Ausgabe erhören

Pianojayjay

Pianojayjay

Dabei seit
Mai 2013
Beiträge
6.100
Reaktionen
5.883
Seit einiger Zeit möchte meine Lehrerin, dass ich möglichst die Urtext ausgaben verwende. Am Anfang fand ich dies recht Gewöhnungsbedürftig, mittlerweile geht es ganz gut. Was mich aber interessieren würde: kann man den Unterschied eigentlich am hören erkennen? Klar, hier und da gibt es strittige Töne, das sind klare Zeichen. Aber wie ist es nur anhand der Dynamik etc.?
 
rolf

rolf

Dabei seit
Feb. 2008
Beiträge
27.854
Reaktionen
17.939
...wenn eine Ausgabe einen Kniefall macht und um die Hand bittet, dann kann man sie erhören oder ihr einen Korb geben...

nein, man kann nicht hören, ob z.B. Kissin eine Henle- oder Schottausgabe benutzt hat.

übrigens sagt die Notenauswahl eines Interpreten nichts über dessen Interpretationsstil.
 
Steinbock44

Steinbock44

Dabei seit
Sep. 2013
Beiträge
1.725
Reaktionen
1.137
Eventuell meinst du Bach Ausgaben. Da sind Uneterschiede durchaus hörbar z.B. bei Anwendung der Triller. Ferner bei anderen Kompositionen sind die Pedalnotationen je nach Ausgabe unterschiedlich. Aber wie schon erwähnt, der Interpretationstil macht hauptsächlich den hörbaren Unterschied.
 
Pianojayjay

Pianojayjay

Dabei seit
Mai 2013
Beiträge
6.100
Reaktionen
5.883
Nicht nur Bach. Vergleich mal chopin Balladen und scherzi mit Peters, es sind einige unterschiede vorhanden, auch Schubert oder Beethoven
 
Steinbock44

Steinbock44

Dabei seit
Sep. 2013
Beiträge
1.725
Reaktionen
1.137
Ob man Wiener Urtexte, Henle oder Peters Ausgaben verwendet ist eigentlich nicht so wichtig. Bei berühmten Pianisten sieht man auf den Notenpult diese oder jene Ausgabe.
 
K

koelnklavier

Dabei seit
März 2007
Beiträge
2.612
Reaktionen
1.440
Was mich wundert: wie unreflektiert der Begriff "Urtext" verwendet wird - als ob es den einen, allgemeingültigen Urtext gäbe! Was einem Herausgeber im Idealfall (?) vorliegt:
  • Entwürfe, Skizzen
  • Arbeits-Manuskript (die bisweilen nur schwer lesbar sind)
  • Reinschrift
  • Erstausgabe
  • Korrekturen des Komponisten in der Erstausgabe
  • Abschriften von Schülern, bzw. Eintragungen des Komponisten in Schüler-Exemplaren
  • Hinzu kommt evtl. Briefkorrespondenz, die sich auf das Werk bezieht.
Wovon wir bei alledem nichts wissen: Was ist mündlich verhandelt worden zwischen Komüponist, Verleger und Notenstecher? (Damals gab es noch keine Norm ISO 9000, nach der jeder Geschäftsvorfall dokumentiert werden mußte.)

Aus all diesen - mitunter sehr widersprüchlichen (!) - Informationen soll der Herausgeber eine "Urtext"-Ausgabe erstellen, die:
  • lesbar sein soll,
  • spielpraktischen Erfordernissen genügt,
  • wissenschaftlich korrekt ist,
  • preiswert ist,
  • ...
Was nachher auf dem Papier steht, ist eine Lesart von vielen möglichen - eine Lesart, wie sie dem Herausgeber plausibel erscheint. Es gilt vieles zu bedenken, z.B.:
  • Fehlen Akzidentien, oder war es eine bewußte Variante des Komponisten?
  • Sollen Varianten in parallelen Stellen angeglichen werden?
Wer sich einmal mit der Materie beschäftigt hat, wird wissen, daß dies mitunter der Quadratur des Kreises gleicht. "Kritische Berichte", die auf abweichende Lesarten und Zweifelsfälle verweisen, werden von den meisten Musikern nicht zur Kenntnis genommen. Alternative Lesarten im Kleindruck in die Noten zu setzen macht den Notentext unübersichtlich. Und was tun mit den zahlreichen Fingersatz-Varianten, die Chopin seinen Schülerinnen in die Noten geschrieben hat?

Abschreckendes Beispiel wissenschaftlicher Akribie (in Sachen Lesbarkeit) sind die Chopin-Etüden, die Badura-Skoda beim Wiener Urtext herausgegeben hat. Graphisch besser gelöst (mit Graudruck) sind die Bach-Ausgaben des Alfred-Verlags (die allerdings andere Schwächen haben) ...

"Ach, Luise, das ist ein zu weites Feld ..."
 
Steinbock44

Steinbock44

Dabei seit
Sep. 2013
Beiträge
1.725
Reaktionen
1.137
Die Lehrerin soll begründen, warum sie die Urtext Ausgaben empfiehlt.
 
J

jannis

Dabei seit
Sep. 2008
Beiträge
479
Reaktionen
552
Koelnklavier hat die Probleme, einen (einzigen, richtigen) Urtext zu erstellen, sehr ausfuehrlich dargelegt. Warum man einen "Urtext" verwenden sollte? Eigentlich will ich beim Studium der Partitur den Willen des Komponisten und nicht den eines Herausgebers, also bereits eine Interpretation des Textes moeglichst unverfaelscht erforschen koennen. Ich will zu meiner eigenen Interpretation kommen und nicht zur "Interpretation der Interpretation eines Verlegers". Die Komponisten kann ich in den wenigsten Faellen noch sprechen, also will ich wenigstens einen "von Willkuerlichkeiten/Interpretationen des Herausgebers gereinigten Notentext. Bsp: Was nuetzt mir die Metronomangabe eines Herausgebers, wenn er die des Komponisten (falls es eine gibt) "korrigiert/verschweigt". Ebenso bedenklich sind Zusaetze/Aenderungen in Satzbezeichnungen (z.B. "Allegro non tanto", wo der Komponiste schlicht "Allegro" notiert hat etc.). Vortragsbezeichnungen, Pedal, selbst die Originalfingersaetze koennen Hinweise zur Interpretation geben.
Deswegen nehme ich lieber Urtext, gern mit kritischem Bericht, den ich auch lese.
Jannis
 
Stilblüte

Stilblüte

Super-Moderator
Mod
Dabei seit
Jan. 2007
Beiträge
10.232
Reaktionen
13.499
Jeremias, ehrlich gesagt überraschst du mich mit dieser Frage. Für mich sollte die eher lauten: Was für Gründe gibt es, nicht aus einer Urtextausgabe zu spielen, also einer Ausgabe, die sich wenigstens bemüht, möglichst originalen und beabsichtigten Text abzudrucken.

Für mich ist es eine Frage von Respekt gegenüber dem Komponisten, dem Stück und mir selbst (bzw. der Arbeit, die ich leiste), dass ich nicht irgendwie spiele, und auch dass ich eben nicht irgendwas spiele.

Das wird dann wichtig, wenn man die Zeit und Gedanken hat (oder sich nimmt), nicht nur die richtigen Töne zu spielen und das Stück auf einen Ablauf schöner Aneinanderreihung von rhythmisierten Noten zu reduzieren, sondern versucht, wirklich tief einzutauchen, Absicht, Wirkung und Botschaft zu verstehen.
Vermeinliche Kleinigkeiten, die man überliest oder die von Verlagen gerne mal verändert werden, können dann eine große Wirkung auf den Gestus und Charakter des Stückes, die Interpretation und damit den Eindruck haben, den ein Vorspiel hervorruft.

Bestes Beispiel sind Bögen. Bögen kennzeichnen Phrasierung und Sinnzusammengehörigkeit, und unverschiedliche Phrasierung kann ganz unterschiedliche, sehr deutlich hörbare Ergebnisse produzieren.

Stell dir einfach vor, du würdest ein Stück komponieren, jemand würde darin herumkritzeln und es dann veröffentlichen. Wäre dir das egal? Vermutlich nicht, aber Bach und Chopin können sich halt nicht mehr wehren...

Anders verhält es sich natürlich mit Ausgaben, die extra als bearbeitet und mit Hinweisen versehen herausgegeben werden, um eine Interpretation vorzuschlagen (z.B. von Cortot). Wenn man die verwendet, ist man sich dessen aber hoffentlich bewusst und zieht trotzdem noch einen Originaltext hinzu.
 
Hartwig

Hartwig

Dabei seit
Apr. 2006
Beiträge
1.119
Reaktionen
104
Danke Stilblüte,

das hast Du gut als Deine Einstellung dargestellt, der ich mich gern anschließe.
Ich kann es nur nicht mit all dem Hintergrundwissen, das Du hast, erkunden und dann hier wiedergeben, aber ich bevorzuge aus den von Dir dargestellten Gründen auch vorrangig die Originaltexte.

Gruß Hartwig
 
 

Top Bottom