Bildungs- und Entwicklungsmisere - eindrücklicher Artikel

Dieses Thema im Forum "Sonstige Musikthemen" wurde erstellt von hasenbein, 24. Aug. 2018.

  1. hasenbein
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    hasenbein

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    Hallo liebe Leute,

    immer wieder ist mir, sowohl in meinem Unterricht mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als auch z.B. auf Clavio :coolguy: aufgefallen, dass heutzutage immer stärker insbesondere jüngere Menschen

    - zu Relativismus neigen (alles wird als "Geschmackssache" angesehen; subjektivistische Sichtweise; wenn andere Thesen mit Allgemeingültigkeitsanspruch aufstellen, wird dies als unverschämte Pauschalisierung oder Versuch der Unterdrückung anderer "Meinungen" angesehen; überhaupt wird die "Meinung" in einem völlig unangemessenen Maß fast schon geheiligt)

    - Kritik nur schwer annehmen können und zum einen zu leicht als Angriff auf ihre ganze Person auffassen, zum anderen die Existenz von Autoritäten und Experten grundsätzlich in Frage stellen

    - irgendwie "keine Fragen mehr haben". Ich erlebe das oft. Im Unterricht frage ich z.B. so was wie: "Du hattest die Noten ja jetzt schon 1 Woche zu Hause und hast Dir das Stück begonnen anzuschauen. Gibt es irgendwelche Fragen oder Unklarheiten zu irgendwelchen Stellen oder auch zu irgendwelchen Zeichen oder Wörtern, die dort stehen?" oder "Vielen Dank - findest Du, dass dieser "Take" des Stücks, den Du mir gerade vorgespielt hast, schon perfekt ist? Wenn nein, was genau würdest Du, wenn Du Dich beim Üben entschiedest, die Stelle nochmal zu spielen, genau anders machen? Worauf würdest Du besonders achten?" Darauf erhalte ich SEHR oft Antworten wie "Nein" auf die erste Frage oder "Bisschen mehr konzentrieren, damit ich weniger Fehler mache" bei der zweiten Frage. Wohlgemerkt bei Jugendlichen und Erwachsenen. Und nicht selten auch, wenn wir uns schon Monate und Jahre mit "übe-methodischen" Fragen beschäftigt haben.

    - Verantwortung ständig auf andere abwälzen. Nicht man selber ist zuständig dafür, pünktlich zu sein, Dinge geregelt zu bekommen, rechtzeitig Sachen "drauf zu haben", sondern immer andere. Zuspätkommen führt nicht mehr zum Beschämt-Hereinkommen und Sich-Entschuldigen, sondern wird mit lächelnder Selbstverständlichkeit gemacht, und tadelnde Aufforderungen, doch bitte nächstes Mal pünktlich zu sein, werden einfach ignoriert. Ist Klassenvorspiel, wird es immer seltener, dass Schüler denken "Oh shit, ich muss mich echt reinhängen, damit die Stücke beim Vorspiel auch gut genug sind" und dementsprechend mehr üben, sondern wenn der Lehrer nicht immer wieder total drängt etc., passiert übemäßig genauso wenig wie immer, das ist den Betreffenden scheißegal. Als Lehrer denkt man "Au weia, nur noch 2 Wochen, und er kann das eine Stück immer noch nicht richtig", der Schüler aber teilt einem völlig ungerührt mit: "Ach übrigens, nächste Woche kann ich nicht, da bin ich auf Chorfreizeit". Total typische Situation.

    Dieser sehr eindrückliche Artikel aus dem Universitätsalltag bestätigt meine Beobachtungen und ist auch 100% kompatibel mit dem, was Michael Winterhoff über die heutigen Entwicklungsdefizite von Kindern und Jugendlichen schreibt und in dramatischen Farben als gesellschaftliche Krise malt:

    https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/da-laeuft-etwas-ganz-schief-894/
     
  2. FünfTon
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    FünfTon

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  3. MicAA
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    MicAA

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    Na das diesen Punkt angeht: Das haben doch gerade Clavio und vor allem Musiker-Board stark forciert. Gerade auf Musiker-Board ists schon extrem ausgeprägt, da müsste man bei Diskussionen eigentlich immer jedes Posting mit "Meiner Meinung nach ..." beginnen, sonst gibts praktisch sofort einen auf den Deckel. Ausgenommen davon sind nur Stammuser, hier sicherlich du (ehrlich gesagt: Wenn ein neuer User hier wie du posten würde würde er wohl sofort wieder rausfliegen) und auf MB die mit "Sticker".
     
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  4. mberghoefer
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    mberghoefer

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    das ist m.E. schon lange ein Phänomen, betrifft auch zahlreiche Erwachsene und "Ältere". Dass Kritik per se eigentlich positiv ist und Anlass zu Nachdenken und ggfs Änderung zum Besseren darstellt, das hat kaum jemand verinnerlicht.
     
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  5. FünfTon
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    FünfTon

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    Dabei ist letzteres doch bereits impliziert. Was sonst sollte in einem Forum stehen außer Einzelmeinungen diverser Autoren?

    Oder ist das nun wie bei der Zeitung, wo "Kommentare" nochmal extra kenntlich gemacht werden müssen? :lol:
     
  6. MicAA
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    MicAA

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    Klar, sehe ich auch so. Ist meiner Erfahrung nach aber trotzdem so.

    Meinem Empfinden nach wird das seit einiger Zeit sogar noch schlimmer. Bei Facebook bin ich praktisch nur stiller Mitleser, aber ich finde es schon verblüffend, dass wir mittlerweile so weit sind, dass bei Diskussionen mittlerweile recht schnell jemand normale Kritik und andere Meinungen schon als "Hass" klassifiziert und daraus natürlich eine riesen Show macht. Seit dem gerade dieses Thema so groß durch die Medien ging musst du praktisch alles extrem in Watte packen.
     
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  7. hasenbein
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    hasenbein

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    Tja... kleines Beispiel dazu: Neulich hatte eine Kollegin, die sich auch gerne durch betont feministische Haltungen hervortut, etwas gepostet, in dem es darum ging, dass mehr Stücke von Komponistinnen gespielt werden sollten. Im dazugehörigen Kommentarthread kristallisierte sich heraus, dass sie und die eine oder andere Kommentatorin behaupteten, Alma Mahler sei von ihrem Mann unterdrückt und am Komponieren gehindert worden, was u.a. ein Brief von Gustav an sie belege, in dem er zu ihr meinte, zwei konkurrierende Komponisten unter einem Dach wären doch nicht förderlich und deswegen täte sie besser, sich auf andere Dinge zu verlegen etc.
    Klingt erstmal wirklich unterdrückerisch, aber ich dachte, dingdong, mal gucken, ob hier nicht doch Bullshit-Alarm vorliegt, und siehe da: Kurze Recherche brachte zu Tage, dass Alma Mahler als Komponistin unfähig war und sich selber völlig überschätzte. Ihr Lehrer Zemlinsky war von ihr völlig genervt. Auch gibt es nicht wenige Zeitzeugen, die Alma als sehr nervige und selbstbezogene Person schilderten (ich vermute aus heutiger Sicht, dass sie eine "Cluster B"- Persönlichkeitsstörung aus dem Narzissmus- oder Borderline-Bereich hatte), und es sind von ihr nur ein paar belanglose Liedchen überliefert. Kurz: Es gibt keine Zeichen, dass Alma nennenswertes Talent hatte, im Gegenteil. Vermutlich war Mahler ihr einfach sexuell verfallen (wie nach ihm noch so manche...) und wollte sie nicht verlieren, deswegen versuchte er sich irgendwie möglichst freundlich auszudrücken, statt ihr ins Gesicht zu sagen, dass sie nichts kann - so kam der Brief vermutlich zustande.

    Dies schrieb ich sinngemäß dann auch als Kommentar.

    Daraufhin wurde ich von der betreffenden Kollegin geblockt.

    Mit so was muss man in der Tat heutzutage immer häufiger rechnen.
     
  8. Curby
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    Curby

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    Kennst du diese persönlich? Bist du immernoch gesperrt? Redet diese wieder mit dir?
    Ich stelle mir vor, du triffst sie persönlich auf der Straße per Zufall. Was passiert?

    Naja, du hast halt deren Weltbild angegriffen, mit dem diese sich identifiziert. Ist genau das gleiche, wie wenn der lieb gewonnene Fussballverein absteigt.
     
  9. rolf
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    rolf

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    @hasenbein tröste dich mit Tom Lehrers "Alma" und empfehle deiner Kollegin diesen Song (und zur Erbauung versuchst du, Lehrers "Clementine" nachzuspielen) :-):-):-):drink::drink:
     
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  10. hasenbein
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    hasenbein

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    "Empfiehl" heißt es und nicht "empfehle", aber ansonsten werde ich Deinem Rat gerne folgen :-D:coolguy:
     
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  11. Stegull
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    Stegull

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    Die Wahrheit ist eigentlich eine ganz andere:
    Alma Schindler war damals "das schönste Mädchen Wiens". Mit diesen äußeren Vorzügen wurde sie vom aufstrebenden Komponisten Gustav Mahler hoffiert und geehelicht.
    Ohne diese Ehe hätte kein Mensch heute Kenntnis von der Existens einer Frau Alma Mahler-Werfel. Ihr Leben nach dem Tod des Ehemannes und auch ihre Berühmtheit ist nur das Ergebnis dieser Ehe. Insofern hat sie es dem Ehemann zu verdanken, dass ihr Name heute noch genannt wird.

    Sag das mal deiner Bekannten.
     
  12. herr_zog
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    herr_zog

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    Ein Hoch auf den Imperativ! :-D
     
  13. hasenbein
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    hasenbein

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    Völlig klar, habe ich ja oben ("...vermutlich...sexuell verfallen...") schon angedeutet.
    So viel Scheiß lässt sich ein Mann von einer Frau nur bieten, wenn er Wahnsinns-Bock auf sie hat. Ist auch sehr typisch für "Cluster-B-Frauen", dass die ihre Opfer dadurch beherrschen. Aufreizende Optik, dazu sehr sexlustiges Verhalten + evtl. noch "Oh, du bist SOOO ein toller Liebhaber!", und schon hat sie ihn in den Fängen und kann dann nach kurzer Zeit mit dem Ekelpaket-Kram anfangen.
     
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  14. rolf
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    rolf

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    ...vermutlich präferiert deine Kollegin dieses Tante Wiki Zitat:
    aus https://de.wikipedia.org/wiki/Alma_Mahler-Werfel#Die_Komponistin_Alma_Schindler-Mahler

    übrigens kenne ich die Lieder von der Alma nicht - du?
     
  15. Klavirus
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  16. hasenbein
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    Aber wie gesagt, eigentlich geht es hier ja um etwas anderes - ich möchte Euch wirklich sehr anempfehlen, den von mir oben verlinkten Artikel tatsächlich mal zu lesen!
     
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  17. Klavirus
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    Ich hab ihn gelesen. Sogar 'ne Alma kommt drin vor....
     
  18. stoni99
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    stoni99

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    Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Unsere Gesellschaft tendiert dahin Dienstleister als eine Art Sklaven anzusehen.

    Manchmal fahre ich zum Kundentermin - keiner da - 15min gewartet & wieder gefahren - 45min später der Anruf "wo bleiben sie?" - "ich habe sie nicht angetroffen" - "ja, dann müssen sie eben jetzt nochmal kommen" - hä?:angst:

    Dann fehlt aber Motivation.
    Null-Bock-Generation?:-D
    Ich habe immer Fragen...;-)
     
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  19. Stegull
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    Stegull

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    Du hast ja die Bücher vom Michael Winterhoff gelesen. Eines seiner Bücher "Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden" wurde 2008 erstveröffentlicht. Darin versucht er die Probleme, die im von dir genannten Link beschrieben werden mit der fehlerhaften Pädagogik der Eltern zu erklären.
    Ich weiß nicht was du aussagen möchtest? Ist der Feminismus Schuld an der Misere? Denkbar wäre z.B. auch, dass der Feminismus und andere neuere Entwicklungen die Folge seiner beschriebenen, problematischen Einflüsse in der Kindheit sind. Schlüssig wäre es auf jeden Fall.

    Ich habe keine Erfahrungswerte beim Wechsel vom Gymnasium zum Studium. Ich kann dir aber versichern, dass der Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium heute ebenso problematisch ist. Die Grundschule schafft es heute nicht, den Lehrplan durchzusetzen um Kinder den reibungslosen Übergang zu ermöglichen. Fazit: Schwere Defizite beim Übergang ins Gymnasium.
     
  20. maxe
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    maxe Temporär gesperrt

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    Ich wollte mich gerade ausloggen, aber sag mal, wie höflich und relativierend stellst Du denn den lieben kleinen Schülern Fragen? Da kannste doch nicht wirklich erwarten, dass da Leute ernstlich üben.
    Mach ne klare Ansage, gehe mal zum Eishockeytraining hospitieren....
    Reflektieren ja is nicht schlecht und Selbsteinschätzung des Schülers, wie sehe ich mich wie siehst du mich, ....., der Schüler braucht Führung, und du musst führen WOLLEN, .... beurteilen, entscheiden, handeln, woher soll denn der kleine Schüler wissen, wies läuft, ja der ist froh , dass er seinen Namen richtig buchstabieren kann.....:teufel::drink::-D
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Aug. 2018