Harmonien in BWV 924

Gernot

Gernot

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Ich habe gestern meine Notensammlung durchgeschaut und bin dabei auf einen Band mit zwei Sammlungen kleiner Präludien (einmal 12, einmal 6) von JSB gestoßen und begonnen, ein bisschen dran herumzuklimpern. Ich stelle mich bei mir unbekannten Stücken meist ziemlich an. Während BWV 924 nach gar nichts klingen wollte, klappte das bei BWV 939 gleich viel besser. Also natürlich holprig, aber immerhin hatte ich einen Eindruck davon, wie das Stück klingen soll. Ich habe mir heute dann nochmal BWV 924 vorgenommen und die 16tel-Arpeggien rechts zu Akkorden zusammengefasst. Sofort ergab sich eine schöne Akkordfolge.
Meine Harmonie-Kenntnisse sind bestenfalls rudimentär. Immerhin kann ich mittlerweile harmoniebezogene Erklärungen meiner KL nachvollziehen. Ich habe jedenfalls versucht (nicht zuletzt aufgrund der in letzter Zeit auf clavio vermehrt zu lesenden Ratschläge "mach's doch einfach") die Akkorde zu benennen, was mir teilweise Kopfzerbrechen bereitete. Unten hänge ich das vorläufige Ergebnis meiner Analyse an. Ich wäre dankbar für Feedback dazu.

Für mich ergibt sich folgendes Bild: Wenn man die Arpeggien als Akkorde liest, ergeben sich mehrmals Akkordpaare, wobei der erste einen harmoniefremden Ton enthält, der als Vorhalt zum zweiten Akkord dient. Dabei gibt es zwei Varianten:
  • In TT 1-3 und T 7 ist es ein Vorhalt zur Terz des Akkords in Grundstellung: Die zweite Hälfte von T2 steht in G-Dur. Dem G-Dur-Akkord (h-d-g) am letzten Viertel geht ein G-Dur-Akkord mit harmoniefremdem c voraus (g-c-d).
  • In TT 4-6 und T 8 ergibt sich ein Vorhalt zum Grundton des Akkords in Grundstellung.
Hier die Noten mit Markierungen, die das veranschaulichen sollen.
upload_2018-8-12_20-27-4.png


Die Vorhalte habe ich beim ersten Spielen nicht als solche verstanden bzw. nicht als solche gehört, wahrscheinlich weil die Akkorde in unterschiedlichen Lagen aufreten. Auch bei nicht aufgelöst gespielten Akkorden sind die Vorhalte für mich eigentlich mehr als Farbe wahrnehmbar, denn als Vorhalte. Vielleicht ist das auch nicht der richtige Terminus.
Frage an die Harmonielehre-Kundigen: Ist diese Sichtweise korrekt oder zumindest möglich?

Probleme bereiten mir T5 und T7:
T5 dritte Viertel. Ich bin da auf d-Moll mit Sext gekommen. Ega, was es ist, der Akkord klingt ziemlich geil! :-)
T7 letzte Viertel. Dieser Akkord wirkt für mich ähnlich wie ein Dominantseptakkord. Der folgende Takt beginnt in G-Dur. Für D7 fehlt aber das d, und es gibt ein g im Bass. :konfus:

Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen?
Liebe Grüße
Gernot
 
Tastatula

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Da hast Du Dich ganz schön hineinvertieft.:-)
Zunächst, ein Akkord mit einer kleinen Septime schreibt man, z.B. C7 .
Ein Akkord mit großer Septime kenne ich als Symbol als z.B. Cmaj7 (es gibt aber noch andere Symbole)
Wenn nur eine 7 hochgestellt oder neben dem Akkord ist, dann ist die Septime klein.

Nun zu den Takten:
T5: hier handelt es sich um einen B-dur Akkord mit Terz im Baß. Das ist eine schöne IV - V - I Verbindung mit Tonika F-dur (in diesem ausgesuchten Moment, natürlich ist eigentlich C- dur die Tonika)
T7: das ist ein D7 mit Orgelpunkt im Baß. Der Zielton wird als Reibung gegen die Dominante gehalten.
Von mir ein Hinweis:
T8, 4. Viertel ist nicht a-moll. Das ist ein F-Dur über dem Orgelpunkt.
 
Gernot

Gernot

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Danke @Tastatula erstmal für die Korrekturen. Ich kann's mir erst später anschauen.

Liebe Grüße
Gernot
 
chiarina

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Lieber Gernot,

ergänzend zu Tastatula noch zwei Anmerkungen: Takt 3, 3. Zählzeit sehe ich nicht als Fmaj7 mit Terz im Bass, sondern als a-moll mit Sexte. In Takt 6, 3. Zählzeit nicht h-moll (dann müsste es fis sein statt f), sondern ein verkürzter Dominantseptakkord (G7 ohne Grundton) mit Quinte im Bass, s. hier .

Ich finde es spannend, auch die Funktionen zu benennen, wozu auch gehört, was genau für Vorhalte (Sekund-, Quart-, Sextvorhalt...) erklingen. Funktionen wie Tonika, Subdominante, Dominante, ihre Parallelen, Zwischendominanten etc. haben den Vorteil, dass sie die Beziehungen zwischen den Akkorden abbilden.

Harmonien stehen immer in Verhältnissen von Spannung und Entspannung ähnlich wie Beziehungen zwischen Menschen oder Familienmitgliedern. :D

Eine Tonika ist ein Ruhepol, hier sind wir zu Hause und können es uns gemütlich machen.

Eine Dominante ist sehr spannend und will sich aufgrund des Leittons (Terz der Dominante) in die Tonika auflösen. Angereichert werden kann die Dominante mit allerlei Beiwerk (Septime, None...), die dieses Auflösungsbestreben noch intensivieren. Wie eine Suppe, die ich nicht nur mit Knoblauch, sondern auch noch mit Chili und Ingwer würzen möchte. :D Die Dominante ist quasi eine Einbahnstraße mit ihrem unbedingten Wunsch - der nicht immer erfüllt wird -, sich in die Tonika aufzulösen.

Die Subdominante ist das Gegenteil davon: sie ist wie eine Kreuzung, deren Wege in viele Richtungen gehen können. Wie der Frankfurter Flughafen, von dem aus ich nach Kairo, Buenos Aires, New York u.v.a. reisen kann. Nach der Subdominante kann vieles kommen, sie hat eine öffnende Funktion und ist auch wunderbar für Modulationen geeignet.

Es lohnt sich also, sich auch über die Funktionen hier klar zu werden, auch wenn Bach nie etwas von Funktionen gehört hat. Ich meine, dass das Verständnis für die Zusammenhänge und Verbindungen zwischen den Harmonien wächst.

Was die Vorhalte angeht, ist z.B. in Takt 1 der Vorhalt in G ein Quartvorhalt (4-3).

Tolle Idee!!! :)

Liebe Grüße

chiarina
 
Gernot

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T5: hier handelt es sich um einen B-dur Akkord mit Terz im Baß. Das ist eine schöne IV - V - I Verbindung mit Tonika F-dur (in diesem ausgesuchten Moment, natürlich ist eigentlich C- dur die Tonika)

Ich hatte jetzt schon geschrieben "Mit d-f-a-b ist das dann aber auch ein Septakkord also B7?", habe dann aber registriert, dass die Septime da ja gar nicht vermindert ist. Ich fürchte, das hat man mir schon mal erklärt und ich hatte das gleiche Aha-Erlebnis wie heute. Erfolgreich verdrängt...:blöd:

T7: das ist ein D7 mit Orgelpunkt im Baß. Der Zielton wird als Reibung gegen die Dominante gehalten.
Von mir ein Hinweis:
T8, 4. Viertel ist nicht a-moll. Das ist ein F-Dur über dem Orgelpunkt.

OK. Das macht es einfacher. Ich kannte den Orgelpunkt bis jetzt nur in der Art, wie er auch im zweiten Teil des Präludiums verwendet wird. Wieder was gelernt :-)

Liebe Grüße
Gernot
 
Gernot

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ergänzend zu Tastatula noch zwei Anmerkungen: Takt 3, 3. Zählzeit sehe ich nicht als Fmaj7 mit Terz im Bass, sondern als a-moll mit Sexte.
Warum? Geht es da um übliche Kadenzverläufe?

In Takt 6, 3. Zählzeit nicht h-moll (dann müsste es fis sein statt f), sondern ein verkürzter Dominantseptakkord (G7 ohne Grundton) mit Quinte im Bass, s. hier .
Danke für die Korrektur. Ich hatte im Kopf, dass in Dur-Tonarten sich mit leitereigenen Tönen nur auf den Stufen I, IV und V Dur-Akkorde ergeben. Habe das Buch mit der Abbildung hervorgekramt (Verb passt zum Autor ;-) ), und dort steht natürlich bei der VII Stufe ein "verm" und nicht "moll".

T, S und D sind mir grundsätzlich auch schon bekannt. Schöne Bilder, die Du da verwendest :super:
Ich habe aber bis jetzt I immer mit T, IV mit S und V mit D gleichgesetzt. Offenbar gibt es da aber zwei Denkschulen. Zwischendominanten sind mir schon ein Begriff. Parallelen kenne ich nur bei den Tonarten Dur-moll-Parallelen. Ist noch viel zu tun...

Liebe Grüße
Gernot
 
Gernot

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@chiarina Auch wenn Du mick zustimmst, würde mich die Begründung für a-moll mit Sexte interessieren.

Edit: also, warum dir das zunächst sinnvoller erschienen ist.
 
mick

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Um das noch mal verständlicher zu machen - das Grundmodell der Stelle ist diese simple Modulationssequenz:

sequenz.png

Dreimal nacheinander folgt IV-V-I. Um dem ganzen mehr harmonische Spannung zu verleihen, macht Bach nichts anderes, als jeweils die ersten beiden Akkorde mit Septimen zu ergänzen (das ist die erwähnte Septakkordkette) und auf der Tonika (I) jeweils einen Nonenvorhalt zu bringen. Aus dem Sequenzmuster ergibt sich, dass der erste Akkord jeweils als Sextakkord - bzw. als Quintsextakkord - zu verstehen ist. Im ersten Takt also F-Dur mit großer Septime anstelle von a-Moll mit hinzugefügter Sexte. Hinzugefügte Sexten gibt es im Barock ohnehin fast nur als sixte ajoutée der vierten Stufe (nach Rameau) - und das sind immer große Sexten, niemals kleine.
 
chiarina

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@chiarina Auch wenn Du mick zustimmst, würde mich die Begründung für a-moll mit Sexte interessieren.

Edit: also, warum dir das zunächst sinnvoller erschienen ist.

Lieber Gernot,

mein Problem war, dass ich das a im Bass immer als Grundton gehört habe. Ich habe überlegt, warum ich das so höre, und bin zu keinem befriedigenden Schluss gekommen. Weil es ja auch keinen gibt. :D Vielleicht wegen des e-moll vorher und Septakkords nachher, so dass für mich eine subdominantische Funktion hörbar war.

Als aber mick die Septakkordkette erwähnte, fiel es mir geradezu wie Schuppen von den Ohren :D. Ich finde es total interessant, wie unterschiedlich man etwas hört, je nachdem, welchen Kontext man hört und betrachtet. Die Septakktordkette war die entscheidende Verbindung, die ich nicht gehört und bedacht hatte. :)

Lieben Dank nochmal an mick und liebe Grüße!

chiarina
 

Gernot

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Danke @chiarina für die Erläuterung. @mick s Ausführungen muss ich mir noch genauer ansehen, um sie ganz nachvollziehen zu können. Bin diesbezüglich nicht gerade der Blitzgneißa :blöd:Geht aber wahrscheinlich erst morgen.

Liebe Grüße
Gernot
 
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Tastatula

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Ja, das a-moll Gefühl kann ich klanglich auch nachvollziehen. Inhaltlich sieht man aber, daß das dritte Sechzehntel des Viertels immer den Durchgang zum eigentlichen Akkord ausmacht, in dem Fall ist der Akkord also: a, c, f und damit F- dur.
Übrigens verminderte Septimen sind etwas Anderes als kleine Septimen.
Beispiel:
c-h = große Septime
c-b= kleine Septime
c-beses= verminderte Septime (auf dem Klavier klingend ein a)
 
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