Muss ein Lehrer auch selber gut spielen können um ein guter Lehrer zu sein?

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Pianojayjay

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Ich hatte kürzlich eine interessante Diskussion:

Wie definiert man einen guten Lehrer? Ist er wirklich erst dann gut wenn er selbst gut spielen kann, im Idealfall sogar Konzerterfahrung hat? Mein erster Lehrer war ein guter Pädagoge, hat mir aber so selten vorgespielt und irgendwann hatte ich das Gefühl es geht nicht weiter weil es es selber nicht konnte. Seither bin ich nur noch bei aktiven Pianisten gewesen und habe sehr von deren Konzerterfahrung profitiert. Ich sehe nämlich auch immer wieder im Umfeld, dass viele bei Lehrern die nicht einmal im
kleinsten Kreise vorspielen selber Angst haben vorzuspielen während andere, auch Anfänger jedoch bei entsprechenden Lehrern sich trauen...
 
Pianojayjay

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Es geht zum einen halt darum ob ein Lehrer ein gewisses Niveau selber erreicht haben muss und ob zum anderen aktives konzertieren einem guten Unterricht hilfreich ist
 
rolf

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mit Verlaub: die Fragestellung "Muss ein Lehrer auch selber gut spielen können um ein guter Lehrer zu sein?" ist ein wenig irreführund... z.B. ein guter Mathematiklehrer muss nicht selber gut Klavier spielen können ;-);-)
...natürlich kann man darauf kommen, was du meinst - Gegenfrage: würdest du Flug- oder Tauchstunden bei Leuten nehmen, die weder fliegen noch tauchen können?
 
LMG

LMG

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Es gibt sicher einige Klavierlehrer - besonders gute - , die nicht oft oder nicht gerne öffentlich auftraten, ODER jedenfalls von denen man nur schwierig oder gar nicht Konzertauftritte zu Gesicht bekommt, weil es sie entweder nicht gibt, oder weil sie in Archiven verschwunden sind.

TROTZDEM müssen und mussten solche Klavierlehrer, wie etwa die folgenden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Feuchtwanger
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Heinz_Kämmerling
http://en.wikipedia.org/wiki/Alexander_Libermann

, die aufgrund ihrer Leistungen, ihrer hochberühmten Lehrer oder ihrer erfolgreichen Schüler, oder auch ihrer unersetzbaren Position im Gefüge der Pianisten-Genealogien nichts mehr "beweisen" müssten, - also: trotzdem und gerade deswegen müssen und mussten diese Leute in der Lage sein, AUF ANFRAGE und ZURUF ihrer Schüler ( zum Beispiel in Meisterkursen, Übungen, workshops ) jede beliebige schwierige Stelle auch vormachen können, und sie müssen und mussten auch jede Technik-Musikalitäts-Nuance darstellen können, UMSOMEHR dann, wenn sie eigene Methoden entwickelt und dargestellt haben ( Libermann, Feuchtwanger. Bei Kämmerling weiß ichs nicht genau, ob er auch eine veröffentlicht hat. )

Denn wenn sie dies nicht können oder gekonnt hätten, dann wären sie schnell bei ihren Schülern "untendurch" gewesen, die sich dann jemanden gesucht haben würden, der die Dinge auch ZEIGEN kann, die er sich vorstellt, oder die sie sich wünschen.

meint, mit LG, Olli
 
R

Rubato

Guest
Beim Sporttrainer ist es ja anders: da trainieren auch Leute, die es sportlich in der entsprechenden Leistungsklasse selbst nicht (mehr) könnten, zumindest im Spitzenbereich. Ich profitiere enorm davon, dass mein Klavierlehrer jederzeit jede Stelle vorspielen kann.. Wäre das nicht so, hätte ich auch kein gutes Gefühl und darunter würde auch der m.E. erforderliche fachliche Respekt vor dem Lehrer leiden.

Gruß
Rubato
 
K

kalessin

Guest
Ich sage mal, jeder Lehrer muss im eigenen Thema wissen, wovon er/sie spricht... und zwar auf eine Art und Weise, dass man das Thema selbst auf einem deutlich höheren Niveau beherrscht als der Schüler. Muss ein Lehrer große Konzertsäle bespielen, um Lehrer sein zu können... wohl nicht. Wenn ich aber als Konzertpianist Meisterstunden nehmen will, dann suche ich mir wohl Lehrer, die mehr "drauf haben" als ich selbst... und dann lande ich beinahe automatisch bei anderen Konzertpianisten mit viel Erfahrung.

Davon abgesehen kann auch ein Klavierlehrer Arthritis oder Gicht bekommen, und darunter leiden dann wohl sicherlich die manuellen Fähigkeiten... aber das Wissen nicht, und die Fähigkeit, jemanden anzuleiten, wohl auch nicht. Das ist dann vielleicht wieder wie der Sporttrainer, der im Alter zwar nicht mehr über die Fitness verfügt, aber über enorm viel Erfahrung, und deshalb ein ausgezeichneter Lehrer sein kann.
 
Rheinkultur

Rheinkultur

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Um diese Frage adäquat zu beantworten, mache man sich bewusst, dass ein funktionierendes Unterrichtsverhältnis auf gegenseitigem Geben und Nehmen beruht. Je mehr an Spielerfahrung und Kenntnissen auf Schülerseite vorhanden ist, desto klarer sind auch die Erwartungen an die vermittelten Inhalte und Erfahrungen der Lehrkraft. Entscheidend weiter entwickelt sich auch das Vermögen, Notentexte selbst zu erarbeiten und zu gestalten. Lernen erfolgt dann nicht nur über Vorspielen und Nachmachen - folglich muss die Lehrkraft bei Studenten, die selbst bereits konzertieren und Studioaufnahmen einspielen, nicht mehr alles ständig selbst vorspielen. Allerdings ist die Beherrschung der Unterrichtsmaterie nicht nur durch zeitgleiches eigenes Konzertieren dokumentierbar - aber es gibt durchaus den Fall, dass die Solistenlaufbahn zugunsten verstärkter pädagogischer Praxis irgendwann im Zuge veränderter Prioritätensetzung aufgegeben werden kann. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Lehrkraft mit den Unterrichtsinhalten auf höchstem Niveau vertraut ist.

Eine namhafte Persönlichkeit wie Aloys Kontarsky musste gesundheitlich bedingt die Konzerttätigkeit von heute auf morgen beenden, wirkte aber in der Folgezeit erfolgreich als ausgezeichneter (Hochschul-)Lehrer, bei dem zu jeder Zeit die Beherrschung der Materie allen physischen Einschränkungen zum Trotz gegenwärtig war. Allerdings begibt man sich zu solchen Koryphäen ja nicht auf Meisterkurse oder in eine Hochschulklasse, solange man in pianistischer Hinsicht nicht ein entsprechend fortgeschrittenes Leistungsniveau erreicht hat. Kontarsky-Schüler haben vermutlich sehr plausible Antworten auf die Frage zur Hand, inwieweit man von so einem renommierten Lehrer profitieren kann, der freilich in "aktiven" Zeiten selbstverständlich auf dem Podium zu überzeugen wusste.

Im Umkehrschluss würde ich behaupten: Nicht jeder hervorragende Solist muss automatisch ein guter Pädagoge sein. Sicherlich haben entsprechend weit fortgeschrittene Nachwuchspianisten Besseres zu tun, als sich von Blendern zutexten zu lassen, so es sich auf Lehrerseite um Vertreter dieser Spezies handeln sollte - womit eine Antwort auf die Ausgangsfrage wohl gegeben wäre.

LG von Rheinkultur
 
H

hennessy

Guest
ich erwarte von einem guten Lehrer, dass er zumindest fachlich besser ist als sein Schüler. Anderenfalls verliert er an Autorität und der Schüler verliert das Vertrauen.
Wenn ich an meine Zeit als Skilehrer zurückdenke, dann hätten mir meine Kurse ganz schön den Schuh aufgeblasen, wenn ich bei jedem zweiten Schwung umgefallen wäre oder die Techniken des Tiefschneefahrens nicht beherrscht hätte.
Entsprechend sehe ich dies auch beim Klavierlehrer.

Wenn der Lehrer dann auch noch ein guter Pädagoge ist, optimal!

Je mehr der Schüler Fortschritte macht, umso mehr ist der Lehrer gefragt. Deshalb wird es wohl nur in sehr seltenen Fällen so sein, dass Schüler und Lehrer sich über die gesamte Lernphase begleiten. Die "Grundkurse" wird wohl jeder einigermaßen gute Klavierlehrer vermitteln können. Aber ab einem bestimmten Leistungsniveau wird es wohl sehr oft so sein, dass man als Schüler evtl. in eine Musikhochschule wechselt oder gar an einem Meisterkurs teilnimmt. Genaueres wisst Ihr sicher besser als ich.

Generell finde ich es gut, wenn ein Schüler nicht immer beim selben Lehrer Unterricht nimmt, sondern auch mal wechselt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dies wieder mehr und/oder neue Impulse bringt und dem Schüler zugute kommen kann.
 
Pianojayjay

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Impulse sind definitiv wichtig aber du brauchst einen "Basislehrer" um für dich eine klare Richtung zu erarbeiten und zu finden. Ich habe mit meiner jetzigen Lehrerin fünf Jahre gearbeitet ehe wir beide zu dem Schluss kamen jetzt müssen andere Impulse her. Seither nehme ich hier und da Unterricht bzw besuche Kurse bei wirklich guten und auch bekannten Pianisten. Gleichwohl arbeite ich mit ihr kontinuierlich weiter
 
K

kalessin

Guest
Wenn der Lehrer dann auch noch ein guter Pädagoge ist, optimal!
Ich denke, beides sind "notwendige Voraussetzungen". Ein schlechter Pädagoge kann kein guter Lehrer sein, egal wie toll er "fachlich" ist. Und ein noch so erstklassiger Pädagoge, der vom Thema keine Ahnung hat, wäre ebensowenig ein guter Lehrer. :-)

(Das ist übrigens ein Problem auch an Universitäten: Professoren, die ja nun einmal die Studenten ausbilden sollen, wurden und werden traditionell eher nach fachlichen Gesichtspunkten ausgewählt... so dass man an manchem Fachbereich entsprechende Kräfte findet, die inhaltlich beinahe genial sind, aber übelste Vorlesungen halten.)
 
H

hennessy

Guest
Impulse sind definitiv wichtig aber du brauchst einen "Basislehrer" um für dich eine klare Richtung zu erarbeiten und zu finden. Ich habe mit meiner jetzigen Lehrerin fünf Jahre gearbeitet ehe wir beide zu dem Schluss kamen jetzt müssen andere Impulse her. Seither nehme ich hier und da Unterricht bzw besuche Kurse bei wirklich guten und auch bekannten Pianisten. Gleichwohl arbeite ich mit ihr kontinuierlich weiter
Hattest Du denn bei Deiner "Basislehrerin" nicht irgendwann einmal das Gefühl, es geht nicht mehr sonderlich bedeutend weiter nach oben? Ich kenne mich leider in diesen Sphären gar nicht aus, deshalb meine Frage: Was kann Dir Deine Basislehrerin noch beibringen, was die Pianisten nicht können?
 

A

ag2410

Guest
Ob ein Lehrer konzertiert, ist vielleicht für Schüler relevant, die selber in diese Richtung tendieren. Aber ich würde das nicht zu einem Kriterium machen.
Sehr wichtig ist, dass die Chemie stimmt. Und wichtig ist, daß der Lehrer sich individuell auf die Schüler einstellt.
Ich habe Schüler, die sich sehr für Musiktheorie interessieren, denen zeige und erkläre ich viel. Andere wollen ausschließlich spielen, da halte ich die Theorie nur minimal ab, verbunden mit kleinen (selbstkomponierten) Stücken. Ein gutes theoretisches Gerüst, wenn man so sagen will.

Aber eines mache ich nicht: Schüler unterrichten, die bei anderen Lehrern sind. Damit meine ich, dass das Kind dann zwei Lehrer hat, die ihm die gleichen Stücke beibringen. Das finde ich kontraproduktiv, da sich das Kind jedes Mal auf den anderen Lehrer einstellen muß.
Wenn es darum geht, dass das Kind dort dies lernt, und bei mir das, ist es für mich OK.



(Das ist übrigens ein Problem auch an Universitäten: Professoren, ......, die inhaltlich beinahe genial sind, aber übelste Vorlesungen halten.)
Ein paar Lehrer dieser Art hatten wir (im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich) am Gymnasium. Fachlich gigantisch, aber relativ unfähig, den Stoff schülergerecht zu präsentieren.
 
Sesam

Sesam

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Hallo Jeremias,

in der Überschrift nennst du "gut spielen" als Kriterium, im Text wird dann das Konzertieren maßgeblich. Ich nehme an, dass deine Frage darauf abzielt, ob es für jemanden, der als Amateur die Konzerttätigkeit ausbauen möchte, zwingende Voraussetzung ist, bei einem Pianisten Unterricht zu nehmen, der regelmäßig konzertiert oder konzertierte, alle virtuose Literatur beherrscht und sich im besten Fall damit einen Namen gemacht hat.
Ja, warum nicht? Ist doch eigentlich klar. Fraglich in diesem Zusammenhang ist doch nur, ob diejenigen, die nach deiner Vorstellung gut spielen können, Bock haben, Amateure zu unterrichten. Wenn man Meisterkursen auf hohem Niveau beiwohnt, trifft man da im Grunde Meister unter sich. Jung-Meister und Alt-Meister. Hier Unterricht zu erhalten, bleibt meist (zu Recht, wie ich finde) dekorierten Studenten vorbehalten.

Der bislang sehr über Allgemeinplätze geführten Diskussion würde es helfen, wenn du mal etwas genauer beschreiben könntest, was du mit dem "gewissen Niveau" meinst. Und ob du von Konzerten im Kulturkalender kleiner Gemeinden sprichts oder in den großen Konzertsälen dieser Welt?

LG, Sesam
 
Sesam

Sesam

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Ein wichtiger Nachtrag: Die zwei schönsten Konzerterlebnisse hatte ich übrigens in Konzert"sälen" kleiner Münchner Vorortgemeinden ;-)
 
H

hennessy

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Ich denke, beides sind "notwendige Voraussetzungen".
Wobei dies im täglichen Leben immer mehr zur Wunschvorstellung mutiert.
Die Praxis zeigt, dass meistens eine ungesunde Mischung beider Voraussetzungen resultiert, wobei die Gewichtung mal so und mal anders liegt.
Beide Voraussetzungen optimalerweise in einer Person vereint findet man leider immer seltener.
 
 

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