Uspud und die Folgen

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Gomez de Riquet

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"Uspud" ist ein Werk aus Saties früher Schaffenszeit, die Klavierfassung einer Ballettmusik, im orchestralen Original angeblich für mehrere Flöten, Harfen und Streichorchester instrumentiert - wie so oft bei Satie eine Mystifikation: Es gab nie mehr als diese Klavierversion, ohne Angaben zur Choreographie, was Satie und seinen Librettisten Contamine de Latour nicht davon abhielt, das Werk in dieser schlichten Gestalt der Pariser Oper zur Uraufführung anzubieten (der Operndirektor lehnte dankend ab, worauf Satie ihn zum Duell herausforderte). Die instrumentale Erstaufführung fand 1892 im Pariser Cabaret "L'Auberge du Clou" statt, vor einem der bürgerlichen Hochkultur wenig zugeneigten Publikum. Satie war dort als zweiter Pianist tätig. Eines Abends zwang er die erstaunten Gäste, seiner "Partitur" zu lauschen, und auf die nachfolgenden Unmutsbekundungen reagierte er mit einer Publikumsbeschimpfung, die in den Worten gipfelte: "Übrigens bin ich Ihnen weit überlegen. Nur meine wohlbekannte Bescheidenheit hindert mich daran, es Ihnen zu sagen."

Das Werk führt den Untertitel: "Ballet Chrétien en trois actes". Die (völlig statische) Musik ist nur für Hardcore-Fans zu ertragen; sie besteht aus choralartigen, manchmal etwas schräg harmonisierten Klangbändern, zusammengemixt in der für Satie typischen Baukastenmanier. Die Handlung besteht aus Dämonenerscheinungen, die ein im Martyrologium Romanum leider unauffindbarer Heiliger namens Uspud zu durchleiden hat und - durch seine ungeheure Glaubenskraft - siegreich übersteht (eine Parodie auf Flauberts "Tentation de Saint-Antoine"). Satie kündigte weitere Ballette in diesem Stil an, mit den Titeln "Ontrotance", "Corcleru", "Irnebizolle" und "Tumisrudebude". Es handelt sich dabei um die Namen heiliger Männer und Frauen aus Saties theologischem Paralleluniversum, laut Inhaltsangabe allesamt verheiratet(!) und miteinander verwandt.

Wer das Ganze für Unfug hält, den belehrt die Sekundärliteratur eines Besseren. Die genannte Werkreihe, eigentlich alles, was Satie im Kontext seiner "Rosenkreuzer"-Zeit geschrieben hat, ist zumindest Unfug mit System, und Satie-Experten wie Ornella Volta, Grete Wehmeyer, Patrick Gowers und Robert Orledge, der Komponist John Cage und der Organist Gerd Zacher sind diesem System auf die Spur gekommen. Orledge weist nach, daß die Namen der sonderbaren Heiligen aus Silben mit Primzahlenwert abgeleitet sind; Berechnungsgrundlage: die übliche Zahl-Buchstaben-Zuordnung (A=1, B=2 usw.). Dasselbe Faible für (Prim-)Zahlen kehrt in der musikalischen Gliederung wieder: meßbar in der Länge eines Stücks bzw. der durch Zäsuren (Interpunktionen) voneinander abgetrennten Formteile, wobei in Saties taktlos notierter Musik die Zählzeiten als Berechnungsgrundlage dienen, ferner die Sukzession der einzelnen, durchnumerierten Klangbausteine. An diesem Punkt seiner Arbeit erkannte Robert Orledge, daß sich die Musik zu den vier weiteren Balletten - aufgrund der Tonsatz-Bausteine und der (Prim-)Zahlenreihen in Saties Skizzen - lückenlos erschließen läßt; es handelt sich bei "Ontrotance" um elf, bei "Corcleru" um dreizehn, bei "Irnebizolle" um zwölf und bei "Tumisrudebude" um neun unterschiedliche Motive bzw. musikalische Zellen, zum Teil allerdings - auch werkübergreifend - strukturell verwandt, ähnlich wie die Hauptfiguren der vier ominösen Ballette. Die Zahlenreihen geben Aufschluß über die Sukzession bzw. Wiederholung der Musikbausteine. Freiheiten konnte sich Orledge im Bereich der Transposition leisten - und in der Durchnumerierung der einzelnen Motive, was den Rekonstruktionsversuch zwar fragwürdig macht: Orledge numeriert die Klangbausteine nach ihrer Reihenfolge in Saties Skizzenbüchern - ein Akt reiner Willkür; bei anderer Durchnumerierung ergäbe sich ein anderer Stückverlauf, was angesichts von Saties Neigung zur permanenten Permutation der Einzelteile aber auch wieder egal ist - wie in Stockhausens Klavierstück XI.

Von Toru Takemitsu stammt die Instrumentation - für Saties Wunschbesetzung: Flöten, Harfen und Streichorchester, wobei die drei Klangkörper weniger verschmelzen als sich vielmehr registerartig voneinander abheben. Abheben ist das richtige Stichwort: Die Choreographie soll von Sasha Waltz stammen, und wir können durch standing ovations dazu beitragen: am 21. Februar 2017, wenn das „Musiktheater im Revier Gelsenkirchen“ die fünf Satie-Ballette uraufführen wird.
 
Peter

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Bechsteinfan
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Wer das Ganze für Unfug hält, den belehrt die Sekundärliteratur eines Besseren. Die genannte Werkreihe, eigentlich alles, was Satie im Kontext seiner "Rosenkreuzer"-Zeit geschrieben hat, ist zumindest Unfug mit System
:-)
Freiheiten konnte sich Orledge im Bereich der Transposition leisten - und in der Durchnumerierung der einzelnen Motive, was den Rekonstruktionsversuch zwar fragwürdig macht
:-)

Auf jeden Fall hast Du mich neugierig gemacht auf den fragwürdigen Unsinn mit System. :-)
 
 

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