Sollte ein Organist beim Gottesdienst manche Stücke nicht spielen ?


burton
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Der Anlaß zu diesem Thema ist ein Bericht meines Kollegen Stefan (langjähriger Organist ), der gestern ziemlich außer Fassung zu mir kam und sagte: "Ich war heute im Abendgottesdienst. Der Organist spielte zum Einzug den "Fröhlichen Landmann" ( von Schumann ) und zwar nicht auf zwei Manualen quasi als c.f. im Bass, sondern alles auf dem Hauptwerk mit den Prinzipalen 8' 4' und 2'.
Er konnte vor Entrüstung nur noch gequält nicken, als ich meinte: "Zum Auszug dann den Flohwalzer ?"
Was meint ihr dazu auch im Hinblick auf "Narrhallamarsch" oder "Spiel mir das Lied vom Tod ?"
Danke für euer Interesse
burton
 
Dorforganistin
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ist ja nicht so, dass es das Thema Narhallamarsch bei Clavio nicht schon gegeben hätte ;-)

Ich würde durchaus nicht "alles" spielen, aber ab und zu geht schon mal ein Ragtime, Walzer oder Tango, wenn es denn zum Thema des Tages/zur Gemeinde/zur Orgel passt.

Bei einem Taufgottesdienst hab ich innerlich mal sehr gelitten, weil ich das Lied vom Bibabutzemann als Zwischenspiel spielen sollte. Hab ich auch gemacht, da mir die Pfarrerin nach meinem Protest erklärt hatte, warum sich die Mutter genau dieses Lied gewünscht hatte. Aber sowas sind Sonderfälle.
 
Demian
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Den "fröhlichen Landmann" hat Andras Schiff bei einem Konzert 2019 als letzte (!) Zugabe gespielt, was humorvoll gemeint war und vom Publikum humorvoll aufgenommen wurde.

In einer Kirche hat solch ein Stück meiner Meinung nach nichts zu suchen. Das sage ich als Agnostiker, der dennoch einen Sinn für ehrwürdige Umgebungen und sakrale Stimmungen hat.
 
Henry
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Der Anlaß zu diesem Thema ist ein Bericht meines Kollegen Stefan (langjähriger Organist ), der gestern ziemlich außer Fassung zu mir kam und sagte: "Ich war heute im Abendgottesdienst. Der Organist spielte zum Einzug den "Fröhlichen Landmann" ( von Schumann ) und zwar nicht auf zwei Manualen quasi als c.f. im Bass, sondern alles auf dem Hauptwerk mit den Prinzipalen 8' 4' und 2'.
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burton
Ich persönlich sähe solche Stücke jetzt auch vielleicht als nicht unbedingt immer angemessen - es kommt nun auch auf die Liturgie an.

Findet zum Beispiel ein Gottesdienst zu Ehren des hl. Florian statt, ist für mich Wagners Feuerzauber aus der Walküre völlig in Ordnung.

Es müssen meines Erachtens nach nicht unbedingt nur Stücke aus dem GL oder EG sein, so es zur Liturgie passt.
 
L
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Wobei ich auch oft feststelle, dass herkömmliche Orgelliteratur, wenn sie denn gezielt ausgewählt ist, bei eigentlich fast allen Gottesdienstbesuchern eine entsprechende Wirkung erzielt.
 
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Was ist denn herkömmlich bzw wo zieht man die Grenze? Sind Arrangements von "Oh when the saints" noch okay (Jürgen Borstelmann hat da einiges im Angebot), oder der Walzer über "In dir ist Freude" von Maja Bösch-Schildknecht oder die lebhaften Orgelstücke von Giacomo Puccini (die laut Vorwort zur 2018 erschienenen Carus-Ausgabe durchaus im Gottesdienst gespielt wurden), oder...?

Es "passt" sicher nicht alles überall und ich käme nicht auf die Idee, ausgerechnet den Schumannschen Landmann zu spielen, nicht einmal an Erntedank, aber man kann den Begriff "herkömmlich" sowohl eng als auch weit fassen.

Fürs Jubiläum der freiwilligen Feuerwehr dann natürlich BWV 531 :-)
 

F
Flieger
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Der Organist entscheidet doch nicht komplett selbständig, was gespielt wird, sondern spricht sich mit dem Pfarrer ab, oder? Letztendlich liegt die Entscheidung, wie der Gottesdienst abläuft, beim Pfarrer.

Den "fröhlichen Landmann" hat Andras Schiff bei einem Konzert 2019 als letzte (!) Zugabe gespielt, was humorvoll gemeint war und vom Publikum humorvoll aufgenommen wurde.

In einer Kirche hat solch ein Stück meiner Meinung nach nichts zu suchen. Das sage ich als Agnostiker, der dennoch einen Sinn für ehrwürdige Umgebungen und sakrale Stimmungen hat.
Ich würde unterscheiden zwischen "in einer Kirche" und "beim Gottesdienst". Denn in Kirchen gibt es nicht nur Gottesdienste, sondern auch "weltliche" Konzerte, in denen alles Mögliche gespielt wird. Die Stückauswahl sollte vorrangig anlassabhängig und nicht so sehr ortsabhängig getroffen werden.
 
Henry
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Ich würde unterscheiden zwischen "in einer Kirche" und "beim Gottesdienst". Denn in Kirchen gibt es nicht nur Gottesdienste, sondern auch "weltliche" Konzerte, in denen alles Mögliche gespielt wird.
Da stimme ich Dir zu.

Im Dom zu Passau gibt es regelmäßig durchaus weltliche Konzerte - kost allerdings dann Eintritt.

Aber ich sag mal so - Wenn ich Lektorendienst habe, also Lesungen in der Kirche, so wünsche ich persönlich schon, daß die Lieder auch zur Liturgie passen.

Der fröhliche Landmann....nun, man könnt es zum Erntedank schon bringen, aber wenn dann zum Auszug - es ist ja nun ein reines Instrumentalstück.

Es ist auch immer eine Frage - an welcher Stelle wird ein Stück gespuielt?
 
Demian
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@Flieger
Stimmt, ich meinte eher Situationen wie Gottesdienste. Übrigens finde ich pure Lebensfreude wie bei US-amerikanischen Gottesdiensten sehr mitreißend und um einiges - ähmm - optimistischer als konventionelle Gottedienste deutscher Art. Alles sollte halt zusammenpassen. Nun kenne ich natürlich die Situation des genannten Gottesdienstes nicht, aber wenn es ein nachdenklicher, relativ ernster Gottesdienst war, der nicht etwa mit z.B. Taufen verbunden war, passt meiner Meinung nach Schumanns fröhlicher Landmann nicht hinein.
 
Waldflöte
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Der fröhliche Landmann im Gottesdienst geht gar nicht. Wobei zwischen ihm und dem Flohwalzer tatsächlich noch Welten sind. Da implodiert wohl jede Orgel von selber! 😆
 
Henry
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@Flieger
Stimmt, ich meinte eher Situationen wie Gottesdienste. Übrigens finde ich pure Lebensfreude wie bei US-amerikanischen Gottesdiensten sehr mitreißend und um einiges - ähmm - optimistischer als konventionelle Gottedienste deutscher Art.
Naja, beim katholischem Gottesdienst muß es jetzt ned unbedingt in eine solche Richtung gehen.

Aber ich meine, es gibt ja hierzulande auch anglikanische Kirchen, wo dies durchaus üblich ist.
 
Rheinkultur
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Oder "Smoke on the water", auf Orgel sicher cool :-D
Gibt es schon. So etwa?:


https://www.youtube.com/watch/?v=kV4RSUmYyVo

Ich hatte vor Corona einen knapp fünfzigjährigen Pfleger einer der von mir bespielten Kliniken unter die Erde zu orgeln. Der war zu Lebzeiten glühender Hardrock- und Metal-Fan und gab vor seinem Ableben einige Musikwünsche für das Orgelspiel zur Verabschiedung bekannt. "Highway to Hell" von AC/DC fand nicht die Zustimmung des Klinikseelsorgers, weil wohl doch zu heftig, zum Auszug "Stairway to Heaven" von Led Zeppelin wurde akzeptiert. Nach durchaus kontemplativen Abschnitten konnte ich an der Stelle des großen E-Gitarren-Solos die Orgel mal so richtig schreien lassen. Das passte: die meisten Trauergäste trugen Motorradklamotten und Rockerkluft. Das komplette Nachspiel wurde sitzend angehört und so etwas wie verhaltenes Headbanging war an den lauten Stellen seitens etlicher Besucher zu erblicken. Die Rückmeldungen waren durchgängig positiv - "echt geil, das hätte ihm so richtig gut gefallen, super...".

Konsens heißt für mich: sofern der Zelebrant (m/w/d) einverstanden ist, muss ich mir eben was einfallen lassen. Im vergangenen Jahr hatte ich eine Trauerfeier für einen glühenden Schalke-Fan, für den es zum einen eine blau-weiße Deko sein musste und für den zum Auszug "Blau und Weiß, wie lieb' ich dich" auf der Orgel gespielt werden sollte. Die sportlich neutral eingestellte Pfarrerin war damit einverstanden - obwohl sie für ihre Kollegin aus der gleichen Gemeinde eingesprungen ist, die tatsächlich selbst Schalke-Fan ist ("erst kommt für mich natürlich Gott - und direkt dahinter kommt für mich Schalke 04"). NUR DER S NULL VIER!!!

LG von Rheinkultur
 
 

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