Einzelne Noten während des Spielens BEWUSST erfassen

Dieses Thema im Forum "Klavierspielen & Klavierüben" wurde erstellt von Sonnenblume, 31. März 2007.

  1. Sonnenblume
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    Sonnenblume

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    Hallo!

    Ich grübele schon etwas länger über folgendes Problem:

    Wenn ich ein neues Stück übe (wie z.B. jetzt das Menuett BWV Anh. 115 aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach) spiele ich zunächst langsam nur mit der rechten Hand den Violinschlüssel und gehe dabei nach und nach die Noten bewußt durch (z.B. wie in meinem Fall im ersten Takt mit dem dritten Finger auf b, a, g und dann im zweiten Takt mit dem 4. Finger auf a, d, d usw.).
    Dies wiederhole ich dann so lange bis ich z. B. die rechte Hand vollständig kann.
    Komischerweise ist es dann aber so, je öfter und flüssiger ich ein Stück spielen kann, desto weniger bin ich mir im Moment des Spielens einer Note darüber bewußt, WELCHE Note ich eigentlich da gerade spiele.
    Ich schaue zwar schon aufs Notenblatt und verfolge die einzelnen Noten aber ich bin mir genau in dem Moment, in dem ich z.B. die Note d spiele nicht darüber bewußt, dass ich eben dieses besagte "d" spiele sondern ich spiele es einfach.
    So, und genau das ist in meinen Augen nämlich das Problem.
    Ich möchte gerne spielen und immer genau in der Sekunde des Spielens einer Note wissen, WELCHE Note ich gerade spiele. Nur leider verselbstständigt sich die ganze Sache bei mir immer - je öfter und besser ich ein Stück spielen kann. Das geht mir ziemlich auf die Nerven!
    Wenn mich jemand fragen würde, welche Note ich denn da spiele, könnte ich die Frage innerhalb einer Sekunde beantworten aber nur während des Spielens klappt das irgendwie nicht.

    Deswegen würde ich gerne wissen, wie das denn so bei euch erfahrenen Klavierspielern ist. Vielleicht ist dies ja nur ein Anfängerproblem.

    Andererseits ist es ja auch beim Lesen so, dass man ein Wort als Ganzes erfasst und die einzelnen Buchstaben ja auch nicht BEWUSST miteinander verknüpft.....
    Außerdem glaube ich, dass es mitunter sehr schwierig werden kann bei sehr schnellen Passagen die Noten alle bewusst einzeln wahrzunehmen.

    Was meint ihr?
     
  2. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Hallo Sonnenblume,

    ich glaube, du stellst viel zu hohe Erwartungen an dich. Meiner Ansicht nach ist es beinahe unmöglich, jeden Ton eines Stückes bewusst zu spielen.

    Ich verstehe, dass du die Kontrolle behalten willst- es kommt dir wahrscheinlich komisch vor, wenn du gestern jeden einzelnen Ton erarbeitet hast und heute die Melodie spielst, einfach weil du sie spielen willst, und sie kommt wie von ganz alleine aus deiner Hand, ohne dass du nachdenkst.

    Genau an diesem Punkt liegt auch das große Problem des "black outs" beim Vorspiel, nämlich dass der Vorgang "automatisiert" wird.
    Man ist sich nicht mehr dessen bewusst, was man spielt, und wenn man beim Vorspiel "überkonzentriert" ist und auf alles achtet, stellt man erschrocken fest, dass man gar nicht genau weiß, was man gerade tut- und schon ist man draußen.

    Das ist aber ganz normal und auch gut so.
    Stelle dir vor, dieses Automatisieren würde ausbleiben, und du müsstet jedes Mal, wenn du ein Stück spielst, neu überlegen wann du welchen Finger zu drücken hast, wie beim vom-Blatt-spiel (obwohl man selbst da eher Melodielinien und ganze Akkorde erfasst und weniger die einzelnen Töne).
    Und jetzt stelle dir vor, du spielst ein Stück mit vielen Akkorden oder schnellen Läufen in beiden Händen- da ist es unmöglich, den Namen der Taste/Note gerade im Kopf zu haben, während man sie spielt.
    Der Vorgang muss sozusagen teilweise unbewusst ablaufen- dein Auge erfasst die Note, dein Finger findet die Taste, dein Ohr überprüft, ob es stimmt.
    Das ist vielleicht ein bisschen so, wie bei einer Fremdsprache:
    Es sollte nicht so sein, dass du einen Gegenstand ansiehst, dir das deutsche Wort bewusst machst und wie im Wörterbuch nach der Übersetzung kramst, sondern das andere Wort aus der Fremdsprache sollte im idealfall direkt mit dem Gegenstand in verbindung gebracht, vernetzt sein.
    Wenn du dir jeden Satz, den du in einer anderen Sprache sagen willst, erst wortwörtlich im Deutschen überlegst, könntest du dich kaum zurechtfinden. Es muss ohne "Zwischenschritt" gehen.
    So sollten meiner Ansicht nach auch Notenbild und Tasten bzw. Finger verbunden sein, ohne dass man in den Notenlinien und am Klavier erst das "C" sucht.

    Bei mir ist es sogar so, dass ich vielleicht mehr automatisch mache, als gut ist: Wenn ich ein Stück spiele, bin ich mir oft der Tonart nicht einmal bewusst, ich sehe, es sind drei b, also spiele ich drei b, und wenn ich eine Note im Notensystem sehe, verbinde ich nicht automatisch einen Notennamen damit, sondern in erster Linie eine Taste.
    Es passiert mir oft, dass ich Noten "abzähle" weil ich deren Namen im Notensystem nicht sofort sagen kann...

    hab ich schon wieder viel geschrieben...
    ich höre schon auf;)

    Stilblüte
     
  3. Christoph
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    Christoph

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    :shock: du hast Probleme

    Darauf soll es beim Üben auch hinauslaufen, dass du nicht ständig an die Noten oder die Tonart denken musst wenn du dann spielst - wenn dem nicht so wäre, würde man bei diversen Stücken wahnsinnig werden. Du musst dich auf den "Geist" der Musik konzentrieren. Ist dir ja auch schon aufgefallen, dass man beim Sprechen auch nicht permanent an die Buchstaben denkt die man nur benutzt hat um die eigentliche Information rüber zu bringen. Genauso verhält es sich mit Noten zur Musik.
     
  4. Sonnenblume
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    Sonnenblume

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    Vielen Dank für eure Antworten.


    Ich hab´auch die Gabe, immer gleich ganze Romane zu schreiben.
    Kurzfassen ist halt auch nicht mein Ding...manchmal sehr zum Leid meines Mannes...:D .

    Ihr habt wohl Recht. Ich hätte auch nicht gewußt, wie ich mir das "zu jeder Zeit bewußte Noten lesen" hätte beibringen können.....

    Ich habe hier im Forum zufällig in dem Thema "Lang Lang bei Wetten Dass" auf Seite 4 auch etwas hierzu entdeckt.

    Jemand hat geschrieben, dass sein Lehrer an jeder x-beliebigen Stelle eines Stückes wieder einsetzen kann weil er zu jeder Zeit immer genau weiß, welche Note er gerade spielt! Sehr heftig!
    Dann scheint es ja vielleicht doch einige begnadete Pianisten bzw. Lehrer zu geben, die das können! Nun ja....ich werde mich dann wohl nie zum Kreise dieser Auserwählten zählen können.

    Gruß, Sonnenblume
     
  5. Wu Wei
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    Wu Wei

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    Hallo Sonnenblume,

    mit diesem Problem habe ich mich auch lange rumgeplagt, auch durch solche Bemerkungen, wie die in dem von dir erwähnten Lang-Lang-Thread. Aber mittlerweile glaube ich nicht mehr daran, dass man das wortwörtlich nehmen kann. (Natürlich gibt es so "begnadete" Ausnahmegeister oder Inselbegabungen, wie der bekannte sogenannte Savant, der beim Helikopter-Überflug sich eine ganze Stadt bis aufs letzte Fensterbrett einprägen, geradezu gleichzeitig wahrnehmen und anschließend im Detail nachzeichnen kann.)

    Den realistischen Mechanismus hast du wahrscheinlich hiermit selbst erkannt:
    Wir fassen im Zuge eines Automatisierungsprozesses Elemente zu größeren Einheiten (Finger-/Tastenmuster, rhythmische, harmonische oder melodische Phrasen usw.) zusammen. Diese müssen präzise ausgearbeitet sein, damit sie später sauber und fehlerlos in der gewünschten Geschwindigkeit gespielt werden können; bewusst wird man sich aber sicher nur der jeweiligen Phrase sein. Die Analogie zum Lesen, Sprechen und Schreiben scheint mir sehr zutreffend.
     
  6. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Wenn man einen Satz in seiner Muttersprache spricht, überlegt man sich dessen Inhalt und formuliert ihn nahezu automatisch- Spricht man ihn in einer Fremdsprache, muss man sich auch noch die einzelnen Worte überlegen- und je weniger man in der Fremdsprache überlegen muss und je besser man "ohne zu denken" spricht, desto besser kann man sie.
    Bei der Musik ist es doch genauso- wenn man noch überlegen muss, was als nächstes zu spielen ist, sitzt das Stück noch nicht perfekt.
    Ich z.B. kann alle Stücke, die ich wirklich kann, auswendig.
    Das geht so weit, dass ich mich hinsetze und spiele, und irgendwann vergessen habe, dass ich überhaupt gerade beim Klavierspielen bin, und meine Hände spielen von alleine, während ich über irgendetwas nachdenke.
    Ich könnte dann auch nicht auf Anhieb sagen, wo ich gerade bin, wenn mir jemand die Noten vor die Nase halten würde.

    Und noch eine Gemeinsamkeit Musik-Sprache, die mir letztens bewusst geworden ist:
    Fängt man eine Sprache neu an zu lernen, macht man schnell sehr große Fortschritte und verdoppelt das Wissen innerhalb kürzester Zeit (1 Vokabel => 2 Vokabeln => 4 =>8...).
    Je besser man wird, desto länger dauert es, bis man eine nennhafte Verbesserung bemerkt,wenn man lernt. (2000 Vokabeln- 2001 Vokabeln- kaum ein Unterschied...).
    Es gibt hier sogar ein Internationales System, dass das Können in "Klassen" einteilt. 100 Stunden Sprachunterricht, 200, 400, 800 usw.
    Mit einem Instrument verhält sich das doch genauso.
    Nach einem Jahr Klavierunterricht hat man am Anfang so viel gelernt-
    Ein Pianist, der schon 20 Jahre spielt, wird nach dem 21 Jahr auch nicht viel besser sein... Aber vielleicht nach 40 Jahren?

    Mit was Musik nicht alles verwandt ist.

    Stilblüte
     
  7. liane
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    liane

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    Mir geht das auch so. Das ist beim Üben noch ganz lustig, aber wenn ich ein altes Stück dann wieder raushole stelle ich fest das ich keine Ahnung habe welche Noten ich spielen muss und auch das Problem mit dem Vorspielen habe ich ,vorallem kurz bevor ich dran bin, aber je weniger ich drüber nachdenke umso besser gehts. Naja ich glaub das kann man sowieso nicht ändern.
     
  8. Elio
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    Elio

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    Hi,

    also bei mir ist das auch ähnlich.
    Wenn ich ein Stück beherrsche, so frage ich mich manchmal, ob ich in der Lage wäre, die Noten aus dem Kopf aufzuschreiben. Naja, und das ginge nur, wenn ich es parallel "durchfingern" würde.

    Was mir noch aufgefallen ist, bei manchen Stücken von Bach laufen die Finger manchmal schon automatisch, so dass ich bewusst nur auf manche Teile der Noten schaue, manche Figuren stecken dann in den Fingern, da die Harmonie oder der nächste Ton irgendwie klar ist.

    Das Dritte was mir dazu einfällt, spiele ich beispielsweise ein Stück in AS-Dur und spiele sagen wir mal ein DES, so ist mir erstmal gar nicht bewusst, dass das die gleiche Note wie das CIS in einem Stück in E-Dur ist (also es hat sozusagen eine eigene Persönlichkeit :) ).

    Gruß,
    Elio
     
  9. Jonny Greenwood
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    Jonny Greenwood

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    geht mir genauso und war mir auch nicht sicher was ich davon halten sollte. jetzt aber dank den zahlreichen und ausführlichen antworten schon, danke.