mit, wenn der Baustein kommt
  • der Lehrer spielt das Stück, der Schüler dirigiert den Puls
  • der Lehrer spielt das Stück, der Schüler klopft die "1" jeden Taktes oder die Taktschwerpunkte
6. Harmonik

Besondere harmonische Wendungen lassen aufhorchen und machen neugierig. Gerade das vertikale Hören, das Hören auf die Zusammenklänge und ihre Entwicklung, geht oft verloren, wenn die Erarbeitung Ton für Ton erfolgt. Möglichkeiten der Herangehensweise je nach Grad der Fähigkeiten sind:
  • der Lehrer spielt das harmonische Gerüst einer Stelle vor, der Schüler beschreibt seine Eindrücke (Dissonanz, Konsonanz, Charakter, Emotion, Bilder, Spannung, Entspannung, Entwicklung)
  • der Schüler improvisiert mit einer Harmonie aus dem Stück oder einer Folge von Harmonien
  • er erkennt das Gerüst im Notentext und untersucht die Art der Harmonisierung
  • er versucht, selbst ein Gerüst aus einer Stelle heraus zu arbeiten
  • er untersucht die Harmonisierung an charakteristischen Einschnitten (Ende von Formteilen ....)
  • er denkt über die Wahl der Tonart und die musikalische Aussage des Stücks nach
  • er spielt eine einfache Stelle vom Blatt ohne jeden Rhythmus in Zeitlupe und hört ausschließlich auf die Zusammenklänge
7. Besonderheiten der Komposition hören, erkennen, spielen

Stücke enthalten oft charakteristische Elemente. Seien es Albertibässe, Ostinati, Bordunquinten, Ganztonleitern, Seufzermotive ... . Auch mit ihnen kann der Lehrer den Einstieg beginnen. Möglichkeiten des kreativen Umgangs sind:
  • Improvisation , dann Element im Notentext erkennen
  • Vergleich mit anderen Stücken, in denen dieses Element/Muster auftaucht - Variationen wahrnehmen und spielen
  • das Element im Stück verändern (wie klingt es, wenn ich anstelle eines Albertibasses Bordunquinten spiele ...), evtl. auch vierhändig/ an zwei Klavieren mit dem Lehrer probieren
8. Mentales Üben

Der Einstieg rein mental ist i.d.R. etwas für Fortgeschrittene. In Ansätzen kann man dies auch im Anfängerunterricht nutzen (Notenpuzzle, Singen, Spiele zum Notenlesen und Hören). Mentales Üben lohnt sich aber und kann von einzelnen kurzen Phrasen aus immer weiter entwickelt werden. Die innere Klangvorstellung, die Verbindung von Lesen, Hören, Spielen wird ausgebaut.

Fortsetzung folgt
 
chiarina
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Fortsetzung

9. Selbständige Erarbeitung

Natürlich hat die Aufgabenstellung "Übe dieses Stück selbstständig zu Hause" weiterhin ihre Berechtigung! Besonders wenn
  • das Stück eher leicht ist und keine neuen Herausforderungen stellt
  • das Stück gerade Gelerntes aus einer anderen Perspektive bietet
  • das Stück vorher im Unterricht angeschaut und besprochen wird, evtl. mit kurzem Anspielen bestimmter Stellen
10. Rein auditive Erarbeitung

Es lohnt sich, besonders kindlichen Anfänger, die noch keinen Überblick über die Notation haben, ein Stück (in Teilen) rein auditiv beizubringen und ihnen diese Teile als Notentext erst nach der auditiven Vermittlung zur Verfügung zu stellen. Es macht ihnen Spaß, dort das zu suchen, was sie schon kennen und gleichzeitig Neues kennen zu lernen, das sie stolz schon spielen können, obwohl sie es nur rudimentär lesen können.

Junge Anfänger, die mit dem Spiel ohne Noten begonnen haben, können oft schon relativ viel spielen und nutzen die ganze Klaviatur samt Pedal. Ihre Spielfähigkeit hinkt der Notenlesefähigkeit i.d.R. hinterher und dafür ist die rein auditive Erarbeitung sehr gut geeignet. Die einzige Schwierigkeit ist das Merken - zu Hause haben die Kinder Klang und Realisation oft wieder vergessen. Handyaufnahmen, die den Eltern geschickt werden, mit dem Schüler gemeinsam erstellte visuelle Erinnerungsmerkmale können helfen.

11. Eine Geschichte erzählen

Kinder lieben Geschichten und als Einstieg eine Geschichte zu erzählen, die auf die Komposition vorbereitet, erzeigt Spannung, Freude und Neugierde. Schön ist es auch, wenn in diese Geschichte musikalische Bausteine des Stücks integriert werden, die gespielt, gesungen, getanzt, geklatscht etc. werden können.

12. Ein Bild/Foto als Anregung nutzen

Ein Bild regt die Fantasie von Kindern an. Was siehst du auf dem Bild, was ist dort für eine Stimmung? Improvisiere mal mit dem, was du siehst und gerade gesagt hast. Ein Clown, wie klingt denn der? Wie bewegt er sich (Bewegung im Raum)? Wie fühlt er sich? Was für Sachen macht er?

Dann den Notentext anschauen? Finden wir so etwas auch hier?

Dann spielt der Lehrer vor, s. Punkt 3.

***************************************************************************

Welche Herangehensweisen nun der Lehrer auswählt, richtet sich nach den Fähigkeiten des Schülers, seinem Alter, seinem Geschmack, nach seinen Bedürfnissen, nach denen des Lehrers und nach dem, welchen Lerninhalt der Lehrer für den Schüler als besonders wichtig erachtet. Durch solche Herangehensweisen und Einstiege lernt der Schüler vieles. Er baut seine musikalischen Fähigkeiten aus, er lernt viel über Musik und musiziert von Anfang an. In der weiteren Beschäftigung mit dem Stück können dann Übestrategien, die wie der Einstieg Verstehen der musikalischen Strukturen/ Aussage, Hören und Spielen und Lesen in Einklang bringen, erarbeitet und angewendet werden. Das Ergebnis ist - toll! :003: :026:

In weiteren Beiträgen werde ich anhand größtenteils bekannter Stücke einige der Herangehensweisen beispielhaft zeigen. Ich würde mich riesig freuen, wenn auch andere hier Einstiege in ein neues Stück posten, bitte mit Einstellung des Notentextes! So können wir uns austauschen und voneinander lernen, etwas, was ich mir sehr wünsche (keiner kann auf alle guten Ideen der Welt allein kommen) und was auch der Grund für die Erstellung dieses Fadens ist. Auch Erfahrungen diesbezgl. von Schülern und Klavierbegeisterten sind herzlich willkommen.

Ich werde dann die einzelnen Beiträge auch anderer User mit Werktitel in die unten angefügte Liste stellen und verlinken, so dass es übersichtlich bleibt.

Liebe Grüße

chiarina

Liste der Beispiele für verschiedene methodische Einstiege in ein neues Stück:

1.
"Stückchen" aus dem Album für die Jugend von R. Schumann (Auditive Erarbeitung, s. Punkt 1)
2. "Walzer a-moll op. posthum B. 150" von F. Chopin (Harmonik, s. Punkt 6)
3. "Märchen" Nr. 26 aus "Für Kinder", Band 1 von B. Bartok und der "Indianertanz" von W. Gillock aus dem Tastenkrokodil (Rhythmische Strukturen erkennen, s. Punkt 5)
 
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hasenbein
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Und dann gibt's noch die Möglichkeit:

Schüler schafft sich das Stück per Youtube-Tutorial drauf.

Das ist dann zwar doofes Malen nach Zahlen, und mit dem Youtube-Tutorial ist es eigentlich viel langweiliger und mühsamer, aber der Schüler ist trotzdem mehr motiviert, weil er unbewusst abgespeichert hat, dass alles mit Bildschirm "cool" und "modern" ist, alles was ein Lehrer "in person" sagt, hingegen langweilig und altmodisch und schon deswegen etwas, was man dann nicht macht.
 
P
Presto
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Liebe Chiarina,
ich möchte einmal an dieser Stelle anmerken, dass ich
1. Deine Ausführungen richtig klasse finde,
2. Deine Idee, einen solchen Faden zu erstellen, ebenso!

Danke!
 
Stilblüte
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Es gibt bei Peter Heilbut im Buch "Klavierspielen - Frühinstrumentalunterricht" (Schott-Verlag Mainz 1993) eine ähnliche, wenn auch kürzere Liste, denn dieses Thema ist sicher eins der zentralen im Klavierunterricht mit Kindern und Anfängern.
Ich möchte, zusätzlich zu den sehr vollständigen und tollen Ausführungen von @chiarina noch eine andere Gruppierung vorschlagen, u.U. noch hier und da ein bisschen was ergänzen. Nämlich:

Einstieg in ein neues Werk - über musikalische und technische Aspekte

1. Von der Melodie ausgehend
2. Vom Rhythmus ausgehend
3. Von Klang und / oder Harmonie ausgehend
4. Von der Form / Struktur ausgehend
5. Beginn mit technischer Übung
6. Spielbewegung im Voraus improvisieren
7. Beginn mit der schwierigsten Stelle oder der leichtesten Stelle
8. Imitiationsprinzip: Vor- und Nachspielen
9. Nach Noten selbstständig einstudieren
10. Ohne Tasten einprägen (mentales Üben)
11. Dem Schüler das Stück (z.B. Neue Musik) mehrere Wochen zum Ende des Unterrichts vorspielen, ggf. sogar ohne besonderen Kommentar, damit er sich daran gewöhnt und es vorurteilsfrei kennenlernt

Einstieg in ein neues Werk - über Außermusikalisches oder ein anderes Lernfeld

1. Von Fotografie oder Gemälde ausgehend
2. Von einer (Klang-)Geschichte ausgehend
3. Einstieg über Musikhistorischen Hintergrund
4. Einstieg mit Body-Percussion
5. Einstieg über Tanz (z.B. bei einem Menuett)
6. Notenpuzzle
7. Einstieg über das Singen oder Sprechen, mit / ohne Text
8. Einstieg über Komposition (z.B. Begleitfigur nutzen, Melodie neu schreiben)
9. Einstieg über "Spannungsaufbau" (z.B. Schüler ein Bild zum Thema X malen und mitbringen lassen, Schatzsuche im Raum, Schüler enthält jede Woche nur einen Takt etc.)


Kreativ musizieren mit Schülerstücken
(Was kann man mit einem Werk anfangen, das der Schüler schon kann? V.a. bei kurzen, kleinen Stücken ist es schade, sie so schnell wegzulegen)

1. Stück verändern oder verfremden (Veränderung der Lage, Begleitfigur, Vorzeichnung...)
2. Stück verlängern (Vorspiel / Zwischenspiel / Nachspiel erfinden, Stück mehrmals spielen mit kleinen Veränderungen)
3. Spiele erfinden (Takte raten, Verspiel-dich-Spiel, "Stumme Takte" beim Durchspielen etc.)
4. Vierhändig mit Lehrer spielen (Auch bei nur zweihändigen Stücken. Was der Lehrer hier spielen kann, wäre ein neues Thema wert)
5. Transponieren
6. Improvisieren (mit Aspekten aus dem Stück)
7. Text zur Melodie gemeinsam erfinden


Es ist klar, dass normalerweise mehrere dieser Aspekt im Unterricht auftauchen, vielleicht direkt hintereinander oder im Verlauf mehrerer Unterrichtsstunden. So eine Liste kann aber dazu dienen, sich frische Ideen zu holen, wenn man nicht weiß, wie man Anfangen kann (im wahrsten Sinne des Wortes). Manches davon mag auch ganz automatisch oder intuitiv passieren. Es hilft aber sehr, sich solche Ideen mal einigermaßen vollständig vor Augen zu führen, ggf. regelmäßig zu ergänzen, damit man bei Bedarf schnell etwas aus der Werkzeugkiste greifen kann.
 
C
Cheval blanc
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@chiarina @Stilblüte : Was mich in dem Zusammenhang interessieren würde: welchen Zeitrahmen veranschlagt Ihr (pro Unterrichtseinheit und wieviele Unterrichtseinheiten)? Was könnt Ihr in einer Unterrichtsstunde vertiefen? Wie schafft Ihr es, daß die Schüler unter der Woche auch selbständig weiter(!)arbeiten können? Und was veranschlagt Ihr an (täglicher) „Übezeit“?
 
Stilblüte
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Gute Fragen, viele Fragen :003: zu jeder könnte man ein eigenes Thema aufmachen (kannst du gerne tun, wenn du möchtest!).
Zur Dauer möchte ich sagen: Hier werden Glaubenskriege geführt... Ich denke, dass alles unter 30 Minuten keinen rechten Sinn hat und auch 30 Minuten deutlich zu kurz sind. Um wirklich Zeit zu haben, sich auf einen Menschen einzulassen, in verschiedene Themenbereiche einzusteigen und eine einigermaßen breite Ausbildung zu bieten, sollten es schon 45 sein, besser noch 60 Minuten.

Gleichzeitig möchte ich dazu sagen, dass nicht aus jedem Einstieg in ein neues Stück ein "riesen Ding" gemacht werden muss. Das kann sein, darf sein, muss aber nicht immer sein. Und natürlich soll auch die konventionelle Einstiegsmethode geübt werden, nämlich: Stück hinlegen - was siehst du? Wie fängst du jetzt an? Was ist wichtig? Wie kannst du das allein machen?

Damit die Schüler selbstständig weiterarbeiten können, ist die Gabe von möglichst konkreten Hausaufgaben sinnvoll. Je nach Alter und Selbstständigkeit des Schülers kann man ein Hausaufgabenheft führen, die Eltern informieren, die Hausfgabe freier oder konkreter stellen etc. Grundsätzlich gilt oft: Je genauer der Schüler weiß, was er zu tun hat, desto einfacher fällt es, mit dem Üben anzufangen. Ich schreibe mal eine mehr und mehr konkrete Aufgabenstellung:

"Stück weiterüben" - "Stück weiterüben bis Ende der Seite" - "Jeden Tag eine Zeile üben und eine weitere hinzunehmen" - "Jeden Tag nach den Hausaufgaben (oder wann auch immer vereinbart wird) dreißig Minuten Klavierspielen. Davon zehn Minuten X und fünf Minuten Y. Bei deinem Stück Takte 1-8 mit beiden Händen, Takte 9-16 die Hände einzeln und dann in kurzen Abschnitten zusammen, aus den Takten 16-32 nur die Takte, die wir zusammen im Unterricht schon besprochen haben" - "Wiederhole X (genauer zu differenzieren) fünmal langsam mit Fokus auf verschiedene Aspekte (genauer zu differenzieren), dann fünfmal schneller mit anderem Fokus, dann noch dreimal im Zusammenhang" ...
Mancher mag sich eingeschränkt fühlen durch so genaue Angaben, der andere klar geführt.
 
chiarina
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@chiarina @Stilblüte : Was mich in dem Zusammenhang interessieren würde: welchen Zeitrahmen veranschlagt Ihr (pro Unterrichtseinheit und wieviele Unterrichtseinheiten)? Was könnt Ihr in einer Unterrichtsstunde vertiefen? Wie schafft Ihr es, daß die Schüler unter der Woche auch selbständig weiter(!)arbeiten können? Und was veranschlagt Ihr an (täglicher) „Übezeit“?
Liebe Cheval blanc,

mein Eingangsbeitrag ist zwar sehr lang geworden, aber nur, weil er eine Fülle von Möglichkeiten anspricht (liebe @Stilblüte, ich kenne die Liste von Heilbut, mir hat sie aber in Strukturierung und Umsetzung nicht so gefallen. Meine Liste habe ich natürlich aus dem Moment heraus geschrieben und sie könnte/sollte man auf jeden Fall noch strukturieren, aber grundsätzlich gefällt sie mir besser. :003:).

In 30-Minuten-Stunden wird es allerdings schwierig bis unmöglich, so zu unterrichten - ich höre noch die Stimme einer Kollegin, die vorwiegend in diesen Zeiträumen unterrichtet: "Ihr immer mit eurer Methodik. Ich habe 30 Minuten Zeit, davon sind 5 Minuten nur ankommen und verabschieden. In den verbliebenen 25 Minuten kann ich nur das Wichtigste machen, kann keine Zeit verplempern mit solch methodischem Kram, so sinnvoll er auch sein mag."

Ich unterrichte mindesten 45 Minuten, oft 60 Min. ein Mal in der Woche. Auch bei Kindern im Grundschulalter. Mehrmals in der Woche wäre wünschenswert, klappt aber fast nie aus organisatorischen Gründen. Neue Stücke führe ich immer auf die eine oder andere Art ein, das muss - ich schließe mich @Stilblüte an - gar nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen. Und es lohnt sich, denn letztlich spart man Zeit. Es wird effektiver und ganzheitlicher gelernt, der Schüler weiß genau. was er zu Hause üben und spielen kann und er wird selbstständig.

Ein Hausaufgabenheft mit sehr genauen Angaben gehört zwingend dazu. Bei kleinen Schülern lesen die Eltern die Hausaufgaben vor. Mir ist wichtig, dass die Schüler täglich spielen und das Klavier spielen ein Ritual wie Zähne putzen ist. Am besten immer zur gleichen Tageszeit. Und mir ist wichtig, dass die Hausaufgaben i.d.R. (Ausnahmen gibt es immer) gekonnt sind beim nächsten Mal, was vor allem für Kinder gilt. Ich tausche mich mit den Eltern aus, wie lange die Kinder im Schnitt üben und ob die Hausaufgaben zu wenig, zu viele ... sind. Manche Kinder kann man mehr fordern, manche weniger. Bei kleinen Kindern sind die Eltern oft beim Üben dabei, das ist sehr hilfreich. Meistens nur zum Vorlesen und Zeigen lassen. Wenn es zu Konflikten kommt, muss ein andere Weg eingeschlagen werden.

Ich bemühe mich, in einer Unterrichtsstunde Kindern im Grund- und Vorschulalter möglichst vielfältige Lernwege anzubieten und den Unterricht sehr abwechslungsreich zu gestalten. Auch weg vom Klavier. Verschiedene Settings, am Klavier, Bewegung im Raum, am Tisch, in der Sitzecke ... . Auch da erfordert jedes Kind einen anderen Weg. Manche brauchen Zeit, auch mal von sich etwas zu erzählen, manche brauchen mehr Bewegung als andere, manche können sich besser konzentrieren als andere .... . Ein Beispiel für eine Unterrichtsvorbereitung:

Schüler X, 5 Jahre:

1. Lied nach Gehör: Seid nicht bekümmert, ganz, mit F-, C-, B-Quinten, jeden Teil 3 Mal spielen, Teil A von anderen Tönen aus spielen (transponieren), Melodie unisono spielen (vierhändig)
2. Rhythmen gehen und klatschen
3. Impro forte, piano, neu: mf, Ratespiel
4. Fahrstuhlübung
5. Orientierung Klaviatur: eingestrichen ...., von oben nach unten Mensch ärgere dich nicht, Flugzeugspiel
6. g - a - h: mit Notenwerten erfinden und aufschreiben, neu: Komponierbuch, Noten vorher aufschreiben

Ob das dann so stattfindet, steht auf einem anderen Blatt. :D Der rote Faden ist da, ich weiß, was ich will, dann kommt der Schüler und der hat in der Stunde vielleicht ganz andere Bedürfnisse, Schwierigkeiten ... . Ich greife auch gern die Ideen auf, die ein Schüler hat und dann fällt am schönen Plan was weg. Auch nicht schlimm, wird dann später integriert.

Liebe Grüße

chiarina
 
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chiarina
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So ihr Lieben,

wie versprochen ein erstes Beispiel eines möglichen Einstiegs anhand des "Stückchen" aus dem Album für die Jugend von R. Schumann. Ich verlinke es in obige Liste von Beitrag 2 dieses Fadens und werde dies auch bei von anderen geposteten Beiträgen tun.

Hier das Notenbeispiel:

Schumann, Stückchen.PNG

Wenn wir uns die Struktur des Werks anschauen, gibt es drei Klangschichten/Stimmen. Die Melodie (rechts) wird (meistens) von parallel geführten Dezimen begleitet (Unterstimme links) und in der Mitte (Daumen links) erklingt als Wechselnote (meistens) das g' und hält so den die Melodie stützenden Klangteppich aufrecht.

Nun könnte man als Lehrer dem Schüler sagen: "Hier hast du das Stück, üb bis nächsten Mal nur die rechte Hand, dann die beiden Außenstimmen, dann nur links."

Sehr viel nachhaltiger und effektiver ist es jedoch, diese Strukturen als Erstes auditiv erfahrbar zu machen. Es reicht, dazu den ersten Bogen des Stücks zu wählen:

Schumann Stückchen Beginn.PNG

1. Der Lehrer spielt die Melodie vor und gibt den ersten Ton vor (e''), der Schüler spielt die Melodie nach Gehör nach.
2. Der Lehrer fordert den Schüler auf, die Melodie mit darunter liegenden Terzen zu begleiten.
3. Nun keine Terzen, sondern Dezimen. Der Lehrer fragt den Schüler, wie er die beiden Stimmen dynamisch gestalten würde (Melodie ca. mf, Unterstimme p), der dies dann auch realisiert.
4. Schüler spielt die beiden Stimmen noch einmal, Lehrer spielt die Mittelstimme (g'...) pp dazu.
5. Lehrer stellt jetzt erst den Notentext aufs Pult, der Schüler zeigt dort, was er gespielt hat, wo die Stimmen zu finden sind. Die Struktur des Beginns, der Stimmen und zugehörigen Dynamik/Klangdifferenzierung sowie des gesamten Stückes wird untersucht.
6. Übestrategien werden gemeinsam erarbeitet (z.B. abschnittsweise nur Melodie spielen, dann Melodie und Unterstimme, dann links allein, später komplett.

Die Schritte können ergänzt werden durch jeweiliges Vor- oder Mitspielen des Lehrers, Aufschreiben der Melodie ..., Transponieren u.a.. Der Vorteil bei dieser Herangehensweise liegt im sofortigen Erfassen der Struktur über das Ohr. Die Klangvorstellung ist sofort präsent, die Töne werden nicht einzeln, sondern im Zusammenhang und in der jeweiligen Struktur wahrgenommen. Es wird sofort musiziert. Die Erfahrungen werden auf den weiteren Verlauf des Stücks übertragen.

Selbstverständlich kann man auch andere Herangehensweisen wählen, aber diese finde ich hier besonders geeignet.

Liebe Grüße

chiarina
 
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Nun Beispiel Nr. 2 - der methodische Einstieg erfolgt anhand des beliebten Walzers a-moll op. posthum B. 150 von F. Chopin über die Harmonik (Punkt 6).

Notenbeispiel der ersten Takte:

Chopin, Walzer a-moll.PNG

Die Art des Einstiegs richtet sich immer nach den Kenntnissen des Schülers. Kennt dieser sich bereits mit Kadenzen, Dreiklängen und Umkehrungen aus, kann der Lehrer folgendermaßen vorgehen:

1. Er fordert seinen Schüler auf, eine einfache Grundkadenz (Quintlage) in a-moll zu spielen. t - s - D - t, also a-moll - d-moll - E-Dur - a-moll. Welcher Akkord ist der Spannendste, welcher Ton will sich wohin auflösen?
2. Der Schüler verändert nun die Kadenz und spielt nach Anweisung des Lehrers zwei Mal hintereinander t - s - (D7) - tP , also a-moll - d-moll - G7 - C-Dur. Der D7 bzw. G7 ist hier die Zwischendominante zur folgenden Tonikaparallele C-Dur. Der Schüler beschreibt, was er hört (Spannung - Entspannung ...). Er beschreibt auch seine Wahrnehmungen des Unterschieds zwischen beiden Kadenzen.
Alternativ kann der Lehrer die neue Kadenz auch vorspielen und beschreiben/nachspielen lassen. Notenbeispiel:
Chopin, Walzer a-moll, Harmonik.PNG
3. Nun hat der Schüler das harmonische Gerüst der ersten 8 Takte des Walzers erfahren. Auf Anweisung des Lehrers experimentiert er nun mit diesem Gerüst und erfindet im 3/4-Takt verschiedene Begleitungen mit der linken Hand (Albertibässe, Bordunquinten, Akkordrepetitionen, Arpeggien ....). Evtl. improvisiert der Lehrer eine einfache Melodie dazu.
4. Falls der Schüler noch keine Walzerbegleitung improvisiert hat, tut er es jetzt. Verschiedene Möglichkeiten werden ausprobiert, das Ziel ist es, den Grundton auf ZZ 1 und die begleitenden Akkorde in den entsprechenden Umkehrungen (Kadenz rechte Hand) auf 2 und 3 zu spielen. Der Schüler hört, dass die Akkorde den Grundton färben und sehr leise gespielt werden müssen. Evtl. erfindet er (oder der Lehrer) eine einfache Melodie dazu mit rechts.
5. Nun spielt der Schüler nur die Grundtöne der Harmonien, der Lehrer spielt dazu die Melodie des Walzers.
6. Der Schüler spielt die gesamte linke Hand, der Lehrer spielt erneut die Melodie des Walzers dazu.
7. Nun der Blick in den Notentext. Der Schüler findet die gespielten Klangstrukturen darin und kann somit die ersten 8 Takte links vom Blatt spielen. Er findet eine Veränderung in T. 7 und zusammen mit dem Lehrer heraus, warum dort beim G7 das h zum d' wechselt.
8. Er extrahiert aus der linken Hand des B-Teils das harmonische Gerüst und beschreibt seinen Verlauf und die Entwicklung (Spannung - Entspannung ...).

Wie immer ist dieser Einstieg einer von vielen möglichen. Je nach Fähigkeiten des Schülers werden Schritte angepasst und neue erfunden. Der Lehrer kann die linke Hand erst einmal mit zwei Händen spielen lassen, der Schüler kann auch erst einmal nur mit einer Harmonie, z.B. a-moll, experimentieren ... .

Liebe Grüße

chiarina
 
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hasenbein
hasenbein
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Chiarina, das ist vorbildliche Methodik!
 

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Das ist schon verdammt frustrierend, wenn man dies mit dem eigenen Unterricht vergleicht, den man vor über 40 Jahren bei dem Haus-und Hoflehrer meiner Heimatstadt, der hauptberuflich Organist war, gehabt hat:cry:.

Danke, dass Du Dir so viel Zeit für uns nimmst und Mühe machst, liebe @chiarina :super::blume:.
 
chiarina
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Voila, nun Beispiel 3 zum Einstieg "Rhythmische Strukturen erkennen", Punkt 5 des ersten Beitrags.

Ich wähle zwei Stücke aus, die sich zur Wahrnehmung der metrischen/rhythmischen Struktur über Bewegung gut eignen, einmal das "Märchen" Nr. 26 aus "Für Kinder" Band 1 von B. Bartok und zum zweiten den "Indianertanz" von W. Gillock aus dem Tastenkrokodil.

Bartok hat sich sehr für die ungarische Volksmusik seiner Heimat interessiert und ist viel gereist, um sie umfassend kennen zu lernen. Band 1 seines Werks "Für Kinder" basiert demzufolge auf ungarischen Kinder- und Volksweisen, Band 2 auf slowakischen - ihn interessierte die gesamte osteuropäische Volksmusik.

Kurz vor seinem Tod hat er die Hefte noch einmal grundlegend überarbeitet, Tempi und Bearbeitung verändert, den Stücken teilweise (neue) Titel gegeben. Interessant ist, dass er das "Märchen" in der alten Fassung komplett im 3/8-Takt notierte und mit "Dance with me" betitelte:

Dance with me, alte Fassung.PNG

In der revidierten Fassung, die ich verwende, erklingt hingegen ein sehr schöner Taktwechsel, der eine ganz besondere, schwebende Atmosphäre schafft, die wunderbar zum sanften märchenhaften Charakter des Stücks beiträgt. Wie auch die Dynamik, die sich im p - bis pp - Bereich bewegt:

Märchen, Bartok.PNG

Die Metronomzahlen sind von Bartok selbst, ich nehme aber an, dass hier ein Druckfehler vorliegt und nicht Viertel, sondern Achtel = 150 gemeint sind. Zumindest wählt Bartok in seiner Aufnahme (YT) annähernd dieses Tempo.

Wenn dieses Stück im Unterricht behandelt wird, sollte der Schüler Seufzermotive kennen und klanglich/in der Bewegungsausführung sicher umsetzen können. Seufzermotive kommen in diesem Stück links nahezu in jedem Takt vor.

Eine Herausforderung ist im Unterricht häufig der Taktwechsel - Taktwechsel sind oft ungewohnt. Ein Gefühl für die Zusammengehörigkeit von immer drei Takten mit dem enthaltenen Taktwechsel zu bekommen, ist sehr wichtig für eine gelungene Interpretation und lässt sich sehr gut über Bewegung vermitteln und erfahren. Hier erst einmal die Struktur:

Märchen, Struktur in 3-Takt -Phrasen mit Taktwechsel.PNG

Wir sehen, dass die metrische Struktur sich in drei-Takt-Abschnitten immer wiederholt, dabei erklingt als Einheit zunächst ein 3/8-Takt, wieder ein 3/8-Takt, dann ein 2/8-Takt (Taktwechsel), also 3 - 3 - 2 | 3 - 3 - 2 | .... . Der Einstieg kann folgendermaßen erfolgen:

1. Schüler und Lehrer schauen sich den Notentext an, der Schüler versucht, die Struktur der linken Hand zu erfassen, ggf. mit Hilfe des Lehrers.
2. Schüler und Lehrer gehen nun zusammen im Raum, realisieren erst einmal nur den 3/8-Takt. Sie gehen Achtel (Puls), zählen laut Achtel (Metrum, 1,2,3,1,2,3..., die "1" etwas lauter zählen als die andere Taktzeiten) und klatschen die "1" jeden Taktes. Sie spüren das Schwingende des Metrums und seinen Schwerpunkt auf jeder "1".
3. Nun das Gleiche, aber sie ersetzen bei jedem dritten Takt den 3/8- Takt durch einen 2/8-Takt, also 1,2,3-1,2,3-1,2-1,2,3-1,2,3-1,2 - ..... (klatschen auf jeder "1"). Sie spüren und beschreiben die Veränderung, die sich durch den Taktwechsel ergibt, den Unterschied zum reinen 3/8-Takt vorher.
Nun spielt der Lehrer zum Gehen, Zählen und Klatschen des Schülers erst einmal nur die ersten Zählzeiten, also die Terzen g-b. Dann die linke Hand der ersten drei Takte komplett in Wiederholungsschleife. Wenn das problemlos klappt, kann der Lehrer auch das ganze Stück spielen, während der Schüler die metrische Struktur dazu geht, zählt und klatscht.
4.Nun tauschen: der Lehrer geht, zählt klatscht und der Schüler spielt nur die Terzen auf der ersten ZZ jeden Taktes. Dann die linke Hand komplett mit Beachtung der Seufzermotive (der Lehrer kann je nach Fähigkeiten des Schülers auch vorab eines der Seufzermotive isoliert mit dem Schüler üben).
Geht dies problemlos, kann der Lehrer nun zu dieser vom Schüler gespielten metrisch und rhythmischen Einheit die rechte Hand spielen. Ist allerdings nicht einfach, da die Melodie (rechte Hand) sich in Phrasierung und Artikulation häufig von den Taktschwerpunkten löst (gefühlte Schwerpunkte oft auf ZZ2). Der Schüler kann vereinfachen, indem er wieder nur die Einsen (Terzen) spielt.
5. Es ist für den Schüler häufig leichter, erst einmal den Puls in Achteln zu denken und hören. Das Ziel ist allerdings, in ganzen Takten zu denken und zu hören. Also 1..1..2.1..1..2. ..... . Dann klingt es nicht buchstabiert, sondern tänzerisch zusammen mit der über diesem Gerüst schwebenden, sanft schwingenden und zarten Melodie. Ein wunderschönes Stück mit einer besonderen Mischung aus Melancholie und Heiterkeit!
Die ganzen Takte und ihr Zusammenhang kann wieder über Gehen und Klatschen erfahren werden. Dieses Mal geht und klatscht der Schüler keine Achtel, sondern ganze Takte (also immer die Einsen). Er kann zunächst die Achtel noch im Kopf mitzählen oder bei Problemen noch laut. Die Schritte der Punkte 1., 2. und 3. werden sinngemäß übertragen.
6. Alternativen:
  • der Schüler dirigiert den spielenden Lehrer, tauschen
  • besonders bei Kindern kann der Lehrer Orffsche Instrumente verwenden
  • der Schüler singt (später) die Melodie zum Spielen der linken Hand
  • der Schüler singt oder spielt die Melodie und klopft die Einsen auf den Klavierdeckel/den Oberschenkel
  • der Schüler spielt links komplett und klopft die Melodie mit der rechten Hand auf den Klavierdeckel
  • der Schüler spielt links komplett und klopft rechts bei den 3/8-Takten nur ZZ2, bei dem 2/8-Takt nur ZZ1 (Hintergrund ist, dass die Phrasierung der Melodie so strukturiert ist)
  • ....
Der Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass der Schüler zunächst die metrische, dann auch die rhythmische Struktur des Stücks, die Zusammengehörigkeit und Einheit der drei Takte mit Taktwechsel körperlich erfährt. Rhythmus, Takt und Puls erlebt man sehr deutlich und effektiv ganzkörperlich und kann dieses Erleben aufs Instrument übertragen. Die Herangehensweise ans Stück ist sofort musikalisch und das hört man später sehr deutlich.

Ähnliches in Kürze nun anhand des "Indianertanz" von W. Gillock aus dem Tastenkrokodil, das vor allem im Unterricht mit Kindern vorkommt. Ich kann leider nur ein Muster des Notentextes der ersten Seite einstellen: Indianertanz, W. Gillock.PNG
Die Herangehensweise über die Wahrnehmung der rhythmischen Struktur in Kombination mit Bewegung (Gehen und Klatschen) kann der Lehrer sehr schön über das zusätzliche Hinzufügen eines Textes zum Thema (1. Zeile) realisieren.

1. Der Lehrer spielt das Stück evtl. vor, Schüler und Lehrer unterhalten sich über Indianer, ihre Tänze u.a..
2. Der Lehrer singt das Thema (1. Zeile) mit unterlegtem Text, geht dabei Viertel (Puls) und klatscht dazu den Rhythmus:
"Hey, wir tan-zen, Hey, wir tan-zen, rund um das Feuer he-rum!" Zwei Mal hintereinander, wie es auch im Stück erklingt.
3. Nun machen Lehrer und Schüler dasselbe gemeinsam.
4. Nun der Schüler allein, der Lehrer spielt das Thema dazu (1. und 2. Zeile komplett), singt evtl. mit.
5. Nun der Blick in den Notentext. Der Schüler findet das Gespielte. Er spielt die Melodie der rechten Hand, evtl. erst einmal ohne Rhythmus, dann mit Singen der Melodie, Lehrer singt mit. Auch hier sollten Seufzermotive vorab eingeführt werden oder schon bekannt sein (der Lehrer kann allerdings Seufzermotive auch erst einführen mit diesem Stück, indem er z.B. beim Vorspielen des Themas auf das Motiv hinweist - auditive Einführung -, es isoliert spielt, der Schüler nachspielt/nachmacht und beide daraus eine kleine Übung mit Transposition kreieren).
6. Weitere Möglichkeiten:
  • Der Lehrer spielt die linke Hand zur Melodie des Schülers.
  • Der Schüler spielt oder klopft links, der Lehrer spielt rechts. Der Schüler merkt, dass nicht nur Quinten die Melodie begleiten, sondern tatsächlich auch mal eine Sexte erklingt. Zum Wahrnehmen des Unterschieds kann er statt der Sexte erst einmal eine Quinte spielen und hören, wie diese im Vergleich zur Sexte mit der Melodie zusammen klingt. Der Lehrer kann daraus ein Ratespiel machen: "Spiele ich nun mit oder ohne Sexte?"
  • Der Schüler spielt die Melodie und klopft dazu die linke Hand.
  • Der Schüler transponiert die Melodie.
  • Lehrer und Schüler schauen sich den weiteren Verlauf an. Sieht etwas ähnlich aus, werden kleine Bausteine/Motive wiederholt? Ein Aha-Erlebnis ist oft, wenn der Schüler erkennt, dass ab der 5. Zeile das Thema rechts nur oktaviert erklingt und er es sofort spielen kann. Er erkennt, dass die linke Hand rhythmisch verändert ist und klopft diesen Rhythmus erst einmal. Dann spielt der Lehrer die Melodie dazu, dann kann der Schüler links spielen und der Lehrer rechts ... .
  • Wie immer können Teile aufgeschrieben werden, wenn es im Notenlesen und/oder Erkennen der Strukturen noch hapert.
Auf diese Weise erkennt und erfährt der Schüler im Ganzen und sehr musikalisch die Strukturen und Muster des Stücks. Er kann das Stück so viel schneller umsetzen und selbständig weiter daran arbeiten. Ein großer Vorteil ist auch die große Motivation, die durch die körperliche Umsetzung und den Text entsteht. Kinder bewegen sich sehr gerne, lernen über Bewegung und fühlen sich dabei, als wären sie selbst Indianer und würden gerade einen kraftvollen und energischen Tanz rund ums Feuer tanzen (Regentanz, Kriegstanz ....). Die Augen leuchten und sie wollen wissen, wie es weiter geht in der Geschichte.

Liebe Grüße

chiarina
 
chiarina
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Hinweis: Der Ursprungsbeitrag wurde gelöscht, chiarinas hilfreiche Antworten bleiben trotzdem stehen. /mod

Aus welchem Didaktik-Buch ist das denn abgeschrieben?
Lieber Fred,

das Didaktikbuch kann ich sehr empfehlen: es befindet sich auf der chiarinschen Festplatte in ihrem Kopf, wird gespeist und immer wieder überarbeitet durch eigene Erfahrungen/Gedanken, Fortbildungen, Austausch mit Kollegen, Fachliteratur und dem Wunsch nach stetiger Verbesserung und Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Klingt ja alles gut, nur wie sieht es denn mit der Praxis aus? Bsp.: Eltern zahlen eine halbe Stunde pro Woche. In den Ferien soll das Kind nicht auch noch angestrengt werden. Wie viele Monate dauert dann "Hänschen klein", bis man es auf all die oben genannten Parameter abgeklopft hat?
Peter hat dazu ja schon alles Nötige gesagt. Ich finde es gut, dass du die in realiter herrschende Diskrepanz zwischen Wollen und Können, zwischen den Modalitäten Unterrichtszeit, -ort ... und dem künstlerisch-pädagogischen Anspruch ansprichst! Ich schrieb dazu:
vorwiegend in diesen Zeiträumen unterrichtet: "Ihr immer mit eurer Methodik. Ich habe 30 Minuten Zeit, davon sind 5 Minuten nur ankommen und verabschieden. In den verbliebenen 25 Minuten kann ich nur das Wichtigste machen, kann keine Zeit verplempern mit solch methodischem Kram, so sinnvoll er auch sein mag."
Du schreibst dazu:
Das heißt also, bei 45-min.-Stunden packt man den gesamten Wust von oben in die restlichen 15 Minuten? Die ersten 30 Minuten braucht man ja für das ganz Normale: der Schüler spielt vor, was er geübt hat. Man bespricht schwierige Stellen, macht ein paar Übungen dazu etc. und schwupps... kratzt schon der Nächste an der Tür. Ach ja: bei Geigenunterricht kommt noch auspacken, stimmen, Kolophonium aufreiben, und am Schluss Geige säubern und wieder einpacken hinzu...
Wenn du das aus meinen Beiträgen inklusive der konkreten Beispiele herausliest und -ziehst, zweifle ich an deinen Lesefähigkeiten. :006: Bist du Lehrer?

Es geht doch darum, seine pädagogischen Fähigkeiten so zu steigern, dass man auf jede mögliche Unterrichtssituation adäquat reagieren kann. Dass man ein möglichst großes Handwerkszeug besitzt! Dass man ein großes Wissen darüber besitzt, wie Musizieren überhaupt gelingen kann, wie Musikvermittlung funktioniert, wie die Fähigkeiten sehr unterschiedlicher Schüler entwickelt werden können. Je besser die pädagogischen und methodisch-didaktischen Fähigkeiten des Lehrers, umso besser wird sein Unterricht sein! Und umso begehrter und erfolgreicher wird sein Unterricht sein und umso mehr kann er seine eigenen Umstände und Modalitäten selbst bestimmen. So geht es mir wenigstens.

Ich wäre froh, wenn auch andere Lehrer/User dazu Stellung beziehen würden - dieser Faden soll einen Anstoß bieten zur Diskussion und kein Alleingang sein!

Was deinen skizzierten Unterricht oben angeht: diese Unterrichtsinhalte teile ich nicht. Was ist denn das Normale? Schwierige Stellen und Übungen sind nur ein Teil eines Gesamten, bei dem das Musizieren, das Erforschen, Lauschen, spielerische Ausprobieren in einer lebendigen Interaktion von Schüler und Lehrer im Vordergrund steht. Komisch, dass in deinem Beitrag das Wort "Musik" gar nicht vorkommt.

Als Lehrer und auch als Schüler geht man immer Kompromisse ein. Die Balance zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen den Bedürfnissen von Lehrer und Schüler in jeder Stunde zu finden und dabei eine Menge Spaß zu haben, ist manchmal nicht einfach und gelingt auch nicht immer.

Ich bin aber ein großer Fan davon, den Anspruch ordentlich hoch zu schrauben! Es befriedigt mich, meine Grenzen zu erkunden, zu erweitern und immer mehr dazuzulernen! Dazu sollte dieser Faden dienen. Dann erst kommt Schritt zwei - jeder Lehrer wird für sich eine persönliche Antwort darauf finden, wie er welche Ansprüche in seinem Unterricht umsetzen will und kann.

Liebe Grüße

chiarina

P.S.: Solche Einstiege - ich schrieb es bereits - kosten letztlich weniger Zeit, weil sie sich von Anfang individuell an den Fähigkeiten des Schülers ausrichten und zum anderen das Verständnis des Stücks mit dem musikalischen Erleben verbinden. Da braucht man hinterher nicht mehr dauernd schwierige Stellen üben. :006:
 
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