Das Klavierkonzert der Zukunft

Walter

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Der schwarze Mann am schwarzen Flügel, der spielt, um einfach mal wieder die Errungenschaften der europäischen Kunstmusik darzustellen, der möglichst so gut spielt, wie man es zuhause von der CD gewohnt ist, der zum 1001-sten mal die 1. Ballade von Chopin aufführt, der vielleicht auch nur spielt um zu zeigen, dass er besser ist – solche Konzerte sind m.E. out.
Konzerte, bei denen ein junger unbefangener Zuhörer nach dem ersten Satz einer Sonate begeistert klatscht und dann von der übrigen Bildungsbürgergemeinde ausgezischt wird. Geklatscht wird erst, wenn „das ganze Werk“ gespielt ist, nämlich dann, wenn alle klatschen.
Ich suche nach neuen attraktiven Formen für den "alten" Klavier Soloabend. Liebe Klavier-Fans, wie sollte heute ein Klaviersolo Konzert ablaufen, dass junge Leute sich darin wieder finden – warum sollte ein (junger) Mensch überhaupt in ein „Klassik“ Konzert gehen (was immer das ist)? Hier sind doch viele junge Leute mit Kontakt zu anderen jungen Leuten, die nicht Klavier spielen.
Was meint Ihr?
Bin gespannt, welche Ideen oder Erfahrungen ihr bringen werden.
Mit vielen tastenden Grüßen
Walter
 
Dimo

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Sehr interessanter Thread!

Liebe Klavier-Fans, wie sollte heute ein Klaviersolo Konzert ablaufen, dass junge Leute sich darin wieder finden
Was ich mir wünschen würde, wären mehr "zwischengeschobene Hintergrundgeschichten" zu den im Folgenden gespielten Stücken. Das kann man in einer frischen, aufgelockerten, auch humorigen Weise machen (habe z. B. heute an einer tollen Führung durch das Mannheimer Schloss teilgenommen und bin noch ganz beeindruckt).
 
ubik

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Konzerte, bei denen ein junger unbefangener Zuhörer nach dem ersten Satz einer Sonate begeistert klatscht und dann von der übrigen Bildungsbürgergemeinde ausgezischt wird. Geklatscht wird erst, wenn „das ganze Werk“ gespielt ist, nämlich dann, wenn alle klatschen.

Diese Regel finde ich sowas von schwachsinnig! Meiner Meinung nach sollte man nach jedem Satz klatschen dürfen. Diese peinliche Stille zwischen den Sätzen nervt irgendwie, man will doch bereits nach dem ersten Stück sagen: Wow, wie der Pianist spielt, gefällt mir!

Ich suche nach neuen attraktiven Formen für den "alten" Klavier Soloabend. Liebe Klavier-Fans, wie sollte heute ein Klaviersolo Konzert ablaufen, dass junge Leute sich darin wieder finden – warum sollte ein (junger) Mensch überhaupt in ein „Klassik“ Konzert gehen (was immer das ist)?

Ich denke, dass junge Menschen, wie du sie nennst ;), eher auf Festivals, Rockkonzerte und Diskotheken gehen, weil sie etwas erleben wollen. Diese Möglichkeit, dass Musik in einer so großen Masse alle Menschen verbindet ist ein einzigartiges Gefühl. Das gibt es bei dem Klaviersolokonzert halt nicht. Diese jungen Menschen wollen tanzen, sich bewegen, einfach nur locker sein und nicht auf hart und steif auf dem Stuhl sitzen und irgendeinem Klavierspieler zuhören, der irgendein komisches Werk, das sie nicht verstehen werden, weil sie noch nie zuvor klassische Musik gehört haben, spielt.
 
Haydnspaß

Haydnspaß

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Youtube ist doch das ideale Medium, um neue Freunde für Klassische (Klavier-)Musik zu gewinnen. Man kann sich ohne irgendwelche Formalien einfach mal diverse Klavierspieler anhören. Sowas gabs früher nicht. Das ist einfach phänomenal.

Ob es in Zukunft den "Klavierabend" im herkömmlichen Sinn noch geben wird, weiß ich nicht. Schon Glenn Gould hatte keinen Bock mehr auf diese Zeremonie. Und ob man da durch irgendwelche Aufpeppmethoden noch was retten kann, bin ich auch eher skeptisch.
 
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Pflaume

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Hallo,

ich denke die Jugend kann man heutzutage vorallem mit klassischer Filmmusik begeistern. (bin selber erst (oder schon) 25 eigentlich auch nur durch die Filmmusik zur Klassik gekommen).

Auch war ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Konzert ... der Filmmusik :D.
Das Publikum dort war total gemischt, es war ein toller Abend und das würde ich jederzeit wieder tun.

Das einzige was ich mir vielleicht auch anhören würde von einem Konzert, wären die vier Jahreszeiten oder Mussorgsky, aber weil ich die aus der Schulzeit kenne und mir beide sehr gut gefallen haben.

Ich denke bei der Klassik gibt es einfach sehr viele Dinge die einem auch nicht gefallen können, z.Bsp. alles was mit Moll zu tun hat oder sonst irgendwelchen traurig seltsamen Melodien sind absolut garnix für mich.

Zudem kenne ich einfach zuwenig diesbezüglich, Filmmusik ist einem da wesentlich eher ein Begriff, da sie vorallem überall zu hören ist.

Ich sag nur Gladiator *schmelz*, Fluch der Karibik, WuJi, Gremlins ... es gibt soviele ... oh und der Oberhammer Caravans!

Weiß garnicht wie man sich da als Pianist heutzutage so auf die alten Dinger versteifen muß.

Gruß
Pflaume
 
thepianist73

thepianist73

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mache ich eigentlich immer: 1. Teil klassisch, 2. Teil Jazz/Pop/Impro (was da raus kommt ist fast immer interessanter als das Zeug im 1. Teil, übrigens auch zum Spielen, nicht nur zum Hören)
 
Dimo

Dimo

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mache ich eigentlich immer: 1. Teil klassisch, 2. Teil Jazz/Pop/Impro (was da raus kommt ist fast immer interessanter als das Zeug im 1. Teil, übrigens auch zum Spielen, nicht nur zum Hören)
Finde ich gut - hoffe Du trittst auch mal im Rhein-Main-Neckar-Raum auf... ;)
Wie sind Deine Erfahrungen mit dieser Art von Programmgestaltung? Hast Du den Eindruck, es kommt beim Publikum gut an?
 
killmymatrix

killmymatrix

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Mmh... also ich weiß nicht recht. Nichts gegen moderne Pop-Musik und dergleichen aber wie du gesagt hast wirkt der musikalisch vermutlich leichtere Pop-Teil interessanter. Irgendwie habe ich da Angst, dass ich nach einem solchen Abend nicht mehr an schöne, tiefgründige klassische Musik denke sondern eher den Saal mit einem Pop-Ohrwurm verlasse... ;)

Nur so ein Gedanke. Ist natürlich trotzdem eine gute Idee, vor allem, wenn die klassischen Stücke davor nicht allzu schwer zu verstehen sind... aber wenn es um sehr tiefgründige Stücke geht halte ich einen anschließenden Pop-Teil nicht unbedingt für geeignet.

Wobei man da ja auch schauen müsste, was die Zuschauer eher anspricht. Sind jetzt nur mal meine Gedanken... ;)
 
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koelnklavier

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Ob es in Zukunft den "Klavierabend" im herkömmlichen Sinn noch geben wird, weiß ich nicht. Schon Glenn Gould hatte keinen Bock mehr auf diese Zeremonie. Und ob man da durch irgendwelche Aufpeppmethoden noch was retten kann, bin ich auch eher skeptisch.
Was macht denn den Reiz eines Live-Konzerts aus? Eben, daß es live ist, daß man nichts schneiden oder ausblenden kann. Und das wird auch noch in Zukunft begeistern. Der Tod des klassischen Konzerts ist die Versteinerung der Rituale. Wenn der Interpret nur noch als Nachlaßverwalter verblichener Musikheroen in Erscheinung tritt (stilgemäß mit Frack oder was auch immer), wird er auf Dauer keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Ich denke, daß das Zirzensische, meinetwegen die oberflächliche Akrobatik eine wichtige Rolle spielt. Die großen Virtuosen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren immer auch gute Selbstdarsteller, die sich und ihre manuellen Fertigkeiten gekonnt in Szene gesetzt haben. Rubinstein, Horowitz (und selbst Gulda) waren die letzten Dinosaurier jener Zeit.

Aber schon in den 20er Jahren des letzten (20.) Jahrhunderts traten dann zunehmend jene Pianisten auf den Plan, deren Credo asketische Werktreue war (Arthur Schnabel, Edwin Fischer, Backhaus, Kempff). Ich will deren Leistung nicht schmälern, aber seither wurden Klavierabende zunehmend zu Veranstaltungen von Insidern.

Inzwischen gibt es eine neue Generation, die von der Popmusik und der Werbebranche gelernt hat: Hélène Grimaud, deren Modelqualitäten mitunter besser sind als ihr Spiel, oder der putzige Chinese Lang Lang. Letzterer gibt ehrlich zu, daß seine Vorbilder Tom und Jerry sind, und diese Showeffekte beherrscht er vorzüglich.
(NB: In diesem Zusammenhang möchte ich mal wieder die Werbetrommel rühren für mein "Traumduo" Anderson & Roe - http://www.andersonroe.net)
Der Konzertabend darf nicht zur Weihe-Feierstunde geraten, sondern muß wieder ein professionelles Event werden. Ob "Gesprächskonzerte" es wirklich bringen, wage ich zu bezweifeln. Vollends peinlich wird es, wenn der Pianist sich nicht richtig artikulieren kann, vor sich hin nuschelt, oder wenn der erhobene didaktische Zeigerfinger spürbar wird.

Der Pianist Stefan Littwin hat in Köln einmal eine schöne Reihe mit Klaviermusik des 20. Jahrhunderts gemacht und dies in Form von Interviews mit Zeitzeugen. Höchst spannend und informativ - aber doch wieder nur etwas für Wissende und Insider.

Vielleicht stimmt es aber auch gar nicht, daß der Konzertbetrieb droht unterzugehen. Vielleicht sind nur die Konzertsäle zu groß dimensioniert, daß die leeren Plätze um so mehr auffallen. Auch in früheren Jahrhunderten war Kunst und Kultur nur einer kleinen Oberschicht vorbehalten (wobei ich mit "Oberschicht!" nicht nur die Reichen meine, sondern auch die Intellektuellen und Interessierten des kleinen und mittleren Bürgertums). Uns kommt es heute so vor, als ob diese Zeiten voller Kultur gewesen sind. Dies rührt aber nur daher, daß eben diese Schicht sich artikulieren und ihr Lebensgefühl der Nachwelt überliefern konnte.

Fällt mir zu Aufmunterung nur Richard Wagners Aufforderung ein:
"Kinder, schafft Neues!"
 
Guendola

Guendola

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Man sollte nicht nur an Konzerte denken, wenn es darum geht, Klaviermusik zu verbreiten. Youtube wurde ja schon erwähnt. Aber zum Beispiel gibt es auch viele Kneipen, bei denen ein Klavier in der Ecke steht, welches man eigentlich nur wieder aktivieren müßte. Ich glaube für junge Leute ist das Podium störend, auf das "klassische Musik" sowieso immer wieder verbal gestellt wird, dann noch frontal, der Zuhörer zum Schweigen verdammt und man sieht auch nicht gerade viel (es sehen ja nicht alle Pianisten aus wie Glenn Gould oder Valentina Lisitsa und dann sitzen sie noch weit weg auf der Bühne).

Mein Vorschlag daher: Kleine Lokalitäten wie Restaurants oder Kneipen, kein Eintritt sondern Mindestverzehr von zwei Getränken oder ähnliches oder einfach nur ein kleiner Spendentopf. Wenn ich ein solches Lokal hätte, würde ich einmal die Woche einen freien Musikabend machen, jeder, der mir dann glaubhaft versichern kann, daß er etwas vortragen kann, darf das tun (und ich führe zur Sicherheit eine schwarze Liste :D ). Oder anders ausgedrückt: Wenn die Jugend nicht in die Konzerte gehen will, müssen die Konzerte eben zur Jugend kommen, und das in einer möglichst lockeren Atmosphäre.

Was mehr vorgetragene Hintergrundinformation zum Konzertprogramm betrifft, bin ich da skeptisch. Nicht jeder Pianist ist auch Entertainer und eigentlich kann man sowas ja viel besser im Programm lesen - wenn es denn dort steht - und das sogar noch zuhause. Am schlimmsten ist es, wenn die Vortragenden dann noch versuchen, witzig zu sein und alle mitleidsvoll lachen.
 
Stilblüte

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Ich bin auch nicht dafür, dass der Klavierabend-Charakter grundsätzlich geändert wird.
Ich habe gar nichts gegen Komedie-Klassik (oder wie auch immer man das nennen möchte) und alle möglichen Ideen, die einem Publikum gefallen können.

Das Problem liegt wohl eher bei der Klassik selbst, oder vielmehr bei ihrem Image.
Wenn man eine Umfrage machen würde, ein Brainstorming bei Jugendlichen zwischen 8 und 18, würden vermutlich folgende Schlagwörter kommen:
Reich, Rentner, steif, konservativ, altmodisch, langweilig, teuer, uncool, streberhaft,... usw.
Klassische Musik ist einfach grundsätzlich total unten durch, Mozart ist bei vielen ein Synonym für die langweilige Musik ihrer Großtante.

Aber alle finden die Musik aus Fluch der Karibik oder Herr der Ringe toll, und fahren auf die primitive (sorry) Musik von Yann Tiersen ab.

Nicht jeder muss komplizierte Bachfugen mögen, aber es gibt auch sehr viel klassische Musik, die sofort jedem Laien zugänglich ist.

Es liegt meiner Ansicht nach nicht an der Musik.
Es liegt am Image der Musik.

Gruß Stilblüte
 
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pat83

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Um den Publikum klassische Musik zugänglich zu machen haben diese beiden Herrschaften einen sehr guten weg gefunden :) Müsste dem ein oder anderen hier eigentlich ein Begriff sein - ich spreche von Igudesman und Joo.

Seht es euch an, hab sie live erlebt, sind wirklich toll :)

http://www.youtube.com/watch?v=ifKKlhYF53w

http://www.youtube.com/watch?v=Xui7x_KF7bY&feature=related

bzw hier alles : http://www.youtube.com/user/HirnW

Da wird schon mal auf der Geige mit nem Milchschaumschläger gespielt oder Bond mit Mozart vermischt. Alles in allem ein ÄUSSERST interessantes und auch lustiges programm, das dem 0815 Menschen, der sich nicht für diese art von Musik begeistert einen Zugang schafft.
 
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koelnklavier

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Ist ja ganz nett, aber es kann doch nicht sein, daß die "Rettung des Konzertbetriebs" im Slapstick liegt!
 
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Pflaume

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Äh wenn Du damit meinst daß die Komponisten der heutigen Zeit nur so (meiner Meinung nach) seltsame Sachen zusammenschustern können wie Reich, Xenakis oder dieses Glass Gedudel (da gabs doch auch noch diese Orgel die alle paar Jahre mal ihren Ton wechselt), dann kann ich das wohl verstehen das die Pianisten sich nur auf altes Zeug berufen ... .

Ich bin eigentlich jemand dessen Geschmacksrichtung in Sachen Musik wirklich sehr breit ist, aber wenns dann irgendwann, so nach 3 Minuten an die Nervensubstanz geht und ich merke daß ich ohne Drogen hier nicht weiter komme, dann haben diese Komponisten mich schonmal nicht als begeisterten Zuhörer gewonnen.

Manchmal kann ich die Kritiken an den Filmmusik-Komponisten oder denen aus der New-Age Branche nicht nachvollziehen.
Das Ziel eines Kompinisten ist doch das, was ein Schriftsteller mit seinem Buch bewerkstelligen will. Das er die Dinge die er in seiner Vorstellung hat, für andere zugänglich macht.
Ob das nun Musik für einen Film ist oder für nen OP-Saal, wichtig ist doch nur das sie ihren Zweck erfüllt.
Mozart, Bach und Co. haben auch nichts anderes gemacht und wenn Sie die Möglichkeiten gehabt hätte, wie wir sie heutzutage haben, dann gäbe es neben Klaus Badelt und Hans Zimmer eben auch einen Johann Wolfgang.

Musiker haben es schon immer schwer gehabt, ganz egal in welchem Zeitraum sie gelebt haben.
Sicher kann man heute Musik per Knopfdruck machen, die muss dann aber auch so gut sein, daß sie sich mit den anderen tausenden per Knopfdruck gemachten Musikstücken messen kann.
Früher gabs die technischen Mittel nicht, aber auch nicht diese Flut an Neuen Dingen (wenn auch mittlerweile vieles nur gecovered ist).

Vielleicht ist das jetzt ein bisschen übermütig wenn ich das sage, aber ich bin der Meinung, das diejenigen die eine Begabung für ein Instrument haben, dieses auch noch jahrelang schon spielen und die dann ihre Chance nicht nutzen um hauptsächlich eigene Werke zu produzieren, das Beste an Ihrer Begabung irgendwo verfehlt haben.

Wenn die es nicht tun, die das Verständnis und das Können dafür besitzen, wer bitte dann?

Natürlich nur die, die es nicht können, aber es wenigstens mit ein paar Knopfdrücken versuchen und dann auch noch erfolgreich sind.

Das der Neid dann groß ist, wundert mich nicht.

Gruß
Pflaume
 
Guendola

Guendola

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...ok, es half nicht!


Das Problem liegt wohl eher bei der Klassik selbst, oder vielmehr bei ihrem Image.

Deswegen muß man die Musik ja auch mal in einem anderen Kontext präsentieren. Warum nicht mal in lockerer Kleidung (bitte passend zum Alter!) in einer Kneipe spielen, in der sonst nur Amateur-Rocker auftreten? Warum muß Kindern klassische Musik (fast) immer mit großen Worten vermittelt werden anstatt sie einfach ab- oder vorzuspielen? Musik muß nicht unbedingt erklärt werden. Wenn man drei Leuten das selbe Stück vorspielt, sagt der eine vielleicht "wunderschön", der zweite "banal aber ergreifend" und der dritte "voll krass, dazu muß ich mal mit meiner Xxxxx xxxxxx", das Wesentliche ist bei allen dreien angekommen.

Und noch was: Es gibt eine Unzahl von Amateur Rock-, Pop und Sonstwas-Bands, die auch immer ihr Publikum finden, notfalls auch mit Gewalt (z.B. Auftritte in Jungendzentren, Pausenhallen von Schulen während der Schulfeste etc.). Ich bezweifle arg, daß es eine vergleichbare Klassik-Scene gibt, denn ich sehe sie nicht. Viele lernen Klavier und schwärmen auch davon, aber sie spielen höchstens mal ihrer Familie vor, oder im trauten Kreis der Schüler ihrer Lehrer. Mein Repertoire ist im Moment sehr klein, aber ich spiele definitiv nicht zum Selbstzweck, ich werde überall dort spielen, wo es halbwegs erlaubt ist und mir kein körperlicher Schaden droht.
 
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Walter

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Konzerte

Ich behaupte jetzt einfach einmal, die meisten Leute gehen nicht wegen der Musik in ein Konzert - mindestens in der Provinz.

Die folgenden Beobachtungen sprechen dafür:

Spielt in unserer Kleinstadt einer einen Klavier Solo Abend, wird bei der Ankündigung in der Zeitung erwähnt, wie viele Preise dieser Mensch schon gewonnen hat und bei wem er alles studiert hat. Vielleicht werden die Komponisten erwähnt, von denen er was zu spielen gedenkt, aber die Kompositionen werden fast nie genannt. - Sollen die Leute also in das Konzert gehen um sich diesen Zeitgenossen anzugucken oder sich die Musik anzuhören? Solche Konzert sind dann auch fast leer.

Wird ein ähnliches Konzert von einem Freundeskreis der klassichen Musik oder der Konzertgemeinde angeboten, kommen die Leute, weil sie dem Freundeskreis angehören oder weil sie ihr Abo absitzen müssen.

Macht ein Chor ein Konzert, ist es fast egal, was gesungen wird, der Raum ist immer voll - am vollsten sind die Schulkonzerte mit Chor und Orchester. Wenn dort jeder seine Eltern, die Oma oder die Tante mitbringt, platzt die Bude aus allen Nähten. - Sind die Leute wegen der Musik gekommen?

Das ist ja alles legitim - aber ich suche Formen, bei denen die Leute gerne kommen und unter anderem auch gute Musik genießen können.

Das Gesprächskonzert? - Vielleicht nur eine kurze Einführung und wo nötig auch mit ein paar Takten als Hörprobe. Höchstens bei einem oder zwei Stücken. Ich gehe ja nicht zu einem Vortrag, ich will schöne Musik hören.
(Horowitz: "Die Leute wollen unterhalten sein".)

Konzerte mit Heiner Costabel: Er spielt nicht nur die gängige Musik der Romantiker, er erzählt auch auf sehr unterhaltsame Weise über die Musik, Musikeranekdoten, psychologische und physiologische Aspekte des Musik machens - in der Pause gibt es ein Glas Sekt und die Möglichkeit zum small-talk mit dem Künstler. Alles das für sehr viel Geld. Er muss ja leben davon. Eigentlich eine sehr ansprechende Form.

Ein Lehrer-Kollege von mir betreibt eine Künstlerkneipe in einem Bahnhof. Dort habe ich drei- oder viermal gespielt, einmal sogar auf dem Bahnsteig ... Der Eintritt war ganz ordentlich (ich selbst hatte nichts verlangt, die Kneipe wird von einem Verein getragen und macht keinen Gewinn), die Bude war trotzdem voll, bloß sind die Erwartungen beim Kneipenspiel anders. Bei mir war es einmal ein Klassikkonzert, einmal Swing und Ragtimes, einmal vermischt. Überwiegend waren meine Stammhörer da, die Künstlerkneipengäste selbst etwas unterrepräsentiert. Ich habe deutlich gespürt, dass ein reines Kneipenpublikum wohl eine "Weghörmusik" über sich ergehen lässt, wofür unser normales Klassikrepertoire durchaus auch was hergibt. Aber Pianostellen gehen total unter, die Leute wollen in der Kneipe sich unterhalten und nicht auf leise Musik hören.

Weitere Erfahrungen in einem nächsten Beitrag.
Schreibt auch weiter, ich lese Eure Beiträge mit sehr großem Interesse!

Walter
 
Dimo

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Ich behaupte jetzt einfach einmal, die meisten Leute gehen nicht wegen der Musik in ein Konzert -
Guter Punkt - man sollte das "Socializing" (gibt es eigentlich ein passendes deutsches Wort?) von Gleichgesinnten nicht unterschätzen.
Das erklärt vielleicht auch, warum viele Jüngere die Klavierabende "uncool" finden (wenn sie andere "Social events" haben...)

Das Gesprächskonzert? - Vielleicht nur eine kurze Einführung und wo nötig auch mit ein paar Takten als Hörprobe. Höchstens bei einem oder zwei Stücken. Ich gehe ja nicht zu einem Vortrag, ich will schöne Musik hören.
Der Ausdruck "Gesprächskonzert" gefällt mir eigentlich weniger. Ich dachte eher an eine Mischung von Text und Musik im Verhältnis 10 zu 90.
Die Texte sollten unbedingt unterhaltsam sein (billiger Klamauk wäre auch fehl am Platz) und auch nicht vom Pianisten, sondern idealerweise von einem eigenen Sprecher gesprochen werden.
Freunde von mir haben das mal bei einem A-capella-Konzert so gemacht und es kam sehr gut an.
 
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stephen

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Klassische Musik ist einfach grundsätzlich total unten durch, Mozart ist bei vielen ein Synonym für die langweilige Musik ihrer Großtante.

Aber alle finden die Musik aus Fluch der Karibik oder Herr der Ringe toll, und fahren auf die primitive (sorry) Musik von Yann Tiersen ab.

Nicht jeder muss komplizierte Bachfugen mögen, aber es gibt auch sehr viel klassische Musik, die sofort jedem Laien zugänglich ist.

Die meisten wissen gar nicht, was Mozart alles geschrieben hat.
Und dass auch (selbst)erklärte Klassik-Sender immer nur dasselbe spielen (draußen seit Wochen kein Schnee, aber Vivaldis Winter von allen Seiten...), hilft da nicht wirklich weiter, solange die Alternativen nicht in der Hauptsendezeit genügend Anteil bekommen.
(BTW, meine Großtante hatte noch viiiiiiel langweiligere Musik, und der dazugehörige Onkel erst, auf Schellack, 78U.)

Auch "primitive" Musik ist Musik. Kinder wachsen mit primitiver Musik auf, so etwas langweiliges wie Lieder am Lagerfeuer (wer schleppt da schon vierstimmige Noten mit?) wird sogar noch von älteren gepflegt! (Wenn man den Evolutionsforschern glauben darf, dann ist Gesang, egal wie "primitiv", eine essentielle Form der Kommunikation. Opernarien pervertieren das aus meiner Sicht allerdings :( )

Die Grenze zwischen E und U ist an manchen Stellen ziemlich unscharf - Operettenouvertüren z.B. oder andere Gassenhauer sind Beispiele dafür.

Ist ja ganz nett, aber es kann doch nicht sein, daß die "Rettung des Konzertbetriebs" im Slapstick liegt!

Gerade der frühe Slapstick kam ohne Musik gar nicht aus (noch heute gibt es in manchen Kinos ein Klavier oder eine Kinoorgel). Laurel & Hardy ohne Klavier(-begleitung), unvorstellbar!
Oder habe ich Dich mistverstanden und Du meinst eher sowas wie Hans Liberg?
 
 

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