Chopin Wettbewerb

Dieses Thema im Forum "Sonstiges" wurde erstellt von Kalivoda, 15. Apr. 2018.

  1. Kalivoda
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    Kalivoda

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    Irgendwie sind wir heute bei ein paar Gläschen Wein auf das Thema gekommen und haben keine wirklich plausible Antwort darauf gefunden. Daher frage ich einfach mal hier in die Runde, vielleicht habt Ihr ja ein paar Ideen. Die Frage war, wieso eigentlich nie ein deutscher Pianist beim Chopin Wettbewerb einen Preis errungen hat. Gut, die Teilantwort haben wir gefunden: weil offensichtlich kaum einer überhaupt mal teilnimmt. Aber warum ist das so? Brauchen deutsche Pianisten so etwas nicht als Karrieresprungbrett, weil sie genügend andere Möglichkeiten haben? Ist es die Angst vor nationalen Animositäten? Liegt es an Chopin als Komponisten? Gibt es zu wenige ausreichend gute Pianisten bei uns im Lande, ist also die musikalische Ausbildung zu schlecht?

    Irgendwie kann keine dieser Antworten überzeugen. Aber was ist es dann?
     
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  2. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Abgesehen davon, dass die wenigsten deutschen Jungpianisten ein entsprechendes Niveau vorweisen, ist der Wettbewerb in vielerlei Hinsicht speziell - man darf nur Chopin spielen, und davon noch ziemlich viel. Dass muss man mögen und können. Außerdem ist der Wettbewerb sehr traditionsbehaftet und hat einen fast mystischen Kultcharakter, mag sein dass das vielen eine Nummer zu hoch ist. Außerdem wird man bei einem Gewinn bzw. Erfolg dort sehr leicht als Chopin-Pianist abgestempelt und muss erst mal zeigen, dass man auch noch was anderes kann - das passiert einem sonst bei keinem ähnlich großen Wettbewerb. Der Wettbewerb findet auch nur alle fünf Jahre statt, womit man gerade zum richtigen Zeitpunkt das richtige Alter haben muss - nämlich das, wo man noch teilnehmen kann, aber in seiner Entwicklung schon sehr weit fortgeschritten ist. Natürlich kann man auch als 18-Jähriger gewinnen, aber solche Talente sind halt wirklich sehr selten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Apr. 2018
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  3. Shigeru
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    Shigeru

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    Mozart-Komponist?

    Hast du schon ausgeschlafen? :-)
     
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  4. Stilblüte
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    Pianist meinte ich. Habs geändert.
     
  5. Kalivoda
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    @Stilblüte, Deine Argumente verstehe ich alle. Nur gilt das meiste natürlich für alle Teilnehmer unabhängig von ihrer Herkunft. Vielleicht lässt sich mit dem "mystischen Kultcharakter" erklären, warum der Anteil asiatischer Teilnehmer verhältnismässig hoch ist. Bliebe also das Ausbildungsniveau allgemein hierzulande? Oder dass die jungen Pianisten in Deutschland erst später das nötige Niveau erreichen, dann aber oft schon zu alt sind? Wobei, sind 28 Jahre da wirklich eine ernsthafte Beschränkung?
     
  6. Shigeru
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    Früher standen in Deutschland in sehr vielen Häusern Klaviere. Es gibt zwar immer noch sehr viel musizierende Kinder, aber auch sehr viele Häuser, die ganz ohne aktives Musizieren existieren.
    In Japan ist es zB immer noch so, dass (fast) jedes Mädchen mit 4 Jahren mit Klavierunterricht beginnt. Viele hören zwar dann mit 12 wieder auf, aber da wurde dann schon ausgesiebt. In China hat man natürlich mehr Kinder zur Auswahl und da boomt es erst jetzt richtig, da es dort jetzt auch bezahlbare Klaviere gibt, bzw. die Chinesen teilweise sehr viel Geld verdienen/haben. In Russland ist der Unterricht wesentlich intensiver und nicht nur 1x Klavierunterricht pro Woche.

    An deutschen Musikhochschulen ist der Ausländeranteil im Fach Klavier sehr hoch. Wahrscheinlich weit über 50% oder teilweise bei knapp 100%

    Das alles spiegelt sich natürlich auch im Chopin- und anderen Wettbewerben wieder
     
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  7. Stilblüte
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    Im osteuropäischen und asiatischen Raum ist der Wettbewerbsgedanke viel stärker in der Kultur etabliert als bei uns. Ohne Wettbewerbe, Prüfungen und messbar Erfolge gilt man dort als Musiker weniger, als bei uns. Das ist jedenfalls mein Eindruck.
     
  8. Nachtmusikerin
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  9. .marcus.
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  10. Nachtmusikerin
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    Ist der denn ein Deutscher? ;-)
     
  11. Barratt
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    Barratt Lernend Mod

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    Najaaaa. Ein HRR-Deutscher. ;-)



    Der Leistungsaspekt ("Drill", Konnotation "böseböseböse") ist hierzulande vollständig verpönt. Im Internet gibt es zuhauf Videos von asiatischen Kleinkindern, die auswendig Stücke von erheblicher Schwierigkeit runterklimpern. Die müssen ja irgendwann mal angefangen haben. :denken: Nach dem Abstillen vielleicht. Falls es dann nicht schon zu spät ist. Was Lang Lang in seiner Autobiographie schildert, wird kein Einzelfall sein.


    Meine Klavierlehrerin hat mir erzählt, sie sei bei ihrer Aufnahmeprüfung zum Studium die einzige Deutsche gewesen, die genommen wurde.

    Bei den Asiaten und Russen weht wohl einerseits ein schärferer Wind, andererseits aber wird dort vehementer gefördert. Hierzulande absolviert man halt erst mal die komplette "Allgemeine Hochschulreife" mit allem was dazugehört, um erst hernach den Kopf völlig frei für die Aufnahmeprüfung zu haben. In "asiatischen Ländern" wird offenbar eine erheblich frühere Freistellung von einigen schulischen Verpflichtungen gewährt.

    Das alles mag dazu führen, dass deutsche Pianistinnen/Pianisten in einem zeitlichen Nachteil sind. [​IMG] Ist im Sport ganz ähnlich (noch fataler, weil in den meisten Disziplinen das Zeitfenster für sportliche Höchstleistungen kleiner ist). Ob sich die heutige Manie der Ganztagsverwahrung positiv oder negativ auswirken wird, bleibt spannend. Im Sportbereich jedenfalls klagen sie alle.
     
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  12. Kalivoda
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    Kalivoda

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    Na ja, die üben ein einziges Stück bis zur Vergasung, oft so ein bis zwei Jahre lang. Wie lange die geübt haben, sieht man ja im Video dann nicht. Ich habe schon ein paar dieser "Wunderkinder" kennengelernt. Die waschen meist auch nur mit Wasser. Natürlich gibt es auch ein paar, die mehr draufhaben.

    Also zumindest in Japan sieht es in Bezug auf die Förderung keineswegs besser aus als hierzulande. Und es ist keineswegs so, dass "(fast) jedes Mädchen mit 4 Jahren mit Klavierunterricht beginnt.", wie @Shigeru schrieb. Ein paar mehr als bei uns vielleicht, aber nicht viel. Das einzige, was vehementer gefördert wird, ist das gemeinsame Musizieren im Kindergarten. Da muss jeder mitmusizieren, mit eigenem Instrument oder sonst einer Harmonika.

    Nach dem Kindergarten wird es *viel* schwerer als bei uns, die Schule geht bis 15:30, danach geht's zur quasi obligatorischen Nachhilfe, dann noch Hausaufgaben, deren Quantität ganz andere Größenordnungen erreicht als bei uns. Der typische Schüler ist dann so gegen 21~22:00 mit seinem Schulkram durch. Da bleibt zum Üben am Instrument kaum mehr Zeit, geschweige denn Energie. Dazu kommt, dass guter Klavierunterrricht schon ein gehobenes Einkommen der Eltern voraussetzt... Von spezieller Förderung für hochbegabte Kinder oder früherer Freistellung von schulischen Verpflichtungen ist mir nichts bekannt. Vielleicht sparen sich die, die wissen, dass sie eine Musikerkarriere anstreben und im Ausland studieren werden in den letzten drei Schuljahren das Wettrennen nach den besten Noten und die zugehörige Nachhilfe.

    Wie es in anderen asiatischen Ländern aussieht, da kann ich nicht viel zu sagen. In Russland und wohl auch einigen anderen Staaten des ehemaligen Sowjetimperiums gibt es spezielle Schulen für musikalisch hochbegabte Kinder. Die haben dann nach der Grundschule nur noch einen minimalistischen Schulunterricht und konzentrieren sich ganz auf die musikalische Ausbildung.