Übersichtsstudie Schulunterricht

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Nica

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Vielleicht ist dieser Artikel auch für KLs interessant: Hattie-Studie | ZEIT ONLINE Es geht um die Ergebnisse eines Wissenschaftlers, der eine riesige Zahl an Metaanalysen zum Schulunterricht ausgewertet hat.

Vieles ist natürlich im Klavierunterricht nicht relevant (z.B. Klassengrößen), anderes aber doch (Bedeutung des Lehrers, Klarheit (der Inhalte und Ziele), Respekt, Vertrauen, sachliches Feedback).


Edit: Ich habe allerdings gegen ein Grundprinzip verstoßen und die Originalstudie nicht angeschaut. Insofern muss ich wohl erstmal davon ausgehen, dass ein großer Teil des Artikels nicht stimmt.
 
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gubu

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Vieles davon predige ich seit Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Von den meisten Pädagogen wurde ich dabei in der Regel wie ein ekliges Insekt oder wie ein gänzlich Ahnungsloser angeschaut...:)

Schulen sind Biotope, die Einflüsse von außen kaum zulassen. Schlechte Lehrer genießen in D leider Artenschutz, obwohl vom Aussterben alles andere als bedroht....
 
Klavierretter

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Unglaublich.... der Lehrer soll das ausschlaggebende Kriterium beim Lernerfolg sein?
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man ja drüber lachen... da muss man erst eine langjährige Studie machen? Ich weiß das schon seit Jahrzehnten... aber mich fragt ja keiner...

LG Georg
 
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Nica

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Unglaublich.... der Lehrer soll das ausschlaggebende Kriterium beim Lernerfolg sein?
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man ja drüber lachen... da muss man erst eine langjährige Studie machen? Ich weiß das schon seit Jahrzehnten... aber mich fragt ja keiner...

Es gibt halt ziemlich viel, das man "schon ewig weiß", das aber leider falsch ist... Insofern ist es wichtig, dass diese Analyse veröffentlicht worden ist.

Immerhin haben sie die Lehramtsstudiengänge ein bißchen verändert - es gibt jetzt viel früher Schulpraktika. Es wird also zumindest ein bißchen auch an dieser Seite getan, da unterschlägt der Artikel aus meiner Sicht einen wichtigen Punkt, an dem die Politik eingreifen kann, nämlich an der Ausbildung der Lehrer.
 
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gubu

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Es gibt halt ziemlich viel, das man "schon ewig weiß", das aber leider falsch ist... Insofern ist es wichtig, dass diese Analyse veröffentlicht worden ist.

Immerhin haben sie die Lehramtsstudiengänge ein bißchen verändert - es gibt jetzt viel früher Schulpraktika. Es wird also zumindest ein bißchen auch an dieser Seite getan, da unterschlägt der Artikel aus meiner Sicht einen wichtigen Punkt, an dem die Politik eingreifen kann, nämlich an der Ausbildung der Lehrer.

Ja, doch so lange an den Unis viele lehren, die dort sind, weil sie den Schulalltag scheuten, wird sich so viel nicht ändern!
 
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chiarina

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Ich stimme der Studie absolut zu. Ehrlich gesagt, bin ich mir sicher, dass gute Lehrer genau wissen, wieviel Anteil sie haben. Meine Schwester, Grundschullehrerin, sagt immer, dass die Kinder erst mal nur für die Lehrer, in dem Fall sie, lernen.

Mich erinnert das an das Stufenmodell von Kohlberg. Eigentlich ist das eine "Theorie der Moralentwicklung", aber man kann - und Kohlberg tut das auch - diese durchaus in Beziehung setzen zum Lernen.

27_kohlberg.png


Leider weiß ich nichts Genaueres mehr, was das angeht, und kann nur grob aus der Erinnerung sagen, dass die dritte Stufe des Lernens über die lehrende Person geht. Die Schüler möchten die Erwartungen der Lehrkraft erfüllen, sie lernen vor allem für sie. Später sind sie vielleicht schon weiter in ihrer Entwicklung, dann kommt die Ein- und Wertschätzung der Person und des Unterrichtsstils der Lehrkraft hinzu.

Man braucht nur die Schüler befragen, wie es auch im Artikel steht ..................... . Die wissen, dass das so ist.

Ich stelle immer wieder fest, dass vor allem strukturiertes Denken, Klarheit in Sprache und Auftreten, mangelndes Einfühlungsvermögen in die Sicht der Schüler, Austausch zwischen Lehrkräften und Selbstreflexion fehlt. Selbstkritik fehlt nicht immer, aber oft wissen Lehrkräfte einfach nicht, wo das Problem ist. Meiner Meinung würde das besser, wenn sie von Schülerseite viel mehr Feedback bekommen würden (Hattie sagt das auch). Da haben wir Klavierlehrer es gut. Im Einzelunterricht bekomme ich immer sofortiges Feedback. Und darüber bin ich sehr dankbar, denn wie sollte ich mich sonst verbessern!

Liebe Grüße

chiarina
 
pppetc

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Ich stelle immer wieder fest, dass vor allem strukturiertes Denken, Klarheit in Sprache und Auftreten, mangelndes Einfühlungsvermögen in die Sicht der Schüler, Austausch zwischen Lehrkräften und Selbstreflexion fehlt.

Tjap, das stellt man immer wieder fest - und auch in dem von Dir Zitierten:

In Gesellschaften gibt es eine Vielzahl von Werten die
z.B. im Interesse der Gerechtigkeit befolgt werden
sollen. Gesetze können relativiert werden. (für
übergeordnete Prinzipien die der Gesellschaft von
Nutzen sind.)



grutz hund kutz

stephan
 
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"Schlechte Lehrer genießen in D leider Artenschutz, obwohl vom Aussterben alles andere als bedroht.... " (ich krieg die Zitate irgendwie nicht in der Sprechblase hin... egal, ich komme zum Thema:) Das mag stimmen, aber ob die ewige Lehrerschelte zielführend ist, würde ich mal bezweifeln. Es lenkt m.E. nur davon ab, dass das Schulsystem in Dt eben doch alles andere als optimal ist. Man denke an G8, an 25 Wochenstunden für Lehrer am Gymnasium, oder daran, dass das Gymnasium eigentlich schon Pflichtprogramm für alle Schüler ist, sehr zum Schaden vieler Kinder. Dann die Behauptung, eine kleine Klassengröße sei nicht hilfreich... sie hilft vielleicht den Kindern nicht, wohl aber den Lehrern; denn die lieben Kleinen können im Rudel ganz schön anstrengend sein. Ich bin keine Lehrerin, unterrichte aber anderweitig und weiß, wovon ich spreche.
 
Ambros_Langleb

Ambros_Langleb

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Eins versteh ich hier nicht:

" Will er etwas erreichen, muss ein Lehrer sich vielmehr als Regisseur verstehen, als »activator«, der seine Klasse im Griff und jeden Einzelnen stets im Blick hat.". Wie kann er das denn in einer großen Klasse? Die Klassenstärke erklärt er ja (jedenfalls lt. Artikel) für irrelevant.
 
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chiarina

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Eins versteh ich hier nicht:

" Will er etwas erreichen, muss ein Lehrer sich vielmehr als Regisseur verstehen, als »activator«, der seine Klasse im Griff und jeden Einzelnen stets im Blick hat.". Wie kann er das denn in einer großen Klasse? Die Klassenstärke erklärt er ja (jedenfalls lt. Artikel) für irrelevant.

Ich glaube, man muss da sehr differenzieren. Es kommt bei der Klassengröße nämlich auch auf die äußeren Umstände an. Häufig sitzen 33 Schüler in Gymnasien in Räumen, die für 25 konzipiert wurden. Ich kenne eine Klasse, bei der die Schüler nur zur Tafel gelangen, wenn sie über Tische und Bänke klettern ...... . Solch ein dichtes Gedränge führt in der Regel zu einer großen Unruhe in der Klasse und auch zu großer Unübersichtlichkeit. Hätte man einen richtig tollen Raum, der auch verschiedene Unterrichtssituationen zulässt, Platz für Materialien etc. hat, kann Unterricht auch in größeren Klassen gelingen, meine ich.

Dann wird die unterschiedliche Klassengröße vor allem bei sehr unterschiedlicher Schüleranzahl bedeutsam sein: ob 33 oder 28 Schüler halte ich nicht für relevant (Ausnahme: zu kleine Räume). Wenn Schüler in die Oberstufe kommen und manchmal unter 20 in einem Kurs sind, ist das nach ihren Angaben ein Riesenunterschied.

Ich meine eigentlich nicht, dass hier Lehrerschelte betrieben wird. Die Wichtigkeit der Lehrperson wird vielmehr in den Vordergrund gestellt und darum geht es ja. Lehrer zu sein, ist kein einfacher Beruf und es wird aus meiner Sicht im Vorfeld zu wenig auf die Eignung geachtet.

Liebe Grüße

chiarina

P.S.: Ich darf über Lehrer meckern. :D In meiner Familie sind nicht nur Eltern Lehrer, sondern auch Onkel, Tanten, Geschwister, Cousinen, Neffen ................... . :p
 
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Nica

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Eins versteh ich hier nicht:

" Will er etwas erreichen, muss ein Lehrer sich vielmehr als Regisseur verstehen, als »activator«, der seine Klasse im Griff und jeden Einzelnen stets im Blick hat.". Wie kann er das denn in einer großen Klasse? Die Klassenstärke erklärt er ja (jedenfalls lt. Artikel) für irrelevant.

Ich hab gerade noch ein bißchen geschaut (allerdings nicht supergründlich). Wenn ich es richtig verstehe, zeichnen sich exzellente Lehrer unter anderem dadurch aus, dass sie Störungen schon im Vorfeld vermeiden, auf Feedback von den Schülern achten und metakognitiven Fähigkeiten der Schüler stärken. Bei diesen Lehrern sind anscheinend eine Reihe kognitiver Prozesse stärker automatisiert als bei den nicht-exzellenten Lehrern. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Kombination (und zusätzlich noch die anderen Unterschiede, die er gefunden hat) dazu beitragen, dass exzellente Lehrer auch große Klassen gut unterrichten können.

Es bleibt natürlich die Frage, warum kleinere Klassen bei nicht so guten Lehrern keine Verbesserung bringen. Vielleicht gehen diese Lehrer sowieso nicht so auf die einzelnen Kinder ein, so dass auch bei ihnen die Klassengröße am Ende keinen Effekt hat.

Aha - jetzt hab ich noch weiter geschaut. Unter "Activator" fällt tatsächlich vieles, das von der Klassengröße unabhängig ist: Schüler zu Selbstausdruck anleiten, Schülern metakognitive Fähigkeiten beibringen, herausfordernde Ziele setzen, regelmäßige Tests mit darauffolgendem Feedback.

Hier sind ein paar Infos, die ich gefunden habe:
- die Effektstärken der Studie: Wissen was wirklich wirkt | Hattie-Studie: Visible Learning
- ein Vortrag über den Unterschied zwischen exzellenten und nicht-exzellenten Lehrern: http://www.decd.sa.gov.au/limestonecoast/files/pages/new page/plc/teachers_make_a_difference.pdf
- die Bedeutung von Feedback: Die Feedbackschleife nach Hattie | Hattie-Studie: Visible Learning
- hier sind auch noch Artikel dazu drin: http://www.afl.hessen.de/irj/servle...481,22222222-2222-2222-2222-222222222222,true
- Zusammenfassung als Folien: http://www.emse-netzwerk.de/uploads/Main/EMSE13_Koeller_pp.pdf
- Zusammenfassung als Text: http://www.emse-netzwerk.de/uploads/Main/Hattie_Verff._SV_1.Teil 20.06.11.pdf
- Strategien zur Verbesserung: http://www.emse-netzwerk.de/uploads/Main/Hattie_Verff _SV_2.Teil 12 09 11.pdf
 
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Nica

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Oh, da war ich wohl zu idealistisch. Chiarinas Lösung der Frage ist sicher die wahrscheinlichere: Die meisten Bildungsstudien, die eine Reduktion der Klassengröße untersucht haben, haben sich bestimmt im Bereich von 25-35 Schülern bewegt, vermute ich jetzt einfach mal.
 
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Ich meine eigentlich nicht, dass hier Lehrerschelte betrieben wird. Die Wichtigkeit der Lehrperson wird vielmehr in den Vordergrund gestellt und darum geht es ja.

Ich meinte eigentlich gar nicht diese Diskussion oder die Studie, sondern nur den einen Beitrag zu den schlechten Lehrern, von denen es so viele geben soll. Vielleicht ist das ja so, aber der Staat tut auch nicht genug für die Bildung. Na ja, das ist nur meine Meinung.

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes fragen. Mich interessiert schon länger, ob es ein Stufenmodell, wie Du, Chiarina, es hier eingestellt hast, auch für den Klavierunterricht gibt oder ob etwas in der Art zumindest diskutiert wird. Für einige Schulfächer hat man das ja schon ganz gut untersucht und teils auch differenzierte Modelle entwickelt. Weiß jemand von Euch vielleicht etwas darüber?
 
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gubu

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Ich meinte eigentlich gar nicht diese Diskussion oder die Studie, sondern nur den einen Beitrag zu den schlechten Lehrern, von denen es so viele geben soll. Vielleicht ist das ja so, aber der Staat tut auch nicht genug für die Bildung. Na ja, das ist nur meine Meinung.

Was soll denn der Staat da unternehmen? Jede/n Schüler/in mit dem Taxi zur Schule bringen lassen ? :)

Wir verschanzen uns in D zu gern hinter dem Staat und irgendwelchen Debatten um Strukturen, statt die vielen Möglichkeiten zu nutzen, die es bereits gibt.

Was nützt ein hochmodernes Krankenhaus, wenn viele Ärzte darin schlecht sind?
 
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Rubato

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Lehrer-Bashing bringt sicher nicht viel und ist oft auch unberechtigt. Es gibt viele extrem engagierte und erfolgreiche Lehrer. Sicherlich ist es aber schade, daß der Beamtenstatus und die Wagenburgmentalität der Schulen eine gesunde Qualitätskontrolle der von Lehrern erbrachten Leistung sehr effektiv verhindern.

Wer selbst mehrere Kinder in der gleichen Schule hat oder hatte, hat vielleicht auch folgenden Eindruck (Eindruck ist ungleich wissenschaftliches Studienergebnis, aber näher am eigenen Leben ;)) gewonnen:

- es gibt schlechte Lehrer
- es gibt gute Lehrer
- es gibt Lehrer, die für den einen Schüler gut, für den anderen schlecht sind

In jedem Fall ist mein Eindruck als ehemaliger Schüler, als Eltern(teil) und als Lehrender (nicht an Schulen), daß der Lehrer in jedem Fall der zentrale Erfolgsfaktor ist - alle Diskussionen über Staat, Schulsystem, Bildungsfinanzierung sind deswegen nicht obsolet, treten aber in ihrer Bedeutung dagegen in den Hintergrund. Wenn die Ausbildung der Lehrer jetzt schon verbessert wurde, ist das doch schon ein guter und notweniger Anfang. Aber wahrscheinlich noch nicht hinreichend.

Gruß
Rubato
 
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... also, bei der Frage von gubu weiß ich wirklich nicht, wo ich anfangen soll... Ich glaube nicht, dass man Lehrer einfach in good guys und bad guys einteilen kann. Unterstellen würde ich, dass jeder Lehrer zunächst einmal motiviert ist. Das bleibt aber nicht so. Warum?

Einmal hat ein Lehrer faktisch viel Arbeit. Es mag ja sein, dass ein Lehrer, der Sport und Mathe unterrichtet, mit 41 Stunden pro Woche hinkommt. Ein Lehrer, der Englisch und Deutsch unterrichtet, aber mit Sicherheit nicht, es sei denn, er hört auf, ein guter Lehrer zu sein, und schlägt sich auf die Seite der Bösen - z.B. weil ihm seine Familie am Herzen liegt und er sie nicht um die Zeit betrügen will, die ihnen (und nicht dem Beruf) zusteht.

Dann hat der Lehrer seinen Lehrplan, den er als guter Lehrer erfüllen möchte. Leider sind die G8-Lehrpläne in dem Bundesland, mit dessen Verhältnissen ich vertraut bin, so gestrickt, dass möglichst viel Stoff in den 'neuen' Lehrplan gerettet wurde, so dass die G8ler von Haus aus eine viel größere Stoffmenge, bezogen auf die Jahre, bewältigen müssen. Parallel dazu wird die Schule überfrachtet mit Projektwochen, Antimobbingwochen, Internetwochen, Umweltwochen, Elterntagen, Sporttagen, Wanderungen, Konferenzen usw. usf., so dass weniger Zeit zur Vermittlung des Stoffs zur Verfügung steht. Bei den Schülern entsteht natürlich der Eindruck, dass letzterer sowieso unwichtig ist. Alles sehr frustrierend für den guten Lehrer: Er hat irgendwann zwangsläufig den Eindruck, gegen Windmühlen zu kämpfen.

Dann hat der Lehrer Eltern. Eltern, die weitsichtig genug sind, für ihr Kind schon in der ersten Klasse das Studium zu planen, dabei aber nicht zwangsläufig auf die Idee kommen, ihm zu zeigen, wie man selbständig die Schuhe bindet (kein Witz, keine metaphorische Rede). Dieser Elterntyp ist dann auch derjenige, der sich beschwert, wenn der Kleine nicht die erwünschten Noten nach Hause bringt. Sicher nicht schön für den guten Lehrer.

Dann hat ein Lehrer Schüler. Ein gewisser Mangel an Sozialkompetenz ist wohl in einem bestimmten Alter entwicklungsbedingt und muss einfach akzeptiert werden, ist aber doch schwierig. Mindestens ebenso schwierig: Schüler sehen die Schule nur bedingt als öffentlichen Raum, den sie klar vom Privaten abgrenzen, und sie sehen gerade im "guten" Lehrer eine Ansprechperson für ihre Anliegen. Hört man von einem Schüler die Formel "das hat jetzt eigentlich gar nichts mit Ihrem Unterricht zu tun, aber...", verbunden mit einem bestimmten Gesichtsausdruck, dann weiß man, dass es wieder soweit ist und man Einblicke in das Seelenleben der Schüler bekommt. Tja, und kann der Lehrer diese Einblicke einfach abstreifen, wenn er nachmittags das Schulgebäude verlässt? Nein, kann er nicht, denn er hat sechs Stunden lang trainiert, Verantwortung für die lieben Kleinen zu übernehmen. So gesehn ist das so, als ob ein Pianist abends die Fähigkeit, Hänschen klein spielen zu können, einfach ablegen würde. Mehr oder weniger bewusst beschäftigt der Lehrer sich mit dem ihm Anvertrauten, mit mehr oder weniger großem Aufwand muss er es beiseite schieben (Warum spielen so viele Lehrer Klavier? Meine These: Nein, nicht darum, weil sie so viel Zeit übrig haben, sondern weil es keine bessere geistige Ablenkung gibt).

Natürlich - selbstverständlich! - sind das alles Probleme, die durch bessere Finanzierung - für kleiner Klassen, für ein geringeres Lehrdeputat - entschärft werden könnten. Meinetwegen muss dafür auch nicht jede Schule den neuesten Technikschnickschnack haben.
 
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Rubato

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Zitat von Joaninha;269093[B:
... Einmal hat ein Lehrer faktisch viel Arbeit. Es mag ja sein, dass ein Lehrer, der Sport und Mathe unterrichtet, mit 41 Stunden pro Woche hinkommt. Ein Lehrer, der Englisch und Deutsch unterrichtet, aber mit Sicherheit nicht, es sei denn, er hört auf, ein guter Lehrer zu sein, und schlägt sich auf die Seite der Bösen - z.B. weil ihm seine Familie am Herzen liegt und er sie nicht um die Zeit betrügen will, die ihnen (und nicht dem Beruf) zusteht. [/B]
Er hat irgendwann zwangsläufig den Eindruck, gegen Windmühlen zu kämpfen.

...
... dass es wieder soweit ist und man Einblicke in das Seelenleben der Schüler bekommt. Tja, und kann der Lehrer diese Einblicke einfach abstreifen, wenn er nachmittags das Schulgebäude verlässt? ...

Hallo Joaninha,

Dir ist vorbehaltlos zuzustimmen, und was Du beschreibst, deckt sich recht gut mit der Selbstwahrnehmung der meisten Lehrer, die ich persönlich kenne. Für sich genommen sind alle Punkte auch korrekt und schlüssig.

Eines der Probleme liegt m.E. darin, daß Lehrer erstmal zur Schule gehen, von dort nahtlos zur Uni/PH, von dort aus Praktika und Referendariat im Schuldienst machen und dann wieder an die Schule gehen, und zwar: als Lehrer! Das kann man vielleicht nicht ändern, aber genau diese Unkenntnis darüber, was "da draußen" im Berufsleben so vor sich geht, führt wohl dazu, daß ich persönlich keine Berufsgruppe kenne, die so gerne und so viel über ihre Arbeitsbedingungen klagt.

Man muß sich darüber im klaren sein: Es gibt kein Land weltweit, das Lehrer besser bezahlt als Deutschland. Wenn man die Vergütung eines Oberstudienrats (wird am Gymnasium zuverlässig nach einigen Jahren erreicht) nimmt (bitte Netto vergleichen wegen fehlender Sozialversicherungsabgaben, da Beamter; Altersversorgung mit berücksichtigen!), dann muß man in der freien Wirtschaft schon im mittleren Management tätig sein oder im Krankenhaus als angestellter Oberarzt tätig sein, um vergleichbare Gehälter zu erzielen. Im gesamten Sozialbereich, wo auch Aademiker in kritischen Konstellationen tätig sind, wird dieses Gehalt nicht erreicht. Das heißt nun überhaupt nicht, daß Lehrer überbezahlt wären. Nur, daß von Ihnen dann schon auch etwas abverlangt werden darf, oder ?

Zum Familienproblem: Es gibt wohl keine andere gutbezahlte Vollzeittätigeit, die so problemlos mit Kindern und Familie vereinbar ist. Die Ferien sind lang, und je nach Schulform ist man an mehreren Nachmittagen zu Hause. Nein, dann hat man nicht frei - aber man kann sich die anstehenden Korrekturarbeiten etc. völlig frei einteilen und z.B. abends noch etwas machen, wenn die Kinder im Bett sind. Dazu kommen extrem flexible Regelungen zur zeitweisen Reduktion des Lehrdeputats und zu Auszeiten mit vollständig garantiertem Rückkehrrecht. Wo sonst gibt es all das ? :confused:

Gegen Windmühlen kämpfen: Ja, stimmt. Wenn ich aber z.B. einen beliebigen Projektleiter eines beliebigen Projekts in der Wirtschaft nehme, wird er genau dasselbe sagen. Und er wird von Kunden berichten, von denen er sich in recht unhöflicher Art und Weise abkanzeln lassen muß. Ärzte und viele andere Berufsgruppen werden dasselbe aus ihrem jeweiligen Umfeld berichten. Trotzdem haben viele Spaß an der Arbeit und klagen nicht. Und wenn doch: Dann orientieren sie sich eben um und machen etwas anderes: Für Lehrer undenkbar ?:confused:

Einblicke in das Seelenleben - da kann jede Führungskraft aus der Wirtschaft vieles berichten, dies beschränkt sich nicht auf Lehrer. Persönliche Konflite zwischen Mitarbeitern und individuelle Probleme einzelner Angestellter, z.B. mit Alkohol oder Ehescheidung, wollen angegangen und in ihrer Auswirkung auf die tägliche Arbeit begrenzt werden. Diese Dinge sowie der allgegenwärtige Kosten- und Termindruck kann auch nicht jeder einfach abstreifen, wenn er den Arbeitsplatz abends verläßt. Von den Existenzängsten, die Selbständige aufgrund schwankender Auftragslage oder neuer Marktentwicklungen betreffen, gar nicht zu reden. Da sind Lehrer als Beamte schon besser dran, meine ich. :cool:

Warum der lange Beitrag ? Weil ich Lehrer im allgemeinen mag und ihre Leistung respektiere. Die Geduld und das Engagement, das viele mitbringen, bewundere ich. Aber die Neigung zum Wehklagen, die habe ich bis heute noch nicht verstanden. Vielleicht sind es auch wirklich nur gerade die wenigen, die ich persönlich kenne ;)

Gruß
Rubato
 
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Ambros_Langleb

Ambros_Langleb

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Man muß sich darüber im klaren sein: Es gibt kein Land weltweit, das Lehrer besser bezahlt als Deutschland.

Das ist falsch, wie man Dir beim Philologenverband oder anderen Lehrer"gewerkschaften" gerne belegen wird. Zum andern muß man die Gehälter auch in Relation zur erwarteten Leistung sehen. In Österreich und Frankreich etwa verdienen Lehrer netto etwas weniger als in D., haben dafür aber ein erheblich geringeres Stundendeputat. In Frankreich sind sie zudem von allen Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben befreit, weil man dafür hauptamtliche Kräfte hat.

Im übrigen würde ich gerne wissen, inwiefern ein, sagen wir mal Physiker, der etwa die Laufbahn Schule - Uni - Siemens durchlaufen hat, mehr "von der Welt da draußen" wissen sollte; auch er lebt in einem gut abgeschotteten System (verbringt auch seine Freizeit zudem vorzugsweise in der "Siemens-Sportgruppe" etc.) und in einem ziemlich homogenen sozialen Umfeld. Da hat ein Lehrer mit "sozial gut durchmischten" Klassen eher mehr Einblick in die sog. Lebenwirklichkeit.
 
 

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