Schönes(!) Fortissimo

Debösi

Debösi

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Ein Versuchsbericht.

Populäres Beispiel für oft missratenes fff: Cis-Moll Prélude op.3 nr. 2 von Rachmaninoff. (Kommentare aus dem Publikum während der Pulverdampf sich noch verzieht : Das ist ja richtig schwer! Wow ! Super ! Applaus, Applaus !) <Grusel>

Exkurs: Ich wurde von meiner ersten Klavierlehrerin, die noch im hohen Alter eine Stecknadel fallen hören konnte, eher auf feine ppp-Abstufungen getrimmt, weniger auf fffs im schönen Sinne. Kurz ich habe es nie explizit gelernt. fff ist eben laut und basta. (das war ein Manko, aber ich will jetzt keine Kommentare wie "KKL" etc. etc. hören! Vielleicht hat der unwürdige Schüler eben nur nicht richtig zugehört )

Also: Oft werden Stücke gerade von Amateuren "laut" bis "unerträglich" gespielt. Warum ist das so?

Eigene Erfahrung: Beim Vorspielen einer ff-Passage aus den Etudes-Tableaux missriet diese im obigen Sinne gründlich. Gut, ich war gestresst, müde, schlecht drauf, und die Passage noch tief im Übestatus (Fingersuchsystem), Begeisterung für das Stück trotzdem groß, also excessiv "Rumms", ... der direkte Kommentar des armen Zuhörers mit glühenden Ohren war entsprechend vernichtend, lenkte mich aber nun endlich explizit auf die Frage: Was macht ein Fortissimo schön oder schrecklich? Wie erzeugt man eine schöne Sinuswelle mit großer Amplitude, einen sehr starken ("forte") Klang?

Zuerst:
Du solltest also Unterricht bei einem wirklich in Körpergebrauchs-Fragen bewanderten Lehrer nehmen, der Dir diese Aspekte beibringt.
Absolut - glücklicherweise passiert genau dies. Schulter-Arm-Hand-Einsatz statt nur peitschenartige Bewegung etc. etc. (Sowas bringt dir keine App bei, soviel zum Ewigthema "App oder KL ?").

Typische Stücke: "Großes Tor von Kiew", cis-Moll-Prélude, Kathedrale, Rachmaninoff Des-Dur-Prélude und Etude-Tableau es-Moll, letztere beiden gut geeignet, starke schöne Klänge auch aus höherem Tempo heraus zu üben.

Interessanter Vergleich mit meiner KL: Ihre Amplitude war hörbar stärker als meine, der Klang trotzdem "schön". Interessante Beobachtung bei einem Wohnzimmer-Konzert einer Profi-Pianistin: nie "stach" ihr fff in die Ohren !
Wir haben dann im kleineren Kreis fff-Versuche gemacht. Auch ein @Klavierretter (:bye:) war dabei und hatte gute Ideen, wie man die Intervalle innerhalb von Akkorden betonen oder zurücknehmen könnte, um ein weicheres fff zu erzeugen. Wir haben Personen an verschiedenen Stellen des Raumes platziert und die Wirkung geprüft. Wir haben das Notenpult des Flügels aufgestellt, niedergelegt bzw. ganz entfernt - die Reflexion alleine dadurch war enorm.
Und natürlich der Körpereinsatz (Anschlag nur von oben ohne Arm-Gebrauch, peitschenartiger Einsatz nur aus dem Handgelenk heraus versus "Haltung + Schulter + Arm + Handbewegung").

Unsere Diskussion ging darüber, wie es Profi-Pianisten schaffen, sich auf Instrument und Räumlichkeiten wie oben einzustellen.

Vitaly Margulis sprach vom "Forte" im "Piano" und "Piano" im Forte. Transparentes ppp und klangvolles fff. An diesem Bild ist unbedingt was dran!

m.M. ein interessantes Thema - Die Überei hilft, es "wird" sogar, nicht immer, aber immer öfter - es gibt viel zu tun.
 
Zuletzt bearbeitet:
@Debösi eine ff- oder fff-Anweisung setzt keine musikalisch-gestalterischen Regeln außer Kraft, d.h. melodische Konturen (vereinfacht: zum Spitzenton / zur motivischen Kulmination crescendo) müssen vorhanden sein und Binnendifferenzierungen ebenfalls (ohne diese wird jeder Akkord, ob nur mf oder fff zu amorphem Lärm/Klangmatsch)

Du erwähnst das beliebte cis-Moll Prelude, wobei hier der dritte Abschnitt im Vordergrund ist:
- auch hier sind die drei Phrasen (1. bleibt in cis-moll, 2. geht nach E-Dur, 3. geht nach gis-moll zur Klangkulmination) unterschiedlich klangstark, d.h. die dritte ist die "lauteste"
- die fett-derben "Bässe"/Akkorde: links die Innentöne piano/pianissimo, rechts die Innentöne etwas stärker - aber am stärksten die beiden cis-Oktaven herausmeißeln, anders bolzt man nur Lärm

Natürlich hat Margulis recht, allerdings übersiehst du hier, dass er die Gestaltung von Phrasen meint (und voraussetzt, dass man unabhängig von der Lage (Tonhöhe) fähig sein muss, crescendo und diminuendo wahrnehmbar auszuführen) und sein Beispiel ist, dass man die große Steigerung in Chopins op.25,12 piano ansetzen muss - der forte-Charakter der Etüde wird dadurch nicht beeinträchtigt. Setzt man zu laut an, isses vermurkst.

Trotzdem kann man man ausgehend von "suche das piano im forte" einen Schritt zurück gehen (also weg von der musikalischen Gestaltung der Klangkurve) und sozusagen einzelne Anschläge abklopfen: dann sind wir bei der Binnendifferenzierung. Jeder Akkord mit "gleichlauten" Tönen ist dilettantischer Klangmatsch. Mein Lieblingsbeispiel ist die erste "Grandioso"-Stelle in der Lisztsonate: da spielt eigentlich nur der rechte 5.Finger ff-fff, die tiefen l.H.-Bässe sind "nur" f (die ganz tiefen Oktaven hört man immer), die vielen Binnentöne (Achtelakkordchen/Füllnoten) sind allesamt piano - - im Pedal wird das dann zu einem mächtigen ff-Klang mit Steigerung.

Ich würde dir andere Stücke empfehlen, um ans gestalten im fortissimo heranzukommen, nämlich leichtere. Denn wenn instinktiv (ohne üben müssen und drauf aufpassen müssen) keine Binnendifferenzierung vorhanden sein sollte, dann sind technisch schwierige Sachen ärgerlicherweise Sparringspartner, die überfordern... (oft und gerne geschieht "im Amateurbereich": p-mf/f schön gespielt, wird's schwierig, gerät f-ff zu mühsamem gedroschenen Lärm, amorph laut ohne Gestaltung, weil im Eifer und Stress "Hauptsache rechtzeitig getroffen"...)
Chopin:
Prelude c-Moll - und hier erst mal erkennen, welcher Akkord dramaturgisch der "lauteste", die Kulmination in den ersten 4 Takten sein muss (kapiert man das nicht, wird das Prelude wenig erbaulich rüberkommen)
Regentropfenprelude (!!)
(und wehe, man hört am ff-Höhepunkt keine sinnvoll gestalteten drei Klangschichten!)

dann etwas manuell anspruchsvoller:
Brahms Ballade op.10 Nr.1 "Edward" - gestalterisch für ff-fff in bewegten und eher akkordisch statischen Zusammenhängen sehr lehrreich (die Ballade kann hinreissend/erschütternd/grandios wirken, vorausgesetzt sie wird entsprechend gekonnt gestaltet)
Grieg Hochzeitszug auf Troldhaugen - sehr lange Steigerung (ppp ansetzen, kapieren, wie dort differenziert sein muss) und ff-Kulmination mit schnellen 16teln links und hohen Diskantakkorden rechts (da lernt man was über die Eigenschaften jedes Klaviers - und der Musik sind diese Eigenschaften egal: wenn eine Steigerung nach oben führt, darf es vorher unten nicht zu laut sein)

Also als drittes neben melodisch/dramatischer Gestaltung und Binnendifferenzierung kommt die Anpassung an die lästigen Eigenschaften des Instruments (je höher desto kurzlebiger die Töne) hinzu - - daraus folgt ganz banal: fff ist als Signal nicht überall als "voll druff" misszuverstehen!

dieselben Regeln gelten auch im ppp
 
Wie ein schönes Forte zu spielen ist, ist leicht erklärt, aber nicht immer leicht umgesetzt:

Musikalisch benannt klingt es rund, kräftig und schön, wenn Akkorde bzw. Mehrklänge vertikal sinnvoll ausbalanciert sind. Meistens heißt das: Tiefster und höchster Ton sind lauter als Töne in der Mitte, außerdem sind harmonisch wichtigere Töne lauter als weniger wichtige (z.B. sind Terztöne oder Leittöne o.ä. wichtig).
Knallig, undurchsichtig, hart wird es dann, wenn alle Töne gleich laut sind, wenn die mittleren lauter sind als die äußeren, wenn im tieferen Register (unter c1, spätestens unter kleinem c) in enger Lage die Töne zu laut gespielt werden (solche Griffe kommen z.B. oft bei Beethoven, Liszt o.ä. vor).

Bei Linien gilt: Die müssen genauso sinnvoll kantabel geformt werden, wie wenn man sie im piano oder mezzoforte spielt. Spielt man eine Linie in Oktaven oder Akkorden, gelten natürlich die Dynamik"regeln" sowohl für die horizontale, als auch für die vertikale Richtung.

Dann spielt auch noch das Pedal eine Rolle, falls man es benutzt (was oft der Fall sein wird). Es macht einen Unterschied, ob man den Akkord (sprich: die Tasten) festhält, oder quasi ein Staccato ins Pedal spielt; ob man die Bewegung eher in die Tasten hinein oder aus den Tasten heraus denkt, ob man die Hände nur patschig reinwirft oder mit aktiven Fingern greift - und da sind wir nun bei der technischen bzw. motorischen Ausführung angelangt. Die zu beschreiben würde hier etwas zu weit führen.

Ansonsten kann man wohl noch festhalten, dass es auch auf den Raum und die Besetzung ankommt. Ein Fortissimo im Klavierkonzert oder auch in der Kammermusik kann oder sollte anders geformt werden als im Solospiel (u.U. tatsächlich etwas gröber), v.a. wenn man in großen, evtl. halligen Räumlichkeiten spielt.

Und dann gibts natürlich auch noch etwas verschiedene Geschmäcker. Zeitweise hat mir ein Lehrer mal angelastet, ich solle doch bitte lauter, kräftiger spielen etc., ich war anderer Meinung. Sein Forte gefiel mir ebenfalls nicht - zu grob und knallig. Der Mensch hört halt unterschiedlich und hat unterschiedliche Präferenzen. Und was dabei das Einstellen auf Instrumente und Räume angeht, ist es (in der Theorie) auch ganz einfach: Ohren aufsperren und Bewegungs-Klang-Koordination kurzfristig anpassen. Das ist eine Sache der Erfahrung; vergleiche ich gerne mit dem Autofahren. Wenn man ständig unterschiedliche Autos fährt, ist Anfahren, Bremsen etc. kein Problem. Fährt man immer nur eines, muss man sich erstmal ein paar Minuten oder gar Stunden umgewöhnen.
 
Ich würde dir andere Stücke empfehlen, um ans gestalten im fortissimo heranzukommen, nämlich leichtere.
Ja unbedingt. Und Chopin Préludes 15 und 20 sind ideal.
Knallig, undurchsichtig, hart wird es dann, wenn alle Töne gleich laut sind,
@rolf @Stilblüte Eine weitere meiner Baustellen, oft von den KL angesprochen, trotzdem einfach nicht auf dem Schirm gehabt,… jetzt natürlich schon. Die erwähnten Versuche zeigten auch dies ganz klar. Eindeutig ein Thema zum Üben.

——
Ist es so, dass ein „Schlag“ auf die Tasten eher Rechteckschwingungen erzeugt? Das tut in den Ohren weh! (Alarmsirenen arbeiten mit Rechteckschwingungen).
ob man die Bewegung eher in die Tasten hinein oder aus den Tasten herausdenkt
… und damit die angenehmer empfundenen Sinusschwingungen erzeugt?

Nicht zu vergessen, dass verkrampft starre Hände auch negative Wirkungen haben.
 
dass ein „Schlag“ auf die Tasten eher Rechteckschwingungen erzeugt?
Da der einzige Parameter am Klavier die Geschwindigkeit des Hammers beim Auftreffen auf die Saite ist, hat man keinen Einfluss auf die Art der Schwingung. Auch das Geräusch steifer und harter Finger beim Auftreffen auf die Tasten ist beim lauten Spiel schon in geringem Abstand vom Instrument nicht mehr zu hören.
Es ist letztlich wirklich so, dass ein harmonisches Zusammenpassen der Lautstärken den Unterschied macht.
Alles, was wir an Bewegungen machen, dient letztlich der Verbindung der Töne zu Akkorden und Akkordfolgen.

Experiment: spiele mal nacheinander rechts den vierstimmigen Sextakkord von A-Dur (cis, e, a, cis) und von As-Dur (c, es as, c). Allein durch die bequemere Lage klingt As-Dur viel runder und voller. Jetzt gilt es mit dem A-Dur Griff die gleiche Qualität zu erzeugen!
 
Da der einzige Parameter am Klavier die Geschwindigkeit des Hammers beim Auftreffen auf die Saite ist, hat man keinen Einfluss auf die Art der Schwingung.
Naja jein. Je höher der Impuls des Hammers ist, desto stärker wird der Filz beim Anschlagen der Saite komprimiert. Desto "härter" ist der Klang. Der Einschwingvorgang der Saite ist anders, die Obertonzusammensetzung ebenfalls. Der Einschwingvorgang kann unangenehm klingen, auch wenn da nie eine Rechteckschwingung erzeugt wird. Das ist eine kurze Phase des Chaos, bevor sich die Sinusschwingungen der Saite herauskristallisieren.

... und das war jetzt auf einen einzigen Ton bezogen. Wenn man das einmal durchschaut hat, gilt es, alle Töne des Akkords aufeinander abzustimmen, wie schon anderen geschrieben haben.

Abgesehen davon sehe ich es generell auch so:
Starres Handgelenk, Bewegungsrichtung ins Klavier hinein -> scharfer/schriller Ton
Elastischeres Handgelenk, Bewegungsrichtung nach unten, hinten -> angenehmerer Ton

Wobei das Erstere ja fallweise auch erwünscht sein kann. Je nach Werk und Intention des Komponisten...
 
Zuletzt bearbeitet:
Klammer auf:
Da der einzige Parameter am Klavier die Geschwindigkeit des Hammers beim Auftreffen auf die Saite ist, hat man keinen Einfluss auf die Art der Schwingung.
Ich muss zugeben, dass meine Physik-Unterrichte zu weit zurückliegen, als dass ich jetzt mit mehr als rudimentären Kenntnissen der Fourier-Analyse glänzen könnte.
Zumindest weiß ich noch, dass höhere Geschwindigkeit quadratisch in die kinetische Energie eingeht, welche auf die Saite wirkt und damit eine größere Amplitude = Lautstärke erzeugen kann. Da - soweit Herr Fourier - jede periodische Schwingung, also auch eine Rechteckschwingung aus einer Mischung von Sinus-Schwingungen inklusive Obertonreihen zusammengesetzt werden kann, glaube ich jetzt verstanden zu haben (Vorsicht!), wie und warum ein Pianist durch entsprechende Betonung (Amplituden) der Akkordbestandteile auch unangenehme Schwingungskombinationen erzeugen kann.

Als Hobby-Elektroniker fasziniert mich die Möglichkeit, ein objektives Kriterium für "schlechten" und "guten" Klang durch Tonaufnahmen und anschließender Fourier-Analyse in die Hand zu bekommen. Man stelle sich so eine Konzert-Kritik in Form einer physikalischen Abhandlung voller Formeln vor.

OK - Klammer zu.

Fazit:
1. Ich halte mich am besten an die Anregungen meiner professionellen Clavio-Kollegen und Klavierlehrer.
2. Die physikalisch promovierten Clavio-Kollegen (@alibiphysiker ) mögen mir verzeihen
 
Auch mir fallen immer wieder die extremen Unterschiede zwischen den verschiedenen Pult-Varianten auf. Und das ganz andere Klangerlebnis je nach Position im Raum.
Was mich in dem Zusammenhang umtreibt: Wie funktioniert bei Euch Profis die Klangkontrolle? Also ich meine jetzt nicht die besprochene Erzeugung der Klänge, sondern das auf's Publikum abgestimmte Hören. Ist das die reiche Erfahrung, die verschiedenste Wahrnehmungen verarbeitet (Verhalten des Instruments, Raumgröße, Höhe und Ausstattung, 'Publikumsdämpfung' und was es sonst noch so alles gibt)? Und wird so ein Instinkt ausgebildet, wie es im Saal richtig klingt?
Oder entwickelt sich eine Gehörverfeinerung, eine Art Richtungshören, welche erlaubt, sich auf die Reflexionen aus dem Raum zu focussieren und den umgebenen direkten Klang auszublenden? (Es gibt doch die Erzählungen von Pianisten, die wohl hören können, wie viele Leute wo im Saal nach der Pause nicht mehr wieder gekommen sind. Haben die quasi so ein Richtmikrophon ausgebildet? Oder ist das bloß Legende?)
Oder ist alles ganz anders?
Fragen einer staunenden Unwissenden...
 
Zuletzt bearbeitet:
Nach den schönen Tipps hier kann noch wichtig sein, sich beim ff etc. so wenig wie möglich anzustrengen, also nicht mit Kraft zu spielen, sondern mit Schwung. Viele ackern und ackern bei lauten Stellen und denken, sie müssten jetzt mega arbeiten und schuften, weil es ja laut sein soll. :D Wenn wir unseren Körper aber beim ff richtig einsetzen, wenn wir niemals eckige Bewegungen machen, sondern fließende Bewegungen, wenn Vorbereitung, Moment des Anschlags und loslassen (wie enden Klang und Bewegung) zusammen mit den Tönen vorher und nachher eine Einheit bilden und wir geschult sind, musikalisch nicht in Griffen, sondern melodischen Linien und musikalischen Ereignissen zu hören/denken, dann wird es so klingen, wie wir es uns vorstellen. Gilt natürlich nicht nur für laute Stellen. Nicht so viel "Klavier spielen", sondern wie ein Dirigent ein ganzes Orchester unter den Fingern zu haben, 100:1, die Transparenz eines Orchesters auch bei lauten Stellen zum Vorbild nehmen.

Liebe Grüße

chiarina

P.S.: Vorm Klavier, also beim Klavier spielen, haben wir Einfluss auf die Taste per Masse und Geschwindigkeit - die Formel für einen Impuls lautet Masse x Geschwindigkeit. Wieviel Masse wirkt auf die Taste ein, mit welcher Geschwindigkeit wird diese runter bewegt? Da haben wir viele Möglichkeiten! :D
 
Zuletzt bearbeitet:

Da - soweit Herr Fourier - jede periodische Schwingung, also auch eine Rechteckschwingung aus einer Mischung von Sinus-Schwingungen inklusive Obertonreihen
Korrektur: EINE Sinusschwingung (und zwar die mit der Periodenlänge der Zielschwingung) und alle ihre Obertöne
zusammengesetzt werden kann, glaube ich jetzt verstanden zu haben (Vorsicht!), wie und warum ein Pianist durch entsprechende Betonung (Amplituden) der Akkordbestandteile auch unangenehme Schwingungskombinationen erzeugen kann.
Ja, ABER der Pianist hat keine differenzierte Kontrolle über die Amplituden der einzelnen Obertöne. Er kann nicht gezielt einzelne Obertöne verstärken oder abschwächen, damit eine Rechteckschwingung herauskommt.
Was kann man also letztendlich machen? Die Taste so drücken, dass der Hammerfilz zu stark komprimiert wird und keinen angenehmen Klang mehr erzeugt. Dabei schickt man einen Hammer mit unveränderbarer Masse (und während des Konzerts auch unveränderbarer Intonierung,...) auf die Reise, deren letztes Stück er (nach der Auslösung) alleine zurücklegen muss.

Als Hobby-Elektroniker fasziniert mich die Möglichkeit, ein objektives Kriterium für "schlechten" und "guten" Klang durch Tonaufnahmen und anschließender Fourier-Analyse in die Hand zu bekommen.
Brauchst du die Fourieranalyse? Du willst doch am Ende die Form der resultierenden Schwingung wissen.

Man stelle sich so eine Konzert-Kritik in Form einer physikalischen Abhandlung voller Formeln vor.
Es wäre wohl interessant, ob man computergestützt angenehmen Klang erkennen kann - und das dann evtl. mit dem Notentext abgleichen, ob das richtige Level an "Schärfe" gespielt wurde.

Allerdings geht es in der Realität um eine gedämpfte Schwingung - und die Obertöne werden unterschiedlich stark gedämpft. Das heißt, der Klang ändert sich ständig und man hat gar keine echte Periode. Und da reden wir noch gar nicht von der Inharmonizität einer Saite.
Und einem Ton, der mehrere nicht absolut identische Saiten hat.
Und einem Akkord, der aus mehreren Tönen besteht.
Und ...

Ich glaube, der größte Teil des unangenehmen Klangs entsteht durch die deutlichere Wahrnehmung des chaotischen Einschwingvorgangs und auch, aber nicht so sehr, durch eine andere Obertonzusammensetzung.
 
@Flieger
Die Obertöne kann niemand steuern, es sei denn über den Grundton. Wenn der laut ist, fallen die entsprechenden Obertöne stärker ins Gewicht der "Mischung".
Jetzt stell ich mir mal das c-Moll Prélude von Chopin vor, erster Akkord RH g-c-es-g. Alles gleich laut: alle Obertöne von g-c-es-g kommen gleichzeitig stark in der bekannten Reihe. Oder man betont g' > g > c' = es' oder auch g' = g > c' = es', dann gewichten die jeweiligen Obertöne doch auch unterschiedlich im Gesamtklang - möglicherweise mit Folgen für das Hörempfinden.
Es wäre wohl interessant, ob man computergestützt angenehmen Klang erkennen kann
wozu man etwa mithilfe Fourier-Analyse den Einfluss der einzelnen Akkord-töne messen könnte. Natürlich müßte man dieses Spektrum mit dem Empfinden einer statistisch aussagekräftigen Anzahl von Zuhörern korrelieren und könnte letzten Endes mit diesen Erkenntnissen "gegensteuern"
OK- das sind möglicherweise reizvolle Anregungen für eine Masterarbeit, aber führt uns momentan nicht zu schnelleren Erkenntnissen, weil hier Science Fiction. Wir können aber gerne per PN oder eigenem Threadthema weitermachen!

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Ich suche gerade nach einer guten Aufnahme der Chopin-Préludes, insbesondere Nr. 20 oder Nr. 15. Ich muss mal meine Geza Anda Aufnahme suchen.
Wenn wir (@méchant village und ich) morgen früh wachen Sinnes sind, werde ich @rolfs Anregungen testen mit dem unbestechlichen Rhabarberohren der besten Ehefrau von allen.

;-)

Allein durch die bequemere Lage klingt As-Dur viel runder und voller.
als A-Dur.
Ich höre keinen Unterschied. Wird auch morgen getestet. Aber das beunruhigt mich jetzt schon!

@chiarina Das war die Zusammenfassung langjähriger geduldiger Predigten an Deinen reumütigen Schüler. Aber der bessert sich langsam, denn er glaubte bisher:
sie müssten jetzt mega arbeiten und schuften
und noch im Mai war er beim Spielen gewisser Préludes dem Erstickungstod nahe... Endlich, im Oktober hatte er dabei keine Schnappatmung mehr...:rauchen:
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Fortsetzung folgt
 
Zuletzt bearbeitet:
@Debösi, Dein Problem kenne ich, wie Du weißt, selbst auch...

Mittlerweile ändert sich in dieser Hinsicht etwas Grundlegendes bei mir. Mir haben die Anregungen in den Videos, die ich im Faden zur "russichen Klaviertechnik" geteilt habe, sehr geholfen: "We never fight against the piano". Dass das Instrument ein Lebewesen ist mit einer eigenen Seele; diese Seele wollen wir zum Klingen bringen. Dass man den Ton "aus dem Klavier" zieht. Wenn ich mit dieser Haltung an das Klavier herangehe, dann klingt es besser, egal in welcher Lautstärke.

Dann das Feedback, dass mein Handgelenk überhaupt nicht locker war, was z.B. beim 3. Scherzo von Chopin zu obertonreichem Klirren geführt hat, aber nicht zu Musik. Ein bewegliches, lockeres Handgelenk macht so viel aus. Eine entspannte Schulterpartie, schwere Arme. Sobald ich unnötige Spannungen aufbaue, fängt das Klavier wieder an zu klirren.

"We always work with the piano, not against it".
 
eigentlich nur die Geschwindigkeit - die Masse (Arm - Hand - Taste) bleibt konstant. Aber die Geschwindigkeit geht quadratisch in die kinetische Energie, welche letzten Endes die Saite stärker auslenkt, ein.
Ganz dicker Einspruch, Euer Ehren! :003: Die Masse "Körper - Arm - Hand - Finger" in ihrer Einwirkung auf die Taste hat eine riesige Variabilität! Du kannst ganz wenig Masse nutzen (dann wird z.B. der Arm vom Rücken getragen ...., wir haben ja glücklicherweise ein paar Muskeln, die solch freundliche Dienste ausüben können) oder ganz viel Masse und so den gesamten Arm samt Körper zur Klangerzeugung nutzen. Ein Experiment:

1. Halte deinen Arm waagerecht vor dir in der Luft und senke ihn sacht auf einen Tisch, bis deine Fingerspitzen leicht wie eine Feder die Tischplatte berühren. Wieviel Masse landet nun auf der Tischplatte?
2. Halte deinen Arm waagerecht vor dir in der Luft und lasse ihn aus dieser Position auf einen Tisch fallen. Wieviel Masse landet nun auf der Tischplatte?

Wie kann das sein, der Arm hat doch eine konstante Masse? :chr01::egelTeufel::004:

Liebste Grüße

chiarina
 
die Erzählungen von Pianisten, die wohl hören können, wie viele Leute wo im Saal nach der Pause nicht mehr wieder gekommen sind. Haben die quasi so ein Richtmikrophon ausgebildet? Oder ist das bloß Legende?)
Das ist Legende! Aber dass ein Raum mit Publikum ganz anders klingt und auch anderes Pedal braucht wie brim Einspielen im leeren Saal, das hört man auf der Bühne! meistens! Es gibt - selten - Säle in denen der Klang einfach versackt, wo man da etwas hilflos ist.
 
Ein einigermaßen gut vorbereiteter Pianist mit etwas Erfahrung hat vor allem 6 Stellschrauben mit denen man auf Akustik reagieren kann:
Tempo
Lautstärke
Balance (oft unterschätzt!)
Pedal
Phrasierung
Artikulation

Damit kann man schon etwas bewirken!
Außerdem kann man oft die Position des Instruments auf der Bühne variieren, was oft erstaunliche Wirkung zeitigt.
 
Es gibt gute Gründe, warum viele Pianisten sich nicht alleine einspielen, sondern eine Vertrauensperson in den Saal setzen!
Horowitz und Wanda z. B.!
 

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