Angst und Depression

pianovirus

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Zitat von Die Welt:
Man sollte meinen, dass Musiker gar keine Angst kennen. [...] Doch jetzt ergab eine Studie an mehr als 1600 professionellen Musikern und einer vergleichbaren Stichprobe von Nichtmusikern in Norwegen: Musiker sind nicht weniger ängstlich als der Durchschnitt der Bevölkerung, sondern im Gegenteil weitaus ängstlicher und depressiver. Besonders betroffen: Sänger, Pianisten und Streicher. [...] Die Einzigen, die vor der Angst offensichtlich gefeit waren: Jazzmusiker.
http://www.welt.de/gesundheit/psych...r-tendieren-eher-zu-Angst-und-Depression.html

http://pom.sagepub.com/content/early/2015/01/16/0305735614564910.full

Wenn andere Faktoren herausgerechnet werden ("adjusted" in der Tabelle unten), so sind Spieler von Tasteninstrumenten tatsächlich die am stärksten betroffene Gruppe, noch vor Sängern:

 
walsroderpianist

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Ich finde den Artikel in der Welt nicht sehr klar. Es ist davon die Rede, dass nicht die Angst vor der Bühne das Problem sei, sondern die emotionale Anspannung. Als ob nicht das eine mit dem anderen zusammenhinge und zum Teil deckungsgleich wäre.

Ich glaube keineswegs, dass Jazzmusiker eher vor Ängsten und Depressionen gefeit sind als die klassischen Kollegen.
Ein Grund, dass etliche Heroen der Bebop-Ära, die sich einst auf der 52. Straße in NYC Nacht für Nacht den A... abgespielt haben, irgendwann in den Drogensumpf stürzten, war der, dass sie sich ungeheurem Druck ausgesetzt sahen, gut und besser und womöglich die besten sein zu sollen. Der Konkurrenzdruck war enorm. Und das bei einer Musik mit einem hohen Energielevel.
Bei den sog. Battles (wer ist der tollste Drummer, Tenorist etc.) schien das noch spielerisch und locker, hatte aber einen sehr ernsten Hintergrund.
Wenn New Yorker Musiker einen Neuankömmling auf seine Qualität testen wollen, wird bei der Session im irren Tempo Giant Steps angezählt , und wehe.....

Seid der Erfindung des Hochschuljazz sehe ich hierzulande bereits ähnliche Tendenzen.
 
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Rubato

Guest
Was ist mit Spinnenangst? Sind Musiker stärker oder schwächer davon betroffen ? Wie ist es, wenn die Bühne mit Spinnen belegt ist, ich nehme an, Musiker spielen dann trotzdem noch besser als Nicht-Musiker ? Das alles muss auf jeden Fall noch genau untersucht werden, in Norwegen, aber auch im Senegal!
 

pianochris66

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Was ist mit Spinnenangst? Sind Musiker stärker oder schwächer davon betroffen ? Wie ist es, wenn die Bühne mit Spinnen belegt ist, ich nehme an, Musiker spielen dann trotzdem noch besser als Nicht-Musiker ?
In diesem Fall wird sicherlich bei einem auftretenden Pianisten mit Arachnophobie sicher beim Minutenwalzer ein neuer Geschwindigkeitsrekord aufgestellt:-D.
 
L

LoMo

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These: Sensible, empfindsame Personen werden eher Musiker (feineres Gehör, höhere Musikalität), empfindsame Personen empfinden daher auch Angst und Traurigkeit subjektiv stärker, weswegen sie es in Studien deutlicher zum Ausdruck bringen. Alles eine Frage der Wahrnehmung.
 
Haydnspaß

Haydnspaß

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Ok, nehmen wir mal an, es stimmt, daß Musiker im Durchschnitt ängstlicher, empfindsamer und unglücklicher sind.

Die Frage dabei wäre dann für mich: wenn man diesen Musikern die Musik wegnimmt - gehts ihnen dann besser oder schlechter?

Oder anders gefragt: ist die Musik das Problem oder ist die Musik die Therapie?
 
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LoMo

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Oder anders gefragt: ist die Musik das Problem oder ist die Musik die Therapie?
Das hat schon Nick Hornby bzw. sein Protagonist so aehnlich in High Fidelity gefragt in Bezug auf Popmusik und unglücklicher Liebe.
Ok, nehmen wir mal an, es stimmt, daß Musiker im Durchschnitt ängstlicher, empfindsamer und unglücklicher sind.
Meine These war nicht, dass sie unglücklicher sind. Sie empfinden (möglicherweise) insgesamt stärker. Also auch Freude.
:-)
 
thinman

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auch eine These:
Der Grund, warum Musiker mehr Angst haben und mehr von Depressionen geplagt werden, liegt in der Art und Weise ihrer Berufsausübung.
Wer als Sänger oder Pianist Erfolg haben will, der muss nicht nur enorme technische Fähigkeiten besitzen, sondern er muss seine gesamte Persönlichkeit mit allen Emotionen in seine Aufführung rein stecken. Das muss man erst mal können. Man kann sich da nicht einfach abschütteln wie ein nasser Hund. Ich möchte es mal so ausdrücken: Jede Aufführung ist ein Seelen-Striptease. Die Musik lebt von der Emotion. Deshalb sind Emotionen so entscheidend.
Was auch noch dazu kommt: Die meisten richtig guten Pianisten und Sänger sind Solisten. Sie können sich nicht in einem Orchester verstecken, sondern sind bei jeder Aufführung voll und ganz dem Publikum ausgeliefert. Und jeder kleinste Fehler wird gnadenlos bestraft. Dazu kommt noch der persönliche Erwartungsdruck an sich selbst. Jede Aufführung muss perfekt sein, ein Mittelmaß gibt es nicht.

In anderen Berufen macht es nicht so viel aus, wenn man mal keinen sooooo guten Tag hat. Aber bei Musikern ist dies mehr oder weniger eine Katastrophe. Das ist alles andere als spaßig. Womit wir zum Thema Spaß kommen: Vielleicht sind Jazz-Musiker deshalb nicht so sehr von Angst und Depressionen befallen, weil sie mehr Spaß haben während ihrer Performance.
 
mick

mick

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Was auch noch dazu kommt: Die meisten richtig guten Pianisten und Sänger sind Solisten. Sie können sich nicht in einem Orchester verstecken, sondern sind bei jeder Aufführung voll und ganz dem Publikum ausgeliefert.
Der Druck, den Musiker in einem guten Orchester haben, ist kaum zu unterschätzen. Verstecken kann sich da niemand - mangelnde Perfektion wird von den Dirigenten und Kollegen nämlich noch viel weniger akzeptiert als vom meist wohlwollend gesinnten Publikum. Aber ansonsten trifft dein Beitrag die Situation der Berufsmusiker sehr gut. Im Klassik-Sektor kann man sich kaum einen Fehler erlauben, und diesen permanenten Zwang zur Perfektion muss man erst mal aushalten. Es gibt viele Musiker, die regelrecht Panik vor dem Auftritt haben. Richter, Michelangeli und Kleiber sind berühmte Beispiele.

LG, Mick
 
Klein wild Vögelein

Klein wild Vögelein

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Der Bruder meines Mannes ist befreundet mit einer bekannten Rockgitarristin.
Ich habe es öfter erlebt, wie sehr sie mit sich selbst gehadert hat, als sie in einem Konzert bei 2 Akkorden daneben gegriffen hat. Wir haben das gar nicht bemerkt :heilig:, aber ein Besucher hat sie am Buffet drauf angesprochen und der Abend war für sie gelaufen.

Ich lese viele Musiker Biografien, zur Zeit " Die Löwin am Klavier" über Martha
Argerich. Auch in dem Dokumentarfilm, den ihre Tochter gedreht hat kommt so deutlich zum Vorschein , wie sehr sie unter Lampenfieber leidet.
Das tat bei Zusehen weh.

In vielen Abhandlungen über Berufsmusiker wird beschrieben, wie häufig es bei Ihnen zu einer Berufsunfähigkeit kommt.

Ich bin so froh, daß ich " nur Musikantin" bin.

Viele Grüße
Marion
 
thinman

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Der Druck, den Musiker in einem guten Orchester haben, ist kaum zu unterschätzen. Verstecken kann sich da niemand - mangelnde Perfektion wird von den Dirigenten und Kollegen nämlich noch viel weniger akzeptiert als vom meist wohlwollend gesinnten Publikum. Aber ansonsten trifft dein Beitrag die Situation der Berufsmusiker sehr gut. Im Klassik-Sektor kann man sich kaum einen Fehler erlauben, und diesen permanenten Zwang zur Perfektion muss man erst mal aushalten. Es gibt viele Musiker, die regelrecht Panik vor dem Auftritt haben. Richter, Michelangeli und Kleiber sind berühmte Beispiele.

LG, Mick
du hast vollkommen Recht. Ich wollte meinen Beitrag so verstanden wissen, dass es durchaus mal vorkommen kann, dass man keinen so tollen Tag erwischt hat und man sich deshalb im Orchester etwas zurücknehmen kann. Das wird niemandem im Publikum auffallen. Und auch die Kolleginnen und Kollegen werden dies tolerieren, wenn es eine einmalige Angelegenheit bleibt. Falls dies aber zur täglichen Übung werden sollte, dann sind die Tage in diesem Orchester gezählt, das ist ganz klar.
 
 

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