Einfach zu schnell?

P

Play

Guest
Hallo,

ich spiele gerade von Bach BWV 999. Anscheinend wird es extrem schnell gespielt, die meisten Videos die man bei YouTube findet sind so dermaßen schnell ... das kann ich als Anfänger nicht.
z.B.
http://www.youtube.com/watch?v=HqS_pHqtUqE
http://www.youtube.com/watch?v=t40b_LYdJmQ
http://www.youtube.com/watch?v=lFW4vOcwQMU&feature=related

Nun habe ich aber auch eine Interpretation bei YouTube gefunden, die wesentlich langsamer gespielt wird. Dadurch finde ich, gewinnt das Stück auch an Musikalität und Ausdruck - eben weil es NICHT so schnell gespielt wird.
http://www.youtube.com/watch?v=LqYQUTuBAjQ

Nun frage ich mich, warum dieses Stück in der Regel so schnell gespielt wird? Weil es Bach ist? Weil es dann virtuoser klingt? Weil es dann werkgetreu ist?

Wenn ich dieses Stück spiele; worauf sollte ICH da dachten? Danke.
 
Haydnspaß

Haydnspaß

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thepianist73

thepianist73

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Wenn ich dieses Stück spiele; worauf sollte ICH da dachten? Danke.
Du solltest vor allem darauf achten, nicht auf youtube solche Schnulli-Videos reinzuziehen.

Mein derzeitiger Favorit ist die Hose mit der 5 Nummern zu grossen Beinbekleidung (dein 2. gepostetes Video).
Vor allem der Kommentar ist geil: auf die etlichen Fehler angesprochen, meint er, er hätte es mit "andern Pianisten" angeschaut und tatsächlich nur 1 Fehler gefunden. ;)

Das ist das grosse Dilemma mit youtube: 98% Müll.
Das Problem ist, die anderen 2% rauszufinden.
Aber diese 2% lohnen sich.
 
violapiano

violapiano

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Hallo play,
warum versuchst du nicht was Eigenes? Wie siehst du das Stück denn?
Wieso muss man schnell spielen...:confused: Ich finde auch die nicht so schnelle Version viel ansprechender. Haydnspaß hat es auch schön gespielt, guck mal in dem thread workshop.

LG
violapiano
 
DonBos

DonBos

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Bach hat selbst kein Tempo vorgegeben. Demnach gibt es in meinen Augen kein richtiges und falsches Tempo. Man muss persönlich für sich entscheiden, wie man das Stück interpretieren will. Und es wird immer Leute geben, denen es gefällt und denen es nicht gefällt, wie man selbst oder ein anderer interpretiert.
 
Guendola

Guendola

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Wenn Bach das so schnell in der Kirche vorgespielt hätte, wäre dabei nur Klangmatsch rausgekommen.

Wer erfolgreich sein will, muß sich natürlich fragen, wie das Publikum auf persönliche Interpretationen reagiert aber wer erfolgreich ist, muß das nicht mehr. Allerdings glaube ich, daß vor allem angehende Pianisten und diverse selbsternannte Musikkenner im Internet sich von schnell gespielter Musik beeindrucken lassen. Das Gros der Menschheit hat aber glaube ich noch Geschmack, jedenfalls, wenn es kostenlos ist.
 
P

Play

Guest
Naja, eigentlich lass ich mich nicht von Schnelligkeit täuschen. Und auch nicht von pseudovirtuosen Mätzchen. Das hat mir meiner Klavierlehrerin beigebracht, dass es nicht darauf ankommt, dass es gut aussieht, sondern gut klingt. Dennoch gibt es ja noch den schönen Begriff "Werktreue", also dass man das Klavierstück so spielt, wie es sich der Komponist gedacht hat.
Jetzt wäre es natürlich interessant zu wissen: Wie schnell hat Bach sich das 999 gewünscht? Und welchen Stellenwerk hat Werktreue heute noch? Immerhin sind inzwischen wohl alle bekannten Lieder bekannter Komponisten werkgetreu (teils auf historischen Instrumenten) gespielt worden. Wieso soll ich - als Amateurspieler - Lieder überhaupt noch werkgetreu spielen?

Angenommen Bach hat das Stück 999 wirklich für ein irre schnelles Tempo komponiert - soll ich als Spieler dann dieses Lied auch in diesem irre schnellen Tempo spielen (vorrausgesetzt ich könnte es) oder sollte ich lieber Bachs (oder Schumanns oder Mozarts, oder wer auch immer) Wünsche und Tempoangaben ignorieren und es so spielen, wie ICH es will und wie ich es für am Besten halte. Und werde ich dadurch ein anmaßender Pianist, wenn ich die Vorgaben des Komponisten ignoriere?
 
K

koelnklavier

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Im Falle BWV 999 sollte man sich vor Augen halten, daß das Präludium ursprünglich für Laute komponiert ist (hier in g-moll). Es ist Bestandteil einer Suite, also einer Folge von Tänzen. Sollte man sich also auch überlegen: Wie schnell wurde damals getanzt?

Spätestens seit Reinhard Goebel und seiner "Musica antiqua Köln" hat sich ein recht sportiver Gestus etabliert. Die Damen und Herren müssen im 18. Jahrhundert schon recht fit gewesen sein, wenn sie das Tempo tänzerisch mithalten wollten. Aber bedenken wir: Leibesfülle und Wohlbeleibtheit waren damals Statussymbol! Die Garderobe der Herrschaften mit Samt und Brokat, etlichen Unter- und Überröcken war vom Gewicht her auch nicht zu verachten. Ob man damals eine Gique oder Courante im Schweinsgalopp getanzt hat?

Natürlich: Das Präludium BWV 999 ist kein Tanz, sondern "bloß" die Eröffnung einer Tanzfolge. Trotzdem - man sollte das Stück in seinem Kontext bewerten und daraus Rückschlüsse für die Tempowahl ziehen.
 
Haydnspaß

Haydnspaß

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welchen Stellenwerk hat Werktreue heute noch? Immerhin sind inzwischen wohl alle bekannten Lieder bekannter Komponisten werkgetreu (teils auf historischen Instrumenten) gespielt worden. Wieso soll ich - als Amateurspieler - Lieder überhaupt noch werkgetreu spielen?
Werktreue ist ein schönes Wort, aber was genau man darunter verstehen soll, wird von unterschiedlichen Musikern auch ganz unterschiedlich gesehen. Und wenn wirklich nur das Spielen auf Originalinstrumenten erlaubt wäre, dürften Klavierspieler weder Bach noch Mozart noch Beethoven noch Chopin auf einem heutigen Klavier/Flügel spielen.

Werktreue im pragmatischen Sinn bedeutet für mich, daß man 1. einen verläßlichen Notentext (Urtextausgabe) benutzt und daß man 2. die musikalischen (und außermusikalischen) Gedanken, die in einer Komposition drinstecken entsprechend ausdrückt. Das ist natürlich umso schwieriger, je weniger genau der Notentext bezeichnet ist bezüglich Tempo, Charakter, Ausdruck, Artikulation etc. Und es wäre auch fatal, wenn die persönliche Freiheit des Interpreten einer wissenschaftlich korrekten aber uninspirierten, leblosen Archivproduktion geopfert würde. Musik ist immer auch Ausdruck eines Lebensgefühls, also subjektiv und stimmungsabhängig.

Daher kann es eine "absolut richtige" oder "historisch richtige" Interpretation eigentlich garnicht geben.

Wichtig ist, daß du selbst von dem überzeugt bist, was du tust und daß du mit deiner Interpretation auch andere überzeugen kannst, was oft noch das allergrößte Problem ist - weil das Publikum oft bestimmte hergebrachte Erwartungen hat und sich nur sehr schwer auf etwas Ungewohntes einläßt, selbst wenn es historisch noch so gut belegt ist..
 
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