Bildungs- und Entwicklungsmisere - eindrücklicher Artikel

Also ich mag Frontalunterricht lieber als diese ganzen Gruppenarbeiten und Projektsachen. Klar, Gruppenarbeiten sind theoretisch besser, aber praktisch ist man da auf Realschulen und in weiterführenden Schulen ganz schnell der Depp, der alle anderen ausgleichen muss, damit man selbst nicht nur ne 3 oder 4 bekommt. Es wurde bei uns zwar immer versucht, dass das unterschiedliche Engagement berücksichtigt wird, aber das klappt eben nicht, weil der Lehrer nunmal nicht dabei ist, wenn zusammen gearbeitet wird. Selbst in der Uni finde ich Gruppenarbeiten immer noch unerträglich.

Ich würde mir wünschen, dass die Schulen sich wieder mehr auf die Vermittlung von Grundlagen konzentrieren und weniger auf den Medienhype aufspringen würde. Besten Beispiel: Programmieren. Das muss unbedingt gelehrt werden tönt es von überall. Lieber sollte man mal anfangen, wieder ordentlich Mathematik zu lehren - die Grundlage für Informatik (ich studiere Informatik). Wenn man Mathe kann, ist es kein Problem, sich Programmierkenntnisse anzueignen - andersrum ist es da schon blöder, zumindest wenn man nicht nur bisschen mies coden will.

Alles in allem fehlt auch einfach viel Geld - dieses sehe ich aber besser in Fächern wie Musik und Kunst, sowie einer ordentlichen Bücherei und Technik wie Raspberry Pie's/Arduinos angelegt und weniger in "digitalen Medien, Lernapps und die neusten Produkte von Micro$oft".

Allgemein wäre mir auch wichtig, dass die Schule mehr wert auf ein Umfeld legt, in dem man sich ordentlich konzentrieren und fokusieren kann. Ich persönlich lerne aber auch immer noch mit Büchern und ungern mit meinem PC (es sei denn ich programmiere). Der PC lenkt einen zum einem unheimlich ab, zum anderen geht er mir auf Dauer auf die Augen. Und im Internet steht mittlerweile so viel Mist, dass man oft mit einem guten Buch viel besser beraten ist.
 
Sprachlabore
waren tatsächlich der Flop - schade eigentlich, denn die Idee dahinter war exzellent: Alle sollten gleichzeitig üben können. Das machen heute jede Menge Erwachsene mit Babbel und duolingo, Tag für Tag.
Warum es nicht funktioniert hat? Ich kann nur spekulieren: Schüler erwarten direkte menschliche Kommunikation in der Schule (schulische und außerschulische ;-)) und das ist ja auch in Ordnung so.

Overheadprojektoren
waren ein Segen zu der Zeit, als es noch nichts anderes (s.u.) gab. Schwer war sie nur in der Anfangszeit, @Barratt, dann kamen die Rollwagen in jedem Klassenzimmer. Die Größe (z.B. von Schrift) konnte ja zumindest ein wenig über Hin- und Herschieben variiert werden. Wichtig waren sie vor allem für die Projektion von Bildmaterial.

Heute hat man die
Dokumentenkameras,
unter die man alles legen kann, sogar Gegenstände. Die Größe der Abbildung ist bis zu einem gewissen Grad variabel. Gut, ein Beamer muss eben vorhanden sein. Ansonsten wiegt die Ausrüstung 500-1000 g in der praktischen Schulterumhängetasche.

(Ich selbst möchte übrigens weder die gute alte Tafel mit Kreide noch die Möglichkeit, meinen Laptop an den Beamer anzuschließen, missen. Im Studium träumte ich davon, dass man doch einen Film anschauen könnte, den man an geeigneten Stellen anhält. Heute alles kein Problem mehr. Ich gehöre ja noch zu der Generation, die einen "Filmvorführschein" (Einlegen von Filmspulen …) machen musste.
Dass einen die Technik vor eine Menge ungeplanter Probleme stellt, steht auf einem anderen Blatt.)


@chiarina
Dass
Frankreich hinter Deutschland
rangiert in vielen Ländervergleichen, liegt nicht am Frontalunterricht per se, sondern daran, dass der Frontalunterricht dort über lange Jahrzehnte nur aus Lehrervortrag bestand. Das ändert sich zwar seit einiger Zeit, aber es dauert lange.
Es ist schon ein Unterschied, ob eine Lehrkraft 45 Minuten redet oder ob SuS in vielerlei Form am Unterricht beteiligt werden.
In Frankreich wird auch sehr viel Wert auf auswendig Gelerntes gelegt; Überlegen, Nachdenken und Argumentieren spielen eine kleinere Rolle.
 
Sprachlabore
waren tatsächlich der Flop - schade eigentlich, denn die Idee dahinter war exzellent: Alle sollten gleichzeitig üben können. Das machen heute jede Menge Erwachsene mit Babbel und duolingo, Tag für Tag.
Warum es nicht funktioniert hat? Ich kann nur spekulieren: Schüler erwarten direkte menschliche Kommunikation in der Schule (schulische und außerschulische ;-)) und das ist ja auch in Ordnung so.
Wenn ich auch mitspekulieren darf: Wer als Erwachsener duolingo o.ä. nutzt, der hat Interesse daran, die jeweilige Sprache zu lernen. Und weil das Interesse da ist, klappt das Lernen auch. Auf der anderen Seite: Wie viele Schüler haben ein ernsthaftes bewusstes Interesse daran, eine neue Sprache zu lernen? Bei sehr vielen ist es wohl eher notwendige Pflicht. Und dann versagt ein Sprachlabor wohl auch recht schnell...
 
Wenn ich auch mitspekulieren darf: Wer als Erwachsener duolingo o.ä. nutzt, der hat Interesse daran, die jeweilige Sprache zu lernen. Und weil das Interesse da ist, klappt das Lernen auch. Auf der anderen Seite: Wie viele Schüler haben ein ernsthaftes bewusstes Interesse daran, eine neue Sprache zu lernen? Bei sehr vielen ist es wohl eher notwendige Pflicht. Und dann versagt ein Sprachlabor wohl auch recht schnell...
Ich bin da anderer Meinung. Schüler haben Interesse am Erlernen einer neuen Sprache.
Es ist hinreichend bekannt, dass Das Erlernen einer Fremdsprache überwiegend, ich behaupte sogar ausschließlich, durch das Sprechen der neuen Sprache gelingt. Sprache ist das Hauptwort zum Verb Sprechen.
Von daher waren die Spachlabore der erste richtige Ansatz in die richtige Richtung.
Man braucht sich nur Kinder beim Erlernen ihrer Muttersprache und auch Kinder anzuschauen, die zweisprachig aufwachsen .
Für was soll die Grammatik gut sein? Das Einbimsen von unregelmäßigen Verben?... usw.
Ich kann meine Behauptung durch den lebenden Beweis unserer älteren Tochter verifizieren ...Der englischsprachige Freund verhalf ihr zu einer Verbesserung ihrer Englischnote um 5 Punkte in Wort und Schrift innerhalb eines halben Jahres.
Zum Kopfschütteln bringt mich auch, dass selbst im Unterrichtsgespräch kein Wort Englisch gesprochen wird Die Kinder können einen grammatikalisch korrekten Satz konstruieren aber ihn nicht flüssig und phonetisch richtig sprechen. Auch hierfür habe ich ich viele lebende Beweise
 
Zum Kopfschütteln bringt mich auch, dass selbst im Unterrichtsgespräch kein Wort Englisch gesprochen wird

Das schockiert mich jetzt aber wirklich. Seit ungefähr 3 Jahrzehnten gilt in der Fremdsprachendidaktik das, was man "aufgeklärte Einsprachigkeit" nennt: ganz viel in der Fremdsprache, aber bei (schwierigen) Grammatikthemen und schulorganisatorischen Dingen wird in die Muttersprache gewechselt.
 
Zuletzt bearbeitet:
Eine andere habe ich nicht. :-) Aber deswegen tauschen wir uns hier ja auch aus, um andere Perspektiven kennen zu lernen.

Das sehe ich genauso und ich hab ja schon geschrieben, dass ich die persönlichen Erfahrungen anderer hier am Interessantesten finde! Nur passiert es oft, dass man daraus allgemeingültige Schlüsse zieht, wie etwas ist und wie etwas besser werden könnte. Dazu reicht aus meiner Sicht aber die persönliche Erfahrung nicht aus, auch wenn sie ein wichtiger Indikator ist.

Meine Erfahrungen mit Frontalunterricht haben sicher dazu beigetragen, dass ich mich überhaupt für Bildung interessiere und vielleicht auch Lehrerin geworden bin. Ich habe meine gesamte Schulzeit als extrem ungerecht wahrgenommen, auch schon als Grundschulkind.

Ich habe mich am Unterrichtsgespräch immer beteiligt, wollte immer gern drankommen und meine Gedanken mitteilen. Ich war also geradezu prädestiniert für Frontalunterricht.

Ich habe aber besonders in der weiterführenden Schule sehr genau mitbekommen, wie diese Unterrichtsform für andere Schüler war. Das Klassengespräch fand immer zwischen den gleichen Schülern und dem Lehrer statt, genauer zwischen der Hälfte der vorhandenen Mädchen und vielleicht ein, zwei Jungen. Das waren Menschen wie ich, die keine Scheu hatten, die die Achtung des Lehrers erwerben wollten und glücklich waren, wenn sie unter den anderen ausgewählt wurden, etwas sagen zu dürfen.

So sind aber viele Menschen nicht. Es gibt ruhige, schüchterne Kinder und welche, die sich zum Nachdenken Zeit nehmen wollen. Die mündlichen Noten sind für solche Kinder ein Drama. Und so langweilte sich oft der erheblich größere Rest der Klasse, versuchte sich anderweitig zu beschäftigen, was viele Interaktionen zur Folge hatte, die mit dem Lernstoff absolut nichts zu tun hatte. Auch häufige Störungen und eine unruhige Klasse war die Folge.

Bei den seltenen sehr guten Lehrern war das nicht so, weil man bei diesen aufpassen musste, den Anschluss nicht zu verlieren und auch sicher war, dass dieser Lehrer alles sah und mitbekam.

Deswegen bin ich nicht der Meinung, dass Frontalunterricht von mittelmäßigen oder schlechten Lehrern die beste Methode ist. Ich bekomme das auch heute noch ständig mit: wie kann es sein, dass jemand eine zwei in Geschichte bekommt, wenn er noch nicht mal weiß, welches Thema behandelt wurde/wird? Beim Frontalunterricht kann man viel mehr abschalten.

Ein weiterer Aspekt ist, dass Organisationsfähigkeit, Problemlösung und Eigenständigkeit im Lernen erstmal erlangt werden muss. Wir Klavierlehrer sind damit ständig beschäftigt, Übetechniken etc. zu vermitteln. Es reicht nicht aus, einfach Hausaufgaben aufzugeben. Die, die mitdenken, kreativ und strukturiert arbeiten können, kriegen das locker hin. Viele andere im Grundschulalter und auch in den weiterführenden Schulen - und offensichtlich im Studium, wie der Erstbeitrag dieses Fadens deutlich macht - nicht! Diese Kompetenzen müssen erlernt werden, denn wer sich selbst nicht helfen kann, kann auch nur wenig lernen.

Diese Kompetenzen haben sich im Laufe der Jahrzehnte sehr verschlechtert und es gibt kaum ein anderes Land, bei dem der Erwerb solcher Kompetenzen und damit der Verlauf der weiteren Schullaufbahn vom Bildungsgrad der Eltern abhängt. Also muss die Schule so weit wie möglich dafür sorgen, dass auch diese Kinder das Lernen lernen. Das geht meiner Meinung nach nicht mit reinem Frontalunterricht.

Liebe @Klafina, da interessiert mich, ob du der Meinung bist, dass das doch ginge! Mir hat sehr gefallen, dass du von den verschiedenen Interaktionsmöglichkeiten im Unterricht geschrieben hast (Lehrervortrag, Schülervortrag, Klassengespräch .....). Wie weit würdest du den Begriff "Frontalunterricht" auslegen?

Ich finde z.B. auch die Wochenplanarbeit sehr gut. Ab welchem Alter, ist die Frage. Aber sie gibt dem Schüler mehr Eigenständigkeit und gleichzeitig mehr Verantwortung.

Was übrigens das Sprachlabor angeht, war ich damals einfach überfordert. Im Unterricht sprachen wir so gut wie nicht Englisch und plötzlich hörte ich über einen Kopfhörer eine Sprache, die ich überhaupt nicht verstand. :D Ich sah auch keine Lippenbewegungen, an der ich vielleicht hätte was raten können - ein Desaster. :D

Ich gehöre nämlich wie viele andere zu denen, die sich eine Sprache eher visuell und über Regeln erschließen. Quasi vom Kleinen zum Großen. Ich finde es grundsätzlich sehr gut, dass soviel Englisch gesprochen wird im Unterricht, kann also Klafina im Unterrichtsablauf bestätigen. Dort wird eher vom Großen ins Kleine gelernt - aus dem Gesprochenen/Gehörten ergeben sich die Regeln. Leider aber muss aus meiner Sicht auch anderen Lerntypen diese Sprache erschlossen werden und da hakt es oft. Parallel müsste man m.E. unbedingt auch schriftlich Regeln fixieren, so dass visuellen und haptische Lerntypen was sehen und fühlen können und die Sprache auch anders herum verstehen lernen.

Auch in Mathe stößt ein Frontalunterricht an seine Grenzen, denn der Lehrer erklärt Prozesse und Regeln meist so, wie er sie versteht oder verstanden hat. Gerade in Mathe aber führen sehr viele Wege nach Rom. Die Montessori-Materialien bieten z.B. sehr viele Möglichkeiten, seinen eigenen Weg zu finden. Aus meiner Sicht wäre es auch sehr wichtig, die Fächer miteinander zu vernetzen. Sprachfähigkeit und Textverständnis sollten nicht nur in Deutsch gelehrt werden und warum kann der Sportunterricht nicht mit Mathe verknüpft werden, wo doch erwiesen ist, wie wichtig die motorischen Fähigkeiten eines Kindes (rückwärtslaufen etc.) mit seinen Mathefähigkeiten korreliert.

Ich meine, da ist noch viel Bedarf!

Ein völliges und radikales Gegenmodell zu diesen Konzepten ist übrigens Carl Rogers' Buch "Lernen in Freiheit". Es lohnt sich, sich damit und den damit verbundenen Gedanken zu beschäftigen, auch wenn man letztlich dem ablehnend gegenüber stehen sollte. Vor der Schule beschäftigen sich Kinder stundenlang mit Bauklötzen u.v.a., können sich also sehr ausdauernd konzentrieren, wenn sie etwas lernen wollen. Kaum kommen sie in die Schule, wird dieser so wunderbare Antrieb unterdrückt und die Kinder werden in ihrem Lernen deutlich fremdbestimmter. Manche Kinder kommen damit wunderbar zurecht, manche nicht und es fragt sich, ob man diesen Antrieb, den ALLE Kinder haben, nicht besser nutzen könnte.

Liebe Grüße

chiarina
 
Ich mag Deine Fragen, @chiarina!

Ich versuche, so gut es geht, darauf zu antworten.

Mündliche Beteiligung bzw. Noten
ist in der Tat immer ein heißes Thema. Die SuS verstehen ihre mündlichen Noten nicht - Überraschung: die Guten verstehen ihre Noten, die Schwächeren nicht …
Was aber keine Rolle spielen darf, ist Schüchternheit.

Man unterscheidet zwischen Bringschuld und Holschuld.
Bringschuld heißt, dass die SuS sich beteiligen müssen. Holschuld heißt, dass die Lehrkräfte alle aufrufen müssen. Dabei wird in der Regel differenziert (leichte Fragen an Schwächere, schwierige Fragen an die Leistungsstärkeren). Zum Abitur hin wird die Bringschuld etwas größer. Generell sollte ja jeder lernen, sich zu äußern.
Wer wenig sagt, ist nicht automatisch schlecht! Manche sagen in einem kleinen Sätzchen mehr als andere, die drei Minuten sprechen ….
Mündliche Noten müssen im Zweifelsfall einer gerichtlichen Überprüfung standhalten! Heißt: irgendwelche Notizen müssen vorhanden sein.
Abgesehen davon gibt es natürlich ganz andere Formen der Beteiligung, ich nenne nur einige wenige: Poetry Slam, Minipräsentation von 1, 2, 3 Minuten, eine kleine Rede halten. Hat den Vorteil, dass man das alles vorbereiten kann. Das Problem ist, dass dabei Zeit drauf geht. Wenn 26 SuS Poetry Slam machen, muss ich 1-2 Stunden einrechnen.

Ich bin dadurch schon wieder bei dem von mir so ungeliebten Begriff des
Frontalunterrichts.
(Bei uns würde keine einzige Lehrkraft in der Ausbildung diesen Begriff in einen Unterrichtsentwurf stellen.
Wir benutzen allerdings den Begriff der "Lehrerlenkung", die mehr oder weniger stark sein kann.)
Wenn jetzt also ein Schüler etwas vorträgt vor der Klasse, ist das nun Frontalunterricht oder nicht? Er steht vorne, präsentiert den anderen etwas … und ich stehe vermutlich hinten oder an der Seite und höre zu. Aber er oder sie ist ja kein Unterrichtender oder doch?
Und wenn ich einen Film einlege und wir schauen ihn an, ist das dann Frontalunterricht oder nicht? Unterrichtet der Film dann frontal oder tu ich es, weil ich ihn ausgewählt habe.

Du siehst schon, ich bin leicht allergisch auf diesen Begriff. ;-)

Was aber sicher eine Ideologie ist, ist die Einstellung, dass alle Initiative von den SuS kommt. Das ist illusorisch.

Deine Sprachlabor-Erfahrung
klingt für mich so nach: "Also diese Woche machen wir eine Burgmüller-Etüde und nächste Woche dann die Pathétique". Ich muss fast lachen, aber es ist natürlich schade und eine vertane Chance. Vielleicht liegt es auch daran, dass man damals (60er/70er Jahre) fast keine Hördokumente benutzt hat im Fremdsprachenunterricht und dann gleich mit dem Sprachlabor ankam. Heute ist es so, dass in - ich sage einmal - mindestens jeder 2.Stunde ein Hör- oder audiovisuelles Dokument - mit Aufgaben! - zum Einsatz kommt.

Lernen lernen und natürlich auch das Üben)
ist eigentlich auch schon Standard seit etwa 20 Jahren. Das kann als wöchentliche Stunde konzipiert sein (etwa bei den Klassenlehrern), oder als Methodentag (z.B."Wie halte ich ein Referat?") oder direkt, wenn es benötigt wird. (Letzteres mag ich sehr gerne, ich frage immer mal wieder meine SuS: "Warum mache ich das jetzt so mit Euch, welcher Sinn steckt dahinter?")

In der Fremdsprache haben die neueren Bücher immer Methodenteile, und für die jüngeren SuS z.B. Arbeitsblätter zum Thema: "Was finde ich wo in unserem Buch?" Gleiches gibt es auch für Wörterbücher.

Und für die Klassenarbeiten gibt es mittlerweile praktikable Vordrucke: Was muss ich wissen und können - Lektion 1 …

Eigentlich müssten mittlerweile viele vieles wissen über das Üben ...

Wochenplanarbeit und Übephasen generell
Die Wochenplanarbeit sehe ich, ehrlich gesagt, eher in der Grundschule verankert. (Wobei mir da jegliche Erfahrungen fehlen.) In der weiterführenden Schule sehe ich viel zu sehr die Gefahr, dass mir dann "der Laden" irgendwann zu sehr auseinander driftet.
Übephasen gibt es von 5 Minuten bis zu - eher selten - mehreren Stunden. Die sind auch möglich bei Abwesenheit des Lehrers - sehr praktisch!
Das kann in Einzelarbeit sein, in Partnerarbeit (meistens, die helfen sich gegenseitig und das sollen sie auch!) - das wäre auch sicher nicht mehr in den Begriff "Frontalunterricht" zu subsumieren. Ich denke aber auch da nicht an den Begriff, sondern an das Üben an sich.
Aber irgendeine Selbstkontrolle oder Kontrolle durch den Lehrer wird sein müssen.

Über Maria Montessori
habe ich eine wunderbare Biographie (aus der Reihe rororo) gelesen. Das war eine faszinierende Frau, keine Frage.
Ihr Wirken fand allerdings in ganz anderen Umständen statt.
Interessant finde ich, dass ihre Ideen vor allem im Grundschulbereich (und in der Unterstufe, heißt Klassen 5 un6) Anklang finden.
Ich vermute, dass nicht alle ihre Ideen für die Mittel- und Oberstufe umsetzbar sind.

Hm, war das alles? Sicher nicht, aber jetzt gehe ich ins Konzert. :-)
 
Chiarina, das mit dem "Abschalten" bei Frontalunterricht ist in der Tat ein bedenkenswertes Argument.

"Mündliche Beteiligung" und deren Bewertung ist aber auch so eine Sache.
Dadurch, dass Schüler in der Schule lernen "lieber sage ich irgendeinen geratenen, unfundierten Kram als mich gar nicht zu beteiligen", wird genau das produziert: Schüler, die auf eine Frage irgendeinen Scheiß raushauen, statt vielleicht auch mal zu sagen "Hm, kann ich gerade nicht so sagen."

Erlebe das bei mir im Unterricht SOOO oft. Frage irgendwas ("wie nennt man dieses Zeichen dort?" etc.), und daraufhin antwortet der Schüler irgendeinen Mist, weil er daraufhin abgerichtet worden ist, dass man - wie in einer Quizshow - irgendwas antwortet, vielleicht hat man ja Glück, und es ist zufällig richtig.

Ich impfe den Schülern dann immer wieder ein, dass wir hier nicht in der Schule sind, es keine Noten für mündliche Beteiligung gibt und bei mir jeder offen sagen kann, wenn er etwas nicht weiß (gelegentlich tue ich das selber auch). "Denn schließlich bist Du ja hier, weil Du etwas lernen und wissen willst, nicht um mich zufriedenzustellen, richtig?"

Nützt aber in der Regel sehr wenig - ist ja auch klar, wenn die Dutzende Stunden pro Woche in der Schule, aber nur eine Dreiviertelstunde bei mir sind.

Mir selber war so ein Verhalten immer komplett fremd - schon als kleiner Bub war mir immer klar: Entweder weiß ich etwas (dann sage ich das auch), oder ich bin mir nicht ganz sicher bzw. weiß es nicht (dann sage ich das auch). "Raten" empfand ich immer als "ungültigen" Quatsch.
 
@Klafina: Vielen Dank für Deine ausführlichen und verständlichen (bzw. auch nachvollziehbaren) Ausführungen!
 

Erlebe das bei mir im Unterricht SOOO oft. Frage irgendwas ("wie nennt man dieses Zeichen dort?" etc.), und daraufhin antwortet der Schüler irgendeinen Mist, weil er daraufhin abgerichtet worden ist, dass man - wie in einer Quizshow - irgendwas antwortet, vielleicht hat man ja Glück, und es ist zufällig richtig.

Nicht zu vergessen den leicht verzweifelten und angestrengten Blick auf das Gesicht des/der Klavierlehrers/in, um rauszukriegen, in welche Richtung denn die Antwort gehen könnte. Eine Silbe, eine Formung des Mundes, ein Blick.....leider bei mir aussichtslos! :lol:

P.S.: Ich muss aber gestehen, dass ich in Englisch auf diese Weise mal eine mündliche Inhaltsangabe einer Lektüre hingekriegt habe, von deren Inhalt ich keine Ahnung hatte. :schweigen:
 
Schön ist auch immer, mit den Erwartungen der Schüler zu spielen.

Zum Beispiel Gehörbildung: Sagen, dass jetzt Dur- und Moll-Dreiklänge vorgespielt werden, und dann mehrere Dur-Dreiklänge hintereinander spielen. Da wird dann unweigerlich, weil erwartet wird, dass ja nun sicherlich ein Moll-Dreiklang kommt, gerufen "Moll".

Oder was ich auch gerne mache: Nachdem man eine Stelle berichtigt und daran gearbeitet hat, fragen: "Und? Hast Du es jetzt richtig gespielt?" Dann wird man sehr oft groß angeguckt, in der Hoffnung im Lehrer irgendwas zu erkennen, woraus man die gewünschte Antwort entnehmen kann. Ich dann: "OK, dann spiele es bitte nochmal! Egal, ob die Stelle gut klappt oder nicht, ich möchte einfach, dass DU mit Bestimmtheit sagen kannst, ob das richtig oder falsch war." Für sehr viele - egal welchen Alters - ist das sehr anspruchsvoll, und zwar, wie ich behaupten möchte, hauptsächlich weil sie nicht gewohnt sind, so letztlich "wissenschaftlich" und unabhängig wahrzunehmen und zu denken. Jemand wie ich z.B. hätte es zeitlebens als voll dämlich empfunden, zu antworten "ich glaube, es war schon ganz gut, oder?" denn wie gesagt, ich konnte immer wahrnehmen, ob ich etwas sicher wusste oder eben nicht (und deshalb "keine Ahnung, kann ich nicht sagen" antworten musste). Die meisten Leute können das nicht - ich fände es ÄUSSERST interessant zu eruieren, ob denn diese Fähigkeit trainierbar (und damit zu einem Grundsatz der Schul-Erziehung machbar) wäre oder nicht.
 
ich fände es ÄUSSERST interessant zu eruieren, ob denn diese Fähigkeit trainierbar (und damit zu einem Grundsatz der Schul-Erziehung machbar) wäre oder nicht.

Die Grundvoraussetzung: sagen zu können „weiß ich nicht“ ohne das Gefühl zu haben in Grund und Boden versinken zu müssen.
Nicht-Wissen ist die Chance auf Dazu-Lernen, Horizonterweiterung, keine Bankrotterklärung.
Diese Neugier auf mehr und richtiges Wissen wird mE sehr früh angelegt bzw durch die Eltern vorgelebt.
Das viele Gelaber mit Halbwissen kommt oft aus der Furcht vor einer Blamage, die eigentlich keine ist.
(OT: wir haben mal die Bank gewechselt, weil ich auf eine knifflige Frage Wischi-Waschi zur Antwort bekam. Die Konkurrenz hat gesagt: weiß ich so nicht, ich erkundige mich und rufe in einer Stunde zurück. Nach 45 hatte ich meine präzise Antwort. DAS war echter Service.)

In der Musik kann man es sicher zu einem gewissen Grad lernen, das eigene Spiel einzuschätzen. Ein Teil der Konzentration muß freigesetzt werden, ganz einfach. „Hör mir zu - hör Dir zu“ Je früher, desto besser. Dazu muß der Schüler aber evtl angeleitet werden, worauf er hören soll. Alles auf einmal wäre erstmal zu viel. Erst bei anderen/ an Beispielen das Hören lernen und dann an sich selber.

Auch da gehört dann die Objektivität/ Souveränität („Wissenschaftlichkeit“) dazu, sagen zu können: das geht an dieser Stelle noch viel besser, ich muß noch dazulernen. Oder: woran liegt es, daß ich das noch nicht kann. Aufgabe des Lehrers, dafür zu sorgen, daß das nicht „angstbesetzt“ ist.
MEIN früher Musikunterricht war leider von viel „Können Müssen“ geprägt, nicht Können wurde geahndet.

In der Schule: Ich bin eindeutig für Noten, aber die Tatsache, daß jede Bemerkung und Frage mit in die mündliche Note einfließen kann, kann hier kontraproduktiv sein: statt Neugier Angst vor der Blamage. Der Lehrer kann aber mit gutem Beispiel vorangehen und sein Nicht-Wissen sogar gezielt einsetzen. (wo suchen wir uns die Antwort - außerhalb von Wiki natürlich)

Im Übrigen spielt auch Veranlagung eine Rolle: bei meinen Kindern war die Wissensneugier um das „genau wissen wollen“ (auch am Instrument) sehr unterschiedlich ausgeprägt.
 
die Tatsache, daß jede Bemerkung und Frage mit in die mündliche Note einfließen kann, kann hier kontraproduktiv sein: statt Neugier Angst vor der Blamage.

Den Lehrer möchte ich sehen, der es einem Schüler negativ ankreidet, wenn der sich meldet und sagt, dass er es nicht verstanden hat und sauber begründet warum...

Normalerweise geht der Lehrer in die Knie und bekreuzigt sich vor dankbarer Begeisterung, dass ein Schüler überhaupt so weit mitdenkt, um zu verstehen, dass er etwas nicht verstanden hat. :-D

Die Angst vor der Blamage ist doch reine Kopfsache. Ich glaube sogar, es ist eher Faulheit, denn man müsste sich die kognitive Mühe machen zu formulieren, bis wohin man es verstanden hat und ab wo man (und warum) nicht mitkommt.
 
Na klar. Dazu muss eigentlich nur ein sicheres Wissen implementiert werden, was überhaupt "gut" bzw. "sehr gut" ist.
Habe oben ungenau formuliert.

Ich meinte nicht Unterrichtssituationen, in denen man etwas "gut" (schön) oder "weniger gut" gespielt hat, wo es also letztlich um "Ausdruck" geht.

Sondern echte Richtig-Falsch-Unterrichtssituationen, z.B. ob ein Rhythmus jetzt korrekt gespielt wurde (also z.B. erste Note auf "1", zweite auf "2und", dritte auf "4" etc.). Oder ob wie vorgesehen die rechte Hand die ganze Zeit legato und die linke Hand die ganze Zeit staccato gespielt hat.
 
Das viele Gelaber mit Halbwissen kommt oft aus der Furcht vor einer Blamage, die eigentlich keine ist.

Diesen Gedanken möchte ich gern noch mal aufgreifen. Und zwar in gewisser Weise aus eigener Betroffenheit. ;-)

Es gibt in der Schule (und im Leben) Fächer, die als "Laberfächer" verschrien sind. Das versetzt dem Geisteswissenschaftler natürlich einen Stich ins Herz, denn SELBSTVERSTÄNDLICH gibt es "richtig" und "falsch", sonst wären es ja keine Wissenschaften. Nehmen wir das Fach "Deutsch", Interpretation eines Gedichts. Der Interpretation geht selbstverständlich eine Analyse voraus. Wer den Trochäus nicht vom Jambus unterscheiden kann, kann in seiner "Interpretation" auch nicht begründen, welche Wirkung das Versmaß hat und in welcher Absicht der Autor es verwendete.

Der Lehrer merkt sehr schnell und sehr klar, ob der Schüler die Skills drauf hat oder nicht. Wer "labert", hat auch kein klares gedankliches Konzept (woher auch) und wird einen wirren "Laber"Text abliefern, der (mangels klarer Gedanken und klarer sprachlicher Vorstellung) auch sprachlich Müll ist. Schon zu meiner Zeit wagte man es nicht mehr, dafür eine "Ungenügend" zu geben. Schon die Bereitschaft, überhaupt an der Klausur teilzunehmen und IRGENDWAS zu Papier zu bringen, muss höher bewertet werden als "ungenügend".

Gib als Deutschlehrer mal ne 6. Das schafft man nicht. Zu Diktat-Zeiten vielleicht – bis 8. Klasse, glaube ich, falls es heute überhaupt noch Diktate und feste Fehlerquoten gibt. Bei uns früher, Siebziger Jahre: Ein Kommafehler = halber Fehler = "Eins minus", ab einem "ganzen Fehler" gab es keine "Sehr gut" mehr.

Da hat es der Mathematiklehrer leichter: Stimmt keine einzige Aufgabe, schreibt er seine "6" drunter und kann das vor seinem Schuldirektor und den aufgebrachten/verzweifelten Eltern begründen.

Auf diese Weise haben Fächer bzw. die Lehrer bestimmter Fachschaften sich selbst kastriert und zu "Laberfächern" degradiert.
 

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