Spannung durch nicht werkgetreue Interpretation von Stücken?

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Play

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Gerade habe ich von J.S. Bach das BWV 999 abgeschlossen (bzw. kann es auswendig halbwegs flüssig spielen). Nur finde ich BWV 999 recht langweilig, wenn man es denn gleichmäßig und werkgetreu spielt. Die Interpretation von Haydnspaß gefällt mir sehr gut und ich frag mich, ob ich nun das BWV 999 wirklich gleichmäßig und "werkgetreu" spielen soll (wie meine Klavierlehrerin rät) oder aber ob ich das Stück "ausdrucksstärker" und individueller spiele, weil ich es dann schöner und spannender finde. Allerdings ist das gleichmäßige Spielen des Stückes auch nicht leicht, von daher eine gute Übung.

Was meint Ihr?
 
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Pilo

Pilo

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Als ich es gespielt hab hat mich mein KL zum Pedalgebrauch und zu einem möglichst gewaltigen crescendo zum Hochpunkt Rechts zusammen mit dem LH Es angestiftet. Dazu kräftige Akzente auf den Bassnoten in der Es C B - Es C As - Es C G - Es C Fis Entwicklung. :D

Also irgendwie alles andere als gleichmäßig
 
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Hacon

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Gerade habe ich von J.S. Bach das BWV 999 abgeschlossen (bzw. kann es auswendig halbwegs flüssig spielen). Nur finde ich BWV 999 recht langweilig, wenn man es denn gleichmäßig und werkgetreu spielt. Die Interpretation von Haydnspaß gefällt mir sehr gut und ich frag mich, ob ich nun das BWV 999 wirklich gleichmäßig und "werkgetreu" spielen soll (wie meine Klavierlehrerin rät) oder aber ob ich das Stück "ausdrucksstärker" und individueller spiele, weil ich es dann schöner und spannender finde. Allerdings ist das gleichmäßige Spielen des Stückes auch nicht leicht, von daher eine gute Übung.

Was meint Ihr?

Vielleicht will deine Lehrerin ja nur, dass du es erstmal werksgetreu kannst. Danach kannst du ja immer noch schauen, was du draus machen kannst.
 
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Play

Guest
ja, das ist so. Aber ich finde es ist schwerer es gleichmäßig zu spielen, als "mit Ausdruck". Ich will nächste Woche mal eine Aufnahme hier einstellen von BWV 999. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich das Stück durch hab und Auswendig kann, weil es für extrem schwer war, es auswendig zu lernen, eben weil es keine richtige Melodie ist, weil es so monoton und gleichmäßig und innerhalb der Takte so ähnlich ist, dass sich grad mal eine Note unterscheidet.

Ich hoffe, ich habe nun das Bachpflichtprogramm abgehakt und ihn nie wieder spielen muss. :-?
 
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Bachopin

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Hi Play,

Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich das Stück durch hab und Auswendig kann, weil es für extrem schwer war, es auswendig zu lernen, eben weil es keine richtige Melodie ist, weil es so monoton und gleichmäßig und innerhalb der Takte so ähnlich ist, dass sich grad mal eine Note unterscheidet.

Das ist richtig, da es nur aus einer harmonische Entwicklung besteht. Deswegen verstehe ich auch nicht ganz wieso du das unbedingt auswendig spielen musstest. Wenn man die entsprechenden harmonischen Grundlagen noch nicht kennt, ist es dadurch nämlich super schwierig.
Monoton sind allerdings nur die immer gleichen 1/16 Figuren, alles andere kann man sehr spannend entwickeln (z. B. mehrere Nebenhöhepunkte).

Ich hoffe, ich habe nun das Bachpflichtprogramm abgehakt und ihn nie wieder spielen muss. :-?

Na und ich hoffe, dass du irgendwann den grössten Komponisten der Welt schätzen lernst und ihn dann mit Freuden und ohne Pflicht spielst.
(Hatte ich glaube ich schon mal so ähnlich gesagt. ;-) Warum aber beziehen sich wohl z. B. so viele andere Komponisten auf Bach.)

Ansonsten zum Titel-Thema:

Ich bin kein grosser Freund von Verfremdung. Also wenn man z. B. starke Agogik hier einsetzten will, warum nimmt man dazu nicht gleich ein anderes Stück aus einer entsprechenden Epoche.

Aber wenn sich das Ergebnis so gut anhört wie bei Haydnspaß, warum nicht.

Gruß
 
Ibächlein

Ibächlein

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Workshop

Hallo Play,
hast Du Dir im Workshop "BWV 999" mal die Interpretationen von Haydnspaß und Fred angehört? Da erlebst Du, was alles möglich ist ...

Bin gespannt auf Deine Einspielung.

Viele Grüße vom Ibächlein

P.S. Sorry - habe gerade erst gesehen, dass Du ja die Interpretation von Haydnspaß erwähnst ... bin wohl gerade ein bißchen verpennt.
 
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Haydnspaß

Haydnspaß

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Ich möchte mich hier nur mal ein bißchen über den Gebrauch des Wortes "werkgetreu" mockieren. Werkgetreu wäre in meinem Verständnis diejenige Interpretation, die die Aussage, Form und Struktur eines Musikstücks plastisch, klar, deutlich zutagetreten läßt. Nicht werkgetreu wäre eine Interpretation, die nur eine rein mechanische Umsetzung des puren Notentexts darstellt. Eine aktive Gestaltung und Formung des in der abstrakten Musiknotation tiefgefrorenen Materials ist aus meiner Sicht unbedingte Voraussetzung für eine "werkgetreue" Darstellung.
 
Mindenblues

Mindenblues

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Aber ich finde es ist schwerer es gleichmäßig zu spielen, als "mit Ausdruck".

Was verstehst du unter gleichmäßig spielen? Meinst du das Spiel mit gleichmäßigem Rhythmus und Takt?

Oder meinst du das Spiel mit gleichmäßiger Dynamik, also ohne Veränderung der Anschlagstärke?

Oder meinst du das Spiel mit gleichmäßiger Artikulation, also ohne Veränderung der Anschlagsdauer (z. B. ständig Legato, oder ständig staccato)?

Das sind drei grundlegend verschiedene Dinge. Man kann durchaus mit intensivem Ausdruck spielen, wenn man z.B. den Rhythmus und Spielfluss weitgehend gleichmäßig hält, aber sich um sangliche Dynamik oder sangliche Artikulation oder am besten beides bemüht, nur um mal ein Beispiel zu nennen. Das ist übrigens die Spielart, die ich bei Bach anstrebe (außer bei Passagen, die man zum Stylus Phantasticus zählen kann).

Wer es nicht schafft, ein Bachstück mit präzisem Rhythmus ohne Metronomhilfe zu spielen, bei dem klingt meist eine Rhythmusschwankung statt gewollt nicht gekonnt. Auch wenn man mit dem Stilmittel des Rubato extensiv arbeiten möchte bei Bach (bleibt ja jedem unbenommen), sollte man in der Lage sein, rhythmisch präzise zu spielen. Man hört nämlich den Unterschied.

Bei Haydnspaß z.B. klingt es für mich so, dass er auf jeden Fall in der Lage wäre, Bach rhythmisch präzise zu spielen, er will es nur nicht. Was ich völlig ok finde, bleibt jedem unbenommen. Man hört es eben leider oft auch in anderer Form bei anderen Leuten, und dann finde ich es unlauter, diese Rhythmusschwankungen als Rubato oder Agogik "verkaufen" zu wollen. Das ist dann keine Geschmacksfrage mehr, sondern sind Technikprobleme.


Ich hoffe, ich habe nun das Bachpflichtprogramm abgehakt und ihn nie wieder spielen muss. :-?

Mit dieser Einstellung würde ich an deiner Stelle kein Bach spielen, sondern mich dagegen verwahren. Bringt doch eh nix, wenn man nicht aus vollem Herzen dabei ist.
 
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