Die Meinung der Russen

Also ich hatte 9 Jahre einfach nur guten Klavierunterricht für wenig Geld. Klar habe ich am "Technikwettbewerb" und solchen Sachen teilgenommen, weil mein Lehrer fand, ich sei gut genug dafür. Ich habe auch mal zum Republikgeburtstag auf 'ner Festveranstaltung gespielt. Aber ideologisches Gedöns gabs keins, da war mein Lehrer viel zu weit von weg. Und es stand mal zur Diskussion, dass ich mich für Weimar Belvedere bewerbe, aber das wollte ich dann nicht und damit wars ok.

Ja, ich weiß, verklärter Blick zurück ... aber das ist meine ... nennen wir es Wahrnehmung, ok?
 
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Nur ein kurzes Wort zu den Studiengebühren:
An guten amerikanischen Unis sind die ausländischen Studenten eine der Haupteinnahmequellen. Wenn Du Deinen Wert am Arbeitsmarkt mit einem Jahr Stanford erhöhen willst, musst Du eben investieren - im Gegensatz vielen Einheimischen: 50% der Studenten in Stanford sind von Studiengebühren befreit.
Du siehst: von Ausländern mehr Geld zu verlangen ist keine russische Ausnahme.

Als Vater einer Tochter, die ein komplettes Master- und Promotionsstudium mit einem lokalen Stipendium, d.h. vollem Erlaß der jährlichen Gebühren von 32.000 $, in Princeton bzw. Brown absolviert hat, kann ich Dir nur sagen: Du liegst falsch. Gefördert werden die Bewerber nach Leistung und ihrer Attraktivität für das jeweilige Programm, nicht nach Nationalität.
 
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Das entspricht nicht meiner Erinnerung. Wer einfach nur Sport machen wollte, hatte es dabei auch schwer, denn die Leistungs- bzw. Wettkampforientierung galt dort ebenso, mal ganz abgesehen vom ideologischen Gedöns. Das galt übrigens auch für die Musikschulen. Einfach so aus Spaß ein Instrument lernen? Ohne Musiker werden zu wollen oder zumindest auf Wettbewerb getrrimmt zu werden? Eher Fehlanzeige!

Und das Sowjetsystem funktioniert in Rußland insofern nach wie vor. Und wer als Lehrer in diesem System herangewachsen ist, wird kaum fähig sein, sich davon zu distanzieren.

(Wobei es für mich ein Rätsel bleiben wird, wie man durch Schliff und "Unterrichtsterror" ein guter Musiker werden kann und nicht zur verkorksten Persönlichkeit wird.)
Die erste Aussage erscheint mir absolut plausibel - schließlich sollte die ideologisch gefestigte Staatsdoktrin alle Lebensbereiche erfassen und transparent machen. Ähnliches ist aus dem Bereich der Laienchöre bekannt - ohne ideologisch motiviertes Brimborium ging offensichtlich nichts; alles Private wurde argwöhnisch beobachtet. Solche Konstellationen und Lebenserfahrungen hinterlassen nachhaltige Spuren; was jahrzehntelang ohne Alternative praktiziert wird, bleibt auch nach Wegfall äußerlicher Reglementierungen in den Köpfen bestehen und wird in dieser Manier auch weitervermittelt. Dass ich den oben erwähnten Beitrag mit "like" bewertet habe, hat selbstverständlich nichts mit einer Billigung solcher mitunter unmenschlicher Zustände zu tun, sondern damit, dass die Aussagen diese fragwürdigen Realitäten gut auf den Punkt bringen. Wie man unter derartigen Rahmenbedingungen nicht zur verkorksten Persönlichkeit wird? Höchstwahrscheinlich allenfalls, wenn sich die angestrebten Erfolge dann auch eingestellt haben und eine gewisse Kompensation negativer Erfahrungen möglich ist. Wo es mit der Karriere nicht geklappt hat, sind sicherlich zahlreiche seelische Wracks abseits der öffentlichen Wahrnehmung vorzufinden. Aber wie formulierte es doch einst Brecht:
"Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht."
Im Licht angekommen sind wohl die Podiumsstars von Ashkenazy bis Ugorski, um auf meine eigene Aufzählung zurückzukommen. Im Dunkel der Erfolglosigkeit und des Misserfolgs sind hingegen scharenweise zerbrochene Naturen anzutreffen - ob sich also alles an einem "russischen" Ideal orientieren sollte, ist demnach sehr die Frage...! Und wie gesagt: Mit extremem Leistungsdruck allein kann man trotzdem keine Karriere auf absolut sicheren Erfolg programmieren, da für selbigen unzählige Faktoren verantwortlich sind, die nicht von einer einzigen Position aus umfassend gesteuert werden können,

meint Rheinkultur
 
Als Vater einer Tochter, die ein komplettes Master- und Promotionsstudium mit einem lokalen Stipendium, d.h. vollem Erlaß der jährlichen Gebühren von 32.000 $, in Princeton bzw. Brown absolviert hat, kann ich Dir nur sagen: Du liegst falsch. Gefördert werden die Bewerber nach Leistung und ihrer Attraktivität für das jeweilige Programm, nicht nach Nationalität.

ok, ich war nicht präzise - nicht falsch.

Zitat von http://admission.stanford.edu/application/international/index.html:
Financial Aid

Regardless of citizenship, applicants are reviewed in the context and country where they attend high school. In addition, Stanford is committed to meeting demonstrated financial need for all admitted students (regardless of citizenship) who have requested financial aid during the application process.

If you are not a U.S. citizen or U.S. permanent resident, your request for financial aid will be a factor in our admission evaluation. Because of the limited financial aid resources available to international citizens, Stanford can offer admission with financial aid to just a small number of international citizens each year. International citizens who indicate on their applications that they will not be applying for financial aid and subsequently are admitted are not eligible to apply for financial aid at any time during their four years at Stanford.

Stanford is need-blind for all U.S. citizens and U.S. permanent residents (regardless of the country where you attend high school). This means a request for financial aid will not be a factor in our admission evaluation. Visit our financial aid website for more information and the required application forms.
Die Nationalität spielt also dann eine Rolle, wenn´s um die Studiengebühren geht.
 
Das entspricht nicht meiner Erinnerung. Wer einfach nur Sport machen wollte, hatte es dabei auch schwer, denn die Leistungs- bzw. Wettkampforientierung galt dort ebenso, mal ganz abgesehen vom ideologischen Gedöns. Das galt übrigens auch für die Musikschulen. Einfach so aus Spaß ein Instrument lernen?
Sollte mein Blick auch so verklärt sein? Ich habe 10 Jahre Sport und 9 Jahre Musik in der Däderädää gemacht. Ersteres in Freizeitvereinen, das Zweite in einer "Nachmittags-Musikschule" und Beides aus Spaß. Etwas Politisch-Ideologisches habe ich dabei nicht einmal erlebt. Ich musste nicht einmal etwas "sozialistisches" Fiedeln oder zu entsprechenden Anlässen oder Feiertagen auftreten. Normale Jugendtalentwettbewerbe, wie sie es heute auch noch gibt, ansonsten ganz traditionelle Kammermusik (ok ich erinnere mich...Blaskapellen hatten am 1. Mai oder 7. Oktober viel zu tun). Einziger Unterschied: Sportwettkämpfe auf Regionaler Ebene nannten sich nicht Meisterschaft, sondern Spartakiade.

Da fällt mir ein: Auch ich bin einmal heulend von der Musikschule nach Hause gerannt. Die Lehrerin war dabei aber ganz human. Sie hat einfach erkannt dass ich überhaupt nicht mehr geübt habe und mir in´s Gewissen geredet. Das aber ganz ruhig und mit so viel pädagogischem Feingefühl, dass mir das schlechte Gewissen unheimlich auf´s Gemüt schlug. Es hat geholfen....
 
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Das kennt man in der Tat aus Deutschland anders: Entweder werden Studiengebühren von allen Studierenden verlangt oder eben nicht. Da werten Scharen von südkoreanischen u.a. Aufbaustudenten ihren künstlerischen Werdegang mit in Deutschland subventionierten Zusatzsemestern auf, um anschließend wieder im Heimatland tätig zu werden - so dass Deutschland teilweise auf der
internationalen Ebene die Konkurrenz für den eigenen Nachwuchs subventioniert, während andere Staaten (Schweiz) vielfach Arbeitsplatzsicherungsgesetze haben, die bei Vakanzen die vorrangige Einstellung inländischer Bewerber vorsehen. Wie würde sich unsere
Studentenschaft an deutschen Musikhochschulen wohl zusammensetzen, wenn z.B. Koreaner 600 € Studiengebühren pro Semester bezahlen müssten, während inländische Studenten von Studiengebühren befreit wären? Eine solche Praxis wird im Sinne sozialistischer Gleichmacherei durch irgendwelche Antidiskriminierungsgesetze verhindert, die von
allen politischen Parteien mitgetragen werden.


Zunächst: der Vergleich von Zulassungsbestimmungen an Hochschulen mit arbeitspolitischen Bestimmungen hat hier sicher nichts verloren. Was nun die Scharen von Koreanern betrifft, so werden sie doch wohl dieselben Zulassungshürden überwinden müssen wie ihre inländischen Mitbewerber, oder nicht? Womit sich die dt. Musikhochschulen also im Kern nicht anders verhalten als die oben von mir angeführten amerikanischen Ivy leage Unis. Vielleicht ist die Situation an den Musikhochschulen in einem Punkt anders als an den übrigen Universitäten: bei letzteren steht vor einem Studium neben den fachlichen Hürden immer noch die Sprachhürde, die von selbst dafür sorgt, daß der Zustrom nicht überbordet. Nach dem aktuellen Bericht des Bundesforschungsministeriums beträgt der Ausländeranteil 11,5% (das ist übrigens etwas weniger als 2006); in anderen Ländern, wie etwa Österreich, das einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Hochschulkapazität in manchen Fächern just für deutsche Studenten zur Verfügung stellt, liegt er erheblich höher. Erfahrungsgemäß sind ausländische Studenten, die die Hürden überwunden haben, auch überdurchschnittlich gut (wie oft haben aufgeweckte und kenntnisreiche ItalienerInnen mir ein Seminar gerettet, das ein Teile ihrer einheimischen KommilitonInnen mit dem "das geht mir voll am ... vorbei"-Blick abgesessen hat) und kulturell interessiert, sodaß auch die einheimischen Studenten vom Austausch mit ihnen profitieren. Ich jedenfalls habe noch von keinem/-r vernommen, daß er/sie die Koreaner zurück ins Gelbe Meer stoßen möchte. Die Unis hätten im übrigen von Studiengebühren für Ausländer nichts, weil, wie die Geschichte der Studiengebühren in Deutschland gezeigt hat, die Länder sich einfach im Umfang des Gebührenaufkommens aus der Hochschulfinanzierung zurückziehen würden.
 
Guten Abend, ich melde mich nochmal zu Wort und versuche, ein bisschen mehr Klarheit zu erzeugen.

Also diese Ansichten und Vermutungen sind sicher nicht die Einzel-Auswüchse eines einzelnen Studenten, sondern man spürt eindeutig, dass große Unterschiede zwischen Russen + Nicht-Russen herrschen. Es gibt auch Lehrer, die grundsätzlich keine Ausländer nehmen, oder nur in besonderen Ausnahmefällen.

@ Micha: Das war einer der schönsten Beiträge, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, vielen Dank dafür!!! :kuss:

@ pppetc: Ich möchte mich natürlich nicht verrückt machen und tue es denk ich auch nicht. Überhaupt zielt mein ganzer Beitrag nicht auf Hysterie oder Verzweiflung aus, sondern tatsächlich auf Interesse des Verstehens im Allgemeinen. Ob ich gut bin, weiß ich nicht, aber mein Ding mache ich in jedem Fall.

@ Sesam: "Getrübt" wird mein Studium hier von solchen Gedanken nicht, und ausschließlich destruktiv sind sie auch nicht. Ich wusste ja von vornherein, dass die Mentalität hier sehr anders und teilweise "uneuropäisch" ist, und wollte genau das erleben! Eigentlich ist meine Lehrerin mir fast noch "zu nett".

@ Sorell: Vielen herzlichen Dank für diesen äußerst interessanten Einblick!! Ich habe noch zwei Fragen: Wie siehst du deine Behandlung nun aus heutiger Sicht - denkst du, dass du ohne diesen Druck gänzlich aufgehört hättest und bist darum "dankbar", dass du zum Weiterspielen gezwungen wurdest? Wie hätte man dich vielleicht behandeln sollen? Und weiterhin - was sagst du zu den Ansichten vieler Russen über ausländische Musikstudenten, wie war das in Moskau?

@ megahoschi: Das mit den Studiengebühren war kein versteckter Vorwurf ans System, ich finde das eigentlich gerecht. Schließlich zahle ich hier keine Steuern und werde auch nie welche Zahlen. Insgeheim ärgert es mich auch manchmal, dass so viele ausländische Studenten in Deutschland ein ultra-teures Studium machen und dann wieder gehen. Aber das ist sicher kurzsichtig gedacht - es studieren ja auch viele Deutsche im Ausland und zahlen dafür vielleicht nichts. Und es kommen auch studierte Fachkräfte nach Deutschland, die im eigenen Land studiert haben. Wenn es um Politik geht, sperre ich das Maul lieber nicht zu weit auf.

Weiterhin muss ich erklären: Mein Unterricht ist weder schlecht noch brutal, die Lehrerin gilt als eine der freundlichsten und besten des Konservatoriums. Ich habe ihr vor meinem Kommen eine CD geschickt und bin letztes Jahr eine Woche hier gewesen, um sie kennenzulernen, und sie hat sich freiwillig dafür entschieden, mich in ihre Klasse aufzunehmen (am liebsten sogar schon ein Jahr früher, ich wollte aber noch eine wichtige Prüfung in Deutschland ablegen).
Ich bin mir sicher, dass ich in der Zeit hier schon viel gelernt habe.

Es muss sich aber nicht ausschließen, jene geäußerten Gedanken grundsätzlich irgendwo im Kopf zu haben und trotzdem gerne und gut Ausländer zu unterrichten.
So ähnlich, wie "wir" (ich und viele, die ich kenne) über asiatische Studenten denken: Sie üben viel, sind motorisch sehr weit, spielen aber oft gesichtslos, fantasielos, langweilig und warten nur darauf, dass man ihnen genau sagt, was sie tun sollen.
Ich kenne sehr viele asiatische Studenten und weiß natürlich, dass es enorme Unterschiede gibt. Aber Vorurteile oder Eindrücke entstehen nicht "einfach so", sondern haben immer einen wahren Ursprung.

"Die Russen" sind natürlich auch alle unterschiedlich; grundsätzlich ist aber mein Eindruck, dass sie allgemein eher kühl und abweisend sind, wenn man sie aber näher kennt, sind sie überaus herzlich, offen, spendabel, gastfreundlich und alles mögliche. Man kann ja auch unterscheiden zwischen Vorurteil und allgemeiner Mentalität.

Die Förderung der Kinder ist hier tatsächlich unvergleichlich viel intensiver - "nur" Klavierunterricht gibts nicht, da muss / darf man auch noch die wichtigsten musiktheoretischen Nebenfächer mitnehmen und bezahlt unterm Strich weniger, als an deutschen Musikschulen.

Leute zu Leistung zu bewegen (wenn das nicht aus Eigenantrieb geschieht) geht meiner Meinung nach auf zwei verschiedene Wege:
1. In positiver Form fordern + Ehrgeiz wecken ("Ich weiß, dass du es noch besser kannst, du solltest darum hiermit noch nicht zufrieden geben")
2. Einschüchtern und Angst machen, bzw. Trotz erzeugen ("Wenn du das bis nächste Woche nicht kannst, ..." / "Du kannst nichts und taugst nichts" ==> Schüler will das Gegenteil beweisen)

Möglicherweise erbringt die 2. Methode bei den meisten Menschen, die ihre Tages-Energie eben normalerweise gleichmäßig auf verschiedene Aktivitäten aufteilen, schneller vermeintlich bessere Erfolge, weil bei Methode 1 eben noch maßgeblich der Eigenantrieb mitspielt, während Angst einen ganz anderen Motor in Gang setzt.
Da ich im Leben bisher nie derart brutal zu etwas gezwungen wurde, kann ich aber nicht so gut abschätzen, was das mit einem macht...
 
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@ stilblüte: "Vielen herzlichen Dank für diesen äußerst interessanten Einblick!! Ich habe noch zwei Fragen: Wie siehst du deine Behandlung nun aus heutiger Sicht - denkst du, dass du ohne diesen Druck gänzlich aufgehört hättest und bist darum "dankbar", dass du zum Weiterspielen gezwungen wurdest? Wie hätte man dich vielleicht behandeln sollen? Und weiterhin - was sagst du zu den Ansichten vieler Russen über ausländische Musikstudenten, wie war das in Moskau?"

1. Der Druck, der war damals überall. Es war so in der Familien, dass sie das Beste für Ihre Kinder wollten. Ich meine durchschnittliche Familie, nicht diejenigen, die ganz unten sind. Jeder war ehrgeizig. Man musste was werden! Meine Oma hat immer gesagt: "Willst Du Putzfrau werden?" Das war etwas schlimmes... und obwohl ich auch ales Putzfrau viele Jahre gearbeitet Habe (als Nebenverdienst), wusste ich, dass ich gut ausgebildet bin. Ich war musikalisch begabt, und musste halt da bleiben. 2 Jahre (zwischen 7 und 9) habe ich auch Schwimmsport gemacht, auch ganz ernst. Ich war 3 Mal die Woche an Trainings. Das war alles parallel zu Klavier. Dann hat meine Trainerin gesagt, dass ich Erfolge im Schwimmen habe, und sollte zwischen Musik und Sport wählen. Beides ginge nicht, wenn man es ernst meint. Ich kann mich gut erinnern, dass es überal in unserem Kreis sehr viel für die Kinder gemacht wurde, dass ihre Zukunft besser wird. Die Eltern haben sich einfach geopfert. Mit Zeit und Geld und das auch diesen Druck auszuüben. Man suchte Talente, Neigungen und hat das gefordert und gefördert. Es war weniger als Hobby alles ausgeübt, es war für die Zukunft. Damals in der Sowjet Union war "Klavierlehrer" der beste Beruf. 18 Stunden pro Woche, dankbare Eltern.... Meine Mama musste ihr ganzes Leben von 9 bis 18.00 arbeiten, genauso wie Papa. Sie hatte wenig Zeit für uns Kinder. Gott sei Dank, hatten wir Oma und Opa, die auch uns unterstützt.
Nein, es war richtig.... Ich hatte Unglück, dass ich am Anfang keine guten Lehrer hatte.... ich war einfach ganz verdorben. Mehr ich geübt habe, desto weniger klappte es. Natürlich, das erzeugt Frustration und Abneigung. Nur als ich aus diesem Kreis raus war, in MOskau, nach diesen 2-3 Wochen mit neuer Klavierlehrerin, habe ich mich als neugeboren gefühlt.
Hier in Deutschland wird es nicht so viel Druck auf die Kinder gemacht. Hobby da, Hobby hier, die Kinder müssen sich selbst entfalten. Ganz weniger Eltern meinen es ernst. Das gefällt mir nicht wirklich. Ein bißchen autoritär sollte ELtern doch sein. Die haben viel Lebenserfahrung und können die Entscheidung nicht den Kindern übergeben, die keine Lebenerfahrung haben. Es wird meistens auch aus Bequemlichkeit gemacht. Ich bin Mama von einem 6-jährigen Jungen. Ich sage ihm - mach das oder das, der motzt oder weigert oder widerspricht. Mal bin ich so müde, dass ich denke, ich lasse es, habe keine Nerven, keine Kraft. Und dann habe ich schlechtes Gewissen, dass ich mein Kind nicht für seine Zukunft ausrichte. Ich muss ihm vorallerdings gewisse Disziplin, Durchsetzungsvermögen und Fleiß beibringen. Das wird ihm im Leben enorm helfen! Und ohne gewissen Druck ist es nicht möglich.
2. Russen über ausländische Studenten? Als ich studiert habe, hatten wir keine ausländischen Studenten in Klavierfach. ANdere Fakultäten schon, aber nur aus Freundenländern von Sowjet Union :-) Was wir Russen über die musikalische Ausbildung in Deutschland sagen.... alles, was vor der Hochschule, schlecht und ohne System. Es ist echt erstaunlich, wie die Studenten hier es schaffen, nur in der Hochschule die anderen Bereiche nachholen - Theorie, Gehörbildung usw.) Alles, was wir jahrelang schon gemacht haben.
 
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Lang ist die Liste erfolgreicher russischer Pianisten der letzten Jahrzehnte: Ashkenazy, Bashkirow, Berman, Gilels, Leonskaja, Maisenberg, Nikolajewa, Richter, Sokolow, Ugorski - auf die Schnelle alphabetisch geordnet und absolut unvollständig! Wie viele andere haben eine genauso gnadenlos harte Schule durchlaufen und sind vergleichsweise erfolglos durchs Raster gefallen - wenn auch nicht kaputtgespritzt und zum gesundheitlichen Wrack gemacht wie mancher DDR-Sportler...

...fragt sich Rheinkultur


Eine ukrainische Kollegin von mir, die seit längerem hier am Ort lebt, hat in Lemberg in der Ukraine studiert, als das Land noch Sowjetrepublik war. In unmittelbarer Nähe der Hochschule gab es eine Klinik, die von physischen und psychischen Wracks bevölkert war, die an eben dieser Hoschschule studierten. Auch ein Konzept:
Hochschule mit angeschlossener Klapsmühle... das kann es nun wirklich nicht sein.

Ich denke, man sollte als Student in Russland ( und anderswo) möglichst positiv und aufgeschlossen dem Lehrer bzw.der Lehrerin gegenübertreten und davon ausgehen, dass die Gegenseite genauso verfährt. Im direkten menschlichen Miteinander lassen sich unter Umständen Vorurteile ausräumen, indem der andere in erster Linie als Mensch und Individuum und nicht als Russe oder Ausländer wahrgenommen wird.
Ich glaube auch nicht wirklich an grundlegende und alles außerhalb Liegende ablehnende Mentalitäten oder nationale Eigenheiten, da schließlich jeder die Freiheit der Wahl hat, Einstellungen oder Vorurteile zu hinterfragen und abzulegen.

Und falls die russischen Musiker und Lehrer stolz auf die großen Vertreter der russischen Schule sind und sie zum Maß aller Dinge machen: ohne in irgendeinen deplatzierten Nationalstolz zu verfallen, wäre ohne Weiteres auf "unsere" Linie der Backhaus, Gieseking, Kempff, Erdmann und anderer zu verweisen. Unsinnig wäre es wiederum, hier Vorzüge oder Nachteile aufzurechnen.
 
@gubu "Und das Sowjetsystem funktioniert in Rußland insofern nach wie vor. Und wer als Lehrer in diesem System herangewachsen ist, wird kaum fähig sein, sich davon zu distanzieren."

Ich verstehe nicht, was hier gemeint ist. Ich bin da als Lehrerin herangewachsen. Wozu bin ich fähig und nicht fähig? Andere Art und Weise zu wählen, um zu unterrichten? Ich bin nicht so streng, wie damals, hier sind andere Prioritäten. Da in MOskau habe ich auch nicht geschriehen oder jemanden beleidigt. Jetzt wenn das Kind mir sagt, dass es nicht geübt hat, bin ich nur traurig. Das Kind sagt, dass es Gründe gäbe. Dann üben wir halt bei mir. Wenn es immer so ist, wird solcher Schüler bald abspringen, weil es keine Erfolgserlebnisse zu sehen. Obwohl seit 5 Jahren, die ich hier unterrichte, ganz wenig Schüler asu diesem Grund abgesprungen. Ich bin selbst ein bißchen stolz auf mich, dass meine Kinder selbst üben, Disziplin besitzen und Spaß zeigen.

"(Wobei es für mich ein Rätsel bleiben wird, wie man durch Schliff und "Unterrichtsterror" ein guter Musiker werden kann und nicht zur verkorksten Persönlichkeit wird.) "

Ich bin dann ein Rätsel.....

Hier war auch viel über "Wracks" gesprochen....
Ja, ich habe meine Karriere als Berufsmusikerin für viele Jahre abgebrochen, aber ich hatte nie Probleme damit gehabt. Als in 1991 durch Perestroika nicht mehr möglich war, davon zu leben, habe ich mich auf andere Wege begeben. Ich war Buchhalterin, Immobilienmaklerin, dann Übersetzerin (Englisch) bei vielen verschiedenen Bereichen (Öl, Outdoor-Werbung, Investment, Holzhandel). Letzte 2 Jahre bevor ich nach Deutschland gekommen bin, war ich Vorstandsassistentin bei der Bank. Ich war und bin sehr glücklich, dass ich so viele Bereiche kenne und überall war sehr gut. Hier in deutschland habe ich in 2000 als Putzfrau angefangen - ein Jahr lang bei Wella in Darmstadt, weil ich kein Deutsch konnte... dann 5 Jahre als Vertriebsassistentin bei einer amerikanisch-deutschen Firma. Ich habe nie gedacht, dass ich mal zurück in die Musik komme. Mein Traum war als Psychotherapeutin arbeiten. Ich dachte sogar, dass ich Musikterapie studieren konnte... Da kam mein Sohn zu Welt, und meine Pläne wurden gemischt. Zufällig habe ich in der Mutterschaft angefangen, paar Unterrichstunden an Bekannten zu geben, die mich echt überredet haben. Und dann kam es mehr und mehr.... ich hatte am Anfang sogar kein Instrument. Mein Klavier ist in Moskau geblieben....
Ich denke, dass meine Lebenserfahrung in meinem Spiel zum Vorteil ist. Ich muss keinem was beweisen, obwohl ich versuche, mich weiter zu bilden. Die Russische Klavierschule stelle ich nicht als die einzige Alternative. Ich habe von anderen Schulen auch vieles Gutes erworben. Halt eine Mischung, die ich mir selbst mache, um ein Stück bestmöglich zu spielen. Meinen Schülern zeige ich und erzähle verschiedenen Aspekten und Unterschieden zwischen verschiedenen Schülen.... natürlich, kindgerecht. Sie finden es interessant
 

Und falls die russischen Musiker und Lehrer stolz auf die großen Vertreter der russischen Schule sind und sie zum Maß aller Dinge machen: ohne in irgendeinen deplatzierten Nationalstolz zu verfallen, wäre ohne Weiteres auf "unsere" Linie der Backhaus, Gieseking, Kempff, Erdmann und anderer zu verweisen. Unsinnig wäre es wiederum, hier Vorzüge oder Nachteile aufzurechnen.
Insbesondere, da diese (und andere) Traditionslinien (die gar nicht so linear sind, vielmehr durchaus vielfältige Unterströmungen aufweisen) in nicht unerheblichem Maße miteinander verwoben sind.
 
@gubu "Und das Sowjetsystem funktioniert in Rußland insofern nach wie vor. Und wer als Lehrer in diesem System herangewachsen ist, wird kaum fähig sein, sich davon zu distanzieren."

Ich verstehe nicht, was hier gemeint ist. Ich bin da als Lehrerin herangewachsen. Wozu bin ich fähig und nicht fähig? Andere Art und Weise zu wählen, um zu unterrichten? Ich bin nicht so streng, wie damals, hier sind andere Prioritäten. Da in MOskau habe ich "(Wobei es für mich ein Rätsel bleiben wird, wie man durch Schliff und "Unterrichtsterror" ein guter Musiker werden kann und nicht zur verkorksten Persönlichkeit wird.) "

Liebe sorell,

meine Äußerung zielte nicht auf Dich. Du bist Deinen ganz besonderen Weg gegangen. Und das ist gut.

Natürlich war mein Beitrag etwas überspitzt formuliert. In Russland wird es ebenso viele Lehrende geben, die die Exzesse des autoritären Unterricht kritisch sehen, wie es in Ostdeutschland solche gibt, die den ideologischen Auswüchsen der DDR abgeschworen haben. Viele aber auch nicht. Gerade in den Schulen sieht man das. Leider.

Aber ich möchte nicht weiter von Stilblütes Thema abschweifen...

Viele Grüße
gubu
 
(Wobei es für mich ein Rätsel bleiben wird, wie man durch Schliff und "Unterrichtsterror" ein guter Musiker werden kann und nicht zur verkorksten Persönlichkeit wird.)

Ich glaube, dass man trotz Schliff und Unterrichtsterror ein guter Musiker werden kann so wie es auch Menschen gibt, die trotz schlimmer Kindheitserfahrungen keine verkorksten Persönlichkeiten werden.

Ich bin aber ganz deiner Meinung, dass regelmäßiger Unterrichtsterror, wie unterschiedlich er nun auch aussehen mag (manchmal reichen auch klitzekleine Bemerkungen - letztlich geht es um die Haltung, die der Lehrer dem Schüler gegenüber hat), die so wichtige Selbstwahrnehmung und das Selbst-Bewusstsein des Schülers behindert oder sogar zunichte macht. Der Schüler ist nur noch bestrebt, die Erwartungen des Lehrers zu erfüllen, er schaut überall hin, nur nicht auf sich selbst. Die Leistung steht im Mittelpunkt, nicht das Spiel selbst.

Wenn ich nicht gut war, habe ich immer gehört, wie sie angefangen hatte, tief und laut zu atmen! es war schrecklich! Ich habe mich versucht, zusammen zurollen!
Aber als ich gut war, hatte sie keinen Halt mehr, mich zu loben!

Belohnungen und Strafen sind dazu sehr eindrückliche Mittel.

Ich glaube auch, dass ein totalitäres System so etwas fördert. Und doch hat in diesem System ein Heinrich Neuhaus gelebt, der sehr hohe Erwartungen an seine Schüler hatte, aber mit einer großen Wertschätzung von ihnen spricht! Der an sie glaubte und ihnen das Beste abverlangte, was sie zu geben hatten. Ich glaube nicht, dass ihm jemals "Du faule Kuh" über die Lippen gekommen ist. Aus seinem ganzen Buch "Die Kunst des Klavierspiels" spricht eine solche Liebe zur Musik - Musik in all ihrer Tiefe, Lebendigkeit und Schönheit wiederzugeben, war sein Bestreben und deshalb forderte er. Im Mittelpunkt stand aber immer die Musik und nicht die Leistung seiner Schüler. Schüler merken diesen Unterschied! Er begegnte ihnen mit höchstem Interesse an ihren Meinungen, Ansichten und Gedanken. Er forderte sie heraus, sich selbst mit allem auseinanderzusetzen, er sagte ihnen nicht ständig, was sie tun sollen (leider ein häufiger Fehler autoritärer Lehrer). Er fragte, er diskutierte ..... . Er forderte sozusagen den Schüler in seiner Gesamtheit und - wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, rief er dazu auf, sich nicht nur mit Musik, sondern auch mit Malerei, Kunst, Literatur .... zu beschäftigen.

So stelle ich mir einen wahren Lehrer vor und das erinnert mich wieder an das Zitat von Stephan Hermlin (Anatol hat es damals gepostet):

Unter den sehr klugen Leuten, denen ich im Laufe meines Lebens begegnete, war Hanns Eisler warscheinlich der klügste. Diese Intelligenz hatte für den Gesprächspartner nichts Einschüchterndes, Niederdrückendes: sie ermutigte vielmehr, sie war fordernd und fördernd. Jeder versuchte, ihm gegenüber das Beste zu geben.

Liebe Grüße

chiarina
 
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Ich glaube, es ist ein vergeblicher Versuch, eine ideale Lehr-Methode zu finden. Letztendlich geht es um Menschen, die miteinander interagieren müssen. Als Jugendlicher habe ich mich nach Druck und Drill gesehnt, denn ich habe erkannt, dass ich nur unter Druck gut bin bzw. besser werde und es mir an Eigendisziplin fehlt. Meine Lehrer waren eher zu lieb. Andere vertragen genau solchen Druck eben nicht und wollen sich lieber selbst entfalten, Ihren eigenen Druck aufbauen.
Das Geheimnis liegt wohl darin, dass ein Schüler seinen Lehrer findet und umgekehrt.
Ich bin mir sicher, dass selbst die besten, bekanntesten, berühmtesten Lehrer Schüler haben, mit denen Sie nicht klarkommen (und natürlich auch wieder umgekehrt). Kein Lehrer wird sich wohl auf alle Charaktere einstellen können.
 
Ich glaube, dass man trotz Schliff und Unterrichtsterror ein guter Musiker werden kann so wie es auch Menschen gibt, die trotz schlimmer Kindheitserfahrungen keine verkorksten Persönlichkeiten werden.
Wenn die Grundpersönlichkeit sehr stark und extrem belastbar ist, geht der gute Musiker in der Tat seinen Weg. Es gibt diese äußerst robusten Naturen, die ungewöhnlich hart im Nehmen und Einstecken sind - kennt man sonst nur vom professionellen Boxen: So einen Klitschko-Hammerschlag würde der untrainierte Normalmensch im Ring möglicherweise nicht überleben...!

Wer wirklich in künstlerischer Hinsicht ganz nach oben will, hat einen steinigen und für viele unvorstellbar harten Weg vor sich - die meisten wissen das ja von vornherein und sind auf allerhand Unangenehmes vorbereitet. Das Gefährliche an übersteigerter Härte im Tonfall ist aber, dass sich diese Härte irgendwann verselbständigt und in Lebensbereichen auswirkt, die mit dem Musizieren auf hohem künstlerischen Niveau gar nichts mehr zu tun haben. Es muss also immer einen plausiblen Zusammenhang geben zwischen dem angestrebten Ziel (exzellente künstlerische Qualität) und den zum Erreichen erforderlichen Mitteln (Leistungsbereitschaft, Disziplin, Sorgfalt). Wenn man als Lehrkraft beim Schüler die nötige Professionalität in einem ruhigen und respektvollen Umgangston einfordern kann, sehe ich persönlich aggressives Verhalten der Lehrkraft nicht als Stärke, sondern als Schwäche an. Bis vor wenigen Jahrzehnten war an deutschen Schulen die körperliche Züchtigung nicht verboten. Dennoch blieb bei den pädagogisch kompetenten Lehrkräften der Rohrstock unbenutzt in der Ecke stehen; Lehrer, die ausgiebig zu prügeln pflegten, galten schon vor über hundert Jahren als pädagogische Versager - und es gab bereits im 19. Jahrhundert Maßnahmen der zuständigen Aufsichtsbehörden wegen "grober Überschreitung des Züchtigungsrechts". Zu den verbalen Gewaltexzessen, von denen ich in einem Beitrag einiges geschrieben habe, gehörten Verhaltensweisen, deren ausbildungsspezifischer Nutzen absolut gleich Null ist: Tobend vor der versammelten Klasse Oboenrohre oder Klarinettenblätter auf dem Boden zertrampeln, Notenständer umtreten, Notenmaterial beschädigen (gegen die Wand pfeffern, bis die Blätter zerfetzen und aus dem Leim gehen) - oder verbale Attacken ausschließlich gegen die Person (in Abwesenheit über eine eigene Studentin: "Wenn ich mir die fette Kuh angucke - ihr Freund muss ja sexuell pervers veranlagt sein"). In einem "Betriebsklima" dieser Art ist ein professionelles künstlerisches Arbeiten meines Erachtens nicht mehr möglich - einen gewissen Mindeststandard an Kontrolle und Selbstbeherrschung sollte man einfach voraussetzen können. Solche hoch aggressiven Verhaltensweisen verstellen nachhaltig den Blick auf das, worum es eigentlich geht, nämlich um hohe künstlerisch-musikalische Qualität - in einem Klima von (überwiegend oder ausschließlich) Angst und Destruktivität kann eine solche nicht ohne weiteres heranwachsen und reifen. Wenn Gewalt freilich eine gewisse Akzeptanz genießt (vielleicht mentalitätsbedingt?), kann so mancher mehr einstecken als andere. Ob das so sein muss, ist eine ganz andere Frage.

Allerdings frage ich mich auch, ob ich mich (zurück zur Ausgangsfrage) von der "Meinung der Russen" so auf Gedeih und Verderb abhängig machen möchte. Letztlich kann man nur vor dem Hintergrund des eigenen Lebensweges und der eigenen Sozialisierung bestmögliche künstlerische Standards anstreben und darauf hoffen, sich mit der dann erreichten hohen Qualität am Markt behaupten zu können. Was zwingt "die Deutschen", es genauso zu machen wie "die Russen" oder "die Chinesen"? Da haben "die Russen" zwar Weltstars am Markt wie Richter, Neuhaus, Gilels, Rubinstein etc. vorzuweisen - aber "die Deutschen" können mit Backhaus, Kempff, Gieseking, Hansen etc. genügend namhafte Persönlichkeiten präsentieren. Im Prinzip geht es doch immer darum, sich am Markt zu etablieren, indem man einfach nur besser ist - egal ob man "Russe", "Chinese" oder "Deutscher" ist...!

Ob die Auffassung jenes reichlich selbstgewiss urteilenden Zeitgenossen von allen geteilt wird, man tauge als Pianist nur etwas, wenn man an der Juilliard School oder am Moskauer Konservatorium studiert hat, bezweifelt

Rheinkultur
 
Ich glaube, dass man trotz Schliff und Unterrichtsterror ein guter Musiker werden kann so wie es auch Menschen gibt, die trotz schlimmer Kindheitserfahrungen keine verkorksten Persönlichkeiten werden.

Ich bin aber ganz deiner Meinung, dass regelmäßiger Unterrichtsterror, wie unterschiedlich er nun auch aussehen mag (manchmal reichen auch klitzekleine Bemerkungen - letztlich geht es um die Haltung, die der Lehrer dem Schüler gegenüber hat), die so wichtige Selbstwahrnehmung und das Selbst-Bewusstsein des Schülers behindert oder sogar zunichte macht.

Meine Klavierlehrerin in Gnesinyh war auch von Musik und Klavier einfach besessen! Sie hatte keine Familie, keine Kinder. Sie hat ihre ganze Zeit nur mit uns verbracht. Ich weiß, dass alle ihre Schüler sie trotz ihrem furchbaren Charakter geliebt hatten. Weil alle ihre Ausbrüche nur Musik zu Liebe waren.... Sie war echt besessen! Sie hat uns viel erzählt, was sie von H.Neuhaus gelernt hat... Es gab keine Grenzen, wie lang sie eine Unterrichtstunde macht. Sie war meistens spät zu Anfang der Unterrichtstunden... manchmal auch eine Stunde später... aber um Gottes Willen, dass der erste Stundent schon weg war, bevor sie erschienen war.... Dann ging es los. Bis fast Mitternacht. Die 45 Minuten wurden für einen plötzlich zu 1,5 Stunden. Es gab keine Grenzen. Man konnte am Tag des Klavierunterrichtes (2 Mal der Woche) nichts danach plannen. Es war immer eine Erlebnis - mal ernüchternd, mal euphorisch!
Als ich nach 4 Jahren mein Diplom bekommen habe, hatte ich ein 4-monate altes Kind... Sie sagte mir: " Es ist schade, dass Du keine weitere Karriere jetzt machst! Du warst eine der besten!" Sie hätte es mir früher sagen können.... es kam mir zu überraschend.
Nach 2 Jahre Pause (habe ich an einem bekannten Chor gearbeitet als Begleiter) habe ich mein nächstes Studium als Musik-Pädagogik angefangen. Der Professor, der mir Klavierunterricht erteilt hat, war ein Glück! Da habe ich Lust bekommen, für das Publikum zu spielen.
 

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