Harmonieanalyse Chopin Op. 10/1

Dieses Thema im Forum "Theorie, Arrangement & Komposition" wurde erstellt von Marsupilami, 10. Jan. 2018.

  1. Marsupilami
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    Marsupilami

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    Hallo zusammen,

    ich schaue mir gerade die Harmonien der 1. Chopin-Etüde op. 10 (C-Dur) an und habe 2 Fragen:

    Es geht ja recht logisch los mit 16 Takten C-Dur und verwandten Tonarten. Danach kommen 8 Takte in a-moll-nahen Tonarten (Takte 17-24). Takt 24 endet auf E-Dur, soweit so gut.

    Nun wird es bunter und Chopin turnt - ausgehend von dem E-Dur - den Quintenzirkel entlang durch die Dominantseptakkorde (teils mit unterschiedlichen Vorhalten):
    E - A7 - D7 - G7 - C7

    Nun, ab Takt 31 kommt es zu meiner ersten Frage:
    Takt 31 startet erwartungsgemäß mit F7 (siehe oben). Doch was passiert in Takt 32? Ich kann hier nur as-moll erkennen und das macht für mich keinen Sinn.

    In Takt 33 geht es gemäß obiger Struktur weiter mit B7, das passt dann wieder. Takt 34 ist megaspannend:
    Einerseits erkenne ich hier B7 mit verminderter Quinte.
    Anderseits ließe sich dies auch als E7 mit verminderter Quinte deuten.
    Je nach Deutung passt der Akkord entweder zu dem was davor kam (B7 --> B7*) oder zu dem was danach kommt (E7* --> A).

    Nutzt Chopin hier einen Trick um elegant von B7 auf die (weit entfernte) Tonart A zu wechseln? Kann man das irgendwie besser erklären als ich es getan habe?

    Ich freue mich auf eure Antworten!

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  2. mick
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    mick

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    Am plausibelsten lässt sich der as-Moll-Takt als doppelter Vorhalt zum folgenden B7 deuten. Möglich wäre auch eine Deutung als Moll-Subdominante von Es-Dur - also die Kadenzformel s-D7-T. Die Tonika erscheint allerdings gar nicht, weil...

    ... Chopin den B7 in der Tat durch enharmonische Umdeutung und chromatische Variation zu einem übermäßigen Terzquartakkord macht, der die Funktion einer Dominante zum folgenden A-Dur einnimmt.

    Ob man das als Trick bezeichnen will, darüber kann man streiten. Neu war solch eine Progression zu Chopins Zeiten nicht; diese Form der enharmonischen Modulation zieht sich in der Variante des übermäßigen Quintsextakkords durch die gesamte Klassik. Prominentestes Beispiel ist die 5. Sinfonie Beethovens:

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    Zuletzt bearbeitet: 11. Jan. 2018
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  3. Marsupilami
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    Marsupilami

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    Vielen Dank, Mick!

    Das erscheint mir auch am plausibelsten, damit bleibt er in B. Er wechselt an der Stelle schließlich von F auf B. Neue Akkorde würden hier aufgrund des Quintenlaufs nicht passen.

    Das ist mir noch nie aufgefallen, wobei das sicherlich daran liegt, dass ich selten komplexere Harmonien analysiere. Ich finde das genial!
     
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